Die Heidelberger Thingstätte () ist eine in der Zeit des Nationalsozialismus vorgeblich nach dem Vorbild antiker griechischer Theater als Thingstätte errichtete Freilichtbühne auf dem Heiligenberg in Heidelberg. mini|Thingstätte in Heidelberg Die Grundsteinlegung für die „Thingstätte Heidelberg“ vollzog sich am 30. Mai 1934 und am 22. Juni 1935 wurde sie unter dem neuen Namen „Feierstätte Heiligenberg“ von Propagandaminister Joseph Goebbels eröffnet. Sie spielte eine bedeutende Rolle in der schnell bedeutungslos werdenden Thingbewegung. Nachdem die Anlage in den Nachkriegsjahren brach gelegen war, fanden dort später vereinzelt wieder Veranstaltungen statt und es wurde allgemein auf die Bezeichnung als „Thingstätte“ wieder zurückgegriffen. Bis 2018 wurde sie hauptsächlich für inoffizielle Walpurgisnachtfeiern genutzt. Die Anlage ist ein geschütztes Kulturdenkmal.

Geschichte Vorgeschichte In den ersten Jahren nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und als Teil der NS-Kulturpropaganda bildete sich die Thingbewegung heraus. Ihre Zielsetzung war es, „… aus dem Gemeinschaftserlebnis heraus den neuen deutschen Menschen nach dem Willen des Führers zu formen und zu schaffen“. auf zum.de, Januar 2003.

Bauplanung mini|Das zerstörte Heidelberger Schloss wurde zu einem Sinnbild des Pfälzischen Erbfolgekrieges. Zeitgenössische Darstellung (1693), Sprengung des Schlosses und brennende Stadt.

Die Anlage auf dem Heiligenberg wurde als zentraler Ort der Thingbewegung ersonnen und Heidelberg sollte als „ein Salzburg des deutschen Südwestens“ dem Nationalsozialismus weltweit zu Anerkennung verhelfen.Oliver Fink: Kleine Heidelberger Stadtgeschichte, Friedrich Pustet Verlag, Regensburg, 2005, S. 114. Es sollten die alten Heidelberger Festspiele (1926–1929) mit der geplanten Thingstätte wiederbelebt werden, nun aber unter NS-Schirmherrschaft. Es wurde der Name „Reichsfestspiele“ erfunden und beginnend 1934 wurden derartige Spiele – unter dem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels – ideologisch genutzt. Die Idee, aus Heidelberg „ein Salzburg des deutschen Südwestens“ zu machen, stammte jedoch substanziell noch aus der Zeit der Weimarer Republik.Oliver Fink: Ein Salzburg des deutschen Südwestens? Schlossfestspiele in Heidelberg. In: Heidelberger Jahrbuch zur Geschichte der Stadt, hrsg. vom Heidelberger Geschichtsverein, 6/2001, S. 61–77. Die Stadt wurde als „Weltstadt des Geistes“, als „lebendiger Hauch der deutschen Seele“ oder als „Brennpunkt des Reichsgedankens“ zu propagandieren versucht und damit ideologisch überhöht. Heidelberg wurde damit zur „Stadt der Reichsfestspiele“. 1934 wurden diese im Innenhof des Heidelberger Schlosses erstmals inszeniert, sollten eine „Revolutionierung des deutschen Theaters“ einleiten und „repräsentative Zeugen der neuen Kunstauffassung“ werden.

Als seit dem Mittelalter angesehene Studentenstadt, ehemalige Studier- und Lieblingsstadt Goebbels hatte diese gute Aussichten den Zuschlag für das monumentale Bauprojekt zu erhalten. Sie erlangte in jenen Jahren die Betitelung „Wallfahrtsort“, welche die Bedeutung Heidelbergs als einen zentralen Ort der „Reichsfestspiele“ deutlich macht. Bei der Standortwahl für die Thingstätte wurden Vergleiche mit anderen kultischen Stätten in geographischer Nähe herangezogen, so z. B. Heidelberger Schloss, Speyerer Dom und Wormser Dom. Zudem die örtliche Nähe zum 1934 begonnenen Ehrenfriedhof Heidelberg, denn es bot sich die Möglichkeit, unter Instrumentalisierung gefallener Soldaten des Ersten Weltkrieges eine Einheit mit der zu errichtenden neuen Kultstätte zu bilden. Dies förderte insgesamt die Entscheidung für den Standort Heidelberg.Oliver Fink: 'Kleine Heidelberger Stadtgeschichte', Friedrich Pustet Verlag, Regensburg, 2005, S. 116. Der übersteigerte Totenkult der NS-Zeit fand in diesen Stätten ihren Ausdruck. Die in Sichtweite liegende Schlossruine wurde propagandistisch „für die ganze Größe und Tragik deutscher Vergangenheit“ in Beschlag genommen (Presseunterlagen 20. Juni 1935).Thingstätte Heidelberg Warum die Nazis die Thingstätte bauten, auf rnz.de In Anknüpfung an angeblich „uraltes Ahnenerbe“ wurde auf dem Heiligenberg ein Versammlungsplatz konstruiert, bei dessen architektonischer Gestaltung sich auf das germanische „Thing“, einem nicht näher zu spezifizierenden Volksversammlungsplatz im Freien, als Vorbild berufen wurde. In diesem Zusammenhang wurde der sagenumwobene Heiligenberg mit dem Heidenloch und den vielen frühgeschichtlichen Siedlungsresten als idealer Standort einer solchen Thingstätte ausgewählt.

Die Thingstätte sollte daraufhin nach Plänen des Architekten Hermann Alker fertiggestellt werden. Sie ist im Grundkonzept als eine Einheit mit dem Heidelberger Ehrenfriedhof auf dem Ameisenbuckel, einem dem Heiligenberg auf der anderen Neckarseite liegenden Höhenzug und dem dazwischen liegenden Schloss konzipiert worden.

Funktion in der NS-Zeit Die NS-Ideologie wird im Zusammenhang mit der von ihr angestrebten Volksgemeinschaft in ihren Medien oft als „Glaube“ bezeichnet und die Thingstätte als ein Ort der Huldigung sowie Ausübung jenes „Glaubens“. Dementsprechend lautet zum Beispiel 1935 eine Überschrift der Zeitung Heidelberger Volksgemeinschaft: „Das Thing als Kultstätte des nationalsozialistischen Glaubens“.Zeitung, Volksgemeinschaft: Das Thing als Kultstätte des nationalsozialistischen Glaubens, 22. Juni 1935. Die Thingstätte kann somit als ein „heiliger“ Ort und geplante Ausübungsstätte des NS-„Glaubens“ betrachtet werden. Die sakrale Gestaltung des NS-Baues kann als Ausdruck des nationalsozialistischen „Glaubens“ betrachtet werden. Viele Merkmale der Thingstätte manifestieren und unterstützen das beabsichtigte Erscheinungsbild als Sakralort.

Das Nationalblatt berichtete im März 1935 im Zusammenhang mit der Thingstätte in Koblenz, die mit in großer Hektik und Rücksichtslosigkeit auf dem Vorplatz des Kurfürstlichen Schlosses entstanden war, dass volkswirtschaftlicher Wert und hohe Kosten keine Rolle spielen durften und erklärte dies mit einem „tiefen Sinn“ der Thingstätten:

„Der Arbeitsdienst verrichtet grundsätzlich nur solche Arbeiten, deren volkswirtschaftlicher Wert einwandfrei feststeht und deren Durchführung wegen zu hoher Kosten unterbleiben müßte, wenn sie auf dem Wege der freien Wirtschaft unternommen werden sollten. Seit der Arbeitsdienst unter rein nationalsozialistischer Führung steht, ist an diesem Grundsatz unbedingt und immer festgehalten worden. Eine einzige Ausnahme hat die Reichsleitung des Arbeitsdienstes genehmigt: Den Thingplatzbau. Das hat einen tiefen Sinn. Die Thingplätze sollen Heimstätten einer neuen, aus nationalsozialistischer Gestaltungskraft entsprungener Volkskultur und Volkskunst werden.“ Zitat: Nationalblatt (Kreis Kreuznach) März 1935, auf landeshauptarchiv.de

Dirk Zorbach von der Universität Koblenz analysiert einen anderen Sinn in den Thingbauten. Er betont, dass, durch eine umfassende Propaganda und mit mystisch-rituellen Festen und Feiern, versucht wurde eine politische Ersatzreligion zu etablieren. Zudem musste NS-Heldenkult gerade an solchen Stätten immer gegenwärtig sein.Dirk Zorbach: „Führer unser …“ - Die nationalsozialistische Propaganda als Ersatzreligion am Beispiel der Feste und Feiern in Koblenz; in: Jahrbuch für Westdeutsche Landesgeschichte 2001 (Band 27); Koblenz 2002, S. 309–372. Allgemein wurde mit dem Instrument Thingbewegung und in Anknüpfung an ein vorgeblich uraltes Ahnenerbe probiert, großteils im Dunkeln liegende germanische Rechtstraditionen aus der Versenkung hervorzuholen und nach eigenen ideologischen Vorstellungen zu einem Massenereignis umzufunktionieren. Grundsätzlich ging der Begriff „Thing“ zwar auf eine germanische, rechtsprechende Versammlungsform zurück. Allerdings unterlag die Bedeutung des Wortes je nach Region und historischem Kontext einem häufigen und eklatantem Wandel. Das germanische „Thing“ bzw. „Ding“ war eine Volks-, Heeres- oder Gerichtsversammlung, unter Vorsitz eines Königs, Stammes- oder Sippenoberhauptes, welche unter freiem Himmel stattfand. Der Ablauf eines „Things“ wird in der Germania (Tacitus) geschildert. Seit der Frühen Neuzeit fand sie große Beachtung und entfaltete auf diese Weise eine erhebliche Breitenwirkung. Die neuere Forschung sieht das Werk als durchaus kritisch an und weist auf die problematische Rezeptionsgeschichte hin. In fränkischer Zeit bezeichnete das „Ding“ nur noch das Gericht, eine Versammlung von Rechtsgenossen unter dem Vorsitz eines Richters. Thingstätten im „Dritten Reich“ wurden zur „Erziehung und Disziplinierung“ für die „neuen deutschen Menschen“ gebaut, die dort durch künstlerische und darstellerische Art und Weise transportiert werden sollte. Das Publikum wurde bei diesen Veranstaltungen beabsichtigt miteinbezogen, um dem Propagandaziel der Verschmelzung des Volkes zur NS-Volksgemeinschaft gerecht zu werden. Die Thingspiele und Theaterstücke – besser als kultische Sprechchordramen umschrieben – stellten bildlich und akustisch NS-Ideologie dar. In Heidelberg wurden 1935 bis 1939 jährlich diese Stücke in Reichsfestspielen aufgeführt.Schatten auf dem Mythos Heidelberg – Auf den Spuren der Nationalsozialisten, auf scienceblogs.de

In den NS-Medien wurde stets ein großer ideologischer Nutzen der Thingstättenbewegung behauptet, davon profitierten die verschiedenen Arbeitsdienste, sowie der Thingstättenbau gleichermaßen. Durch den Bau kulturpolitischer Infrastruktur in monumentaler Ausführung, welche über die Landesgrenzen hinaus umfänglich publik zu werden versprach, versuchte das NS-Regime Friedfertigkeit vorzuspiegeln. Auch die in den Strukturen immer mehr paramilitärischen Arbeitsdienste – besonders des späteren RAD – sollten mit ihrer Beteiligung diese kaschieren. Über den kriegsvorbereitenden Grund besonders der 1935 allgemein eingeführten sechsmonatigen Dienstverpflichtig zum RAD und der ebenfalls eingeführten Wehrpflicht – welche dieser vorangestellt wurde – sollte mit möglichst harmlos wirkenden Projekten getäuscht werden.Kiran Klaus Patel: „Soldaten der Arbeit“: Arbeitsdienste in Deutschland und den USA 1933–1945, Vandenhoeck & Ruprecht, 2003, S. 315.

Grundsteinlegung Die Grundsteinlegung vollzog sich am 30. Mai 1934 durch Robert Wagner und Oberbürgermeister Carl Neinhaus. Das Heidelberger Stadtoberhaupt betonte in seiner Festrede die mythische Bedeutung des „heiligen Berges“ und sah in bildlicher Sprache aus dem „roten, blutfarbenen Sandstein […] die volksnahe Stätte neuen Schauens und Hörens wachsen“.

Sogenannte „Thingstättenweihen“ hatten eine besondere kultische Bedeutung und wurden auch als „Volkswerdungsfeiern“ bezeichnet.

Bauausführung und Streik Unterstützt durch die Heidelberger Studentenschaft haben zeitweilig über 1.200 Männer des Arbeitsdienstes auf dem Gelände gearbeitet. Die Pläne stammen von dem Karlsruher Hochschulprofessor Hermann Alker und waren im Endentwurf eine Amphitheateranlage mit 8.000 Sitz- und etwa 5.000 Stehplätzen, zwei sechseckigen Flaggentürmen für Beleuchtung und Ton sowie breiten Aufmarschrampen für zum Beispiel Chor, Spieler und Zuschauer.