Mihail Sebastian (bürgerlicher Name Iosif Hechter; geboren am 18. Oktober 1907 in Brăila, gestorben am 29. Mai 1945 in Bukarest) war ein rumänischer Schriftsteller.
Während seine Dramen und Romane außerhalb Rumäniens wenig bekannt sind, erfuhr ab 1996 die Veröffentlichung seiner Tagebücher aus den Jahren 1935–1944 international Beachtung. In ihnen schildert Sebastian, der einer jüdischen Familie entstammte, die Auswirkungen des zunehmenden Antisemitismus im Rumänien der 1930er Jahre bis hin zu den Pogromen und Verschleppungen des Holocausts ab 1941. In Rumänien führte die Veröffentlichung der Tagebücher zu einer breiten gesellschaftlichen Diskussion über die faschistische Vergangenheit des Landes, insbesondere bezüglich der Verstrickung führender rumänischer Intellektuellen wie Nae Ionescu und Mircea Eliade mit der „Eisernen Garde“.
Leben und Werk Anfänge als Schriftsteller Sebastian entstammte einer bürgerlichen, assimilierten jüdischen Familie in Brăila.Biographische Angaben im Folgenden nach Edward Kanterians Vorwort zu „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt.“ Tagebücher 1935–1944. Er war ein glänzender Schüler, der sich vor allem für die Literatur begeisterte. Bei der Abschlussprüfung seines Baccalaureats wurde der Vorsitzende der Prüfungskommission an seinem Gymnasium, der Philosoph und Publizist Nae Ionescu auf ihn aufmerksam und lud ihn nach Bukarest ein. Hier begann er 1926 ein Jurastudium, das er 1929 mit der Anwaltslizenz abschloss; etwa seit dieser Zeit nannte er sich auch Mihail Sebastian. Schon während der Studienzeit veröffentlichte er seine ersten Artikel in der von Ionescu geleiteten Tageszeitung Cuvântul und diversen Kulturmagazinen. Bald erwarb er sich einen Ruf als glänzender Literaturkritiker, wobei sein Hauptinteresse dem modernen Roman galt, insbesondere dem französischen (Renard, Gide und vor allem Proust). 1930–1931 verbrachte er ein Jahr in Paris, um dort zu promovieren; die Begegnung mit der französischen Literatur, Kunst und Lebensart prägte ihn nachhaltig. Den größten Einfluss übte auf ihn indes die Lebensphilosophie (trăirism) Ionescus aus. Dies verband ihn mit anderen jungen Schriftstellern der Zwischenkriegszeit – zu nennen sind hier insbesondere Mircea Eliade, Emil Cioran, Eugen Ionescu und Constantin Noica – die bald als eigene literarische Bewegung begriffen und unter dem Namen „Junge Generation“ (tânăra generaţie) bekannt wurde.
1929–1931 schrieb Sebastian seinen ersten Roman Die Stadt der Akazien, für den er aber erst 1935 einen Verleger fand. Seine erste Buchveröffentlichung waren so 1932 die Fragmente aus einem gefundenen Notizbuch, eine Montage von Tagebucheinträgen und kurzen essayistischen Texten, die 1934 gemeinsam mit Eugène Ionescos Nein! und Mircea Eliades Soliloquien den Nachwuchspreis der Königlichen Stiftung gewann. 1933 folgte der stark von Gide geprägte Novellenband Frauen, deren Erzähler mit kühler Distanz, wenn nicht sogar Teilnahmslosigkeit seine diversen Verhältnisse mit verschiedenen Frauen schildert.
„Seit zweitausend Jahren“ Sein zweiter Roman Seit zweitausend Jahren (1934) löste einen Eklat aus. In diesem stark autobiografisch geprägten Buch setzte sich Sebastian mit der „jüdischen Frage“ in Rumänien auseinander: Sein Protagonist, ein Bukarester Student, sieht sich häufig antisemitischen Angriffen ausgesetzt und sieht sich hin- und hergerissen zwischen orthodoxem Judentum und vollständiger Assimilation, auch zwischen Kommunismus und Zionismus, und findet sich schließlich mit der Unabänderlichkeit seines Daseins als rumänischer Jude ab, mit allen tatsächlichen oder vermeintlichen Widersprüchen und gesellschaftlichen Nachteilen, die dieser Status mit sich bringt:
Für den Roman bat Sebastian seinen Mentor Nae Ionescu, der in dem auch als Schlüsselroman angelegten Werk einen Auftritt als Philosophieprofessor hat, um ein Vorwort. Dieser hatte sich indes mehr und mehr der antisemitischen Politik der Eisernen Garde angenähert, die sich ihrerseits nun auch auf Ionescus zunehmend nationalistisch, wenn nicht völkisch geprägte Vorträge berief. Noch in den 1920er Jahren hatte Ionescu sich in mehreren Artikeln gegen den wachsenden Antisemitismus in Rumänien ausgesprochen, aber nun eine radikale Kehrtwende vollzogen. Ionescus Vorwort zum Roman geriet so zu einem unverhohlen antisemitischen Pamphlet. Ionescu rechtfertigt die Diskriminierung der Juden als historisch wie theologisch unausweichliche Folge des Christusmordes; die Juden stellten eine Gefahr für die „christliche Ordnung“ dar; Juden und Christen seien einander „fremde Körper,“ deren Werte und Vorstellungen in Politik oder Gewerbsleben unvereinbar seien, sie unterschieden sich schließlich ganz grundsätzlich – metaphysisch – in ihrem „generellen Verständnis des Seins.“Vgl. Dietmar Müller: Staatsbürger auf Widerruf: Juden und Muslime als Alteritätspartner im rumänischen und serbischen Nationscode: ethnonationale Staatsbürgerschaftskonzepte 1878-1941. S. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005, S. 314–15 (=Balkanologische Veröffentlichungen, Band 41). Ionescu schloss das Vorwort mit den Worten:
Trotz dieser scharfen Beleidigung entschloss sich Sebastian, den Roman mit dem Vorwort Ionescus erscheinen zu lassen. Dies führte zu einer beispiellosen Kontroverse im rumänischen Literaturbetrieb. Zahlreiche Intellektuelle, darunter Mircea Eliade, George Racoveanu und Mircea Vulcănescu griffen mit Artikeln in die Debatte um den Roman ein. Sebastian selbst wurde dabei von verschiedenen Seiten attackiert: Nationalisten warfen ihm vor, das rumänische Volk zu beleidigen, andere, dass er mit Ionescu und damit mit den Faschisten gemeinsame Sache mache. 1935 veröffentlichte er zu seiner Verteidigung die Rechtfertigungsschrift Wie ich ein Hooligan wurde. Als Folge des Bruchs mit Ionescu verließ Sebastian den Cuvântul.Hierzu ausführlich: Irina Livezeanu: A Jew from the Danube: Cuvântul, the Rise of the Right, and Mihail Sebastian. In: Shvut: Jewish Problems in the USSR and Eastern Europe. 16, 1993.
Die „Vernashornung“ der jungen Generation In den folgenden Jahren erlebte Sebastian, wie viele seiner Freunde Ionescus Beispiel folgten und sich der Eisernen Garde verschrieben. Als Zeugnis dieser „Konversion“ der jungen Generation zum Faschismus und der fortschreitenden Faschisierung immer breiterer Gesellschaftsschichten – ein Prozess, den Eugen Ionescu in Die Nashörner später als „Rhinocerisation“ beschrieb – ist Sebastians Tagebuch von großem zeitgeschichtlichen Interesse, zugleich aber ein sehr persönliches Zeugnis dieser Entwicklung. So dokumentiert das Tagebuch das allmähliche Ende seiner engen Freundschaft mit Mircea Eliade. Eliade hatte Sebastian in der Debatte um Seit zweitausend Jahren noch gegen antisemitische Angriffe verteidigt,Mircea Eliade: În Iudaism si antisemitism. Preliminarii la o discutie. In: Vremea, 22. Juli 1934. Eine deutsche Übersetzung: Judaismus und Antisemitismus. Präliminarien zu einer Diskussion findet sich in: Hannelore Müller: Der frühe Mircea Eliade. LIT Verlag, Münster 2004, S. 27ff. sympathisierte aber dann bald mit der faschistischen Bewegung. So schrieb Sebastian in einem Eintrag vom 25. September 1936:
Bald darauf agitierte Eliade offen für die Eiserne Garde und mied Sebastian zusehends, wie auch viele andere Mitläufer, die nicht mit einem Juden in Verbindung gebracht, schon gar nicht in der Öffentlichkeit mit einem gesehen werden wollten. Sebastian verlor jedoch nicht die Hoffnung auf bessere Zeiten: Am 19. Dezember 1937 heißt es in seinem Tagebuch:
Eliade machte nach 1940 unter den neuen faschistischen Machthabern im diplomatischen Korps Karriere und wurde erst zur rumänischen Botschaft in London, später nach Lissabon berufen. Als er im Sommer 1942 das letzte Mal vor seiner Emigration Bukarest im nunmehr mit Deutschland verbündeten Rumänien besuchte, versuchte er nicht einmal, Sebastian zu treffen. 30 Jahre später stellte ihn Gershom Scholem für dieses Versäumnis zur Rede; Eliade antwortete, er habe befürchtet, die Gestapo könnte so auf Sebastian aufmerksam werden. Die wahren Gründe vertraute er 1946 seinem Tagebuch an: „Ich schämte mich zu dieser Zeit, schämte mich meiner selbst. Während ich Kulturattachê in Lissabon wurde, hatte er all diese Erniedrigungen zu ertragen, weil er als Iosif Hechter geboren wurde und Iosif Hechter bleiben wollte. Jetzt kämpfe ich hilflos gegen etwas an, was nicht mehr gutzumachen ist.“Andrei Oișteanu: Mihail Sebastian and Mircea Eliade. S. 150–151.
Nach seinem Bruch mit Ionescu schrieb Sebastian für verschiedene eher kulturell als politisch ausgerichtete Magazine wie die Theaterzeitschrift Rampa, die französischsprachige Tageszeitung L’Indépendence Roumaine und die Revista Fundațiilor Regale („Zeitschrift der königlichen Stiftung“), die ihn 1936 als festen Redakteur einstellte. Neben literarischen Artikeln verfasste er auch zahlreiche Kommentare zum politischen Zeitgeschehen, insbesondere auch über den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland.
Zweiter Weltkrieg und Holocaust 1940 veröffentlichte er seinen dritten und letzten Roman, Der Unfall, der in den Wirren des beginnenden Weltkrieges jedoch kaum wahrgenommen wurde. Zunehmend bekam er selbst die antisemitische Gesetzgebung in Rumänien zu spüren, die den rumänischen Juden beginnend in den 1930er Jahren immer weitere Bürgerrechte versagte. So verlor er 1940 durch den Ausschluss der Juden aus dem Berufsleben seine Anwaltslizenz und seine Redakteursstelle bei der Revista Fundațiilor Regale. Nach dem Aufführungsverbot für Stücke jüdischer Theaterautoren gelang es ihm 1944 indes, sein Drama Stern ohne Namen unter dem Pseudonym Victor Mincu auf die Bühne zu bringen.
mini|SS-Einsatz gegen rumänische Juden (1941) Im Januar 1941 wurde er Zeuge eines ersten von der Eisernen Garde organisierten Pogroms, bei dem mehr als 100 Bukarester Juden ermordet wurden. Im weiteren Verlauf des Jahres hält er in seinem Tagebuch fest, wie die Nachrichten über Massaker (insbesondere das Pogrom von Iași) und Deportationen der Juden in der Bukowina und Bessarabien die Bukarester Gemeinde verunsichern. Bald wurde er selbst, wie die meisten Bukarester Juden, zur Zwangsarbeit eingezogen und zu hohen Zwangsabgaben von Geld und Gütern genötigt. Wie die meisten Juden im rumänischen „Altreich“ entging er jedoch den Deportationen in die Ghettos und Todeslager Transnistriens, die gegen Ende des Jahres 1942 eingestellt wurden.
Nach der Besetzung Bukarests durch die Rote Armee im August 1944 wagte sich Sebastian wieder ins öffentliche Leben. Er erhielt eine Anstellung als Presseberater im Außenministerium und wurde 1945 zum Professor für Literatur der Universität Bukarest berufen. Auf dem Weg zu seiner Antrittsvorlesung wurde er am 29. Mai 1945 beim Überqueren einer Straße von einem Lastwagen erfasst und starb auf der Stelle.
Rezeption der Tagebücher Einzelne Auszüge aus Sebastians Tagebüchern, die Aspekte seines literarischen Werks betrafen, wurden bereits während der kommunistischen Zeit in Rumänien in verschiedenen Zeitschriften gedruckt, doch stand einer Gesamtveröffentlichung mindestens die staatliche Zensur im Wege. 1961 konnte Sebastians Familie die Tagebücher über die israelische Botschaft ins Ausland schmuggeln. Sie gelangten schließlich nach Paris, wo emigrierte Angehörige der Familie Hechter leben; einer Veröffentlichung stimmten sie jedoch erst Jahrzehnte später zu.Edward Kanterian: Vorwort des Herausgebers zu „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt.“ Tagebücher 1935–1944. S. 29. Gegen Ende 1995 erschienen sie im von Gabriel Liiceanu geführten Bukarester Verlagshaus Humanitas. In den folgenden Jahren erschienen Übersetzungen der Tagebücher auf Französisch (1998), Englisch (2000), Spanisch, Tschechisch, Polnisch, Niederländisch, Hebräisch und Schwedisch (2019). Die deutsche Übersetzung, besorgt von Roland Erb und Edward Kanterian, erschien 2005 im Claassen-Verlag.
In Rumänien