Der Circuit de Nevers Magny-Cours ist eine Motorsport-Rennstrecke auf dem Gebiet der Gemeinden Magny-Cours und Saint-Parize-le-Châtel (Frankreich), knapp 15 Kilometer südlich von Nevers im Département Nièvre im westlichen Teil Burgunds. Er wurde 1961 als Circuit Jean Behra eröffnet und 1989 in Circuit de Nevers Magny-Cours umbenannt. Auf ihm finden regelmäßig Auto- und Motorradwettbewerbe, etwa die GT World Challenge Europe und die Superbike-WM statt. Von 1991 bis 2008 war die Strecke Austragungsort des Großen Preis von Frankreich der Formel 1. Zudem trug die Tourenwagen-WM zweimal einen Lauf aus. Auf der 350 Hektar großen Gesamtanlage befinden sich neben der aktuell rund 4,4 km langen GP-Strecke ein 2,53 km langer „Club“-Kurs, eine 1,1 km lange Kart-Piste und ein Offroad-Gelände.

Geschichte Anfang mini|1961: Die rund 2 km lange erste Version des Circuit Jean Behra

Ab 1917 – während der letzten Phase des Ersten Weltkriegs – und noch kurze Zeit danach befand sich auf dem Gelände der heutigen Rennstrecke ein von den US-Streitkräften betriebenes Lazarett mit über 17.000 Betten. Zeitweise lebten und arbeiteten hier bis zu 42.000 Menschen; mehr als Nevers und die Region um Magny-Cours damals an regulären Einwohnern hatten. Ab 1959 ließ dort der Besitzer des inzwischen landwirtschaftlich genutzten Geländes, Jean Bernigaud, aus privaten Mitteln neben seinem Bauernhof nahe der Route nationale 7 eine 510 Meter lange Kart-Piste anlegen, die am 7. August 1960 offiziell eröffnet wurde. Bürokratische Hürden waren dabei nicht zu überwinden; Bernigaud war gleichzeitig Bürgermeister der Gemeinde Magny-Cours. Bereits im September 1960 begannen die Arbeiten für die erste Version einer im Uhrzeigersinn zu fahrenden Test- und Clubstrecke mit knapp zwei Kilometern Länge und rund sieben Metern Fahrbahnbreite. Als postume Ehrung für den 1959 tödlich verunglückten, legendären französischen Rennfahrer wurde die am 30. April 1961 eröffnete Strecke Circuit Jean Behra genannt. Sie war im Wesentlichen ein Dreieckkurs mit Start und Ziel auf der heute so nicht mehr vorhandenen abfallenden Geraden zwischen den Kurven Chateau d’eau (dem höchsten Punkt der Strecke) und Lycée. Bestandteil dieser ersten Anlage waren auch Teile der Streckenführung der aktuellen Start- und Zielgeraden, der Grande Courbe und der Geraden vor der Imola-Schikane bzw. Chateau d’eau. (Streckengeschichte und historischer Plan auf etracksonline.co.uk, englisch)

Erste Rennen auf dem Circuit Jean Behra Am 28. Mai 1961 wurde die Strecke mit dem 1. Grand Prix de Magny-Cours offiziell eingeweiht; einem internationalen Lauf der Formel Junior, die zwischen 1960 und 1963 die Formel 2 ersetzte. Sieger des 50-km-Rennens mit rund 10.000 zahlenden Zuschauern wurde der auch in der Formel 1 fahrende Südafrikaner Anthony Maggs auf einem Cooper T56-BMC mit 1,5-Liter-Saugmotor. Am 11. Juni fand das erste Motorradrennen vor rund 5000 Zuschauern statt. 1963 eröffnete Jean Bernigaud an der Strecke eine Rennfahrerschule, die später als Winfield Racing Schools bekannt wurde und weitere Niederlassungen an anderen Strecken hatte. In Magny-Cours ließen sich unter anderem die späteren französischen Formel-1-Fahrer François Cevert, Patrick Depailler, Jean-Pierre Jarier und Jacques Laffite ausbilden. Ab 1964 gastierte als größtes Motorsportereignis des Kurses nicht die wieder eingeführte Formel 2, sondern nur noch die Formel 3 einmal jährlich in Magny-Cours – allerdings mit internationaler Beteiligung. Die Rundenzeiten lagen dabei deutlich unter einer Minute; Patrick Depailler fuhr auf der nun neun Meter breiten Fahrbahn mit einem Alpine A330-Renault/Mignotet beim Formel-3-Rennen 1969 mit 49,6 Sekunden den ewigen Rundenrekord für das erste Strecken-Layout.

Der erste tödliche Unfall Am 1. Mai 1966 gab es bei einem dieser Formel-3-Rennen den ersten von bisher drei Todesfällen in Magny-Cours: Der aus Frankreich stammende und mit belgischer Lizenz fahrende 23-jährige Jacques Bernusset kam beim 2. Lauf mit seinem Cooper T76-Ford in dem heute Grande Courbe genannten schnellen Linksknick von der Fahrbahn ab, überschlug sich und prallte gegen einen Baum. Bernusset starb, eingeklemmt in seinem Wagen, noch am Unfallort. Bereits im ersten Lauf hatte er mit Getriebeproblemen aufgeben müssen, wollte aber trotz fehlender Chancen auf eine Platzierung noch einmal starten.

Der erste Umbau 1971 wurde die Rennstrecke erstmals erweitert; der auf 3,848 Kilometer verlängerte Verlauf entsprach schon in Grundzügen der Gestaltung vor dem jüngsten Umbau 2003. So kam die Estoril-Kurve hinzu, daran anschließend die mit knapp 900 Meter längste Gerade des Kurses (die heute Golf genannt wird) bis hin zur Adelaide-Kurve (die erheblich weiter war als die spätere Haarnadelkurve) und eine neue Gegengerade bis zu einer engen Kehre, die einfach nur 180 Grad genannt wurde und wieder auf den alten Kurs führte. Durch kurze Verbindungspassagen konnten zwei Streckenteile unabhängig voneinander genutzt werden. Auch der verlängerte und am 1. Mai 1971 eingeweihte Kurs hatte jedoch mit dem 1970 eröffneten Circuit Paul Ricard harte Konkurrenz im eigenen Land. An eine Ausrichtung von Formel-1-Rennen war vorerst in Magny-Cours nicht zu denken. Neben Paul Ricard waren in den 1970er und 1980er Jahren stattdessen noch der Circuit de Charade bei Clermont-Ferrand und der – wie Magny-Cours in Burgund gelegene – Circuit de Dijon-Prenois bei Dijon Austragungsorte des Großen Preises von Frankreich.

Finanzprobleme Die anfangs relativ zurückhaltende Unterstützung durch die Behörden und die mangelnde Finanzkraft von Rennstreckenbesitzer Jean Bernigaud erwiesen sich als schlechte Voraussetzungen, um in diesem Konkurrenzkampf mithalten zu können. Vor allem die Infrastruktur der Strecke war lange Zeit mangelhaft, notwendige Gebäude wie etwa Boxenanlagen fehlten noch Mitte der 1960er Jahre völlig und wurden später nur ansatzweise ergänzt. Gleichzeitig stiegen aber die Anforderungen des immer professioneller betriebenen Rennsports und der Streckensicherheit rasant an und wären nur durch ständige, hohe Investitionen zu erfüllen gewesen. Auch die neu gebaute Anlage war deshalb noch nicht zeitgemäß.

Bernigaud musste aus diesen Gründen einige Enttäuschungen hinnehmen und starb im Dezember 1971, nur wenige Monate nach Eröffnung der neuen Strecke. Der lokale Motorsportclub ASA Nivernais übernahm den Kurs; Bernigauds Witwe Jacqueline versuchte dort als Beraterin die Arbeit ihres Mannes fortzuführen.

Das Ende des Circuit Jean Behra Große internationale Motorsport-Ereignisse waren in Magny-Cours anfangs unter anderem aus den oben genannten Gründen (siehe auch „Infrastruktur“) selten und so blieben auch die Besucherzahlen und Einnahmen hinter den Erwartungen zurück. Die Formel 2 kam erstmals am 4. Mai 1975 nach Magny-Cours. Dieses nicht zur europäischen Meisterschaft zählende Premierenrennen gewann Jean-Pierre Jabouille. Die schnellste Rennrunde fuhr Jacques Laffite mit 1:20,2 Minuten. Außerdem war die europäische Formel-3-Meisterschaft ab 1978 bis zu ihrem Ende 1984 einmal pro Jahr zu Gast in Magny-Cours. Bis dahin war der Streckenzustand allerdings wegen immer noch unzureichender Investitionen immer schlechter geworden. In den folgenden drei Jahren gab es dort deshalb keine internationale Veranstaltung mehr. Der ASA Nivernais zog sich 1987 als Streckenbetreiber zurück und so fanden am 11. November 1987 die letzten Rennen auf dem Circuit Jean Behra statt.

Politische Förderung mini|links|Die Lage des Départements Nièvre in Frankreich mini|Die Lage von Magny-Cours im Département Nièvre

Seit den 1970er Jahren wurde die Entwicklung der Strecke von François Mitterrand gefördert. Er war zwischen 1959 und 1962 Senator des Wahlkreises Nièvre, zwischen 1959 und 1981 Bürgermeister der nahegelegenen Gemeinde Château-Chinon und außerdem ab 1964 Präsident des Generalrats dieses Départements, das als wirtschaftlich schwaches, an Sehenswürdigkeiten armes und vorwiegend von Agrarnutzung geprägtes „Niemandsland“unter anderem von Ralf Schumacher verwendetes Wort auf die Frage nach der Lage der Strecke inmitten von Frankreich galt. Hier hätte mit Hilfe des Motorsports gegengesteuert werden können, allerdings geschah dies erst mit einigen Jahren Verzögerung. Eine Rolle spielte dabei wohl auch, dass die Exekutive in den französischen Départements bis zum Dezentralisierungs-Gesetz 1982 bei von der Zentralregierung in Paris entsandten Präfekten lag und nicht beim Generalrat. 1965 hatte sich Rennstreckenbesitzer Jean Bernigaud schon an Mitterrand gewandt, um die Anlage mit Hilfe einer finanziellen Partnerschaft erweitern zu können. Dieses Ansinnen wurde aber vom Generalrat umgehend abgelehnt, sodass Bernigaud Renovierungs- und Erweiterungsinvestitionen allein tragen musste und sie deshalb auch in kleinerem Rahmen als geplant durchführte. So wurden erst 1967 ein Kontrollturm und ein Gebäude für die Winfield-Rennfahrerschule errichtet und 1969 fünf Boxen mit einer Boxengasse gebaut. Immerhin waren die Behörden bei den nötigen Genehmigungen schnell und entgegenkommend.

1986, 15 Jahre nach Bernigauds Tod, beschloss der – nun nicht mehr von Paris abhängige – Generalrat dann doch noch ein umfassendes Engagement in Magny-Cours, das 1988 in die Tat umgesetzt wurde: Der Besitz der Anlage ging mit Einsatz von Steuergeldern komplett in die öffentliche Hand über. Hilfreich war dabei auch der stetige politische Aufstieg von Mitterrand, der 1981 zum ersten sozialistischen Staatspräsidenten der französischen Nachkriegszeit gewählt worden war. In dieser bis 1995 dauernden Amtszeit setzte er sich für die Finanzierung der Um- und Ausbauten in Magny-Cours ein und nutzte seinen Einfluss, um ab 1991 die Formel 1 nach Magny-Cours zu holen. Zur Seite stand ihm dabei seit den 1970er Jahren Pierre Bérégovoy, der zuerst Mitterrands Wahlkampfhelfer war und später neben seinem Amt als Bürgermeister von Nevers verschiedene Ministerposten in der französischen Regierung innehatte. Zuletzt war er – bis wenige Wochen vor seinem gewaltsamen Tod 1993 – Premierminister unter Mitterrands Präsidentschaft.

Der Neuanfang mini|Nigel Mansell, der Sieger der Formel-Rennen in Magny-Cours 1991 und 1992 mini|Der Streckenverlauf ab 1992 (ohne Schikane nach Adelaide)

1988 ließ der Generalrat die gesamte Anlage mit Blick auf künftige Formel-1-Rennen umfassend renovieren und erweitern. Als Designberater fungierten dabei unter anderem die französischen Formel-1-Fahrer Jacques Laffite und René Arnoux. Zwar wurde der grundsätzliche Streckenverlauf beibehalten, der Start- und Zielbereich jedoch auf die Gerade zwischen Lycée und Grande Courbe verlegt, eine spektakuläre abfallende Schikane vor der Zielkurve gebaut und eine weitere nach der Adelaide-Haarnadel. Die Strecke war nun 4,271 km lang. Außerdem wurden alle 15 Kurven modifiziert, die Fahrbahn verbreitert, der gesamte Belag erneuert und die Tribünen sowie die Auslaufzonen erweitert. Die alten Boxenanlagen wurden abgerissen. An der neuen Ziellinie wurde ein Gebäude errichtet, das nun die Boxen, den Kontrollturm und die Räume der Renn- und Streckenleitung umfasste. Im Unterschied zu den meisten anderen Kursen sind die Boxenstraße und -anlagen seither nicht mehr im Innenbereich, sondern außerhalb der Streckenführung. Das hinter dem Hauptgebäude liegende Fahrerlager wurde auf 40.000 m² vergrößert und erhielt unter anderem eine Tankstelle für handelsübliches Benzin und FIA-konformen Renntreibstoff. Im Umfeld entstanden ein Motorsport-Museum, ein 18-Loch-Golfplatz und ein Industriepark namens Technopôle, der vor allem Rennsportbetriebe anziehen sollte. Dazu wurden potentielle Investoren mit weitreichenden Steuersubventionen und bürokratischen Erleichterungen geködert. Als einer der ersten Betriebe zog der Ligier-Rennstall auf das Gelände, später folgten unter anderem die Entwicklungsabteilungen von Oreca und Mygale.

Das Formel-1-Debüt der Strecke