Schottische Literatur ist die Literatur schottischer Autoren in schottisch-englischer Sprache sowie in Scots, der historischen Sprache der Lowlands, oder (seltener) in schottischem Gälisch. Dieses wird vielleicht noch von 60.000 Menschen gesprochen.

Die Geschichte der schottischen Literatur ist eng verbunden mit den bis in die Gegenwart anhaltenden Diskussionen über Scottishness und Keltentum, die Eigenständigkeit der schottischen Sprache im Verhältnis zur englischen und die schottische Identität.Caruther 2012, Introduction.

Anfänge mini|hochkant|Büste von Blind Harry von Alexander Stoddart Das früheste literarische Zeugnis in nordenglischem Dialekt, der auch als Scots, Schottisch oder Tiefland-Schottisch bezeichnet wird, ist ein Fragment eines anonymen Gedichts aus dem 13. Jahrhundert über die Verhältnisse in Schottland nach dem Tod König Alexanders III. Einer der ersten bedeutenden schottischen Dichter war John Barbour, Erzbischof von Aberdeen und Verfasser des schottischen Nationalepos „The Bruce“ (um 1375), das die Geschichte des schottischen Königs Robert the Bruce in 13.500 Versen im schottischen Dialekt verherrlicht.

Literarische Ambitionen hatte auch Jakob I. mit dem Liebesgedicht The Kingis Quair (1424). Als Blütezeit des Scots kann die Zeit zwischen dem späten 15. und dem 17. Jahrhundert gelten, als eine relativ standardisierte Version des Scots („Mittelschottisch“) zur Prestigesprache des Adels und Bürgertums und Sprache der offiziellen Verwaltung des Königreiches geworden war. Die hochgeachteten Dichter oder Barden (Makars, engl. makers), die sich oft an bestimmte Clans banden, verstanden sich als Schöpfer, und zwar im Sinne der griechischen poietes (ποιητής, „Hersteller“). Sie orientierten sich oft am Mittelenglischen des Geoffrey Chaucer; über die „zurückgebliebene“ gälische Sprache machten sie sich oft lustig.

Die Scottish Chaucerians, also die Renaissance-Dichter Robert Henryson (Testament of Cresseid im Anschluss an Geoffrey Chaucers Stück, 1503), Blind Harry (ein Minstrel, d. h. fahrender Sänger) und William Dunbar (Lament for the Makars in Anlehnung an François Villon) schrieben in einer Frühform von Scots bzw. middle scots, das sie aber inglis nannten. Sie verwendeten die siebenzeilige Stanze Chaucers mit der Reimform ABABBCC. Robert Henryson wurde vor allem durch seine Tierfabeln nach dem Vorbild Aesops populär, die sich durch genaue Beobachtung und unsentimentale Beschreibung des Sozialverhaltens der Tiere auszeichnen. In The Taill of the Uponlandis Mous and the Burges Mous (um 1485), einem satirischen Vergleich der Lebensweise zweier Mäuse im notleidenden Hochland und in der prosperierenden Stadt, spiegelt sich der beginnende Verstädterungsprozess Schottlands. In anderen Fabeln Henrysons werden die Unterdrückung des Landvolks durch den Adel, die Schwäche des unbeliebten Königs James III. und der moralische Verfall der Kirche kritisiert, doch wird auch das steigende politische Selbstbewusstsein der Händlerklasse im Vorfeld der schottischen Reformation deutlich.Douglas Gray: Robert Henryson. Brill, Leiden 1979. mini|hochkant|Fenster der Abtei Dunfermline mit Motiv aus Henrysons Fabel „Der Löwe und die Maus“

Der Bischof und Makar Gavin Douglas verfasste mit Palice of Honour (1501) ein allegorisches Gedicht im Stil der okzitanischen Dichtung und übersetzte die Aeneis in Scots (1513). Dabei handelte es sich um die erste Übersetzung in eine germanische Sprache überhaupt. Ein später Vertreter der höfischen Makars war der Moralist, Satiriker, Theaterdichter und Diplomat David Lyndsay, der mit Ane Dialog betwix Experience and ane Courteour of the Miserabyll Estait of the World (1559) eine gereimte, kirchenkritische Universalgeschichte mit über 6000 Versen in Form eines Dialogs zwischen einem jungen und einem älteren Höfling schuf.

In den Highlands war bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts das Schottisch-Gälische verbreitet. Das älteste schriftliche Zeugnis ist das Leabhar Deathan Lios Mòir um 1520, das Balladen enthielt, deren Stil sich allerdings kaum von den irischen Bardendichtungen unterscheidet. Mit dem Niedergang des gälischen Bardentums im 16. Jahrhundert traten neue, eigenständige Versarten in den Vordergrund. Dass überhaupt Textausgaben der frühen Epoche bis 1707 zur Verfügung stehen, verdankt sich der Arbeit der 1882 gegründeten Scottish Text Society.

Die Verdrängung des Gälischen seit der Union mit England 1707 Schon nach Einführung des Buchdrucks,National Library of Scotland: First Scottish Books aber vor allem seit der Union mit England 1707 und dem Jakobitenaufstand 1745/46 setzte sich das Standardenglische in der schottischen Literatur durch. Die schottisch-gälische Sprache war in den Augen der Engländer eine plumpe Barbarensprache, wovon auch das Urteil des Lexikographen Samuel Johnsons zeugt: the rude speech of a barbarous people, who had few thoughts to express.Samuel Johnson: A Journey to the Western Island of Scotland. London 1775. Trotz ihrer Zurückdrängung erreichte die gälische Lyrik eine innovative Spätblüte durch den bekanntesten schottisch-gälischen Lyriker, Barden und politischen Schriftsteller Alasdair Mac Mhaighstir Alasdair („Alexander Sohn des Magisters Alexander“, engl.: Alexander MacDonald, ca. 1695/98–1760/70), der aus dem Stuart-treuen Clan Macdonald of Clanranald stammte. Er war Katechet, möglicherweise hat er in Glasgow studiert. 1741 ließ er das erste gälisch-englische Wörterbuch drucken. Sein bekanntes Gedicht Moladh Mòragh („Lob des Mòragh“) ist im komplizierten Rhythmus der Pibroch-Lobeslieder verfasst (piobaireachd, dt. „pfeifen“, „Dudelsack spielen“). Sein wichtigstes, posthum veröffentlichtes und erst in den 1930er Jahren ins Englische übersetztes Werk Birlinn Chlann Raghanill („Die Galeere von Clanranald“) ist die poetische Beschreibung einer stürmischen Seereise mit einer Galeere von South Uist nach Carrickfergus in Irland. Das Gedicht zeugt von einer sehr guten Beobachtung der Schiffsdetails und der kooperativen Arbeit der Ruderer sowie von einem sicheren Gefühl für den Rhythmus, den der Wellenschlag gegen den Bootsrumpf verursacht. mini|Nach Culloden: Jagd auf die Rebellen. Ölgemälde von John Seymour Lucas (1884) Der Literaturwissenschaftler Alan Riach, der das schwer zu übersetzende Gedicht Birlinn Chlann Raghani unter Beibehaltung des Rhythmus in recht freier Sprache neu übersetzte, vergleicht die Beschreibung des Kampfes der Männer mit dem Meer mit entsprechenden Passagen bei Homer und Vergil. Er hält das Werk für eines der größten Gedichte der Weltliteratur und für einen Vorläufer surrealistischer und psychedelischer Lyrik.Alan Riach: Not Burns – Alasdair Mac Mhaighstir Alasdair! in thenational.scot, 12. Februar 2016

Bekannt wurde der Poet zu Lebzeiten jedoch vor allem durch seine Naturlyrik sowie durch nationalistische und satirische Gedichte, die von seinem Hass auf das Haus Hannover zeugen. Vermutlich nahm er schon 1715 am Aufstand der Jakobiten gegen die Engländer teil. 1746 führte er das Clanranald-Regiment in der Schlacht bei Culloden, floh nach dessen Auflösung, wurde dann als Verwalter des Clans auf die winzige Insel Canna geschickt und konnte 1752 zu seinem Clan zurückkehren.Alasdair Mac Mhaighstir Alasdair in: Royle 1993, S. 5. Alasdair mac Mhaighstir Alasdairs polemische Gedichtsammlung von 1745 über die Wiederauferstehung der gälischen Sprache soll vom Henker in Edinburgh verbrannt worden sein; nur zwölf Kopien haben überlebt. Später konnten nur „gereinigte“ Versionen gedruckt werden. Duncan Ban MacIntyre (1724–1812), lebenslanger Analphabet und nach Alasdair einer der bekanntesten gälischsprachigen Dichter des 18. Jahrhunderts, diente als Soldat der Regierungspartei. Er konnte seine gälischen Gedichte und Lieder, für deren Rezitation er auf sein Gedächtnis angewiesen war und die von einem Pfarrer aufgezeichnet wurden, nach einer längeren Zeit kultureller Repression ab 1768 ohne Probleme in Edinburgh veröffentlichen. Berühmt wurde er durch seine eher unpolitische Naturlyrik.

mini|hochkant|James Macpherson, Dichter des Ossian Tobias Smollett, der zunächst als Arzt in London praktizierte und in enger Verbindung zu den bedeutenden englischen Autoren seiner Zeit stand, verfasste nicht nur Reiseberichte, Brief-, Abenteuer-, Schauer- und Schelmenromane, sondern auch ein Protestgedicht gegen das Massaker der Schlacht bei Culloden (The Tears of Scotland 1746). Europaweites Aufsehen erregte die von James Macpherson 1760 herausgegebene Sammlung angeblicher keltischer Prosagesänge in englischer Sprache („Die Gesänge des Ossian“), die erst nach 150 Jahren endgültig als Fälschung entlarvt wurden. Obwohl die Dichtung eher sentimentale Einflüsse aus dem südenglischen Dichterkreis zeigt, verschaffte sie den keltischen Balladen große Aufmerksamkeit.

Als langfristig wirksam erwies sich der große Einfluss der schottischen Schule der Moralphilosophie um Adam Ferguson (An Essay on the History of Civil Society, 1767) und der von Thomas Reid begründeten Common-Sense-Philosophie, die die Ideen der Aufklärung in Schottland verbreiteten, aber zugleich die Romantik und den amerikanischen Transzendentalismus vorbereiteten.

Von der Romantik bis zum Ende der Viktorianischen Epoche Viele schottische Autoren verließen im 18. Jahrhundert aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat und gingen nach England. Schien das Gälische seit 1745 gänzlich vom Aussterben bedroht – erst Alexander Carmichael (1832–1912) konnte die gälischen Volkslieder in den Highlands und auf den Hebriden sammeln –, so wurde das in der Umgangssprache der Lowlands fortlebende Scots aus nostalgischen Gründen oft für die Lyrik verwendet. Breitere Beliebtheit erfuhr Scots jedoch wieder, seit der als Sohn eines armen Pächters geborene Romantiker, radikale Demokrat und bissige Satiriker Robert Burns im späten 18. Jahrhundert Volkslieder in der bäuerlichen Volkssprache und Lowland-Scots veröffentlichte. Er verband diese in seinen eigenen Gedichten mit der Hochsprache, die er ebenso mit großer Leichtigkeit beherrschte, ahmte dabei aber den volkstümlichen Ton nach. 1788 verfasste er das Gedicht Auld Lang Syne, das als Vorlage für die weltberühmte Hymne diente, die jedes Jahr zum Jahreswechsel angestimmt wird. Scots Wha Hae war zeitweise sogar eine informelle schottische Nationalhymne. Tam o’Shanter (1790), in der Reimform des Couplets, erzählt die Geschichte eines betrunkenen Bauern, der auf dem Heimritt von Hexen verfolgt wird und sich bis auf den abhanden gekommenen Schweif seines Pferdes retten kann. Die Burleske wird immer wieder neu verlegt und findet sich in zahlreichen Anthologien; sie wird als Ausdruck des inneren Zwiespalts des Dichters und der schottischen Volksseele interpretiert, die zwischen Trunk- und Vergnügungssucht und calvinistischer Pflichterfüllung, zwischen Englisch und Scots hin- und hergerissen sind. Es gelang Burns zu zeigen, dass man auch mit Hilfe des seit dem 16. Jahrhundert immer provinzieller gewordene Scots komplexe Gedanken ausdrücken konnte.John C. Weston: The Narrator of Tam o’Shanter. In: Studies in English Literature, 1500-1900. 8 (1968) 3, S. 537–550. Sein Gedicht Love and Liberty (1786) verfasste er sowohl in englischer Sprache als auch auf Scots, wobei er sehr unterschiedliche Effekte erzielte. Seine anschauliche Liebes- und Naturlyrik (viele seiner Gedichte sind an trüben Wintertagen entstanden) und seine Bearbeitungen von Volksmythen bereiteten auch der englischen Romantik den Weg.