Die Voith Group [] ist ein weltweit agierender Technologiekonzern und in den Märkten Energie, Papier, Rohstoffe und Transport tätig. Das 1867 gegründete Familienunternehmen hat seinen Stammsitz in Heidenheim an der Brenz. Voith hatte 2025 rund 20.000 Mitarbeiter, 4,8 Milliarden Euro Umsatz und Standorte in über 60 Ländern.
Geschichte des Konzerns Gründungsjahre Johann Matthäus Voith übernahm 1825 die Schlosserwerkstätte seines Vaters in Heidenheim mit fünf Beschäftigten und führte vor allem Reparaturarbeiten an Wasserrädern und Papiermühlen aus.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., Beck, München 2003, S. 26, Anm. 11., Ausschnitte in Google Bücher.
Um 1830 arbeiteten in Heidenheim über 600 Arbeiter in 15 Fabriken, die vorwiegend von vermögenden Kaufleuten und Verlegern gegründete Textilfabriken waren. Die nötige Instandhaltung der teuren Maschinen bot etlichen Handwerksbetrieben Einkommensmöglichkeiten, allen voran den Schlossern des damals noch kleinen Ortes. Bereits im Jahr 1830 beteiligte sich Johann Matthäus Voith mit seinem Betrieb am Bau einer Papiermaschine von Johann Jakob Widmann aus Heilbronn.
Voith entwickelte nach dem Patent von Friedrich Gottlob Keller die ersten Holzschleifer. Er legte damit den Grundstock für das Industrieunternehmen Voith. Als das Unternehmen immer größer wurde, stieg auch das Privatvermögen der Inhaber. Laut einem Gemeinderatsprotokoll vom 28. September 1849 betrug das Vermögen Johann Matthäus Voiths 1849 über 7000 fl., acht Jahre später schätzte man es bereits auf 15.000 fl. 1850 wurde Johann Matthäus Voith in den Gemeinderat einberufen, 1855 erhielt er neben neun weiteren Heidenheimer Unternehmern ein Stipendium für die Reise zur Weltausstellung in Paris.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., Beck, München 2003, S. 25–27.
+ MitarbeiterzahlJahr Mitarbeiter 1825 5Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., Beck, München 2003, S. 25.1853 7Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., Beck, München 2003, S. 26 Anm. 11.1867 etwa 35Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., Beck, München 2003, S. 30. Eine andere Quelle spricht fürs Jahr 1867 von 25 Arbeitern. Siehe dazu S. 56 Anm. 11.2025rund 20.000 Nach 1850 begann der bisher auf Reparaturen spezialisierte Betrieb – wie auch andere Heidenheimer Schlosser – verstärkt damit, verschiedenste aus England importierte Maschinen selbst nachzubauen. Hergestellt wurde, was die Kunden gerade bestellten. Der Schritt vom Handwerksbetrieb zur Maschinenfabrik wurde durch Verträge zur Fertigung von Maschinen für den Papierfabrikanten Heinrich Voelter vollzogen. Es handelte sich dabei seit 1856 um mechanische Holzschleifer (nach einem ursprünglich 1846 von Friedrich Gottlob Keller an Voelters Vater verkauften Patent, das Friedrich Voith 1868 weiterentwickeln und selbst neu anmelden sollte), seit 1861 um Raffinierapparate zur Zerkleinerung grober Holzsplitter. Damit einher ging eine frühe Spezialisierung auf Maschinen zur Papier- und Holzstoff-Fabrikation. 1863 wurde der Betrieb um eine neue Schlosserei erweitert, die mit einer der wenigen Dampfmaschinen Heidenheims ausgestattet wurde. Maschinen wurden bis zur Entwicklung von Stahlguss aus Gusseisen gebaut. Dessen Transport war allerdings beschwerlich und so baute man auch noch eine eigene Gießerei. Zahlen zur Umsatz- und Gewinnentwicklung sind keine erhalten, als Zeugnis einer guten wirtschaftlichen Entwicklung wird aber unter anderem die räumliche Expansion des Unternehmens herangezogen.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., Beck, München 2003, S. 32–33. 1863 kaufte Friedrich Voith einen Teil einer Lohmühle und richtete dort die erste Versuchsanstalt für die Erzeugung von Holzschliff ein.
Nachdem Voelters Papierfabrik 1864 durch einen Brand zerstört worden war, kam es zu einem ersten Großauftrag zur Herstellung von acht Papierholländern, der eine erneute Erweiterung um ein Maschinenhaus erforderte. Der Name wurde vom einfachen Mechanicus Voith auf Mechanische Werkstätte und Eisengießerei geändert.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., Beck, München 2003, S. 26–30.
Aufstieg zum Industrieunternehmen mini|Montage von Riesen-Spiralturbinen von Voith für eine Leistung von 3677 kW, die für das Kraftwerk Nore in Norwegen bestimmt waren, im November 1928
Der 1. Januar 1867 ist offizieller Gründungstag der Firma J. M. Voith. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten etwa 35 Mitarbeiter in dem Unternehmen. Am 1. Januar 1867 übernahm der einzige Sohn des 63-jährigen Johann Matthäus Voith, der 26-jährige Friedrich Voith den Betrieb als alleiniger Inhaber. Unter ihm wurde die Werkstatt seines Vaters schnell zu einem größeren Unternehmen und spezialisierte sich auf die Bereiche Papiermaschinen- und Wasserrad- bzw. Turbinenbau. 1869 erhielt Voith das erste Patent für einen Holzschleifer mit Zahnstangen-Anpressung. Am 18. November 1869 wurde beim Königlichen Oberamtsgericht um die Eintragung ins Handelsregister nachgesucht und das Unternehmen in Maschinenfabrik und Eisengießerei von J. M. Voith in Heidenheim umbenannt.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. C. H. Beck, München 2003, S. 29–30. mini|Das 1904 eröffnete erste Tochterwerk, die Maschinenfabrik J. M. Voith in St. Pölten, um 1910
1871 wurde die etwa acht Jahre alte Gießerei erweitert, die im selben Jahr mit einer Jahresproduktion von 240 Tonnen bei einem durchschnittlichen Belegschaftsstand von 19 Arbeitern pro Tag im Mittelfeld aller Württembergischen Gießereien lag. 1880 waren es 380 Tonnen bei durchschnittlich 34 Arbeitern, 1890 1401 Tonnen bei 106 Arbeitern und 1900 waren es 3098 Tonnen bei 220 Arbeitern. Zur Jahrhundertwende war die Gießerei damit vom Mittelfeld zur zweitgrößten Gießerei Württembergs aufgestiegen.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. C. H. Beck, München 2003, S. 33.
Die Produktbereiche des Unternehmens – Papiermaschinen und Stofftechnik – wurden um einen weiteren Geschäftszweig ergänzt. Durch die Aufnahme des Wasserturbinenbaus mit einer 100-PS-Henschel-Jonval-Turbine gehörten von nun an auch Turbinen zu der Produktpalette von Voith. Zu den betreffenden Zahlen finden sich in den Quellen allerdings unterschiedliche Angaben.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. C. H. Beck, München 2003, S. 28, Anm. 20. Grund für diese neue Produktionssparte dürfte der Umstand gewesen sein, dass die Heidenheimer Betriebe im eisenerzarmen und kohlelosen Württemberg unter fehlender Antriebsenergie litten und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die aus der Brenz gewonnene Wasserkraft ihr wichtigster Energielieferant blieb. Friedrich Voith war schon während seiner Ausbildung mit dem Problem der Gewinnung von Energie durch Wasserkraft konfrontiert worden, und seit 1873 wurden in Zusammenarbeit mit Wilhelm von Kankelwitz (1831–1892), Maschinenbau-Professor am Stuttgarter Polytechnikum, weiterentwickelte Francis-Turbinen an Heidenheimer Industriebetriebe verkauft.
Auf der Weltausstellung 1873 in Wien präsentierten Friedrich Voith und Heinrich Voelter den Voith-Schleifer. Für ihre Entwicklung erhielten sie die Fortschrittsmedaille.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. C. H. Beck, München 2003, S. 32, Anm. 41. 1879 wurde nach den Entwürfen des Voith-Ingenieurs Adolf Pfarr der erste selbsttätige Geschwindigkeitsregler für Turbinen gebaut.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. C. H. Beck, München 2003, S. 32, Anm. 40. Die ersten Turbinen waren ursprünglich für den mechanischen Antrieb von Maschinen bestimmt. Mit der Elektrifizierung dienten Wasserturbinen jedoch vorwiegend der Erzeugung von elektrischem Strom.
1881 fertigte Voith die erste komplette Voith-Papiermaschine PM1 mit 2,35 Metern Siebbreite für die Firma Raithelhuber, Bezner & Cie. in Gemmrigheim. 1886 wurde das erste Kontor-Gebäude gebaut. 1887 errichtete man eine Kantine, 1889 eine weitere große Montagehalle, die das Fabrikgelände von 5090 m² auf 9590 m² vergrößerte. 1896 wurde eine neue Maschinenhalle für den Turbinenbau in Betrieb genommen, die als erstes Gebäude rechts der Brenz lag.
1890 begann Voith mit der Auslieferung von Hochdruck-Freistrahlturbinen. Im selben Jahr wurde Friedrich Voith vom württembergischen König Karl I. zum Kommerzienrat ernannt.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. C. H. Beck, München 2003, S. 57. 1892 besuchte der Württembergische König Wilhelm II. das Privathaus Friedrich Voiths. Seine Maschinenfabrik war das zweitgrößte Unternehmen Heidenheims, insgesamt besuchte der König vier Unternehmen in Heidenheim. 1892 beschäftigte das Unternehmen 330 Mitarbeiter und gehörte damit zu den größten Unternehmen im Königreich Württemberg.
In anderen Zentren der Industrialisierung kam es zu dieser Zeit zu zahlreichen sozialen Konflikten zwischen Unternehmen und Arbeitern. Dass dies in den Heidenheimer Großbetrieben nicht der Fall war, wird auf verschiedene Ursachen zurückgeführt. So nennt die Forschung traditionell enge Wechselbeziehungen zwischen Gewerbe und Landwirtschaft und das Faktum, dass Heidenheim nur eine Kleinstadt war.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. C. H. Beck, München 2003, S. 35. Des Weiteren wird angenommen, dass der hohe Anteil von arbeitenden Frauen und Kindern in der Textilindustrie ein Faktor dafür gewesen sein könnte, dass Sozialdemokratie und Gewerkschaften in Heidenheim nur langsam Fuß fassten.Michael Krüger: Heidenheim. Die Stadt und ihre Industrie im 19. Jahrhundert. Heidenheim 1984, S. 138. Trotzdem begannen sich die Arbeiter zu organisieren. 1890 wurde in Heidenheim ein Büro des Deutschen Metallarbeiter-Verbands eröffnet und ein SPD-Ortsverein gegründet. Für 1904 nahm man 80 bis 100 Gewerkschaftsmitglieder an. Im selben Jahr gründete man ein sogenanntes Gewerkschaftskartell, um die verschiedenen bis dahin entstandenen Gewerkschaften (der Buchdrucker, Holzarbeiter, Bauarbeiter und Fabrikarbeiter) miteinander zu verbinden.
Ab 1893 nahm die Firma J. M. Voith den Bau von Pelton-Turbinen auf. Für Friedrich Voith war die Fertigung der Freistrahlturbinen ein weiterer Fortschritt in wirtschaftlicher wie technologischer Hinsicht. Für ihn war der Kontakt zu Wissenschaft und Forschung essenziell. Voith erhielt 1903 einen Auftrag zum Bau der größten Turbinen der Welt: zwölf Francis-Turbinen mit je 12.000 PS für die Kraftwerke an den Niagarafällen in den USA und Kanada.Anne Nieberding: Unternehmenskultur im Kaiserreich. Die Gießerei J. M. Voith und die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. C. H. Beck, München 2003, S. 30–32. In der Folge expandierte der Turbinensektor bei Voith mit dem Bau neuer Elektrizitätswerke.