miniatur|Schema der Mannheimer Innenstadt

Eine Planstadt ist eine Stadt oder ein Stadtteil, deren Grundriss ein deutlich erkennbarer Plan zugrunde liegt. Dies erfordert, dass die bebaute Fläche zur Planung völlig frei („auf der grünen Wiese“) war oder zumindest durch gezielten Abbruch (siehe auch Flächensanierung), Zerstörung im Krieg oder nach einer Brandkatastrophe freigeräumt wurde. Umgangssprachlich abwertend ist der Begriff Retortenstadt für eine „als Ganzes geplante und angelegte, nicht natürlich gewachsene Stadt“.Retortenstadt in duden.de, abgerufen am 6. November 2013

Besondere Umstände führen zur Gründung von Planhauptstädten. Sie unterscheiden sich oft durch Größe von gewöhnlichen Planstädten. Bekannte Beispiele sind Brasília, Canberra, Islamabad, Nusantara, Neu-Delhi, Sankt Petersburg und Washington, D.C.

Geschichte Planstädte gab es in vielen Epochen der Geschichte, bereits in der Antike wurden Städte nach strengen Mustern angelegt. Ein typisches Muster ist das orthogonale Straßenraster; es findet sich (wie Spiro Kostof darlegt) in der griechischen Antike ebenso wie im alten China, in den spanischen Kolonialstädten des 16. Jahrhunderts ebenso wie in den Zentren vieler Großstädte der heutigen USA. Fast jede Gründungsstadt ist im weiteren Sinne eine Planstadt, da zumindest die Hauptwege mit der Position der Stadttore, öffentliche Plätze, gegebenenfalls Verlauf der Stadtmauer sowie die Lage von öffentlichen Gebäuden festgelegt wurden.

Jede Epoche hatte eigene Vorstellungen, die von einem gerade vorherrschenden Ideal oder Prinzipien abgeleitet waren (Idealstadt, Verbesserung der Städte). Manche dieser Prinzipien sind heute nicht mehr verständlich, wie etwa die Pläne mittelalterlicher Städte, die heute als unkontrolliert gewachsen erscheinen oder vielfach überformt sind.

Typische Planstädte in Europa sind die Stadtgründungen des Römischen Reiches, Stadtgründungen des Mittelalters wie z. B. die Zähringerstädte Bern, Freiburg im Breisgau, Freiburg im Üechtland, Offenburg, Villingen, fürstliche Residenzstädte der Barockzeit, etwa Arolsen (Waldeck), Karlsruhe (Baden-Durlach), Ludwigsburg (Württemberg), Ludwigslust (Mecklenburg-Schwerin), Mannheim (Kurpfalz), Neustrelitz (Mecklenburg-Strelitz), Putbus (Rügen) und Rastatt (Baden-Baden) Stadtgründungen aus kriegstaktischen Gründen, beispielsweise die Festungsstädte Neuf-Brisach/Neu-Breisach und Saarlouis. Städte, die nach einem Brand neu wieder aufgebaut wurden, beispielsweise Glarus, La Chaux-de-Fonds und Le Locle.

Typisch sind ebenfalls die renaissance-klassizistischen Schachbrett-Grundrisse der Kolonialstädte des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, etwa die klassische Nordamerikanische Stadt. Deren Muster wirkte auch in den folgenden Jahrhunderten bei jüngeren Stadtgründungen nach.

New Town Der aus Großbritannien stammende stadtgeografische Begriff New Town („Neue Stadt“) steht für eine Planstadt; diese kann sich auch an eine schon bestehende Siedlung anlehnen. Ihre Aufgabe ist hauptsächlich die Entlastung der großen Ballungszentren. Die New Town besitzt zentralörtliche Einrichtungen, Wohn- und Gewerbeviertel. Typisch ist die Einrichtung von „Nachbarschaften“, die sich um ein Zentrum mit den öffentlichen Einrichtungen und Geschäften gruppieren. In Großbritannien existieren 31 New Towns.

Von Ebenezer Howard stammte die Idee einer Gartenstadt (Garden City), einer Planstadt, die die Vorteile des städtischen mit denen des ländlichen Lebens vereinte. Er inspirierte die Gründung von Welwyn 1903 und 1920 von Letchworth. 1946 wurde von der Labour-Regierung der New Towns Act beschlossen. Ziel war es, der Konzentration von Industrie und Volk in den Großstädten entgegenzuwirken. Ausdrücklich sollten keine Trabantenstädte geschaffen werden, sondern selbständige Einheiten mit eigener Wirtschaft und heterogener Bevölkerungsstruktur.Winston W. Crouch, Richard Bigger: Metropolitan Decentralization: Britain's New Towns Program. In: The Western Political Quarterly, Vol. 3, Nr. 2, Juni 1950, S. 244–261. Je nach Stadt wurde zunächst eine Höchstgröße zwischen 20.000 und 60.000 Einwohnern angestrebt. Die New Towns sind Basildon, Bracknell, Corby, Crawley, Cwmbran, East Kilbride, Glenrothes, Harlow, Hatfield, Hemel Hempstead, Newton Aycliffe, Peterlee, Stevenage und Welwyn Garden City.

Probleme waren die Skepsis der Bevölkerung und der Kommunalregierungen, fehlende Verkehrsanbindungen, Finanzierungslücken und Überschreitungen der geplanten Kosten.Lloyd Rodwin: The British New Towns Policy: Problems and Implications. Harvard University Press, Cambridge 1956. Vor allem wurde kritisiert, dass der Umfang des Projektes viel zu klein war, um dem Bevölkerungswachstum etwas entgegenzusetzen. Die Antwort war 1952 der Town Development Act. Nun war das Ziel auch die Vergrößerung von bestehenden Städten, besonders in der Nähe von Metropolen wie London. Diese Städte sind Central Lancashire, Milton Keynes, Northampton, Peterborough, Redditch, Skelmersdale, Telford (Dawley New Town), Warrington und Washington.

1962 wurde mit Dalgety Bay bei Edinburgh erstmals in Schottland eine Planstadt in reiner Privatinitiative errichtet.Gazetteer for Scotland: Dalgety Bay, abgerufen am 28. Januar 2014 Etwa zu gleicher Zeit entstand auch Livingston. Eine von Prinz Charles initiierte Modellstadt ist Poundbury, die seit 1993 errichtet wurde.

Beispiele Deutschland miniatur|Freudenstadt als Idealstadt nach Heinrich Schickhardt

Mittelalter Aken – Planstadt aus dem 12. Jahrhundert. Schachbrettartig angelegt. Gegründet durch Albrecht den Bären, um flämische Siedler anzusiedeln. Aken ist der flämische Name für Aachen Annaberg – mittelalterliche Stadt des Silberbergbaus nach Plänen von Ulrich Rülein von Calw Bayreuth – Beispiel einer mittelalterlichen Planstadt Lippstadt – erste Planstadt Westfalens, gegründet 1185 Lemgo – 1190 an einem Kreuzungspunkt wichtiger Handelswege als Planstadt durch die Herren zu Lippe gegründet. Neubrandenburg – Planstadt des 13. Jahrhunderts auf annähernd kreisrundem Grund; nach weitgehender Zerstörung der Altstadt bei Kriegsende 1945 Neuaufbau unter Rücksichtnahme auf das traditionelle Straßenraster

Renaissance Freudenstadt – Straßen folgen dem Linienmuster des Mühle-Bretts Jülich – Idealstadt aus dem 16. Jahrhundert Marienberg in Sachsen – Stadt des Silberbergbaus nach Plänen von Ulrich Rülein von Calw

mini|Der älteste erhaltene Entwurf der Erlanger Neustadt, rot lavierte Federzeichnung (1686), Johann Moritz Richter zugeschrieben mini|„Fächerstadt“ Karlsruhe mit dem Schloss im Mittelpunkt Barock Arolsen – 1655 bis 1929 Hauptstadt der Grafschaft, des Fürstentums und des Freistaates Waldeck, ausgebaut insbesondere unter Graf Friedrich Anton Ulrich Bad Karlshafen – Planstadt an der Weser aus der Zeit des Barocks / Merkantilismus Bartenstein – 1720 bis 1770 errichtete Residenzstadt der Hohenloher Berlin – Friedrichstadt Dresden – (Innere) Neustadt („Neue Königliche Stadt“) Erlangen – barocke Innenstadt Glückstadt Neustadt von Hanau Karlsruhe – unter Markgraf Karl III. Wilhelm (Baden-Durlach) 1715 gegründet; Fächer mit dem Schloss als Mittelpunkt Ludwigsburg – unter Herzog Eberhard Ludwig ausgebaute Residenzstadt, in Parallellage zum Schloss angeordnet Ludwigslust – Ausbau zur mecklenburgischen Residenzstadt unter Herzog Friedrich Mannheim – Quadrate mit Bezeichnung der Baublöcke nach Schachbrett-Manier (siehe Bild oben) Neustrelitz – 1733 Stadtgründung durch Herzog Adolf Friedrich III., neben dessen Jagdschloss in Glienecke, ausgehend von einem oktogonalen Marktplatz; die neue Residenzstadt wuchs nördlich der Vorgängerresidenz (Alt-)Strelitz Neuwied – 1653 als neue Residenzstadt der Grafschaft Wied rasterförmig angelegt, nach der Gewährung weitgehender Religionsfreiheit 1662 starkes Wachstum durch den Zuzug von Exulanten Oranienbaum – ab 1683 Errichtung von Schloss und gegenüberliegender Bürgerstadt nach Plänen von Cornelis Ryckwaert Rastatt – ab 1697 Wiederaufbau des im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstörten Ortes unter Markgraf Ludwig Wilhelm Saarlouis – 1680 durch den französischen König Ludwig XIV. von Vauban als sternförmige Festungsstadt entworfen

miniatur|Putbus auf der Insel Rügen, eine Planstadtanlage des Klassizismus im frühen 19. Jahrhundert

Klassizismus Krefeld Stadterweiterung nach Vagedes

Neu-Büderich – klassizistische Planstadt des frühen 19. Jahrhunderts Neuruppin – frühklassizistische Planstadt, nach einem Stadtbrand 1787 neu aufgebaut. München-Maxvorstadt – die erste planmäßige Stadterweiterung von München wurde zwischen 1805 und 1810 unter dem ersten bayerischen König Maximilian I. Joseph, nach dem sie benannt ist, auf einem quadratischen Raster konzipiert; gebaut wurde sie größtenteils erst nach 1825 unter Ludwig I. im klassizistischen Stil Putbus – Anlage um ein kreisförmiges Zentrum, den Circus mit radial wegführenden Straßen Tuttlingen – ab 1804 nach Stadtbrand als klassizistische Stadt von Carl Leonard von Uber neu aufgebaut

Zweite Hälfte 19. Jahrhundert Wilhelmshaven – gegründet als „erster deutscher Kriegshafen an der Jade“ am 17. Juni 1869

Erste Hälfte 20. Jahrhundert Lebenstedt – ab 1937 zur Unterbringung der Arbeitskräfte der Reichswerke Hermann Göring gebaute Siedlung; seit Gründung der Stadt Watenstedt-Salzgitter am 1. April 1942 Teil dieser (seit 1951: Salzgitter) Wolfsburg – gegründet am 1. Juli 1938

nach 1945 Bielefeld-Sennestadt – „autogerechte Stadt der Zukunft“ Eisenhüttenstadt (ehemals Stalinstadt) – die „erste sozialistische Stadt“ Deutschlands bei Errichtung des Eisenhüttenkombinats Frankfurt-Nordweststadt Halle-Neustadt – größte Planstadt Deutschlands;Kann man in Halle-Neustadt küssen?, in Die Welt vom 15. Juli 2014 war von 1967 bis 1990 eine eigenständige Stadt Hochdahl Hoyerswerda-Neustadt – die nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 7.000 Einwohner zählende Stadt vergrößerte sich durch den Bau von Wohnkomplexen auf das Zehnfache Mitte der 1980er Jahre Laatzen-Mitte Leinefelde – die im Eichsfeldplan festgesetzte Ansiedlung einer Baumwollspinnerei 1961 wurde mit dem Bau eines sozialistischen Wohnkomplexes verbunden, wodurch Leinefelde 1969 das Stadtrecht erhielt Neue Stadt Wulfen

21. Jahrhundert Hamburg-HafenCity Frankfurt Europaviertel Frankfurt-Riedberg München Messestadt Riem

Österreich Hartberg in der Steiermark – von 1125 bis 1128 unter Markgraf Leopold I. Wiener Neustadt – der Bau begann 1195 unter Herzog Leopold VI. Seestadt Aspern – Stadtteil von Wien, Masterplan von 2007, Anlage kreisförmig um einen künstlichen See

Schweiz miniatur|Straßenkarte der Planstadt La Chaux-de-Fonds (Schweiz)

La Chaux-de-Fonds – nach dem Brand von 1794 in rechtwinkliger Bauweise neu errichtete Stadt (siehe Abbildung) Le Locle – nach dem Brand von 1833 im Schachbrettgrundriss wieder aufgebaut Heiden AR – nach dem Brand von 1838 in regelmäßiger klassizistisch-biedermeierlicher Anlage wieder aufgebautes Dorf Glarus – Im Jahr 1861 wütete ein Brand, der große Teile des Ortes zerstörte. Nur wenige Gebäude aus der Zeit vor dem Brand blieben im Stadtbild erhalten. Der rasche Wiederaufbau erfolgte in einem Schachbrettmuster. Diese vor allem aus den USA bekannte Städteplanung wurde gewählt, um weitere Feuersbrünste zu verhindern. Seewis im Prättigau – nach dem Brand von 1863 im Schachbrettmuster neu errichtetes Dorf

Sonstiges Europa miniatur|Entwurf für die Planstadt Kaskinen, Finnland (1767)

Belgien Louvain-la-Neuve, die neue Universitätsstadt, die Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre nach der sprachenbedingten Spaltung der Katholischen Universität Löwen für die französischsprachige Universität gegründet wurde

Bulgarien Stara Sagora – während des Russisch-Türkischen Krieges 1877–1878 wurde die Stadt von den Türken fast völlig zerstört, danach mit breiten rechtwinklig angeordneten Straßen wiederaufgebaut und erweitert Dimitrowgrad – ab 1947 errichtete sozialistische Industriestadt

Dänemark Fredericia – 1650 gegründete Barockstadt