Das Scherzlied Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad ist bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen beliebt und wird in vielen verschiedenen Versionen gesungen. Es entstand möglicherweise schon in den 1930er Jahren als Mischung aus zwei verschiedenen, älteren Schlagern: Der Refrain des Rheinländers Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen, den Robert Steidl 1922 schrieb, bildet die Vorlage für die Melodie, wobei Steidl seinerseits diesen Melodieteil dem Trio-Teil des Liedes Die Holzauktion (um 1890) von Franz Meißner entlehnte. Die Melodie hat zudem eine auffällige Ähnlichkeit mit dem Hauptthema des Rondo aus Ferdinand Ries’ Sonate für Horn (oder Violoncello) und Klavier op. 34 von 1811. Dies könnte darauf hindeuten, dass dem Rondo von Ries und dem Trio der Holzauktion eine ältere, bereits zu Ries’ Zeit bekannte Melodie zugrunde liegt. Der Text ist dagegen an den Foxtrott Meine Oma fährt Motorrad, ohne Bremse, ohne Licht (1928) von Ernst Albert (Text) und Erwin Bolt (Musik) angelehnt; deutliche inhaltliche Parallelen weist auch das Lied Wenn die liebe Tante mit dem guten Onkel (ebenfalls 1928) von Förster und Hirsch auf.
Rhythmik und Melodik mini|hochkant|Melodie Die Textpassagen „Meine Oma fährt …“ beginnen jedes Mal mit einer Sexte als markantem Tonsprung aufwärts, gefolgt von zwei Tetrachorden abwärts. Die Energie dieser Achtelnoten mündet zunächst in das dreimalige „Motorrad“-Motiv, bestehend aus einer wiegenden Terz abwärts. Nach Wiederholung der Textpassage „Meine Oma fährt …“ steigt die Melodie stufenweise in Achtelnoten zum abschließenden Grundton der Tonart an.
Quellen und Textvarianten Das Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg im Breisgau hat die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Liedes ausführlich erforscht. „Es ist ein Spiegelbild des spielerischen Vergnügens am Absurden und zugleich ein typisches und virulentes Beispiel für jenes Liedgut, das sich parallel zur medial geprägten Musikkultur des 20. Jahrhunderts entwickelt und mit einer gewissen Eigendynamik beständig verändert.“ Die genaue Entstehungszeit der Mischfassung ist bislang nicht bekannt. 1935/36 ist das Textincipit erstmals in einer Zeitschrift nachweisbar.Gerd Eckert: Schlagertexte wenig verändert. In: Der Türmer: Deutsche Monatshefte. Die Bergstadt, Band 38 (1935–36), Teil 2, , S. 87–89, hier S. 88 (). Das älteste dem Deutschen Volksliedarchiv vorliegende Incipit stammt aus dem Jahr 1942.
Version von 1958 Gedruckt erschien Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad erstmals 1958 im Liederbuch Der Zündschlüssel vom Fidula-Verlag nach der Erinnerung des Herausgebers Johannes Holzmeister.Version von 1958, in Der Zündschlüssel
1. Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad, meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, meine Oma ist ’ne ganz patente Frau.
2. Meine Oma hat im hohlen Zahn ein Radio … 3. Meine Oma hat ’nen Nachttopf mit Beleuchtung … 4. Meine Oma hat ’ne Glatze mit Geländer … 5. Meine Oma hat ’ne Brille mit Gardinen … 6. Meine Oma hat ’nen Pet[t]icoat aus Wellblech … 7. Meine Oma hat im Strumpfband ’nen Revolver … 8. Denn meine Oma spielt in Hollywood ’nen Cowboy …
Version von 1980 Fredrik Vahle veröffentlichte 1980 im Liederspatz eine Version mit 25 Strophen, wobei die Oma der Zeit entsprechend hinter dem Lenkrad sitzt, Tagesschau guckt und in die Disco geht.Version von 1980, im Liederspatz
WDR-Version mini|Gegendemonstration in Köln Januar 2020 gegen eine Kundgebung anlässlich des „Umweltsau“-Videos Der Westdeutsche Rundfunk Köln (WDR) hat 2019 mit dem WDR-Kinderchor der Dortmunder Chorakademie eine neue Version mit dem Titel „Meine Oma“ aufgenommen, die von einem Autor der WDR-2-Redaktion stammt und „mit Überspitzung und Humor den Konflikt zwischen den Generationen aufs Korn nehmen“ sollte.Anna Ernst: „Dieses Ausmaß habe ich im Ansatz nicht erwartet“. Süddeutsche Zeitung vom 29. Dezember 2019, abgerufen am 14. Januar 2020. Diese Version wurde am 27. Dezember 2019 als Video bei Facebook veröffentlicht.
Nach Kritik am Text („Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau …“) wurde es kurze Zeit später „zum Schutz der Kinder“ wieder entfernt; Kopien des Videos sind nach wie vor bei YouTube abrufbar. Zu den Kritikern zählte unter anderem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Er schrieb, das Lied habe „Grenzen des Stil und des Respekts gegenüber Älteren überschritten. Jung gegen Alt zu instrumentalisieren“ sei „nicht akzeptabel.“ In einer WDR-Sondersendung am 28. Dezember entschuldigte sich der Intendant des Senders, Tom Buhrow, „ohne Wenn und Aber“ für das Video und bezeichnete es als einen „Fehler“. Programmchef Jochen Rausch sagte, man habe nicht ausreichend über „sprachliche Feinheit“ nachgedacht. mini|Kundgebung überwiegend rechtsgerichteter Teilnehmer am 4. Januar mit Auftritt des Rappers „Master Spitter“ Unterstellungen, dass Kinder für die Aufnahme instrumentalisiert worden seien, nannte der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbands „absurd und bösartig“, die Löschung des Videos sei „nicht schlau“ und „unglücklich“.
In einer Stellungnahme bezog sich Chorleiter Zeljo Davutovic positiv auf die von Kindern und Jugendlichen ausgehende Bewegung Fridays for Future und betonte: „Es geht nicht um die Oma, sondern um uns alle“. Er bat all diejenigen um Entschuldigung, „die sich trotz der Einordnung als Satire“ persönlich angegriffen fühlten.
Am 29. Dezember 2019 demonstrierten nach Schätzungen von Beobachtern zwischen 100 und 200 Personen vor dem Gebäude des WDR in Köln gegen den Sender und die Aufführung des Liedes. Nach Einschätzung der Polizei befanden sich auch rechtsgerichtete Personen unter den Teilnehmern. Auch am 4. Januar 2020 kam es zu Kundgebungen vor den WDR Arkaden. Den etwa 35 Demonstranten aus dem rechten und rechtsextremen Spektrum stellten sich etwa 1500 Gegendemonstranten entgegen.
Für den Konfliktforscher Maik Fielitz und den Sozialwissenschaftler Holger Marcks ist der Fall „ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie man einer künstlichen Empörungskampagne der extremen Rechten auf den Leim gehen kann“. Auswertungen eines Datenanalysten hätten gezeigt, dass vor allem rechtsextreme Kreise gegen den Videobeitrag mobilisiert hätten. Diese Stimmen seien „dann von manchen als eine Art Volksempfinden geadelt“ worden. Intendant Buhrow sei „nicht zu Unrecht“ dafür kritisiert worden, „über die Online-Strategien der extremen Rechten nicht gut im Bilde zu sein“.Maik Fielitz, Holger Marcks: Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus. Dudenverlag, Berlin 2020, S. 135.
Weblinks
Xaver Frühbeis: Ohne Bremse, ohne Licht: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. BR-Klassik Mittagsmusik extra, 31. Dezember 2010, abgerufen am 17. Juni 2018
Einzelnachweise
Kategorie:Kinderlied Kategorie:Volkslied Kategorie:Schlager (Lied)