Moderne Architektur in Indien wird wie der Begriff Moderne, der als gesellschaftliche Erneuerung im weiteren Sinn verwendet wird, zur Abgrenzung gegenüber einer vermeintlich oder tatsächlich überkommenen Tradition verwendet. Als Bekenntnis täuscht der Begriff Zeitlosigkeit vor, dennoch ist die so bezeichnete Architektur bereits Gegenstand historischer Untersuchung. Der Beginn der modernen Architektur in Indien wird auf die Anfänge der britischen Kolonialzeit oder auf die Zeit nach der Unabhängigkeit des Landes 1947 gelegt. Im ersten Fall wird die gegenseitige Beeinflussung der Architektur der Viktorianischen Zeit ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der indischen Architektur als maßgeblich für den Übergang zur Moderne verstanden, im zweiten Fall wird das Ende des Kolonialismus mit der Abkehr von der überkommenen Tradition und als Übergang zu einem internationalen Stil bekräftigt.
Eine kritische Bestandsaufnahme fällt nicht nur wegen der geringen historischen, sondern auch der geringen räumlichen Entfernung schwer: ein kolonialer Historismus, der europäische Geschichte als Formzitat verwendet, ist genauso umgebender Raum wie der sentimentale Einbezug alter, in Indien gewachsener Architekturelemente als zeitgemäße Architektur oder eine heimatlose, sich nur an westlichen Vorbildern orientierende Gegenbewegung.
Architektur als Abbild (1) Es gibt eine indische Wissenstradition vom Bauen, die von einigen Architekten noch oder wieder gepflegt wird. (2) In Indien wird nach einem unbestimmten Begriff eine weltweit zu sehende „internationale Architektur“ gebaut, und (3) es werden Versatzstücke der indischen Tradition in eine ansonsten ahistorischer Bauweise eingebracht, um – abwertend gemeint – als eine Art Currypulver internationale Rezepturen zu indisieren.Vibhuti Chakrabarti, 1998, S. 195 Gemäß diesen drei Kategorien geht es um die Frage, was Architektur in Indien mit indischer Architektur zu tun hat.
Prinzipien mini|Das Mandala mit 9 Feldern heißt Pitha-Mandala. Jedes dieser Felder ist einem vedischen Gott als kosmischem Prinzip zugeordnet, mit Brahma in der Mitte. Größere Baupläne erfordern weiter unterteilte Mandalas mit bis zu 64, 81 oder 94 Feldern. Das einfachste Mandala mit einem Quadrat wurde in vedischer Zeit für Feuerverehrungsplätze verwendet. Beim Vastu-Purusha-Mandala ist der Urmensch in unterschiedlichen Körperhaltungen im Struktur- gitter eingezeichnet, wobei sich der Bauchnabel grundsätzlich im mittleren Feld befindet. Mythen vom Uranfang erzählen davon, wie die Welt geordnet wurde, um erstes Leben zu ermöglichen. Sichtbarster Ausdruck einer Kunst, die diese kosmogonische Ordnung abbildet, ist seit vedischer Zeit die indische Architektur. Das gilt für die Profanarchitektur, wird aber besonders am Bauplan eines indischen Sakralbaus deutlich. Jedes Bauwerk wurde im Zentrum eines kosmischen Diagramms (Vastu-Purusha-Mandala)Bernhard Peter: Vastu (1) – Mandalas und der Tempelplan. www.kultur-in-asien.de errichtet und ist greifbarer Ausdruck und Modell einer dahinter liegenden Wirklichkeit. Beim Bau wiederholt sich symbolisch die Schöpfung, ein immer aufs Neue notwendiger, die Ordnung bestätigender Vorgang.
Vastu Vidya (vastu, „Erde, auf der gebaut wird“; vidya, „Korpus des Wissens“) ist eine Wissenstradition, die im Rigveda erstmals schriftlich dargestellt und in zahlreichen Texten bis heute interpretiert wurde, als System aber auch ohne schriftliche Fixierung existiert. Genaue Vorschriften regeln die Art des Baugrunds, Grund- und Aufriss des Gebäudes, die Aufgaben der Architekten (Sthapati) und Handwerker und die beim Bauen durchzuführenden Rituale. Herstellung und Art der Baumaterialien, besonders Ziegel und Holz, werden ebenfalls im Detail beschrieben. Theoretische Basis für den ausführenden Planer ist die Kenntnis der entsprechenden Shastras einschließlich Mathematik, Astrologie und der Handwerkstechniken, erweitert durch „Sinneserfahrung“ (z. B. bei der Bodenerprobung) und „Schlussfolgerung“. Das systematischste Werk ist das Samarangana Sutradhara aus dem 11. Jahrhundert, das besonders säkulare Architektur umfasst. Typischerweise beginnt jeder Text mit der Anrufung des göttlichen Architekten Vishvakarman.Vibhuti Chakrabarti, 1998, S. 2 Mit einer Anleitung zu „Schöner Wohnen“ hat Vastu Vidya nichts zu tun.
Ein Vastu-Purusha-Mandala (Purusha: „Urmensch“) ist wie das geometrische Yantra die Darstellung eines Energiefeldes und dient zur Ordnung des Kosmos. Nach Festlegung der Ost-West-Achse wird das von der Feldergröße geeignete Mandala mit Pflöcken und Schnüren am Boden aufgezeichnet. Entscheidend sind die relativen Proportionen der Bauteile und die Anordnung der einzelnen Bereiche. Maß aller Dinge ist der im Boden liegende und im Mandala menschlich abgebildete Purusha, der wegen seiner unheilvollen Energie von den Göttern niedergehalten werden muss und nur durch Beachtung der Shastra-Regeln besänftigt werden kann. Das Haus wird um einen zentralen inneren Raum gebaut, der für Brahma reserviert ist und offen bleibt. Werden die Grundprinzipien nicht eingehalten, so drohen schwere Auswirkungen für die Bewohner der Gebäude. Es gilt, mittels dieses magischen Konzepts die schlechten Einflüsse fernzuhalten, um für Wachstum, Wohlstand und Glück zu sorgen. Moderne Sthapati, die als Vastu-Berater tätig sind, werden von Architekten, aber auch von Geschäftsleuten bei Großprojekten beratend hinzugezogen. Es kommt zu Überschneidungen zwischen der fragmentierten Anwendung der traditionellen Prinzipien und der ästhetischen Wahrnehmung eines Entwurfs, der nur mittels moderner Baumethoden und -materialien umgesetzt werden kann.
Vorkoloniale Zeit Die Architektur reagierte im Lauf der Zeit auf neu hinzugekommene mythische Vorstellungen: Erfordernisse, die mit veränderten Arbeitstechniken umgesetzt wurden. Große kulturelle Veränderungen ergaben sich durch die Invasion islamischer Völker aus Zentralasien ab dem 12. Jahrhundert. Durch das Aufeinandertreffen der indischen mit den islamischen Weltvorstellungen begann ein gedanklicher Austausch und eine gegenseitige Beeinflussung. Aus den Gegensätzen zwischen einer räumlichen Konzeption islamischer Paläste, Moscheen und überkuppelter Mausoleen (Qubbas), die vorderorientalische Wurzeln hatte und der aufwändigen skulpturalen Ausgestaltung hinduistischer Tempelanlagen entwickelte sich nach dem 13. Jahrhundert eine eigenständige indo-islamische Bauweise, die nicht nur indisches Dekor, sondern auch Grundlagen des kosmologischen Bauplans übernahm.Klaus Fischer, Christa-M. Friederike Fischer: Indische Baukunst islamischer Zeit. Holle-Verlag, Baden-Baden 1976, S. 18–32 Hinduistische Baumeister (wieder-)entdeckten den echten Bogen und die Gewölbedecke für ihre mittelalterlichen Paläste und Tempel, im Gegenzug kamen an islamischen Kultbauten am Übergang vom quadratischen Hauptraum zur Rundkuppeldecke in den Ecken auch altindische Kragsteinausbildungen zum Einsatz. Die Struktur des Mandala wurde auch im Bauplan des Diwan-i-Khas in der Mogul-Hauptstadt Fatehpur Sikri in seiner mythologischen Bedeutung verstanden und umgesetzt. Kaiser Akbar I. (1542–1605) saß in der Mitte seines Palast auf einer Thronsäule als Zentrum der Welt.
Kolonialzeit mini|Laxmi Niwas Palace in Bikaner aus rosa Sandstein im indo-sarazenischen Kolonialstil 1902 fertiggestellt. Architekt Samuel Swinton Jacob (1841–1917). Bis 1926 um den Seitenflügel Lalgarh Palace erweitert. Der ehemalige Palast des Maharadscha von Bikaner ist heute ein Luxushotel. Lange vor Beginn der britischen Kolonialzeit 1858 hatten sich Portugiesen, Franzosen und Engländer als Händler niedergelassen, hatten Warenhäuser errichtet, befestigte Siedlungen gegründet und nach europäischem Vorbild Stadtplanung betrieben. Die ersten befestigten Handelsniederlassungen an den Küsten wurden in den heutigen Großstädten Mumbai, Chennai und Kolkata gegründet. Verwaltungsgebäude und Kirchen waren dem Stil ihrer Herkunftsländer verpflichtet. Die Portugiesen bauten 1510 die erste Kirche im neogotischen Stil und führten zugleich dem indischen Klima angepasste Wohnhäuser mit überdachter Veranda ein.Colonial Sculptures of India. Indianetzone Einige der in einem besonderen portugiesischen Barockstil errichteten Häuser in Goa wurden traditionsverbunden restauriert.Goa Heritage Houses. IndiaLine 2006 Restaurierte portugiesische Wohngebäude in Goa. In der Folge bildete sich, mit unterschiedlichem Anteil europäischer und indischer Einflüsse, eine offizielle und eine als anonyme Architektur bezeichnete Bauweise:
Das erstere waren Gebäude, die durch Militäringenieure geplant wurden, Regierungs- und Verwaltungsgebäude sowie Kirchen in anfangs europäischen Stilformen der Zeit. Später wurden indische Versatzstücke hinzugefügt, sodass ein anglo-indischer, ab Ende des 19. Jahrhunderts ein „indo-sarazenischer“ (islamische Architekturelemente enthaltender) Stil entstand.
Nachfahren der europäischen Händler entwickelten im Lauf von 200 Jahren einen Hybridstil aus der lokalen Ziegelbauweise und europäischer Architektur, der als „Bungalow“ in großflächig angelegten Cantonments zu deren bevorzugter Wohnform wurde.
Cantonments und Bungalows Die CantonmentsAshish Nangia: British Colonial Architecture: Towns, Cantonments & Bungalows. boloji.com waren planmäßig zunächst als Siedlungen für britische Militärangehörige angelegt, später auch für zivile Angestellte der britischen Verwaltung. Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden daraus allgemeine Wohnsiedlungen der europäischen Siedler. Der Name „Bungalow“ leitet sich von den traditionellen strohgedeckten Wohnhäusern in Bengalen ab, von wo aus sich die britische Herrschaft ab Mitte des 18. Jahrhunderts auszubreiten begann. Die britischen Wohnhäuser besaßen im 19. Jahrhundert weiß oder cremefarbig verputzte Ziegelwände mit Fenstergesimsen im klassizistischen Stil und Wellblechdächer. Größere Häuser hatten einen Vorbau, der von Säulen getragen wurde oder Verandas mit weit heruntergezogenen Schattendächern aus Schilfrohr, die manchmal das gesamte Gebäude umgaben. Eine große Eingangshalle, die sich zu den anderen Räumen öffnete, bildete den hauptsächlichen Lebensraum.Ronald B. Lewcock: British India. In: Paul Oliver (Hrsg.): Encyclopedia of vernacular Architecture of the World. Cambridge University Press, 1997, Bd. 2, S. 926
Die Anlage dieser Cantonments hatte die Abgrenzung vor den einheimischen Wohngebieten zum Ziel und bildete einen starken Kontrast zu den traditionellen indischen Stadtvierteln mit dicht aneinandergebauten und nur über Innenhöfe zugänglichen Wohngebäuden (Haveli oder Pol). Die Bungalows wurden von der Straße zurückgesetzt und durch große Gärten auf Distanz gehalten. Diese Wohnquartiere besaßen alle ähnlichen Charakter. Die Erschließung erfolgte über breite Alleen; wiederkehrende Elemente waren Kirche, Club und Kasernenanlagen. Der Exerzierplatz war zugleich trennendes Element zu den indischen Wohnbereichen und sonntags Spielfeld für Cricket.Vistara. Die Architektur Indiens, S. 90 Auf dem Land waren Rasthäuser für Regierungsbeamte (Dak-Bungalow) Foto eines Dak-Bungalow in Nordpakistan, 1910. und Verwaltungsgästehäuser (Circuit House) omnipräsente Außenposten, um durch Indirect rule das große Land kontrollieren zu können und in entlegenen Gebieten Präsenz zu zeigen. Die Gebäude waren elegant, von einfacher Form und repräsentativ, hatten ein weites Dach, eine säulengestützte Veranda und große Fenster. Die Tendenz ging um 1900 dazu, alles Ornament zu vermeiden und die Fenstergrößen an den internationalen Stil anzupassen.
Eintritt in die Moderne mini|hochkant|India Gate