Der zerrissene Vorhang (Originaltitel: Torn Curtain) ist ein US-amerikanischer Politthriller von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1966.
Handlung Eine Gruppe von Wissenschaftlern trifft zu einem Kongress in Kopenhagen ein. Zu ihnen gehören der US-amerikanische Professor Michael Armstrong, seine Assistentin und Verlobte Dr. Sarah Sherman sowie der DDR-Wissenschaftler Prof. Karl Manfred. Armstrong, der an einer Formel für ein neues Raketen-Abwehrsystem, genannt GAMMA 5, arbeitet, überrascht seine Verlobte mit der Neuigkeit, dass er Kopenhagen sofort in Richtung Stockholm verlassen werde, um neue Geldgeber für sein Projekt aufzusuchen. Damit wird sich auch die geplante Hochzeit der beiden auf unbestimmte Zeit verschieben. Armstrong schlägt Sarah vor, an seiner Stelle den Kongress in Kopenhagen weiter zu verfolgen. Sarah ist entsetzt über den plötzlichen Sinneswandel und möchte umgehend nach New York zurückreisen, als sie im Hotel zufällig erfährt, dass Michael gar nicht Stockholm, sondern Ost-Berlin gebucht hat. Kurzerhand lässt sie sich auch für diesen Flug eintragen und wird noch in der Maschine von dem entsetzten Armstrong entdeckt.
In Schönefeld wird Armstrong vor der versammelten internationalen Presse in allen Ehren vom Vizepräsidenten Strauss und Wissenschaftsminister Dr. Schneider empfangen. Prof. Manfred arrangiert derweil für den Überraschungsgast Dr. Sherman die Formalitäten für das Visum, bevor das Paar auf dem Flughafengelände von den Stasi-Mitarbeitern Gerhard und Gromek übernommen wird. Nach kurzem Aufenthalt in Berlin ist für die Wissenschaftler ein Treffen mit dem berühmten Professor Lindt an der Universität Leipzig eingeplant. Bei dieser Gelegenheit hofft Prof. Armstrong, an den fehlenden Teil der Formel für GAMMA 5 zu gelangen. In ihrem Hotelzimmer entbrennt der Streit zwischen Armstrong und seiner Verlobten erst richtig. Während er seine Mission als streng abstrakt im Sinne der Wissenschaft bezeichnet, wirft Sarah ihm schlicht Landesverrat vor.
Ein Taxifahrer fährt Armstrong zu einem abgelegenen Bauernhof, der von Agenten einer Fluchtorganisation namens „Pi“ bewohnt wird. Von dem Bauern erhält er Instruktionen und den Namen der Kontaktperson „Dr. Koska“ für seine geplante Flucht von Leipzig nach West-Berlin, sobald er Professor Lindt den fehlenden Teil seiner Formel abgeluchst haben wird. Agent Gromek hat jedoch die Spur seines Schützlings wieder aufgenommen und riecht den „Braten der Verschwörung“. Ein Kampf zwischen Armstrong und Gromek entbrennt. Unterstützt von der Bäuerin gelingt es Armstrong, Gromek zu töten. Die Bäuerin beseitigt später Gromeks Leiche und sein Motorrad.
Zurück in Berlin wird das Paar zu einem Interview bei Herrn Gerhard geladen, bei dem Sarah ihre Mitarbeit am Wirken ihres Verlobten zusichert. Als der Stasi das Fehlen Gromeks auffällt, werden Nachforschungen angestellt. Am nächsten Tag berichtet der Taxifahrer Herrn Gerhard, was er auf dem Bauernhof gesehen hat. Derweil begeben sich die Amerikaner zusammen mit Prof. Manfred nach Leipzig, wo sie von einem neugierigen Gremium der Universität empfangen werden. Als neuer Betreuer wird ihnen der Genosse Otto Haupt vorgestellt, der den verschwundenen Gromek ersetzen wird. Bei einem Rundgang durch die Universität „stürzt“ Armstrong eine Treppe hinunter und wird anschließend von Frau Dr. Koska verarztet, die sich als Mitglied der Fluchthelfergruppe „Pi“ vorstellt. Bevor das Universitätsgremium zur ersten Befragung von Armstrong kommt, unterbricht Herr Haupt die Sitzung und meldet seinen Landsleuten flüsternd, dass Gromek zuletzt lebend auf einem Bauernhof gesichtet wurde, der vor einigen Tagen von Professor Armstrong aufgesucht worden sei. Dieser gibt einen Besuch bei entfernten Verwandten zu, bestreitet aber Gromeks Anwesenheit. Armstrongs Befragung wird daraufhin abgebrochen.
Nachdem Michael gegenüber Sarah seine tatsächlichen Spionagepläne zugunsten seines Landes offenbart hat, trifft das Paar am Abend auf einer privaten Feier von Professor Lindt ein. Armstrong kann dort näheren Kontakt zu Lindt herstellen. Bei einem Treffen am nächsten Morgen in Lindts Arbeitszimmer an der Universität verblüfft Armstrong seinen DDR-Kollegen mit der falschen Behauptung, dass GAMMA 5 in den USA bereits gebaut worden sei. Lindt behauptet, mit Armstrongs Formel würde die Konstruktion garantiert in die Luft fliegen, und versucht sie zu korrigieren. Inzwischen hat die Volkspolizei auf dem Grundstück des Bauernhofes die Leiche Gromeks entdeckt, was den Verdacht gegen Armstrong erhärtet. Noch während die beiden Wissenschaftler eifrig über die Formel diskutieren, werden in der Universität über Lautsprecher alle Studenten gebeten, nach den beiden Amerikanern zu suchen. Armstrong hat den fehlenden Teil der Formel inzwischen von Prof. Lindt erfahren. Unter Mithilfe von Dr. Koska begibt er sich mit Sarah per Fahrrad quer durch Leipzig zum Fluchtbus von „Pi“, der mit etwa 20 fiktiven Reisenden besetzt ist und das Paar wohlbehalten zurück nach Berlin bringen soll.
Der Bus wird zunächst von der Volkspolizei angehalten und untersucht, wenig später von russischen Militärdeserteuren erneut angehalten, um den Insassen Bargeld abzunehmen. Beide Ereignisse können durch tätige Mithilfe des „Reiseleiters“ der Organisation, Herrn Jakobi, sowie von Heinrich, dem Busfahrer, und Armstrong selbst entschärft werden. Die Polizei gibt dem Bus zwei Motorradstreifen zum Geleit mit. Aber der reguläre Linienbus rückt dem Fluchtfahrzeug immer näher. Eine Mitreisende, Fräulein Mann, ist aufgrund der Situation sehr nervös geworden und wird, als sie sich nicht beruhigen lässt und unbedingt aussteigen möchte, kurzerhand auf der Landstraße ausgesetzt. Der Fluchtbus erreicht schließlich Berlin, direkt hinter ihm stoppt auch der Linienbus. Die Polizeieskorte wird misstrauisch, und als alle Reisenden von „Pi“ davonlaufen, schießt sie den Flüchtenden einige Maschinenpistolensalven hinterher. Armstrong und Sarah entkommen unverletzt und machen sich auf die Suche nach ihrem nächsten Fluchthelfer, Herrn Albert.
Dabei wird das Paar von der polnischen Gräfin Kuczynska angesprochen, die Bürgen für eine Einreise in die USA sucht. Nachdem Sarah ihre Adresse aufgeschrieben hat, begeben sie sich zu Herrn Albert, von dem sie die Visitenkarte eines Reisebüros bekommen. Ein misstrauischer Hotelportier hat inzwischen die Polizei gerufen, die jedoch von Gräfin Kuczynska aufgehalten wird. Vor dem Reisebüro wird das Paar von dem als Bauern verkleideten Agenten abgefangen, den Armstrong schon bei seinem ersten Zusammentreffen kennengelernt hat. Die Amerikaner sollen nun eine Ballettaufführung besuchen, an deren Ende sie vom Inspizienten in Ausstattungskörben versteckt und ins neutrale Schweden verbracht werden. Noch während der Aufführung erkennt die Ballerina im Zuschauerraum die gesuchten Wissenschaftler und lässt die Stasi anrücken. Als deren Chef Gerhard und die Volkspolizei suchend durch die Gänge des Theaters streifen, greift Armstrong zur Notlösung und ruft „Feuer!“, worauf alle Besucher panisch zu den Ausgängen strömen. Er und Sarah jedoch werden hinter einer Feuerschutztüre vor der panischen Menge in Sicherheit gebracht und in zwei Kostümkörben versteckt. Am nächsten Morgen befindet sich das Ensemble nebst Reisegepäck an Bord eines Schiffes auf der Ostsee in Richtung Schweden. Wieder ist es die tschechische Ballerina, die ahnt, dass etwas mit den Ausstattungskörben nicht stimmt. Beim Ausladen veranlasst sie einen Schiffsoffizier, auf bestimmte Körbe zu schießen, aber es sind die falschen. Das Paar ist inzwischen an der anderen Reling ins Wasser gesprungen und erreicht schwimmend (neutralen) schwedischen Boden.
Als ein schwedischer Reporter das Ankunftsgelände des Hafens nach den beiden Amerikanern absucht, sitzen diese bereits in trockene Decken gehüllt vor einem wärmenden Ofen und genießen ihre wiedergewonnene Freiheit.
Hintergrund Nachdem sein letztes Werk Marnie (1964) finanziell enttäuscht hatte, sah sich Hitchcock für seinen 50. Film im Zugzwang, eine bessere und packendere Geschichte zu finden. Zudem mischte sich auch Universal verstärkt ein. Hitchcock wollte eigentlich die Geistergeschichte Mary Rose des Peter Pan-Autors J. M. Barrie wiederbeleben, mit einem Drehbuch von Jay Presson Allen. Dieses Projekt hatte er bereits vor Marnie ins Auge gefasst. Universal drängte ihn jedoch erfolgreich, das Vorhaben fallen zu lassen. Aufgrund des Erfolgs der James-Bond-Reihe und des Spionagegenres allgemein suchte er stattdessen einen Schriftsteller, der das Drehbuch zu einem pessimistischen, realistischen Spionagethriller schreiben sollte, um den James-Bond-Gedanken zu entzaubern.Stephen Rebello: Hitchcock und die Geschichte von Psycho, Wilhelm Heyne Verlag, Vollständige deutsche Erstausgabe, 02/2013, Seite 332 f. Der irische Schriftsteller Brian Moore, der dafür eigens nach Kalifornien gezogen war, lieferte schließlich das Drehbuch für Der zerrissene Vorhang, das bis zu seiner Endfassung noch von weiteren (nicht genannten) Autoren bearbeitet wurde, die an den Dialogen feilten und an einigen Stellen etwas Humor hinzufügten. Nach der Premiere 1966 wurde der Film vor allem in Hinblick auf seine Herstellungstechnik als altmodisch kritisiert. Hitchcocks Jubiläumswerk wurde nicht zum Liebling der Filmkritik, überzeugte aber an der Kinokasse.
Produktion Drehorte, Szenenbild und Produktionsfehler Auf Hitchcocks ausdrücklichen Wunsch wurde Hein Heckroth als Produktionsdesigner engagiert, der für seine Ausstattung des Ballettfilms Die roten Schuhe 1948 den Oscar erhalten hatte, denn einer der Höhepunkte des Films spielt sich während einer Theateraufführung ab. Außerdem baute Heckroth mit einem schmalen Budget Teile von Kopenhagen, Ost-Berlin und Leipzig auf dem Studiogelände nach, denn die Universal-Chefs waren – anders als Hitchcock – nicht zu Ausgaben für kreative Elemente bereit. Ihnen waren berühmte Darsteller wichtiger, sodass ein beträchtlicher Teil des Budgets für die beiden Stars verwendet wurde. Der Kameramann Leonard South erinnerte sich später: „Hitch legte Wert auf Authentizität und wollte den Film in Westdeutschland drehen. Stattdessen ließ Universal eine deutsche Crew Rückwandprojektionen aufnehmen.“Stephen Rebello: Hitchcock und die Geschichte von Psycho, Wilhelm Heyne Verlag, Vollständige deutsche Erstausgabe, 02/2013, Seite 333 Die Originalszenen des Films wurden so ausschließlich mit Studiobauten und Rückprojektionen auf dem Universal-Gelände und in der kalifornischen Umgebung gedreht. Nur für einige Inserts, Zwischenschnitte und Rückprojektionen verwendete Hitchcock Aufnahmen aus Europa. Von Berlin ist im Wesentlichen ein Blick auf den West-Berliner Fehrbelliner Platz mit den Dienstgebäuden der heutigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und des Landesverwaltungsamtes Berlin in Wilmersdorf zu sehen. Eines der Dienstgebäude soll jedoch das in Ost-Berlin liegende „Hotel Berlin“ sein. In dieser Filmszene ist ein Doppelstockbus zu sehen. Dieser Typ war aber nie in Ost-Berlin im Einsatz, sondern nur in West-Berlin. Außerdem sind hier einige neuere Automobile (u. a. BMW, Ford und Mercedes-Benz) zu sehen, die um 1966 sicherlich nicht in Ost-Berlin anzutreffen waren. In einer weiteren, aus West-Berlin heraus (Springer-Hochhaus) über die Mauer gefilmten Einstellung sieht man den damals noch vorwiegend aus Ruinen bestehenden Gendarmenmarkt sowie die ihn umgebenden, von Kriegstrümmern freigeräumten Brachflächen der Berliner Friedrichstadt. Sehr unwahrscheinlich ist die aus dem Stasibüro heraus sichtbare Ruinenkulisse mit Ziegelhaufen; diese waren in Ost-Berlin zwanzig Jahre nach Kriegsende längst beseitigt. Auch die braunen Uniformen und Schirmmützen der Volkspolizisten in der Postamtszene haben nichts mit den blaugrauen DDR-Originalen gemeinsam. Die Außenaufnahmen vor der Leipziger Universität entstanden im Studio.