Die Revisionistische Schule der Islamwissenschaft ist eine vor allem seit den 1970er Jahren zunehmend bedeutsame Strömung innerhalb der Koran-, Hadith- und Sīra-Forschung, die durch Anwendung der Historisch-kritischen Methode, des wissenschaftlichen Standardverfahrens zur Analyse historischer Texte, auch innerhalb der Islamwissenschaft einen Paradigmenwechsel einleitete.Kurt Bangert: , Verlag Springer 2016; S. 265.Vgl. zum Beispiel François de Blois, , in: The Qur’an in Context, hrsg. von Angelika Neuwirth u. a., 2010

Die Anwendung dieser wissenschaftlichen Methoden führte in vielen Fällen zu einer Revision der vormals von Islamgelehrten und Islamwissenschaftlern vorgetragenen Darstellungen, Dogmen und Interpretationen, was letztere zu Kritik an den Vertretern und Arbeitsergebnissen der historisch-kritischen Methode veranlasste. Umgekehrt wurde Teilen der traditionellen Islamwissenschaft vorgeworfen, nicht wissenschaftlich zu arbeiten und insbesondere der islamischen Traditionsliteratur ein viel zu großes Gewicht beizumessen.Markus Groß: Der Koran – kein europäischer Text. Mehr als eine Rezension zu Angelika Neuwirth: „Der Koran als Text der Spätantike – Ein europäischer Zugang“. In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Die Entstehung einer Weltreligion III. Die heilige Stadt Mekka – eine literarische Fiktion. Schiler, Berlin 2014

Begriff und Ausgangsstandpunkt des Revisionismus Der Begriff Revisionismus wurde zuerst von den Gegnern der neuen wissenschaftlichen Bewegung geprägt und wird von ihnen zum Teil noch heute mit einem abwertenden Unterton gebraucht.Vgl. zum Beispiel François de Blois, , in: The Qur’an in Context, hrsg. von Angelika Neuwirth u. a., 2010. Judith Herrin, , openDemocracy 12 July 2015 Dann wurde er von den Medien aufgegriffen, um die neue Bewegung mit einem prägnanten Schlagwort benennen zu können.Vgl. zum Beispiel Toby Lester: What is the Koran?, in: The Atlantic, issue January 1999 Heute gebrauchen auch die Anhänger der neuen Bewegung den Begriff des Revisionismus, um ihre Bewegung zu bezeichnen, allerdings meist in Anführungszeichen geschrieben und mit einem leicht selbstironischen Unterton.Vgl. zum Beispiel Patricia Crone: Among the Believers, Tablet Magazine 10. August 2010

Das Kernanliegen der revisionistischen Schule ist es, mit der praktisch schon seit Ignaz Goldziher vorhandenen Erkenntnis ernstzumachen, dass die traditionellen islamischen Überlieferungen über die Frühzeit des Islam, die erst 150 bis 200 Jahre nach Mohammeds Tod niedergeschrieben wurden, als geschichtliche Quellen von fragwürdigem Wert sind. Betroffen sind die Lebensgeschichte des Mohammed, die Entstehungsgeschichte des Koran und die geschichtliche Entwicklung unter der ersten islamischen Dynastie der Umayyaden. Die wahren geschichtlichen Abläufe der islamischen Frühzeit müssten mithilfe der historisch-kritischen Methode neu erforscht und rekonstruiert werden, statt die später entstandenen Erzählungen einfach zu akzeptieren.

Die wichtigsten Vertreter

Ihren Ausgangspunkt nahm die neue Bewegung an der School of Oriental and African Studies SOAS in London durch zwei Veröffentlichungen von John Wansbrough: Quranic Studies (1977) und The Sectarian Milieu (1978). Zu den Schülern von Wansbrough zählten unter anderem Andrew Rippin, Norman Calder, G. R. Hawting, Patricia Crone und Michael Cook. Das Buch Hagarism: The Making of the Islamic World (1977) von Patricia Crone und Michael Cook sorgte mit provozierenden Thesen für Aufmerksamkeit in der Wissenschaftsgemeinde, später distanzierten sich die beiden Autoren allerdings von allzu weitreichenden Thesen. Der grundsätzlich neue Forschungsansatz wurde jedoch aufrechterhalten. Auch Martin Hinds studierte an der School of Oriental and African Studies in London. Robert G. Hoyland ist ein Schüler von Patricia Crone.

Einen zweiten lokalen Schwerpunkt hat die neue Bewegung an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken („Saarbrücker Schule“). Ein Schwerpunkt in Saarbrücken ist schon seit den 1970er Jahren die historisch-kritische Erforschung der Entwicklung des Korantextes, namentlich durch Günter Lüling und Gerd-Rüdiger Puin. Ebenfalls in Saarbrücken entwickelte Karl-Heinz Ohlig Anfang der 2000er Jahre zusammen mit Volker Popp, Christoph Luxenberg und Markus Groß eine Theorie zur Frühzeit des Islam, die die Existenz einer historischen Person Mohammed bestreitet.

Weitere Vertreter sind: der niederländische Arabist und Islamologe Hans Jansen, der 2005/2007 in einem beachteten Werk detailliert aufzeigte, warum die bekannten Erzählungen um das Leben des Mohammed Legenden seien. Yehuda Nevo veröffentlichte 2003 sein Werk Crossroads to Islam: The Origins of the Arab Religion and the Arab State, in dem er die Historizität von Mohammed bestritt. James A. Bellamy ist bekannt für seine Textkritik am Koran und für seine Emendationsvorschläge, also Korrekturvorschläge am überlieferten Korantext. Fred Donner hat 2010 als Erster eine fundierte Hypothese von der Frühzeit des Islam vorgelegt, die voreilige Schlussfolgerungen und unüberlegte Spekulationen vermeidet und auf große Resonanz stieß.

Tom Holland studierte Geschichte und ist zu einem bekannten Autor populärwissenschaftlicher Sachbücher zur antiken Geschichte geworden. Mit seinem Werk In the Shadow of the Sword (2012; deutsch: Im Schatten des Schwertes 2012), bzw. in dem darauf basierenden Dokumentarfilm Islam: The Untold Story hat Tom Holland maßgeblich zur Popularisierung der neuen Hypothesen beigetragen. Tom Holland stellt darin eine mögliche Synthese der verschiedenen Ansätze der Revisionisten vor und hat damit ebenso wie Fred Donner eine fundierte Hypothese von der Frühzeit des Islam vorgelegt, die Übertreibungen vermeidet.

Sven Kalisch ist ein deutscher islamischer Theologe und Apostat, der es ablehnte, islamische Theologie ohne Berücksichtigung der neuen Erkenntnisse der historisch-kritischen Forschung zu betreiben. Daraufhin wurde ihm von deutschen Islamverbänden die Anerkennung als Hochschullehrer für angehende islamische Religionslehrer entzogen. Kalisch trat später aus dem Islam aus. Er lehrt heute Geistesgeschichte im Vorderen Orient in nachantiker Zeit in Münster. Dan Gibson ist eigentlich kein Vertreter des Revisionismus, da er als biblisch motivierter Privatforscher religiöse Texte tendenziell wörtlich zu nehmen pflegt. Allerdings hat er mit seinem Werk Quranic Geography (2011) die Frage nach dem wahren Ort der Entstehung des Islam neu gestellt und Argumente für die These vorgelegt, dass der Islam nicht in Mekka, sondern in Petra in Jordanien entstanden sei.

Die These von der Unglaubwürdigkeit der islamischen Überlieferung Die Argumente gegen die Glaubwürdigkeit der traditionellen islamischen Überlieferungen über die Anfänge des Islam wurden zum Beispiel von Hans Jansen in dessen Hauptwerk Der Historische Mohammed zusammenfassend dargelegt. Jansen bespricht darin die Darstellungen der Prophetenbiographie des Ibn Ishāq bzw. Ibn Hischām, einem für den traditionellen Islam maßgeblichen Text, Abschnitt für Abschnitt. Jansen zeigt innere Widersprüche auf, Widersprüche zu anderen außerkoranischen geschichtlichen Quellen, Ausschmückungen und Übertreibungen durch spätere Autoren, politisch bzw. theologisch motivierte Verzerrungen der Darstellung, symbolische Bedeutungen von angeblich historischen Namen, literarische Gestaltungen der Darstellung zum Beispiel nach biblischen Vorbildern, aber auch chronologische und kalendarische Unglaubwürdigkeiten.

Einige Beispiele:Vgl. Jansen, De Historische Mohammed, 2 Bände, 2005/2007

Obwohl es zur Zeit des Mohammed noch Schaltmonate gab, die zahlreich in den Mondkalender eingeschaltet werden mussten und die erst später (angeblich von Mohammed) abgeschafft wurden, ereignet sich kein einziges der zahllosen von Ibn Ishaq berichteten und genauestens datierten Geschehnisse in einem solchen Schaltmonat. Die genaueste Datierung zahlloser Ereignisse durch einen Autor, der erst 150 Jahre danach schrieb, sei per se unglaubwürdig. Die Darstellung einer besonders engen Bindung von Mohammed an seine Ehefrau Aischa sei politisch bzw. theologisch motiviert: Aisha war die Tochter des Kalifen Abū Bakr, der gegen den Willen von Ali zum Nachfolger des Mohammed wurde. Um diese Nachfolge gegen Ansprüche der Schiiten abzusichern, die Ali favorisierten, werde die Verbindung der Tochter des Abū Bakr mit Mohammed besonders betont: Aischa war angeblich die Lieblingsfrau des Propheten, und der Prophet vollzog die Ehe mit Aischa angeblich ungewöhnlich früh. Die Darstellung des Massakers an dem jüdischen Stamm der Banū Quraiza ist politisch bzw. theologisch motiviert: Wie der „Vertrag von Medina“ zeigt, waren die Juden anfangs ein Teil der Umma und wurden auch als „Gläubige“ angesprochen; vgl. auch die Forschungen von Fred Donner. Als der Islam sich später, nach dem Tod des Mohammed, vom Judentum loslöste, entstanden antijudaistische Lesarten der Vergangenheit. Die Überlieferung vom dreifachen Verrat an Mohammed durch drei jüdische Stämme, welche an die in den Evangelien geschilderte dreifache Verleugnung Jesu durch Simon Petrus erinnert, ist historisch zweifelhaft. Zufolge verschiedener Überlieferungen dieser Begebenheit wurden ausschließlich die Stammesführer für den Verrat bestraft, nicht aber jedes einzelne Stammesmitglied männlichen Geschlechts. Die Namen der drei angeblich verräterischen jüdischen Stämme tauchen auch nicht im „Vertrag von Medina“ auf. Schließlich wäre ein solches Massaker nicht unbemerkt geblieben, auch nicht in der Zeit Mohammeds, und speziell nicht, wenn man bedenkt, dass die Opfer Juden waren: Juden lebten für gewöhnlich in internationalen Handelsnetzwerken, und Juden sind bekannt dafür, ihre Geschichte schriftlich festzuhalten. Das Massaker hat höchstwahrscheinlich niemals stattgefunden. Die Darstellungen des Ibn Ishaq sind allgemein bekannt dafür, die Leistungen des Propheten plakativ zu überzeichnen. Bei Ibn Ishaq tötet Mohammed stets mehr Feinde als in anderen Überlieferungen. Auch die Darstellung der sexuellen Potenz des Propheten, der angeblich alle seine Frauen in einer Nacht befriedigen konnte, ist auf fragwürdige Weise übertrieben. In dieselbe Kategorie fällt die Darstellung von Mohammed als Analphabeten. Die Offenbarung des Korantextes wird umso wundersamer und die Leistung des Propheten umso erstaunlicher, wenn Mohammed ein Analphabet war. Die Erzählung von der Botschaft Mohammeds an den Kaiser von Byzanz, dass dieser sich bekehren solle, rechtfertigt die arabische Expansion im Nachhinein als religiöse, islamische Expansion.

Jansen weist darauf hin, dass die historisch fragwürdigen islamischen Überlieferungen von großer Bedeutung für die Interpretation des Korans sind. Denn der Koran lässt den Anlass einer Offenbarung meist offen. Der historische Kontext wird im Koran höchstens angedeutet. Viele islamische Überlieferungen entstanden lange nach Mohammeds Ableben aus bloßen Vermutungen, für was für eine Situation ein Koranvers geoffenbart worden war. Durch die historisch fragwürdigen islamischen Überlieferungen wird die Interpretation des Koran seitdem eingeengt.

Auch Patricia Crone hat in ihrem Werk Meccan Trade and the Rise of Islam eine grundsätzliche Kritik an der Glaubwürdigkeit der islamischen Überlieferung formuliert und belegt. Diese Kritik wird in der Literatur viel zitiert, bespricht jedoch nur einige wenige Aspekte aus dem Leben Mohammeds, die stellvertretend das Wesen des gesamten Überlieferungsmaterials aufzeigen sollen. Im Zusammenhang mit Begegnungen des jungen Mohammed mit Juden, die ihn als Propheten erkennen, und anderen Erzählungen, schreibt Patricia Crone:

Thesen über die Anfänge des Islam