mini|Səməd ağa Ağamalıoğlu Səməd ağa Ağamalıoğlu (; * in Qıraq Kəsəmən, Kreis Kazach, Gouvernement Elizavetpol', Russisches Kaiserreich; † 6. Oktober 1930 in Moskau) war ein aserbaidschanischer Politiker, der nach der Machtübernahme der Bolschewiki in Aserbaidschan 1920 hohe Regierungsämter bekleidete, und ein Vorkämpfer kulturrevolutionärer Umgestaltungen in Aserbaidschan und anderen muslimisch geprägten Gebieten der UdSSR. Er gilt insbesondere als „spiritus rector“ der aserbaidschanischen und sowjetischen Bewegung für die Einführung des Lateinalphabetes der 1920er/1930er Jahre.

Auf dem Weg zum Politiker: die ersten fünf Lebensjahrzehnte (1867–1917) Səməd ağa Ağamalıoğlu wurde am 27. Dezember 1867 als Sohn eines wohlhabenden Beys im Dorf Qıraq Kəsəmən unweit von Elizavetpol' (heute Gəncə) geboren.Siehe Azərbaycan Respublikası Dövlət Siyasi Partiyalar və İctimai Hərəkatlar Arxivi (ARDSPIHA), f. 1. op. 34. е. chr. 210, hier l. 3. Dieser von Ağamalıoğlu Anfang der 1920er Jahre für seine Kaderakte verfasste Lebenslauf ist die wichtigste Quelle für seine vorsowjetische Biografie. Sie liegt – falls nicht anders angegeben – den entsprechenden Kapiteln dieses Eintrages zugrunde, was ob der Quellenart nicht unproblematisch ist. Die Information zum Wohlstand von Ağamalıoğlus Familie stammt z. B. nicht aus dessen Lebenslauf, in dem er aus naheliegenden Gründen bemüht ist, eine Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen zu schildern, sondern aus: Erste Unterweisungen erhielt er bei einem Mullah. Ab 1877 beschritt er den russischen Bildungsweg. Dem Abschluss einer einjährigen Vorbereitungsklasse am Progymnasium von Elizavetpol' folgte der Besuch des militärischen Progymnasiums der nordkaukasischen Festungsstadt Vladikavkaz. 1887 beendete er eine Ausbildung zum Landvermesser an der Landvermesserschule (zemlemerno-techničeskoe učilišče) von TiflisImart (1967), S. 532. Ağamalıoğlu selbst übergeht diesen letzten Abschnitt seines Bildungsweges in seiner Autobiographie. und arbeitete als solcher bis 1912 im Staatsdienst. Unterbrochen wurde diese Tätigkeit 1896, als Ağamalıoğlu für kurze Zeit eine Anstellung beim Bakuer Öl-Unternehmer Ter-Arutjunov fand, und von 1897 bis 1903, als er sich in sein Heimatdorf zurückzog und dort als Schreiber arbeitete.

Wie bei vielen aserbaidschanischen Bolschewiki wurzelte Ağamalıoğlus spätere politische Tätigkeit im radikalen Flügel der muslimischen Aufklärungsbewegung. Das Leiden an der als elend und rückständig empfundenen Lebenswelt der transkaukasischen Muslime traf hier auf die Überzeugung, dass Fortschritt nur durch die rigorose Übernahme europäischer Kulturtechniken erreicht werden könne. Seit Ende der 1880er Jahre war er Mitglied wechselnder und kurzlebiger aufklärerischer Zirkel. Deren begrenzte Reichweite überschritt er nach der Jahrhundertwende mit der Veröffentlichung von zahlreichen Artikeln in verschiedenen transkaukasischen Zeitungen. Er schaltete sich hier mit Beiträgen zur Frauenfrage, den Problemen der aserbaidschantürkischen Literatursprache, der Möglichkeit einer Latinisierung des arabischbasierten Schrifttums der transkaukasischen Türken sowie zu Problemen der Landwirtschaft in den aserbaidschanischen Modernisierungsdiskurs ein.ARDSPIHA, f. 1. op. 34. е. chr. 210,l. 23f. und Ch. B. Nadžafov: Social'no-političeskie i filosofskie vzgljady S. Agamali-ogly. [Avtorereferat] Baku 1968, S. 5.

Nach Ausbruch des Russisch-Japanischen Krieges 1904 trat Ağamalıoğlu erstmals als politischer Aktivist in Erscheinung. Als Mitglied einer Untergrundgruppe verteilte er Flugblätter, in denen zum Sturz des Zaren aufgerufen wurde. Im Jahr der Russischen Revolution von 1905 gründete er in Elizavetpol' mit Gleichgesinnten die Muslimische Sozialistische Demokratische Arbeiterpartei, einen lokalen Ableger der Tifliser Hümmət. Seine politischen Überzeugungen waren zu diesem Zeitpunkt aber nicht – auch wenn dies der Parteiname suggerieren mag – das Produkt irgendeiner Beschäftigung mit marxistischer Literatur. Dennoch spielte auch für Ağamalıoğlu die soziale Frage eine zentrale Rolle. In einer damals im Schatten armenisch-muslimischer Pogrome gehaltenen Rede setzte er seinen in einer Moschee versammelten muslimischen Zuhörern auseinander, dass es in der zu wählenden russischen Staatsduma nicht etwa darum gehen würde, religiöse Zwistigkeiten zwischen Muslimen und Christen auszutragen, sondern einen finanziellen Ausgleich zwischen Arm und Reich zu erwirken.

1913 erkrankte Ağamalıoğlu an einer von ihm selbst als „Rheuma“ARDSPIHA, f. 1. op. 34. e. chr. 210, l. 23. bezeichneten Krankheit, die ihn bis 1916 ans Bett fesselte und bis an sein Lebensende plagen sollte. Vermutlich musste er aufgrund dieses Leidens den körperlich anstrengenden Dienst als Landvermesser endgültig quittieren, für den er alljährlich von April bis Oktober die russischen Gouvernements Transkaukasiens bereist hatte.

Nach der Februarrevolution und dem Rückzug der Zentralmacht aus Transkaukasien 1917 trat Ağamalıoğlu – immer noch geschwächt – der RSDRP bei und wurde Mitglied des Rates der Arbeiter, Bauern und Soldaten von Elizavetpol'. Er verließ aber die Partei nach kurzer Zeit wieder, da er befürchtete, von seiner muslimischen Umgebung als Handlanger russischer Interessen wahrgenommen zu werden, und wurde erneut Mitglied der Tifliser Hümmət, die im Gegensatz zur gleichnamigen bolschewistischen Partei in Baku einem menschewistischen Kurs folgte.Zur Hümmət vgl.:

Abgeordneter im Transkaukasischen Sejm und dem Parlament der Demokratischen Republik Aserbaidschan (1918–1920) Im Februar 1918 reiste Ağamalıoğlu als Deputierter des Transkaukasischen Sejms, dem Parlament der kurzlebigen Transkaukasischen Demokratisch-Föderativen Republik, nach Tiflis. Nach deren Zerfall und der Ausrufung der Demokratischen Republik Aserbaidschan am 28. Mai 1918 blieb Ağamalıoğlu noch bis Ende November selbigen Jahres in Tiflis. Dort beschäftigte er sich seit Juni mit der Herausgabe der von ihm gegründeten Organe der menschewistischen Hümmət: der türkischsprachigen Gələcək (Zukunft) und der russischsprachigen Probuždenie (Erwachen). Auf ihren Seiten kritisierte er während der nächsten zwei Jahre u. a. die Politik der aserbaidschanischen Regierungspartei Müsavat, die zeitweilige türkische und britische Okkupation transkaukasischer Gebiete und forderte die Durchführung einer Bodenreform.Zum Inhalt der Zeitungen kurz Imart (1967), S. 539.

Als sich am 8. Dezember 1918 in Baku das aserbaidschanische Parlament konstituierte, wurde Ağamalıoğlu als eines von 13 Mitgliedern der sozialistischen Fraktion Teil der parlamentarischen Opposition.Imart (1967), S. 540. Wie sehr sich seine Positionen zu dieser Zeit von den Bolschewiki unterschieden, die das Parlament boykottierten, lässt sich zumindest teilweise seiner zu Beginn der 1920er Jahre für seine Kaderakte entstandenen Autobiographie entnehmen: Eine Revolution sei zwar immer sein eigentliches Ziel gewesen, doch habe er am Parlamentarismus aus Angst davor festgehalten, dass eine verfrühte Revolution zu einem erneuten Ausbruch ethnischer Pogrome führen könne. Er sei der Auffassung gewesen, dass nur eine parlamentarische Regierung für die geordneten Verhältnisse sorgen könne, die für den Aufbau einer revolutionären Front vonnöten seien.ARDSPIHA, f. 1. op. 34. е. chr. 210, l. 55f. Im Oktober 1919 stimmte er als Leiter der parlamentarischen Agrarkommission gar einem Aussetzen der Gespräche über eine Bodenreform zu, obwohl er eine solche angeblich schon lange vor der Jahrhundertwende als einziges Mittel zur Beseitigung ländlicher „Verderbtheit, Rückständigkeit und Trägheit“ARDSPIHA, f. 1. op. 34. е. chr. 210, l. 8. erkannt hatte. Auch nach der Gründung der Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei (Bolschewiki) im Februar 1920 als einer Fusion der Bakuer Filiale der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), verschiedener Zellen der Hümmət und der Ədələt blieb Ağamalıoğlu Mitglied des menschewistischen Flügels der Hümmət. Den Übertritt in die Aserbaidschanischen Kommunistischen Partei vollzog er kurioserweise erst Monate nach der Machtübernahme der Bolschewiki in Aserbaidschan, als er schon längst Mitglied der neuen sowjet-aserbaidschanischen Regierung geworden war.A, f. 1. op. 34. е. chr. 210, l. 104. Dennoch scheint sich Ağamalıoğlu schon vor dem Fall der Demokratischen Republik Aserbaidschan radikalisiert und den Bolschewiki angenähert zu haben. So markierte 1919 das Jahr, in dem er sich wohl erstmals mit den Schriften Lenins (nämlich: Staat und Revolution und Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky) auseinandersetzte.ARDSPIHA, f. 1. op. 34. е. chr. 210 l. 63.

Sowjetischer Politiker und Kulturrevolutionär (1922–1929) Volkskommissar für Landwirtschaft (1920–1921) Am 28. April 1920 übernahmen die Bolschewiki in Baku die Macht. Noch am Abend desselben Tages trat Ağamalıoğlu das ihm angebotene Amt des Volkskommissars für Landwirtschaft an und wurde so Mitglied des ersten aserbaidschanischen Rates der Volkskommissare (Sovnarkom). Eine Woche darauf, am 5. Mai, erließ er ein Dekret über die Nationalisierung des Bodens. Entsprechend diesem Dekret entstanden landesweit lokale Bodenkommissionen, die insgesamt 1,3 Millionen Desjatinen Land unter der Landbevölkerung verteilten, das bis dahin den ländlichen Eliten – den Beys und Khanen – gehört hatte.

Staats- und Parteiämter seit 1922 Am 28. April 1922 wurde Ağamalıoğlu auf dem II. aserbaidschanischen Rätekongress zum Vorsitzenden des Aserbaidschanisches Zentrales Exekutivkomitee (AzCIK) gewählt, als dessen Stellvertreter er bereits seit 1921 fungiert hatte. Seit dem 15. Januar 1923 war er einer der drei Vorsitzenden des Zentralen Exekutivkomitees der Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (CIK ZSFSR), einem neu gegründeten Zusammenschluss der drei transkaukasischen Sowjetrepubliken. Am 19. März 1925 wählte man ihn ins Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR (CIK SSSR). Neben seinen Regierungsämtern besetzte er auch höhere Positionen innerhalb der Parteihierarchie, wurde Mitglied des Zentralen Exekutivkomitees der Kommunistischen Partei Aserbaidschans (CIK AKP[b]) und des Transkaukasischen Komitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Zakkrajkom VKP[b]).Vgl. Imart (1967), S. 547f. und Nadžafov (1968), S. 7.

Die Einführung Neuen Türkischen Alphabetes Die zweite Phase von Ağamalıoğlus Regierungstätigkeit stand unter dem Zeichen von ihm maßgeblich mitgestalteter radikaler kulturpolitischer Kampagnen sowohl innerhalb der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik als auch im gesamten sowjetischen Orient. Diese Kampagnen zielten auf einen Bruch in der Lebenswelt und Tradition der Muslime zugunsten einer modernen Lebensweise, die im Verständnis von Ağamalıoğlu und seinen Mitstreitern europäischen Vorbildern entlehnt war. Zentrales Element und Ausgangspunkt war dabei die Umstellung des arabischbasierten aserbaidschanischen Schrifttums auf ein Lateinalphabet.Grundlegend hierzu: Baldauf (1992) und A. Frings: Sowjetische Schriftpolitik zwischen 1917 und 1941. Eine handlungstheoretische Analyse, Stuttgart 2007. Das alte arabische Alphabet, so erklärte er im August 1922 gegenüber Lenin, sei dem Großteil der Bevölkerung unzugänglich, ließe sich nur mit großem Aufwand erlernen und ein Nicht-Araber könne es nie völlig sicher beherrschen. Die Lateinschrift hingegen, schrieb er 1928, erlaube nicht nur die schnelle Alphabetisierung der vormals illiteraten Massen "des rückständigen Orients", es "revolutioniert das Bewusstsein der Massen und bereitet so den Boden vor für die Überwindung tief verwurzelter ehrwürdiger Traditionen."