mini|Christian Kracht (2015)Pardee School of Global Studies. (Boston University) 21. September 2015. Die Toten ist der Titel eines 2016 publizierten, zwischen Persiflage und Pastiche oszillierendenEckhard Schumacher: … als entgleite ihm die ohnehin recht brüchige Realität. Deutschlandfunk, 12. Mai 2013. https://www.deutschlandfunk.de/als-entgleite-ihm-die-ohnehin-recht-bruechige-realitaet-100.html Romans des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht. Erzählt wird in einer Verbindung von Fiktion und Bausteinen der Historie die Kooperation deutscher und japanischer Filmgesellschaften Anfang der 1930er Jahre, in der Übergangsphase zwischen der Weimarer Republik und dem NS-Regime, als „Gruselfilm, eine Allegorie […] des kommenden Grauens“.Christian Kracht: Die Toten. Fischer Frankfurt am Main, 2018, S. 120.

Inhalt Überblick Die drei Teile werden durch die japanischen Zeichen 序破急 eingeleitet, die den Aufbau des Romans nach dem Muster des japanischen Nō-Theaters anzeigen: Jo-ha-kyū (Jo: „langsam, verheißungsvoll“, ha: „beschleunigen“, kyū: „kurzerhand und möglichst zügig zum Höhepunkt“ kommen).Christian Kracht: Die Toten. Fischer Frankfurt am Main, 2018, S. 104. Teil 1 beginnt mit dem Suizid eines japanischen Offiziers und der Reise des Schweizer Filmregisseurs Emil Nägeli nach Berlin. Damit in Verbindung werden die Thematik und die Hauptfiguren Nägeli und Amakasu mit Rückblicken auf ihre Kindheit vorgestellt. Teil 2 entwickelt vor dem historischen Hintergrund des Jahres 1932 in Parallelhandlungen in Berlin und Tokio die Kooperation der deutschen und der japanischen Filmgesellschaften, ausgehend von Nägelis Projekt. Teil 3 zeigt das Scheitern des Plans und endet mit der Rückkehr Nägelis in die Schweiz und mit dem Suizid der deutschen Schauspielerin Ida in Hollywood. Erster Teil (序) Nach dem gefilmten Seppuku-Auftakt werden die beiden Protagonisten vorgestellt: der Schweizer Filmregisseur Emil Nägeli mit seiner „gesunde[n] Skepsis gegenüber festgefügten Weltbildern“ und seinem Blick auf eine „leidvolle und wundersame Welt“Christian Kracht: Die Toten. Fischer Frankfurt am Main, 2018, S. 16, 17. und der japanische Ministerialbeamte Masahiko Amakasu in seiner Bewunderung für europäische Spielfilme, u. a. die Nägelis, und deutsche Kameras. Eingeblendet sind die Rückblicke auf ihre Kindheit und ihre Karriere: Nägelis Vaterbindung, sein letzter Besuch am Sterbebett mit der rätselhaften H-ProphezeiungEin Todesmotiv im Roman ist das „H“: Der letzte Laut von Nägelis sterbendem Vater. Im unzugänglichen Klippengebiet von Tojinbo haucht ein Mann „dessen Gesicht im Schatten lag“ ein „Hah“. Ida stürzt sich vom „H“ des Hollywood-Schriftzugs in die Tiefe. Vermutlich Symbolik für Hölle, Hirohito und Hitler. (Lothar Struck: Transzendenz jenseits des Plots. Christian Krachts kontrovers diskutierter Roman »Die Toten«. Glanz und Elend. Literatur und Zeitkritik. https://www.glanzundelend.de/Red15/k15/christian-kracht-die-toten.htm) und seine Trauer nach dessen Tod, erste Filme, Reisen durch Nordeuropa, Ostseeferien mit seiner Verlobten Ida, die zurzeit in Tokio lebt. Der junge Masahiko ist ein anderer Charakter. Auch er erlitt Verwundungen durch die väterliche Erziehung und Todessehnsüchte, aber das System ist härter und er rächt sich für traumatische Internatserlebnisse, indem er seinen Peiniger tötet und die Schule in Brand setzt. Als begabter Schüler wird der vom deutschen Botschafter Wilhelm Solf als zukünftiger Agent ausgewählt und unterstützt, ohne dass er es weiß, und an die deutsche Sprache herangeführt. Jetzt im Ministerium beschäftigt, stellt er Kontakte zur deutschen Filmindustrie her, indem er den Suizid-Film, für ihn „eine Transfiguration des Schreckens zu etwas Höherem“Christian Kracht: Die Toten. Fischer Frankfurt am Main, 2018, S. 27. und eine Gemeinsamkeit im deutschen und japanischen Geist, an die „Universum Film AG“ (Ufa) Hugenbergs schickt und vorschlägt, gewissermaßen als Entwicklungshilfe und Aufbau einer „zelluloidente[n] Achse“, einen Regisseur mit Erfahrung im „großen Filmland Deutschland“Christian Kracht: Die Toten. Fischer Frankfurt am Main, 2018, S. 30, 29. zu einem kulturellen Austausch nach Japan zu entsenden. Zweiter Teil (破) Der zweite Teil beginnt mit einem Empfang Charlie Chaplinshistorisches Ereignis am 14. und 15. Mai 1932 (s. Abschnitt Dichtung und Wirklichkeit) in der amerikanischen Legation, an dem auch Amakasu teilnimmt. Nach der Veranstaltung unterhalten sich Chaplin, der Sohn des Premierministers, Inukai Takeru, Amakasu und Nägelis Verlobte Ida von Üxküll, als nordisch-arischer Typus in modischer Fliegeruniform auftretend, die sich ihnen angeschlossen hat, im Hotel Imperial über die weiteren japanischen Eroberungspläne nach der kürzlichen Errichtung des sogenannten „Kaiserreichs Mandschukuo“. Am nächsten Tag verabreden sie sich zu einem Besuch des Nō-Theaters und Chaplin versäumt die Einladung des Ministerpräsidenten zum Abendessen, der zu diesem Zeitpunkt Opfer eines Anschlags wird. So entgeht Chaplin dem Attentat.

In der Parallelhandlung reist Nägeli auf Einladung des Ufa-Chefs Alfred Hugenberg nach Berlin. Dieser ist an der von Amakasu vorgeschlagenen deutsch-japanischen Kooperation interessiert und macht, da ihm dessen „Windmühle“ gefallen hat, dem jungen Schweizer Regisseur ein großzügiges finanzielles Angebot, in Tokio einen Film zu drehen und eine Zusammenarbeit der Filmgesellschaften zu verhandeln, um vom beherrschenden amerikanischen Markt unabhängig zu werden und zu expandieren: „Man müsse den Erdball überziehen mit deutschen Filmen, kolonialisieren mit Zelluloid. Film sei nichts anderes als […] Schießpulver für die Augen. Kino […] sei Krieg mit anderen Mitteln“.Christian Kracht: Die Toten. Fischer Frankfurt am Main, 2018, S. 114. In einem Varieté in der Nähe des Nollendorfplatzes feiert Hugenberg ausgelassen mit Nägeli, dem deutschen Chaplin-Rivalen Heinz Rühmann, dem Auslands-Pressechef der NSDAP „Putzi“ Hanfstaengl, den Filmkritikern Siegfried Krakauer und Lotte Eisner das Japan-Projekt. Dem schüchternen Nägeli sind diese Veranstaltungen peinlich und er fühlt sich in der Hugenberg-Gruppe unwohl. Er durchschaut die Großmannssucht Hugenbergs und seiner ihn umschmeichelnden Freunde und schlägt dem Ufa-Chef provokativ einen japanischen Schauerfilm vor, was dieser überraschend akzeptiert. Krakauer und Eisner ahnen das Ende der Demokratie und der Menschenrechte in Deutschland und emigrieren gemeinsam mit Fritz Lang 1933 nach Frankreich.

Nägeli findet in Japan seine Verlobte Ida in einer Beziehung mit dem sexuell attraktiveren Amakasu. Er gibt daraufhin sein Filmprojekt auf, reist allein durchs Land und macht mit seiner Kamera Aufnahmen vom Leben der Menschen in ihrem Alltag, aus denen er später einen Film schneidet.

Dritter Teil (急) Nägeli kehrt in die Schweiz zurück. Dort ist inzwischen sein Erstling „Die Windmühle“ beachtet worden und er erhält Auszeichnungen und Einladungen. Er führt eine Rohfassung seines Japan-Films in einem kleinen Kreis vor und wird in der Presse einerseits als Avantgardist und Surrealist, andererseits als debil bezeichnet. In Deutschland ist inzwischen die Ufa verstaatlicht worden und Nägeli wird ihr „für immer einen Film schuldig bleiben“.Christian Kracht: Die Toten. Fischer Frankfurt am Main, 2018, S. 207.

Nachdem er das Attentat überlebt hat, reist Chaplin mit einem Dampfer zurück in die USA. Amakasu und Ida, der er eine Karriere in Hollywood in Aussicht gestellt hat, begleiten ihn. Zwischen den beiden Männern kommt es zum Streit, als Chaplin den japanischen Faschismus kritisiert und die Demokratie Amerikas lobt, worauf Amakasu dem Stummfilm-Helden keine Chance im neuen Tonfilm prognostiziert. Der betrunkene Chaplin zwingt den Japaner, auf die Reling zu steigen und stößt ihn ins Meer. In den USA findet Ida keine Arbeit als Schauspielerin, ihr nordischer Typus ist nicht mehr gefragt, und sie stürzt sich vom hohen H des Schriftzugs „Hollywoodland“ in den Tod. Ein Reporter fotografiert ihr von Kakteen zerfleischtes Gesicht. Es wird in einem Magazin veröffentlicht.

Dichtung und Wirklichkeit Die Handlung und die Protagonisten des Romans sind Fiktion. Allerdings werden historische Personen, Ereignisse und Lokalitäten wie das „Hotel Imperium“ in Tokio, in veränderter, auch anachronistischer Form und in neuen Kontexten als Bausteine in die Handlung eingefügt, ein von der kanadischen Literaturwissenschaftlerin Hutcheon mit dem Begriff Historiografische Metafiktion und von dem deutschen Literaturwissenschaftler Schumacher als Überschreibungs- bzw. Palimpsest-Verfahren bezeichnetes Stilmittel.Eckhard Schumacher: … als entgleite ihm die ohnehin recht brüchige Realität. Deutschlandfunk, 12. Mai 2013. https://www.deutschlandfunk.de/als-entgleite-ihm-die-ohnehin-recht-bruechige-realitaet-100.html Mit solchen Ereignissen ist die Haupthandlung im zweiten und dritten Teil eingerahmt:

Charlie Chaplin Zu Beginn des zweiten Teils greift der Autor den Besuch des Filmstars Charlie Chaplin am 14. Mai 1932 in Tokio auf. Es gab einen Verschwörungsplan japanischer Offiziere, den als Gast beim Premierminister Tsuyoshi Inukai weilenden Schauspieler zu töten, in der Hoffnung, dadurch einen Krieg mit den Vereinigten Staaten zu provozieren. Jedoch war Chaplin zu Zeitpunkt des Attentats, als der Premierminister von elf Marinekadetten erschossen wurde, nicht im Haus, weil er sich mit dem Sohn des Gastgebers, Inukai Takeru, einen Sumo-Ringkampf ansah.

Idas Suizid Am Ende des dritten Teils tötet sich Ida von Üxküll wie die historische arbeitslose Schauspielerin Peg Entwistle. Diese stürzte sich am 16. September 1932 in den Hollywood Hills vom 15 Meter hohen H des Schriftzugs (damals noch „Hollywoodland“) am Mount Lee. Ihre Leiche wurde zwei Tage später mit einem Abschiedsbrief gefunden. Der letzte Satz erläutert Idas Suizid durch ein Hölderlin-Zitat (s. Literarische Bezüge).

Amakasu Masahiko Den wichtigsten historischen Bezug, der die zentrale Idee der deutsch-japanischen Kooperation lieferte, gibt es bei der Figur des Amakasu Masahiko, dessen private Biographie allerdings erfunden ist. Der historische AmakasuBiographie und Literaturangaben s. englischsprachige Wikipedia-Artikel „Amakasu Masahiko“ und „Manchukuo Film Association“ besuchte Militärinternate und trat 1912 in die Kaiserlich japanische Armeeakademie ein. Nach seinem Abschluss diente er bei der Infanterie und dann bei der Militärpolizei auf verschiedenen Posten in Japan und Korea. Dann wurde er im japanischen Marionettenstaat Mandschukuo eingesetzt. Er war berüchtigt für seine Brutalität, und die amerikanische Historikerin Louise Young beschrieb ihn als einen „sadistischen“ Mann, der es genoss, Menschen zu foltern und zu töten.