mini|250px|Kopfbinsenwiese (Primulo-Schoenetum ferruginei) bei Wolpertswende, eine der seltensten Streuwiesentypen des deutschen Alpenvorlandes
Die Streuwiese ist ein historischer mitteleuropäischer Nutzungstyp einer Wiese. Streuwiesen dienten der Produktion von Einstreu für die Stallungen, nicht der Ernährung von Viehbeständen. Prägendes Merkmal für die Nutzung dieser Wiesen war, dass sie nur einmal jährlich, im Herbst, gemäht wurden.
Nasses Grünland, meist auf Niedermoorstandorten, wurde auf Grund des geringen Futterwertes des Aufwuchses bevorzugt als Streuwiesen genutzt. Dies geschah in stroharmen und extrem humiden Regionen wie dem nördlichen Alpenvorland. Heute ist die Streuwiesennutzung ein Relikt einer historischen Landnutzungsform und Agrarwirtschaft, das in der Regel durch staatliche Förderprogramme und Naturschutzverbände erhalten wird. Streuwiesen gehören zu den erst unter Einfluss des Menschen entstandenen oder durch ihn wesentlich geförderten, aber durch heutige intensive Landnutzungspraktiken bedrohten Halbkulturformationen.
Eine ähnliche Nutzung wiesen die Steljniki der Weißkrain in Slowenien auf, auf denen Adlerfarn als Einstreu kultiviert wurde. Die Streuwiese darf nicht mit der Streuobstwiese verwechselt werden, die eine mit hochstämmigen Obstbäumen bestandene Futterwiese darstellt.
Geschichte Bis in die frühe Neuzeit überwog in späteren Streuwiesenlandschaften die Egartwirtschaft, eine Form der Feldgraswirtschaft, bei der die Bauern ein Stück Land eine Zeitlang pflügten und als Acker nutzten und dann einige Zeit zur Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit ruhen ließen, in dieser Zeit wurde es als Grünland genutzt. Die nicht ackerfähigen Teile der Gemarkung, darunter nasse, moorige Bereiche, wurden als Allmende vom Vieh beweidet; nach Möglichkeit aber daneben auch einmal im Jahr zur Futtergewinnung mit der Sense gemäht. Die genaue Struktur und Nutzung der späteren Streuwiesen ist dabei heute kaum anzugeben, da sie in den Urkunden keine Erwähnung fand und wissenschaftliche (z. B. vegetationskundliche) Forschungen noch nicht existierten. Das Stroh der Ackerflächen wurde ebenfalls an das Vieh verfüttert. Das Vieh verblieb fast ganzjährig im Freien.
mini|Streueträgerinnen in Novaggio (Südschweiz) 1941 Diese viele Jahrhunderte übliche Wirtschaftsform kam etwa Anfang des 19. Jahrhunderts durch eine Kombination der Auswirkungen neuer Erfindungen und obrigkeitsstaatliche Eingriffe außer Gebrauch. Durch verbesserte Transportmöglichkeiten durch Wasserstraßen und Eisenbahnen konnten die Regionen von außerhalb mit billigem Getreide versorgt werden, der Ackerbau auf den ertragsarmen Standorten wurde unrentabel. Die Betriebe in niederschlagsreichen Regionen wie dem Voralpenland spezialisierten sich zunehmend auf reine Grünlandwirtschaft. Gleichzeitig löste der neuzeitliche Staat im Zuge der Markenteilungen die gemeinschaftlich genutzten Weiden auf. In Folge hielten die Bauern zunehmende Stückzahlen von Vieh nun dauerhaft im Stall. Die dazu zwingend notwendige Einstreu hatten sie vorher durch Abharken in Wäldern gewonnen, was aufgrund der aufkommenden modernen Forstwirtschaft aber bald ebenfalls durch die Forstgesetze verboten wurde. Dadurch kam es in den Betrieben zu einem Mangel an Einstreu. Dem wurde durch die Einrichtung spezialisierter Streuwiesen entgegengearbeitet. Dies führte zu einem erheblichen Aufschwung der Streuwiesen, die etwa Ende des 19. Jahrhunderts eine maximale Ausdehnung erreichten. Ihr wirtschaftlicher Wert konnte zeitweise denjenigen ertragreicher Futterwiesen sogar übersteigen. Etwa nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Streuwiesen aufgrund neuartiger Stallsysteme und weiter verbilligter Transportmöglichkeiten, die den Import von Stroh ermöglichten, rasch unrentabel. Ihre Bewirtschaftung erfolgte etwa noch bis in die 1960er Jahre.Werner Konold, Andrea Hackel: Beitrag zur Geschichte der Streuwiesen und der Streuwiesenkultur im Alpenvorland. In: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie. 38, 1990, S. 176–191.R. Strohwasser: Traditionelle Bewirtschaftung. Zur Entstehung von Streuwiesen. In: Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen (Hrsg.): Landschaftspflegekonzept Bayern II/9. Lebensraumtyp Streuwiesen. 1995, ISBN 3-931175-08-1. (download)
Außerhalb des Voralpenlands in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden quellige Feuchtwiesen und Moorwiesen mit geringem Futterwert gelegentlich ebenfalls im 19. und frühen 20. Jahrhundert, bis in die 1950er Jahre, zur Streugewinnung genutzt, Streuwiesen kamen also auch in anderen Regionen vor (wie z. B. SachsenWerner Hempel: Die historische Entwicklung des Wirtschaftsgrünlandes in Sachsen. In: Berichte der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz. 16, 2007, S. 3–18.). Sie erreichten aber hier bei weitem nicht dieselbe Bedeutung. Heute ist es teilweise üblich, Vegetationsbestände des pflanzensoziologischen Verbands Molinion (vgl. dazu unten) auch dann „Streuwiesen“ zu nennen, wenn sie nicht traditionell zur Streugewinnung genutzt wurden. Solche Bestände gibt es beispielsweise auch in der Mittelgebirgsregion und im norddeutschen Tiefland, wo eine Nutzung zur Streugewinnung niemals üblich war. Ungedüngte, Pfeifengras-reiche Feuchtwiesen waren in vielen Regionen vorhanden, möglicherweise gingen die meisten späteren Feuchtwiesen durch Melioration aus solchen Beständen hervor. Auch im Voralpenland wurden viele davon als (extensive) Futterwiesen genutzt.Ernst Klapp: Grünlandvegetation und Standort. Parey-Verlag, Berlin/Hamburg 1965.
Standort und Bewirtschaftung Standortökologisch handelt es sich um eine ungedüngte, einmal im Jahr und zwar erst im Herbst gemähte Wiese auf wechselfeuchten bis nassen Standorten (Bodentyp meist Pseudo- und Anmoor-Gley). Das Grundwasser steht ganzjährig relativ hoch, schwankt aber meist stark. Im stroharmen süddeutschen Alpenvorland oder im steirischen Salzkammergut, wurde sie noch bis in die 1960er Jahre genutzt. In weiten Teilen der Schweiz werden Streuwiesen, ermöglicht durch staatliche Zuschüsse, bis heute als Einstreulieferant genutzt.Anna Humbel: Veränderung der Nutzungsintensität der Moorlandschaft im Raum Sörenberg von 1800 bis heute. Masterarbeit. Departement der Umweltsystemwissenschaften, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Dezember 2013.Willy Schmid, Heinz Bolzern, Christiane Guyer: Mähwiesen – Ökologie und Bewirtschaftung. Lehrmittelverlag des Kantons Luzern, Littau 2005.
Ziel war die Gewinnung möglichst großer Mengen von qualitativ hochwertigem, d. h. saugfähigem Einstreumaterial. Da Streuwiesen nie gedüngt wurden, waren die Streu-Erträge von den natürlichen Standortverhältnissen (natürliche Nährstoffnachlieferung, Wasserhaushalt) abhängig. Die Erträge der am weitesten verbreiteten Streuwiese, nämlich der typischen Pfeifengraswiese, liegen zwischen 30 und 60 Dezitonnen Trockenmasse pro Hektar (dt TM/ha).
Durch Entwässerung, Düngung und Vorverlegung des Schnitts in die Sommermonate können Streuwiesen jedoch relativ leicht in Futterwiesen umgewandelt werden. Dies ist auch der Grund dafür, dass es diesen Wiesentyp heute kaum mehr gibt. Nicht rentabel meliorierbare Bestände sind großflächig verbracht, nicht mehr bewirtschaftete Streuwiesen gehen in der Regel rasch in Schilfröhrichte über. Durch Naturschutzvereine, Naturschutzbehörden und Landschaftspflegeverbände werden in manchen Gebieten jedoch Restflächen durch regelmäßige Herbstmahd erhalten.
Am 1. Januar 2010 wurde die Koordinationsstelle der Allgäuer Streueverwertung, ein Teilprojekt der Allgäuer Moorallianz, als allgäuweites LEADER-Projekt in den vier Landkreisen Ostallgäu, Unterallgäu, Oberallgäu und Lindau gegründet.Website der Koordinationsstelle der Allgäuer Streueverwertung. Träger dieser Stelle sind die Landschaftspflegeverbände der Landkreise Ostallgäu, Unterallgäu, Oberallgäu sowie der Landkreis Lindau. Aufgabe der Koordinierungsstelle ist die Organisation einer optimalen Verwertung und Vermarktung des Produktes Streue sowie die Vernetzung aller daran beteiligten Personen und Institutionen. Ziel dieses Projektes ist die bessere Vermarktung dieses Produktes, die Erhaltung und Wiederherstellung der Streuwiesen und eines Verbesserung des Zuerwerbs für Landwirte. Gleichzeitig soll die Artenvielfalt und einzigartige Natur sowie Kulturlandschaft des Allgäus bewahrt werden, indirekt eine zusätzliche Wertschöpfung für den Tourismus entstehen. Jährlich kommen hunderttausende Gäste ins Allgäu, weshalb es notwendig ist, bedeutende Landschaftselemente wie die bunt blühenden Streuwiesen zu erhalten. Hochwertige Streu wird als Futter-Beimischung oder als Einstreu an Kopfbereichen verwendet. Dagegen wird Streu minderer Qualität in der technischen Verwertung (z. B. Heizkraftwerk) eingesetzt. Dabei hängt die Qualität stark vom Zustand der beernteten Flächen ab.U. Kiessling, A. Zehm: Inwertsetzung von bunten Streuwiesen durch optimierte Nutzung als Markenzeichen – Ergebnisse des LEADER-Projekts „Allgäuer Streueverwertung“ in der Urlaubsregion Allgäu. In: ANLiegen Natur. 36(1), 2014, S. 108–116, Laufen. PDF 0,9 MB
Pflanzenwelt Neben den Trocken- und Halbtrockenrasen gehören die Streuwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Auf Probeflächen von nur 20 Quadratmeter Fläche kommen bis zu 70 Pflanzenarten vor, in einzelnen Wiesen wurden über 100 Arten registriert. Typische Streuwiesen haben etwa 30–40 Pflanzenarten. Nur ein vielfältiges Mosaik ausreichend großer Streu- und Nasswiesen mit unterschiedlichen Kontaktbiotopen bei gleichzeitig möglichst extensiver, kleinräumiger Nutzung kann den Ansprüchen dieser Lebensgemeinschaften (Biozönosen) gerecht werden.
Physiognomie Optisch unterscheiden sich die Streuwiesen von den immergrünen Futterwiesen durch die gelb-braunen Farbtöne. Auf den zweiten Blick erkennt man diese Grünlandformation am Vorkommen solcher Pflanzenarten, deren Lebensrhythmus an die Herbstmahd besonders gut angepasst ist. Dazu zählen vor allem Spätblüher wie das namensgebende Pfeifengras, der Schwalbenwurz-Enzian, die Blutwurz, der Teufelsabbiss und viele Knabenkräuter. Die Hauptblühphase liegt viel später als in den Sumpfdotterblumenwiesen, im Juli und August. Wegen der nur sehr geringen Nutzungsintensität gleichen die Streuwiesen von weitem oft Brachestadien anderer Grünlandtypen. Allerdings sind viele, vor allem sehr pfeifengrasreiche Bestände in den letzten Jahrzehnten nur noch unregelmäßig genutzt worden und bereits halbe Brachestadien. Typisch für solche Bestände ist ein lockeres oberes Stockwerk aus Schilfhalmen. Die Pfeifengras-Streuwiesen sind unter den 15 wichtigsten Grünlandtypen Süddeutschlands eine der interessantesten Vegetationsformen. Neben Feuchtigkeitszeigern kommen in Pfeifengras-Streuwiesen besonders viele sogenannte Magerkeitszeiger vor. Dabei handelt es sich um Arten, die an mangelhafte Nährstoff-Verfügbarkeit sowie späte Mahd angepasst sind.
Effiziente Nährstoffökonomie Streuwiesenpflanzen haben eine besondere Überlebensstrategie: Durch die ausgeprägte Fähigkeit, den größten Teil der in Blatt und Spross enthaltenen Nährstoffe und Assimilate wieder in die basalen Pflanzenteile (Stoppeln, Wurzeln, Rhizome) zurückzuverlagern, besitzen sie eine äußerst effiziente Nährstoffökonomie. Diese „interne Rückverlagerung“ beginnt schon im Hochsommer. Wenn dann im Herbst die Mähmaschine kommt, findet daher kaum noch ein Nährstoffexport aus der Wiese statt. Die gespeicherten Nährstoffe stehen dann für die kommende Vegetationsperiode wiederum für das Wachstum zur Verfügung.
Die Pflanzengesellschaften der Pfeifengras-Streuwiesen Süddeutschlands