mini|hochkant=1| Baumhaus des Korowai-Volkes in Papua-Neuguinea für bis zu 8 Personen (2006)
Patrilokalität (lateinisch pater „Vater“, locus „Ort“: Wohnsitz beim Vater) bezeichnet in der Ethnosoziologie eine Wohnfolgeordnung (Residenzregel), bei der ein Ehepaar nach der Heirat seinen Haushalt am Wohnort des Vaters eines der beiden Ehepartner einrichtet, der andere Partner zieht hinzu. Die frühe Sozialanthropologie verstand darunter das Wohnen beim Vater des Ehemannes oder im Herkunftsgebiet des Ehemannes.
Virilokalität („am Ort des Mannes“) ist allgemeiner gefasst und bezeichnet die Einrichtung des ehelichen Wohnsitzes beim Ehemann, dessen Vater, Familie oder am Ort seiner Abstammungsgruppe (Lineage oder Clan), die Ehefrau zieht hinzu. Virilokal wird mit der Bedeutung „mit oder nahe der Familie des Mannes“ dem missverständlichen patrilokal vorgezogen.
Männerzentrierte Residenzregeln finden sich weltweit bei 96 % aller patri-linearen, nur nach der Vaterlinie geordneten indigenen Völkern und Ethnien, die ihrerseits 46 % der erfassten 1300 Ethnien ausmachen. In ihnen entstehen enge Beziehungen zwischen dem Vater und seinen Söhnen sowie zwischen den Brüdern und ihren Familien, während die Familie der Ehefrau ohne Bedeutung bleibt. Gewöhnlich bilden Väter, Brüder und Söhne eine Kerngruppe, bis hin zu umfangreichen Patri-Lineages, innerhalb derer sich alle Verwandtschaftsbeziehungen auf nur einen gemeinsamen ursprünglichen Stammvater beziehen. Weltweit findet sich nur eine Ethnie mit patri-linearer Abstammungsregel, aber matri-lokaler Wohnfolge.
Bis 1957 war der Virilokalität entsprechend im bundesdeutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) festgelegt, dass als Wohnsitz einer Ehefrau automatisch der Wohnsitz ihres Ehemannes galt, außer der Ehemann begründete seinen Wohnsitz an einem Ort im Ausland, zu dem ihm seine Ehefrau nicht folgte und auch nicht zu folgen verpflichtet war (BGB § 10, alte Fassung). Auf Grund des bis dahin geltenden „ehelichen Entscheidungsrechts“ des Ehemannes (Gehorsamsparagraph § 1354) konnte er den gemeinsamen Wohnsitz nach eigenem Ermessen festlegen. Nur wenn der Ehemann auf die Einrichtung eines ehelichen Wohnsitzes verzichtete oder keinen Wohnsitz hatte, konnte die Ehefrau einen eigenen Wohnsitz festlegen.
Residenzmuster Das in der Praxis vorgefundene Residenzmuster der Wohnsitzwahl kann von der kulturellen Norm der in einer Gesellschaft üblichen Residenzregel abweichen. In der Gegenwart wird in vielen Ethnien mit traditionell männerzentrierten Wohnfolgeregeln die moderne Lebensform der Kernfamilie bevorzugt und ein neuer Wohnsitz gegründet (Neolokalität), vor allem in Städten. Oft hat dies wirtschaftliche Gründe, beispielsweise die Abhängigkeit von Arbeitsplätzen.
Residenz und Deszendenz Auswertungen der Datensätze von rund 1200 Ethnien des Ethnographischen Atlas ergaben folgende Verteilungswerte für die Wohnfolgeregeln (Residenz) bei Gesellschaften mit einer patrilinearen Abstammungsregel (Deszendenz):
46 % aller Ethnien weltweit ordnen ihre Abstammung patri-linear, nur nach der Väterlinie (589 Gesellschaften): 95,6 % wohnen viri/patri-lokal beim Ehemann, dessen Vater, Familie, Abstammungsgruppe (Lineage) oder Clan 4,2 % wohnen vor allem neo-lokal („am neuen Ort“) 0,2 % wohnt uxori/matri-lokal bei der Ehefrau, ihrer Mutter oder Familie (1 Ethnie)
Während patrilineare Völker den ehelichen Wohnsitz fast ausschließlich beim Mann einrichten, finden sich bei den Völkern, die sich nach der Mütterlinie organisieren, alle verschiedenen Möglichkeiten der Residenzwahl.
Die Sozialanthropologin Gabriele Rasuly-Paleczek merkt allerdings 2011 an: Eindeutiger sei .
Siehe auch vater- und mutterseitige Verwandtschaft (patri- oder matrilateral) exogame Heiratsregel (außerhalb der eigenen Gruppe) einlinige Abstammungsregeln (unilineare Deszendenz)
Literatur Thomas Bargatzky: Ethnologie: Eine Einführung in die Wissenschaft von den urproduktiven Gesellschaften. Buske, Hamburg 1997, ISBN 3-87548-039-2, S. 112/113: Kapitel 5.2: Deszendenzgruppen und Lokalgruppen ().
Weblinks
Hans-Rudolf Wicker: Postmaritale Wohnregeln. (PDF: 387 kB, 47 S.) In: Leitfaden für die Einführungsvorlesung in Sozialanthropologie, 1995–2012. Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern, 31. Juli 2012, S. 13/14 und 30/31, abgerufen am 13. März 2020 (überarbeitete Version).
Einzelnachweise Thomas Bargatzky: Ethnologie: Eine Einführung in die Wissenschaft von den urproduktiven Gesellschaften. Buske, Hamburg 1997, ISBN 3-87548-039-2, S. 112: Kapitel 5.2 Deszendenzgruppen und Lokalgruppen ().
Hans-Rudolf Wicker: Postmaritale Wohnregeln. (PDF: 387 kB, 47 S.) In: Leitfaden für die Einführungsvorlesung in Sozialanthropologie, 1995–2012. Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern, 31. Juli 2012, S. 13/14, abgerufen am 13. März 2020 (überarbeitete Version). Die Zahlen auf S. 13/14: 589 patrilineare Ethnien – ihr ehelicher Wohnsitz nach der Heirat (Residenzregel): 563 (95,6 %) wohnen patrilokal|viri/patri-lokal beim Ehemann oder seinem Vater 1 (0,2 %) wohnt uxori/matri-lokal bei der Ehefrau oder ihrer Mutter 25 (4,2 %) haben andere Wohnsitzregeln: neolokal, natolokal u. a. Hans-Rudolf Wicker: Postmaritale Wohnregeln. (PDF: 387 kB, 47 S.) In: Leitfaden für die Einführungsvorlesung in Sozialanthropologie, 1995–2012. Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern, 31. Juli 2012, S. 13, abgerufen am 13. März 2020 (überarbeitete Version). Ende 2012 waren im Ethnographic Atlas weltweit genau 1300 Ethnien erfasst, von denen oft nur Stichproben ausgewertet wurden, beispielsweise im internationalen HRAF-Projekt. Begründet wurde der Ethnographic Atlas Anfang der 1950er vom US-amerikanischen Anthropologen George P. Murdock (1897–1985) zur standardisierten Daten-Erfassung sämtlicher Ethnien weltweit. J. Patrick Gray: Ethnographic Atlas Codebook. In: World Cultures. Band 10, Nr. 1, 1998, S. 86–136, hier S. 104: Tabelle 43 Descent: Major Type (englisch; PDF: 2,4 MB, 52 Seiten ohne Seitenzahlen; eine der wenigen Auswertungen aller damals 1267 erfassten Ethnien); Zitat: . Prozente der 1267 Ethnien (1998): 584 = 46,1 % patri-linear: Herkunft vom Vater und dessen Vorvätern 160 = 12,6 % matri-linear: Herkunft von der Mutter und deren Vormüttern 52 = 4,1 % bi-linear, duolateral: Unterschiedliches von Mutter und vom Vater 49 = 3,9 % ambi-linear: Herkunft auswählbar, von Mutter oder Vater 11 = 0,9 % parallel: einiges von der Mutter, anderes vom Vater (Quasi-Linien) 349 = 27,6 % bilateral, kognatisch: Herkunft zugleich von Mutter und Vater (wie in der westlichen Kultur) 45 = 3,6 % gemischt + 17 = 1,6 % fehlende Daten. Robin Fox: Kinship and Marriage. An Anthropological Perspective. Cambridge University Press, Cambridge 1967, ISBN 0-521-27823-6, S. 115 (englisch; ).
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