mini|Datei:Picterz vollkadenz.ogg a-moll-Vollkadenz mit picardischer Dur-Terz am Schluss Unter picardischer Terz versteht man in der Musik die große Dur-Terz im Tonika-Schlussakkord eines Abschnitts, der eigentlich in Moll steht. Der Molldreiklang galt bis zur Renaissance, wie zum Beispiel Zarlino (1558) ausführt, als Dissonanz, weshalb ein abschließender vollkommener Durakkord als Aufhellung galt.
Erklärung: Ein reiner Durakkord erzeugt Differenztöne, die selbst im Akkord enthalten sind, der Mollakkord dagegen erzeugt auch akkordfremde Differenztöne.
Hermann von Helmholtz schreibt in „Die Lehre von den Tonempfindungen“:5. Aufl. S. 482
Jean-Jacques Rousseau führt die Bezeichnung „picardische Terz“ (Tierce de Picardie) in seinem Dictionnaire de Musique (1768) darauf zurück, dass die oben beschriebene Praxis am längsten in der Kirchenmusik gepflegt worden sei und dementsprechend insbesondere in der französischen Provinz Picardie mit ihren zahlreichen Kathedralen und Kirchen.Rousseau 1768, S. 515: „Tierce de Picardie; parce que l'usage de cette finale est resté plus longtems dans la Musique d'Église, et, par conséquent en Picardie, où il y a Musique dans un grand nombre de Cathédrales, et d'autres Églises.“ Demgegenüber stellt Robert A. Hall die Hypothese auf, die geographische Angabe „de Picardie“ sei eine Reinterpretation des altfranzösischen Adjektivs picart, picarde (deutsch: „scharf“, „spitz“); mit tierce picarde sei demnach eine „geschärfte“ Durterz am Ende eines in Moll gehaltenen Abschnitts beschrieben worden.Hall 1975, S. 79.
Die Tradition hielt sich als Konvention bis ins Barock. So enden etwa bei Johann Sebastian Bach viele Choräle, Orgeltoccaten usw., die in einer Molltonart stehen, noch mit einem Durakkord, manchmal auch schon mit einem Mollakkord (zum Beispiel in der Toccata und Fuge d-Moll BWV 565). Nach dem Barock sind Dur-Schlüsse in Mollkompositionen nur noch als ungewöhnliches Ausdrucksmittel zu betrachten und wurden damit seltener. Zu Mozarts Zeiten war der Mollschluss in den Molltonarten bereits das Übliche.
Zeitlich parallel zum Verschwinden der picardischen Terz wurden die mitteltönigen Stimmungen durch wohltemperierte Stimmungen abgelöst. Dass die Praxis des Dur-Schlussakkordes aber aufgrund der Einführung der wohltemperierten Stimmungen aufgegeben wurde, ist eine umstrittene These.
Hörbeispiel: Mollakkord-Tonika/Mollakkord-Subdominante/Durakkord-Tonikarein Datei:terz picard rein.ogg
mitteltönig Datei:terz picard mitteltoenig.ogg
gleichstufigDatei:terz picard gleichstufig.ogg
Vergleich der Intervallgrößen (in Cent): Intervallreinmitteltöniggleichstufiggroße Terz {a–cis' bzw. c'–e'}386386400kleine Terz {a–c' bzw. cis'–e'}316310300Quinte {a–e'}702697700
Quellen und Literatur (chronologisch) Jean-Jacques Rousseau: Dictionnaire de Musique. Paris 1768 (online unter rousseauonline.ch, Volltextsuche möglich). Robert A. Hall Jr.: How Picard was the „Picardy Third“?. In: Current Musicology. Nr. 19, 1975, S. 78–80 (online).
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Terz (Musik) Kategorie:Akkord