mini|„USA 1938: Die jüdische Familie Simon flüchtete aus Deutschland in die USA; ihr Ziel ist San Francisco. Aus Hamburg kommend bei ihrer Ankunft in New York: Paul Simon und seine Frau (Mitte), sein Vater Franz Simon (r.), seine Tochter (l.) und seine Söhne Günther, Hans-Peter und Gerd.“ Das Deutsche Exil in der Zeit des Nationalsozialismus begann in der Regel 1933 und umfasst auch Staatsbürger von Österreich.

Exilanten Aufgrund der Situation in der Zeit des Nationalsozialismus entschlossen sich zunächst insbesondere politische Gegner der Nationalsozialisten dazu, das Deutsche Reich zu verlassen.

In der Folgezeit gaben vor allem Menschen jüdischer Herkunft ihr deutsches Zuhause auf.Emigration und Exil infolge des Nationalsozialismus 1933–1945. S. 1, abgerufen am 23. Februar 2017. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, die Nürnberger Gesetze und die Novemberpogrome 1938 waren die wichtigsten Anlässe. Mit dem Schritt in das Exil versuchten die Menschen, der politischen Diskriminierung durch das Regime, der Inhaftierung in einem der Konzentrationslager oder sogar ihrer Ermordung zu entgehen.

Verfolgte und Entrechtete verließen das Deutsche Reich zu Hunderttausenden. Schätzungen zufolge waren es 500.000 Menschen, die diesen Weg in der NS-Zeit gingen. 360.000 der Exilanten stammten aus Deutschland. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 kamen ungefähr 140.000 Österreicher hinzu. Der weitaus größte Teil von ihnen, zwischen 80 und 90 Prozent, war jüdischer Abstammung.Wolfgang Benz: Die jüdische Emigration In: Claus-Dieter Krohn (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945, Darmstadt 1998, S. 5–14

Am 23. Oktober 1941 erließ das Reichssicherheitshauptamt unter Heinrich Himmler allerdings ein generelles Ausreiseverbot für Juden, was schätzungsweise 200.000 Menschen betraf.September 1941: Einführung der Kennzeichnungspflicht für Juden im Deutschen Reich, abgerufen am 23. Februar 2017. Zuvor hatte die nationalsozialistische Führung, namentlich Hermann Göring, durch die Einrichtung der Reichszentrale für jüdische Auswanderung Anfang 1939 zunächst versucht, die Emigration jüdischstämmiger Deutscher zu beschleunigen. Als Vorbild für die Reichszentrale diente die 1938 entstandene Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien. Die Reichszentrale für jüdische Auswanderung organisierte später die Deportation in die Vernichtungslager.

Schriftsteller Deutschen Schriftstellern, die nicht mit den Anschauungen der Nationalsozialisten übereinstimmten, wurde es untersagt zu veröffentlichen. Im Mai 1933 mussten etliche von ihnen erfahren, dass ihre Werke verbrannt wurden. Um überleben zu können, entschieden sie sich für das Exil. Auch kam es in Deutschland zu Ausbürgerungen von geächteten Schriftstellern. Zu den Ausgebürgerten zählte Kurt Tucholsky, der bereits 1929 Deutschland – allerdings nur vorübergehend – verließ.

Exilliteratur Im Jahr 1933 entstand zum Beispiel in Amsterdam der Querido Verlag. Dieser gab von deutschen Autoren während der Zeit des Exils geschaffene Literatur heraus.

Als Begründer der deutschen Exilliteraturforschung gilt der Literaturwissenschaftler Walter Arthur Berendsohn. Er hatte Deutschland 1933 aufgrund seiner jüdischen Abstammung verlassen müssen.

Exil als Thema in der deutschsprachigen Literatur Zu den Autoren, die als Exilanten das Exil zum Thema ihrer Schriften machten, gehörte Klaus Mann. Sein Roman Der Vulkan beschreibt die Situation deutscher Exilanten in Paris und andernorts.

Das Schicksal der Exilanten in Marseille und ihren oft entwürdigenden Kampf um Visa bildete den Hintergrund des Romans Transit von Anna Seghers, der 1944 erschien.

Judith Kerr veröffentlichte 1971 das Buch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Dieses beschreibt die Flucht ihrer jüdischstämmigen Familie aus dem nationalsozialistischen Deutschland.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellte Ursula Krechel in zwei Romanen das Exil und die davon betroffenen Menschen in den Mittelpunkt. Im Roman Shanghai fern von wo beschreibt sie das Schicksal einiger der 18.000 Juden, die im Shanghaier Ghetto überleben konnten. Krechels Roman Landgericht, für den sie 2012 den Deutschen Buchpreis bekam, stellt den jüdischen Richter Dr. Richard Kornitzer in den Mittelpunkt, der Exil in Havanna findet und 1947 aus dem Exil nach Deutschland zu seiner Familie zurückkehrt, wo er mit seinem Verlangen nach Wiedergutmachung und Wiederherstellung seiner Würde scheitert.

Publizisten Hunderte Zeitschriften, die von Exilanten herausgegeben wurden, erschienen zwischen 1933 und 1945 außerhalb Deutschlands. Ihre Erscheinungsdauer überschritt den Zeitraum eines Jahres selten. Ein Beispiel für eines der Blätter ist die Freie Presse, welche Publizisten herausgaben.

Filmschaffende, Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler, Kameramänner, Techniker und Schnittmeister Schätzungsweise 2.000 Filmschaffende, Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler, Kameramänner, Techniker und Schnittmeister verließen das Deutsche Reich.

War zunächst das europäische Ausland ein wichtiger Zufluchtsort für sie, wurden die Vereinigten Staaten von Amerika nach dem Beginn des Krieges in dieser Hinsicht zunehmend bedeutsam. Billy Wilder beispielsweise übersiedelte 1933 nach Paris, ein Jahr später konnte er in die Vereinigten Staaten einreisen.

Viele bauten im Aufnahmeland eine neue künstlerische Existenz auf.Film und Exil im Dritten Reich, abgerufen am 23. Februar 2017. Exilanten, die in die Sowjetunion geflüchtet waren, gehörten jedoch auch zu denjenigen, welche den Stalinschen Säuberungen zum Opfer fielen. Dies galt für die Mitarbeiter der Filmproduktionsgesellschaft Meschrabpom.Oksana Bulgakowa: Proletarier aller Länder, amüsiert Euch! In: Die Tageszeitung vom 9. Februar 2012.

Wissenschaftler Die deutschen Universitäten verloren zwischen 1933 und 1945 ein Fünftel ihres Lehrkörpers aufgrund der nationalsozialistischen Machtausübung. Dabei handelte es sich überwiegend um Juden oder um Wissenschaftler jüdischer Herkunft. Von den Entlassenen sind, wie neuere Forschungen zeigen, 60 Prozent emigriert.Michael Grüttner: The Expulsion of Academic Teaching Staff from German Universities, 1933–45. In: Journal of Contemporary History, Jg. 57 (2022), S. 513–533. Noch größer war der Substanzverlust der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die nach den Berechnungen von Reinhard Rürup seit 1933 fast ein Drittel ihrer wissenschaftlichen Mitglieder und 10 von 35 Institutsdirektoren bzw. Leitern von Forschungsstellen verlor. Ein Großteil der Betroffenen emigrierte.Reinhard Rürup, unter Mitwirkung von Michael Schüring: Schicksale und Karrieren. Gedenkbuch für die von den Nationalsozialisten aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft vertriebenen Forscherinnen und Forscher. Göttingen 2008.

Zur Unterstützung der Emigranten wurde im Jahr 1933 die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland gegründet. Diese Hilfsorganisation vermittelte Wissenschaftlern im Exil neue Arbeitsplätze. Eine Möglichkeit zur Fortführung der eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit bedeutete dies nicht unbedingt. Einige deutsche Wissenschaftler konnten ihre wissenschaftliche Karriere im Exil weiter voranbringen. Dies galt auch für Max Born.

Max Horkheimer und dem Institut für Sozialforschung (IfS) gelang es, die Emigration rechtzeitig vorzubereiten und das Institut zunächst nach Genf und später in die USA zu verlegen. Aufgrund der dem Institut auch im Exil zur Verfügung stehenden Mittel konnte es nicht nur die eigene Forschungsarbeit fortsetzen, sondern darüber hinaus emigrierten Sozialwissenschaftlern auch eine finanzielle Unterstützung zukommen lassen.

Wie schwierig der Weg in die Emigration und das Überleben war, lässt sich an den Lebensläufen von Ernst Abrahamsohn und Ernst Moritz Manasse ablesen. Sie mussten sich nicht nur mit den Widrigkeiten der US-Einwanderungspolitik auseinandersetzen, sondern mussten sich teilweise mit Beschäftigungen begnügen, die nicht ihren ursprünglichen Hoffnungen entsprachen. Manasse etwa, der Flüchtling aufgrund seiner jüdischen Herkunft geworden war, wurde Dozent an einer aus rassischen Gründen ausgegrenzten Institution, einer nur Schwarzen zugänglichen Hochschule in Durham. Er war allerdings der erste voll beschäftigte weiße Lehrer an dieser Institution.

Lehrer und Erzieher Mehr als 20 Exilschulen wurden weltweit von Lehrern und Erziehern gegründet, die Deutschland nach 1933 verlassen mussten. Auch diese boten Arbeitsplätze für Exilanten und gewährleisteten damit das Überleben.

Eine Einrichtung, deren Hintergrund die Volksfrontstrategie darstellte, war die Freie Deutsche Hochschule in Paris.

Architekten Durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933 verloren auch viele Architekten ihre Ämter in Verwaltungspositionen. Freie Architekten und Stadtplaner, die jüdischer Herkunft, politisch missliebig oder beides waren, wurden aus ihrem Berufsverband, dem Bund Deutscher Architekten (BDA), gedrängt und nicht in die Reichskammer der bildenden Künste aufgenommen, was faktisch einem Berufsverbot gleichkam. So erging es etwa Ferdinand Kramer, der in die USA emigrierte. Nach dem Krieg holte ihn Max Horkheimer nach Frankfurt zurück, wo er von 1952 bis 1964 das Amt des Baudirektors der Johann Wolfgang Goethe-Universität innehatte. Ebenso vertrieben wurden auch die Bauhaus-Architekten Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe. Viele bekannte Architekten fanden Zuflucht in der Türkei, darunter Bruno Taut, Robert Vorhoelzer, Wilhelm Schütte und seine Frau Margarete Schütte-Lihotzky, die Erfinderin der Frankfurter Küche.

Ernst May, der Vater des Neuen Frankfurts, hatte 1930 mit einer Gruppe seiner Mitarbeiter eine Einladung in die Sowjetunion angenommen. Als sich seine Vorstellungen vom Städtebau dort nicht realisieren ließen, konnte er nicht mehr nach Deutschland zurück, weil die Nationalsozialisten inzwischen die Macht erlangt hatten. Er emigrierte zunächst nach Tanganjika in Ostafrika und erwarb dort eine Farm. Ab 1937 widmete er sich wieder Architekturprojekten. In der kenianischen Hauptstadt Nairobi eröffnete er ein Büro. 1939 internierten ihn die Briten. May wurde verdächtigt, Antisemit zu sein und als Spion für die Nationalsozialisten in der Sowjetunion gearbeitet zu haben. Von 1940 bis 1942 befand er sich aufgrund der Verdächtigungen in der Südafrikanischen Union in Gewahrsam.

Sonstige Berufe

Das Humberghaus im südlichen Westmünsterland, in Dingden, stellt mittels originaler Dokumente und Gegenstände zunächst das Leben, dann die Flucht dreier verwandter Familien von Viehhändlern, koscheren Metzgern und Schneidern nach Kanada 1939/1940 dar. Das waren unter jüdischen Deutschen weitverbreitete Berufe, insbesondere unter Landjuden. Vier weitere Familien, alle aus dem gleichen Elternhaus stammend, wurde in der Shoa ermordet, einschließlich mehrerer Kinder.

Bemerkenswert an ihrer Flucht ist, dass die drei Familien sich mental lange darauf vorbereitet hatten; dass sie die Überfahrt selbst finanzierten und gestalteten, vermutlich mit Unterstützung aus Kanada, so, als wären sie normale Passagiere, eben Touristen, gewesen; und schließlich, dass sie die Erlaubnis zur Einwanderung von den kanadischen Instanzen erhielten, weil sie als Viehhändler zu den Agrarberufen zählten. Sie hatten schon in Deutschland selbst in größerem Umfang Schlachttiere (außer Schweinen natürlich) großgezogen und dadurch tatsächlich landwirtschaftliche Erfahrungen. Ob sie Geldmittel zum Kauf einer Farm mit nach Kanada bringen konnten, ist noch ein Thema weiterer Forschungen; nach der Gesetzeslage in Kanada wäre das eigentlich erforderlich gewesen. Möglicherweise erhielten sie zu diesem Zweck Zuschüsse caritativer jüdischer Organisationen in Kanada.

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