mini|hochkant|Dawda Jawara (1979)

Alhaji Sir Dawda Kairaba Jawara GCMG, von 1955 bis 1965 David Kwesi Jawara (geboren am 16. Mai 1924 in Barajally, MacCarthy Island Division; gestorben am 27. August 2019 in Bakau-Fajara) war ein gambischer Politiker und Staatsmann. Er war von 1962 bis 1970 unter Elisabeth II. der letzte Premierminister und von 1970 bis zu seinem Sturz 1994 der erste Staatspräsident Gambias.

Jawara besuchte zunächst eine muslimische Grundschule und dann eine methodistische Jungenschule in Bathurst (heute Banjul). Nach zwei Jahren Arbeit als Krankenpfleger ging er an das College in Achimota bei Accra, Ghana. Mithilfe eines Stipendiums studierte er in Großbritannien Veterinärmedizin. Nach seiner Rückkehr nach Gambia wurde er leitender Veterinärmediziner in der Kolonialverwaltung. 1959 war er Mitbegründer der People’s Progressive Party (PPP). Er kandidierte bei den Parlamentswahlen 1960 erfolgreich für das House of Representatives und wurde kurzzeitig Bildungsminister. 1962 wurde er als Nachfolger des Chief Minister Pierre Sarr N’Jie erster Premierminister Britisch-Gambias.

Jawara führte Gambia 1965 in die Unabhängigkeit, zunächst als Premierminister einer konstitutionellen Monarchie mit Elisabeth II. als Queen of the Gambia, als Staatsoberhaupt. 1970 wurde Gambia nach einer Volksabstimmung zur Präsidialrepublik mit Jawara als Staatspräsidenten. Die größte Krise seiner Amtszeit war ein blutiger Putschversuch am 30. Juli 1981, der nur mit Unterstützung zu Hilfe gerufener senegalesischer Soldaten niedergeschlagen werden konnte und 400 bis 800 Todesopfer forderte. Als Folge des Umsturzversuchs und auf Anregung Jawaras bildeten Gambia und Senegal unter dessen Präsidenten Abdou Diouf 1982 die Konföderation Senegambia. Jawara verblieb im Amt des Staatspräsidenten von Gambia und wurde Vizepräsident der Konföderation, die bis 1989 bestand.

Die Präsidentschaft Jawaras wurde 1994 durch einen Staatsstreich des Leutnants der Militärpolizei Yahya Jammeh beendet. Jawara ging ins Exil nach London, konnte aber 2002 zurückkehren und lebte zuletzt zurückgezogen in Gambia.

Jawara genoss international hohes Ansehen und war während und nach seiner Amtszeit in der internationalen Politik aktiv. Aus den von ihm geförderten Initiativen gingen die Afrikanische Charta der Menschenrechte und der Rechte der Völker (Banjul-Charta) und die ECOWAS Monitoring Group hervor.

Leben Jugend und Ausbildung Dawda Jawara wurde am 16. Mai 1924 als Sohn von Almammi Jawara und Mamma Fatty in dem Dorf Barajally Tenda in der MacCarthy Island Division Gambias, etwa 240 Kilometer von der Hauptstadt Bathurst entfernt geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Farmer und Händler, der der niedrigen Kaste der Gerber angehörte. Die Familie Jawara gehörte zum Volk der Mandinka und entstammte dem Clan der Diawara oder Jawara, der zum militärischen Teil der Gbara des Malireichs zählte.Arnold Hughes, David Perfect: Historical Dictionary of The Gambia. S. 113.Arnold Hughes, David Perfect: A political history of The Gambia, 1816–1994. S. 136–137.

Zunächst besuchte Dawda die Mohammedan Primary School, eine muslimische Grundschule in Bathurst (heute Banjul), in der der muslimische Politiker Ibrahima Momodou Garba-Jahumpa zu seinen Lehrern gehörte. Nach deren Abschluss erhielt Dawda ein Stipendium für die Methodist Boys’ High School, ebenfalls in Bathurst, in der er in allen Fächern unterrichtet wurde, aber eine besondere Begabung für Mathematik und Naturwissenschaften zeigte.

Nach seinem High-School-Abschluss im Jahr 1945 arbeitete Jawara als Krankenpfleger im Royal Victoria Hospital in Bathurst. 1947 erhielt er ein Stipendium für ein Studium der Naturwissenschaften am Prince of Wales College and School in Achimota, nahe Accra, in der britischen Kronkolonie Goldküste. Nach zwei Semestern Studium in Achimota erhielt Jawara ein Stipendium für ein Studium an der Schule für Veterinärmedizin der University of Glasgow. Seinerzeit bestand das Bildungsziel für Afrikaner in den Kolonien vor allem in der Qualifizierung für nachgeordnete Tätigkeiten in der Kolonialverwaltung. Es kam selten vor, dass Afrikaner ein Stipendium für ein naturwissenschaftliches Studium erhielten. Jawara schloss seine Ausbildung zum Tierarzt 1953 ab. 1957 absolvierte er ein Diplomstudium der tropischen Veterinärmedizin an der University of Edinburgh. Als Tierarzt war Jawara der erste Mandinka Gambias mit einem Hochschulabschluss.

Beruflicher und politischer Aufstieg Im Januar 1954 kehrte Jawara in das Protektorat Gambia zurück, dessen Bürger im Unterschied zu jenen der Kolonie Britisch-Gambia nur unter dem Schutz der britischen Krone standen und keine Untertanen der Königin waren. Seinerzeit war das Gambia Colony and Protectorate durch die britische Kolonialmacht zweigeteilt. Erwachsene in der Kolonie, zu der die Region um die Hauptstadt Bathurst und Kombo gehörten, hatten das Wahlrecht, konnten politisch Einfluss nehmen und waren im Legislativrat vertreten. Die Einwohner des Protektorats hatten keine vergleichbare Möglichkeit politischer Einflussnahme.

Jawara wurde zunächst zum leitenden Veterinär und 1958 zum obersten Veterinärmediziner von Britisch-Gambia berufen. Als Amtstierarzt reiste Jawara durch ganz Gambia um das Vieh zu impfen. Dabei konnte er wertvolle Kontakte zu den relativ gut gestellten und einflussreichen Rinderhaltern im britischen Protektorat knüpfen. Später waren diese Kontakte zu den regionalen und lokalen Führern die Grundlage seines politischen Aufstiegs. Trotz seiner sozialen Herkunft aus der niederen Kaste der Gerber genoss er wegen seiner Tätigkeit als Veterinär, als „der Rinderdoktor“ in der von der Viehhaltung abhängigen Bevölkerung höchstes Ansehen.

+ Wahlkreis Kombo Parlamentswahl Stimmen Stimmanteil 1960 einstimmig 100,00 %

1959 wurde Jawara zum Parteichef der wenige Monate zuvor gegründeten People’s Progressive Party (PPP) gewählt. Er war zu diesem Zeitpunkt einer von nur zwei Hochschulabsolventen aus dem Volk der Mandinka im Land. Bei den Parlamentswahlen 1960 kandidierte Jawara für die PPP ohne Gegenkandidaten im Wahlkreis Kombo. Er erreichte 100 % der Stimmen, errang somit einen der 19 zur Wahl stehenden Sitze im House of Representatives, und wurde vom Gouverneur Edward Henry Windley zum Bildungsminister ernannt. Bereits im März 1961 trat Jawara von diesem Amt zurück, nachdem Windley ihn bei der Besetzung des neuen Amts des Chief Minister zugunsten des in der Wahl unterlegenen Pierre Sarr N’Jie von der United Party (UP) übergangen hatte.Arnold Hughes, David Perfect: Historical Dictionary of The Gambia. S. 114.Arnold Hughes, David Perfect: A political history of The Gambia, 1816–1994. S. 148–150.

+ Wahlkreis Eastern Kombo Parlamentswahl Stimmen Stimmanteil 1962 4.073 84,96 % 1966 4.515 88,46 %

Bei den Parlamentswahlen von 1962 waren 32 von 40 Sitzen des House of Representatives zu besetzen. Jawara setzte sich im Wahlkreis Eastern Kombo mit 85 % der Stimmen gegen den Kandidaten der UP durch, die PPP errang die absolute Mehrheit der Mandate. Jawara wurde am 12. Juni 1962 als Premierminister der Nachfolger des Chief Minister N’Jie. In seine Amtszeit fielen die Verhandlungen mit dem britischen Gouverneur John Warburton Paul und dem Colonial Office, die Gewährung der vollen inneren Selbstverwaltung am 4. Oktober 1963, und die Unabhängigkeit Gambias als konstitutionelle Monarchie im Commonwealth of Nations am 18. Februar 1965. Von 1965 bis 1970 war Jawara Premierminister, das Staatsoberhaupt war Elisabeth II. als Queen of The Gambia.

mini|hochkant|Premierminister Dawda Jawara mit David Ben-Gurion und Moshe Dayan während eines Besuchs in Israel, 1962 mini|Jawara mit der niederländischen Königin Juliana, 1978

Im November 1965 erlitt Jawara bei dem Volksentscheid über die Verfassung eine schwere politische Niederlage. Wesentlicher Aspekt der neuen Verfassung war die Umwandlung der konstitutionellen Monarchie in eine Präsidialrepublik, für die angestrebte Änderung war eine Zweidrittelmehrheit der abgegebenen Stimmen erforderlich. Die wurde mit einer Zustimmung von 65,85 Prozent knapp verfehlt. Bis zu den Parlamentswahlen von 1966 konnten sich Jawara und die PPP wieder erholen, die PPP gewann 24 von 32 Mandaten.Arnold Hughes, David Perfect: A political history of The Gambia, 1816–1994. S. 160–163.

Ein zweiter Anlauf zur Abschaffung der konstitutionellen Monarchie erfolgte mit dem Volksentscheid, der am 24. April 1970 mit einer Zustimmung von 70,45 Prozent erfolgreich war. Mit der Feststellung des Abstimmungsergebnisses wurde Jawara erster Staatspräsident der Republik Gambia. Gleichzeitig entfiel das Amt des Premierministers und Jawara legte sein Mandat im House of Representatives nieder. Bei den folgenden Parlamentswahlen 1972 und 1977 gewann die PPP jeweils die absolute Mehrheit der Mandate, der Staatspräsident wurde von den Abgeordneten gewählt.

Jawaras Wirtschaftspolitik war zunächst von seinem Bemühen geprägt, das von der britischen Kolonialmacht lange vernachlässigte Gebiet des Protektorats zu fördern. Das geschah auch vor dem Hintergrund, dass die ländlichen Regionen seine Machtbasis waren während die städtische Bevölkerung eher der Opposition zugetan war. Ende der 1970er Jahre geriet Jawara zunehmend unter Druck, einerseits wegen der Folgen der Wirtschaftskrise, die teilweise auf äußere Faktoren wie die Ölkrise, die Rezession der Weltwirtschaft und außergewöhnliche Klimabedingungen zurückzuführen war, und andererseits wegen der zunehmenden Korruption im Land.Arnold Hughes, David Perfect: Historical Dictionary of The Gambia. S. 115–116.

Versuchter Staatsstreich 1981 Die größte Krise der Präsidentschaft Dawda Jawaras war ein Umsturzversuch am 30. Juli 1981, der von dem marxistischen Politiker Kukoi Samba Sanyang angeführt wurde. Sanyang machte Jawara für die gegenwärtige Wirtschaftskrise verantwortlich und beschuldigte ihn und weitere führende Politiker Gambias der Korruption. Der Umsturzversuch wurde vom National Revolutionary Council aus Vertretern von Sanyangs marxistischer Gambian Socialist Revolutionary Party (GSRP) und Teilen der paramilitärischen gambischen Field Force ausgeführt. Jawara befand sich zum Zeitpunkt des Staatsstreichs als Gast der Hochzeit von Charles, Prince of Wales und Diana Spencer in London. Er flog sofort nach Dakar und bat den senegalesischen Präsidenten Abdou Diouf um militärische Unterstützung. Der Senegal entsandte umgehend Streitkräfte, binnen einer Woche 2.700 Soldaten, und besiegte die Putschisten. Durch den Staatsstreich und die nachfolgenden Auseinandersetzungen starben 500 bis 800 Menschen.Tijan M. Sallah: Economics and Politics in The Gambia. In: The Journal of Modern African Studies 1990, vol. 28, S. 621–648, doi:10.1017/S0022278X00054768.

Der versuchte Umsturz zeigte, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung und ihre Verbündeten in der Field Force nach Veränderungen strebten und dass die Gesellschaft und die regierende PPP geschwächt waren. Die wirtschaftliche Rezession traf besonders die Jugend in den Städten. Jawara war die Situation bewusst, in seiner Neujahrsansprache sagte er 1981, wenige Monate vor dem Putschversuch:

Die überraschendste Folge des gescheiterten Staatsstreichs war die militärische Intervention des Senegal, die sich auf einen Verteidigungspakt beider Staaten aus dem Jahr 1965 gründete. Obgleich Jawaras Präsidentschaft durch das Eingreifen des Senegal gerettet werden konnte, verlor Gambia seine zuvor gerade von Jawara energisch verteidigte Souveränität. Darüber hinaus war die Anwesenheit senegalesischer Truppen in Banjul ein Zeugnis der Abhängigkeit Jawaras vom Senegal und minderte seinen Rückhalt in der Bevölkerung.

Konföderation Senegambia