mini|Dieter Sieger Dieter Josef Sieger (* 3. Mai 1938 in Münster) ist ein deutscher Architekt, Schiffsbauer, Produktdesigner, Maler und Kunstsammler. Er zählt zu den profiliertesten und renommiertesten deutschen Designern der Gegenwart. Als Erneuerer der Badkultur schrieb Sieger in den 1980er und 1990er Jahren Designgeschichte, insbesondere mit seinen Entwürfen für den Einhandmischer „Domani“ (1985) und die Kreuzgriffarmatur „Tara“ (1992), beide Dornbracht.

Leben Dieter Sieger wurde als erstes von zwei Kindern in Münster geboren. Er wuchs in einem sparsamen Beamtenhaushalt auf, der dem zeichnerischen Talent des Sohnes nur wenig Verständnis entgegenbrachte. Schon als Schüler besuchte Sieger einen abendlichen Zeichenkurs für Erwachsene an der Werkkunstschule Münster. Die Begegnung mit den anderen Kursteilnehmern prägte ihn nachhaltig und eröffnete ihm neue Perspektiven. In den Folgejahren fertigte Sieger perspektivische Zeichnungen für den Gartenarchitekten Rudolf Beaufays an und lernte über diese Aufträge große Häuser verschiedener Industrieller kennen. Während seiner wiederholten Fahrten nach Venedig zeichnete Sieger Ansichten der norditalienischen Landschaft sowie der Lagunenstadt und verkaufte seine Arbeiten über die Galerie Frye in Münster.

Im Anschluss an seine Schulzeit absolvierte Sieger bei dem Architekten Winfried Hoffmann ein einjähriges Praktikum und begann 1957 in Münster eine dreijährige Ausbildung zum Maurer. Noch während dieser Zeit entwarf und betreute er mit einer Wallfahrtskapelle in Wesuwe sein erstes eigenes Bauwerk. 1960 legte Sieger seine Gesellenprüfung ab und erwarb parallel die Fachhochschulreife an der Abendschule. Es folgten zwei Semester an der Ingenieursschule Münster, bevor Sieger an die Werkkunstschule in Dortmund wechselte. Hier schloss er sein Architekturstudium 1964 mit Staatsexamen ab und eröffnete ein Architekturbüro in Münster. Noch während des Studiums entwarf er sein eigenes Wohnhaus in Münster-Albachten und errichtete es in Teilen mit eigenen Händen. Ende 1964 heiratete er die Niederländerin Fransje Blom, die von Beginn an in seinem Büro mitarbeitete und alle Projekte und Aufgabenfelder eng begleitete.

Bedingt durch die eigene Segelbegeisterung verschob sich Siegers Arbeitsschwerpunkt zwischen 1976 und 1982 auf die Ausstattung von Segel- und Motorjachten. Er entwarf mehr als 30 Schiffe für verschiedene Werften, darunter Anne Wever in 's-Hertogenbosch und Heesen in Oss (Niederlande).

In den frühen 1980er Jahren stieg Sieger ins Sanitärdesign ein und lieferte Entwürfe u. a. für die Firmen Alape, Dornbracht, Duravit und Hoesch. Dabei konnte er sich in Wettbewerben gegen Designer wie Luigi Colani oder Matteo Thun durchsetzen. Das Komplettbad entwickelte er zum eigenständigen Marktsegment. Zudem war er mit Industriedesign und Messestandsplanung erfolgreich und als Berater für verschiedene Firmen und in mehreren Gremien tätig.

Ab Mitte der 1980er Jahre baute sich Sieger einen zweiten Standort in Venedig auf, wo er über den Galeristen Piero Mainardis de Campo u. a. mit Alessandro Mendini, Fabrizio Plessi, Mimmo Paladino, Arnoldo Pomodoro, Miguel Berrocal, Alessio Sarri und Ettore Sottsass zusammentraf. Heute zählt Sieger zu den größten Sottsass-Sammlern weltweit.

1988 zog Sieger mit seinem Büro in das zuvor von seinem Konkurrenten Luigi Colani genutzte Schloss von Ketteler um (Teil der Doppelschlossanlage Harkotten zwischen Münster und Osnabrück) und renovierte es umfassend. Den Garten des Barockschlosses gestaltete der belgische Gartenarchitekt Jacques Wirtz, die Skulpturen im Außenbereich stammen u. a. von Marte Röling, Andrea Branzi (Trinkbrunnen), Miguel Berrocal, Alessandro Mendini, Ettore Sottsass (Pavillon) und Fabrizio Plessi (Klanginstallation).

Von 1997 bis 2000 war Sieger Präsident des Deutschen Designer Clubs und übernahm 2001 eine Gastprofessur an der Hochschule für Gestaltung in Zürich.

2003 zog sich der Designer aus der aktiven Geschäftsführung seiner Firma zurück und übergab diese an seine Söhne. Christian Sieger (* 1965), seit 1990 im Unternehmen, übernahm 1991 die kaufmännische Geschäftsführung der sieger design consulting GmbH und etablierte Sieger Design als eines der größten Designbüros in Deutschland. Designer Michael Sieger (* 1968), der schon mit 19 Jahren seinen ersten Entwurf für Vorberg einbrachte, gilt als Perfektionist und Visionär, dessen Entwürfe häufig internationale Trends vorausgreifen.

Dieter Sieger ist auch heute noch gestalterisch tätig und realisiert mit seinen „Masterpieces“ Designentwürfe in konsequent linearer Formensprache aus den Bereichen Möbel, Leuchten und Accessoires. Darüber hinaus hat er sich der Malerei zugewandt.

Sieger wurde 2018 für sein soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Werk

Architektur und Innenarchitektur

mini|150px|Siedlungsarchitektur Zwischen 1964 und 1980 realisierte Sieger mehr als 500 Eigenheime, Reihenhäuser und Siedlungen, die er zum Teil selbst vermarktete. Seinen Durchbruch als Architekt erzielte er 1970 mit einer Reihenhaussiedlung in Albachten, die mehrere Preise gewann. Dazu kamen Großprojekte wie Nato-Wohnungen sowie Industrie- und Verwaltungsgebäude, darunter die Fabrik von Duravit in Meißen und die Hauptverwaltung von Ritzenhoff in Marsberg. Über Deutschland hinaus war Sieger als Architekt in Griechenland, Spanien, Frankreich, Saudi-Arabien und den USA tätig.

mini|150px|Ritzenhoff (Marsberg)

Siegers Entwürfe zeichnen sich durch praktikable Grundrisse, den Einsatz modernster Technologie sowie einen hohen Naturbezug aus. Dieser spiegelt sich auch in der häufig mit ausgeführten Gartengestaltung. Seine heute noch existenten „Gartenhofhäuser“ weisen eine besondere Durchlässigkeit in der Tiefe des Baukörpers aus, die sich vom Eingang bis zum Gartenhof erstreckt. Besonderen Wert legte Sieger auf schlüsselfertiges Bauen bereits zu einer Zeit, als dieses vom Bund Deutscher Architekten noch sehr kritisch gesehen wurde.

Schon in den 1960er Jahren entwarf Sieger auch die Bäder für seine Häuser selbst und stattete sie als einer der ersten mit zwei Waschbecken und speziell angefertigten Spiegelschränken aus.

In den 1990er Jahren übernahm Sieger eine Vielzahl von Aufträgen im Bereich der Innenarchitektur, von der Gestaltung von Filialnetzen (u. a. WestLotto, Deutsche Bahn) bis zur Planung individueller Premiumlokale (u. a. Restaurants, Theater).

Schiffsbau Ende der 1970er Jahre fand Sieger zum Innendesign von Segelbooten und Yachten. Sein besonderes Verdienst liegt hier in einem zu jener Zeit revolutionär modernen Design jenseits der traditionellen Holzausstattung. Die Präsentation einer von ihm gestalteten Trintella 42 aus der holländischen Werft Anne Wever auf der Düsseldorfer Bootsmesse im Jahr 1979 erwies sich als richtungsweisend für die Entwicklung eines modernen, zeitgemäßen Interieurs von Hochseeyachten.

Sieger arbeitete u. a. mit den Schiffskonstrukteuren Ron Holland von Swan, Peter Belsnyder und German Frers zusammen. Die von Sieger designte, mit einem Aluminiumrumpf ausgestattete 65-Fuß-Yacht Blue Ocean aus der Werft Heesen war 1982 das größte Schiff, das jemals auf der „boot“ in Düsseldorf ausgestellt wurde. Sie entwickelte sich vor allem wegen ihrer Innenausstattung zum Publikumsmagneten. Insgesamt entwarf Sieger in rund zehn Jahren etwa 30 Yachten für Kunden weltweit. Berichte über ihn als Bootsdesigner erschienen in allen namhaften Fachzeitschriften wie „Yachting Boat“, „Boote“, „Yacht“ und „Exclusive Nautica“.

Design Das Werk des Designers Dieter Sieger ist geprägt von seiner Herkunft als Architekt. Geometrische Grundformen, eine zumeist streng reduzierte Formensprache und eine elegante Handschrift zeichnen seine Entwürfe aus. In diesen spiegeln sich seine umfangreichen Kenntnisse der Designgeschichte des 20. Jahrhunderts wie auch der zeitgenössischen Designszene. Es zählt zu den Besonderheiten Siegers, dass er sich bei jedem Entwurf auch mit dessen Realisierungschancen auseinandersetzt, indem er akribische Materialstudien betreibt und die Produktionsbedingungen umfassend studiert. Auch Verpackung und Vermarktung sind häufig Gegenstand seines im Sinne einer Gesamtstrategie angelegten Designs.

Sanitärdesign Dieter Sieger stieg Anfang der 1980er Jahre in eine Branche ein, die im Hinblick auf das Design von Italien dominiert wurde, in Deutschland zum damaligen Zeitpunkt jedoch wenig innovativ war. Er begriff das Badezimmer als Teil des täglichen Wohnbereiches und stimmte die Einzelteile der Sanitärausstattung aufeinander ab. Einige von Siegers Entwürfen entwickelten sich binnen kurzer Zeit zu Designklassikern.

Die ersten Produkte im Sanitärbereich entwickelte Sieger für die auf Emaillebecken spezialisierte Firma Alape. 1983 wurde auf der Internationalen Sanitär- und Heizungsmesse in Frankfurt der teils farbige Waschplatz LavarSet mit Accessoire-Programm in einem ebenfalls von Sieger entworfenen Messestand vorgestellt. Die aus Waschbecken, Ablagefläche, Spiegel und Beleuchtung bestehende Ausstattung zeigt noch deutliche Anklänge an Siegers Designentwürfe im Schiffbau.

Mit der Dornbracht-Armatur Domani revolutionierte Sieger Mitte der 1980er Jahre das Bad-Design und machte den Weg frei für neue Formen und Gestaltungsideen. Die Armatur wurde vielfach ausgezeichnet und gelangte im Juni 1985 auf das Titelblatt der MD – Interior Design Architecture. 1986 erhielt Sieger für diesen Entwurf den Japanischen Design-Staatspreis.

Siegers als Kreuzgriffarmatur ausgeformte Tara, ein Archetyp der Armatur, wurde wiederholt kopiert und als Plagiat auf den Markt gebracht. Die Kreuzgriffe nehmen Formen aus der Frühzeit des Bades auf und setzen sie zeitgemäß um. Die Armatur Tara gilt heute als Dornbracht-Designikone und ist in vielen führenden Hotels weltweit eingebaut, vom W Hollywood (Los Angeles) und Grand Hyatt (Tokio) über das Swissôtel Krasnye Holmy (Moskau) bis zum von Norman Foster gebauten 6-Sterne-Hotel Dolder (Zürich).

Für Duravit entwickelte Sieger u. a. die auf Kreisen und Kreissegmenten basierende Serie Giamo, die 1987 auf einem postmodern gestalteten Stand auf der Internationalen Sanitär- und Heizungsmesse vorgestellt wurde. Sie repräsentiert in der Geschichte der Sanitärindustrie die erste komplette Badmöbel-Idee, für die mehrere Hersteller ihre jeweiligen Produkte aufeinander abstimmten. Duravit bezeichnet die Zusammenarbeit mit Sieger im Rückblick als Beginn seiner überaus erfolgreichen Designstrategie.

Gebrauchsdesign

Zu den Produkten des Gebrauchsdesigns von Dieter Sieger zählen u. a.

Taschen und Koffer (Scala für Dey, 1989) Türdrücker (SO 8820 für Ogro, 1989) Fliesenserien (Cinema für AWS, Picto für Agrob, beide 1987) Leuchten (Tisch- und Stehleuchte Bird für GKS-Leuchten, 1989; Serien/Wandleuchten Doppio und Becco für GKS-Leuchten, Bolero für Peill + Putzler, 1990; Puccini, Zazou, Piazza, Perdita, Ninas für Peill + Putzler, 1992) Spiegelschränke (für Twick und Lehrke) Vasenkollektionen (für Ritzenhoff, 1992) Porzellan (u. a. die auf Architekturelementen basierende Serie Cult für Arzberg, 1993) Schmuck (u. a. die 2002 mit dem Chronos Innovationspreis ausgezeichnete Armbanduhr Dieter Sieger No.1 und die für Bugatti entwickelte Diamantkollektion Bugatti Diamond Luxuries) Besteck (Serie Materia für WMF, 1997) sowie Technische Geräte (Durchlauferhitzer DHE für Stiebel Eltron, 1991; Kleinspeicher KS für Stiebel Eltron, Zigarettenautomat Passepartout für Harting, 1992; Schnellheizer CK für Stiebel Eltron, 1993). mini|x110px|WMF Programat Für den Kaffeeautomaten Programat 4 entwickelte Dieter Sieger 1992 sowohl Design als auch Technik. Das selbsterklärende Gerät für den Profibereich avancierte zur Designikone und machte Sieger Design international bekannt.