Die Verteidigung der Kindheit ist ein Roman von Martin Walser. Im Juli 1991 ist der Roman im Suhrkamp Verlag erschienen. Als Grundlage für diesen Roman diente die Biographie des Dresdner Juristen Manfred Ranft, der 1953 in den Westen übersiedelte. Walser erwarb seinen Nachlass mit Fotos, Briefen, Aufzeichnungen und anderen Materialien und recherchierte in Dresden bei Verwandten und Bekannten.Gerald A. Fetz: Martin Walser. Metzler, Stuttgart 1997, S. 139f.Martin Walser Eine unersättliche Gier nach Vergangenheit. Interview mit Christine Meffert, ZEITmagazin Nr. 5/2015 14. Februar 2015Elbhangkurier 2015/03. Martin Walser spürte dem 13. Februar 1945 nach.

Inhalt Walsers Roman hat mehrere Ebenen: Die Familiengeschichte und der „Mutter-Kult“ Alfred Dorns ist mit dem Verlust der Heimat, beginnend mit der Zerstörung Dresdens 1945, der deutschen Teilung und den internationalen Spannungen in der Zeit des Kalten Krieges verbunden. Dabei überlagert sich die psychotische Persönlichkeit des seine Situation rational reflektierenden Sonderlings mit tragikomischen personalen Beziehungen und grotesken bürokratischen Strukturen in West-Ostdeutschland, v. a. konzentriert auf Berlin und Dresden zwischen 17. Juni und Mauerbau. Das äußere Leben Dorns besteht aus Studium und Berufstätigkeit, um seine Zwangshandlungen zu finanzieren: Kp. I handelt vom Jurastudium 1953–1956 in West-Berlin und von Besuchen bei den Verwandten in Dresden und ihren Gegenbesuchen, Kp. II vom Referendariat und der Pflege der Mutter in Berlin bis zu ihrem Tod 1960, Kp. III von der Arbeit in einer Anwaltskanzlei für Wiedergutmachungsansprüche und dann beim „Landesamt für Wiedergutmachung und verwaltete Vermögen“ in Berlin, Kp. IV von den Tätigkeiten als Dezernent für Theater, Justitiariat und Denkmalschutz beim Hessischen Kultusministerium in Wiesbaden. Sein Lebenssinn besteht jedoch darin, die Verbindung zu den Dresdner Verwandten und Bekannten durch Besuche, intensive Korrespondenz und Geschenkpäckchen zu erhalten, um mit ihrer Hilfe in labyrinthischen Aktionen die eigene Biographie in seiner Sammlung von Erinnerungsstücken, Bildern und Zeugenberichten zu dokumentieren und die verlorene Zeit zu rekonstruieren. Dieses endlose Projekt überfordert zunehmend seine Kräfte und er stirbt, ein Jahr vor dem Ende des DDR-Systems, 58-jährig an einer Überdosis von Schlaftabletten. Symbolträchtig kopiert er in seinen letzten Tagen immer wieder Kafkas Unterschrift.

Kapitel I Das erste Kapitel beginnt mit der Verabschiedung seiner Eltern am Bahnhof. Bei der Verabschiedung erfährt der Leser, dass die Eltern bereits seit drei Jahren getrennt leben und Alfred eine stärkere Bindung zu seiner Mutter als zu seinem Vater besitzt.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 9.

In seinem Studium wird Alfred Dorn von seinen Dozenten und Kommilitonen nicht sonderlich geachtet. Durch mangelndes Durchsetzungsvermögen nimmt er die Rolle eines Außenseiters ein. Sein Auftreten ist sehr leise und zurückhaltend. Oft versteht er die Witze oder anzüglichen Bemerkungen seiner Mitstreiter nicht.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 74ff.

Der Leser erfährt, dass Alfred Dorn von 1953 bis 1955 bereits Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig studiert hat. Dort konnte er aufgrund politischer Ungleichheiten sein Studium nicht beenden. Im darauf folgenden Jahr hat er das Studium in Berlin wieder aufgenommen und 1956 das erste Staatsexamen abgelegt.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 184.

Anreiz für das Studium sind nicht Dorns eigene Interessen, sondern die Erwartungen anderer. An vielen Stellen des Romans wird deutlich, dass er eigentlich die Laufbahn eines Künstlers hätte wählen wollen. Er ist ein begabter Pianist und hat großes Interesse an Film und Schauspiel.

Kapitel II Mit Beginn des zweiten Kapitels findet Alfred Dorns Eintritt ins Berufsleben statt. Er beginnt sein Referendariat im Landgericht Berlin-Charlottenburg. Während dieser Zeit hat er sich drei Projekte vorgenommen, „1. Der Schneider des Grafen Brühl. 2. Der Erwerb des juristischen Doktorgrades. 3. Die Sammlung aller Dokumente, Fotos und Mitteilungen, in denen seine eigene Vergangenheit vorkam.“Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 195. Das Erreichen des Doktorgrades wird von anderen Personen erwartet, Alfred Dorn selber ist dieser Punkt eine Last.

Martha Dorn, die Mutter des Protagonisten erkrankt und wird als „Pflegefall“ diagnostiziert.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 252. Kurz bevor die Mutter verstirbt beendet Alfred seine Prüfung für das zweite Staatsexamen mit der Note „ausreichend“.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 286. Nach der Beerdigung der Mutter setzt Alfred sich das Ziel ein Denkmal für sie zu errichten.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 299.

Kapitel III Zunächst arbeitet Alfred Dorn probeweise in einer Kanzlei in der Konstanzer Straße. Seine beiden Vorgesetzten verlängern die Einarbeitungsphase um weitere zwei Monate, weil sie der Meinung sind, Dorn sei noch kein vollwertiger Mitarbeiter. Sein Arbeitsverhältnis wird nach Ablauf dieser Zeit nicht verlängert. Daraufhin bewirbt Alfred Dorn sich erfolgreich beim Landesamt für Wiedergutmachung und verwaltete Vermögen.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 317. Alfreds Tätigkeit besteht darin, Vergangenes zu erforschen und Gesetze entsprechend anzuwenden.

Drei seiner vier Kollegen im Amt hält Dorn für homosexuell. Auch bei seinem Chef, dem Oberregierungsrat Dr. Muth hatte er das Gefühl, dass dieser nur so häufig von seiner Frau spricht, um seine Homosexualität zu vertuschen.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 327f. Alfred Dorn hat Angst man könne ihn für homosexuell halten, weil besonders der Kollege Rosellen ihn bedrängte.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 332f. Dorn möchte weder zu einer Frau noch zu einem Mann eine sexuelle Beziehung eingehen. Er wendet sich an einen Psychotherapeuten und kann sich durch dessen Hilfe auch nach und nach gegenüber seinen Kollegen behaupten.

Er kündigt die Stelle im Landesamt für Wiedergutmachung um eine neue Stelle anzutreten. Bei seiner Verabschiedung ist Alfred Dorn überrascht, dass seine Kollegen ein ebenso gutes Bild von ihm haben wie er selbst.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 394. Er soll in Wiesbaden in der Abteilung für Kunst das Theaterreferat besetzen.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 390.

Durch den Bau eines Denkmals für seine verstorbene Mutter hat Alfred Dorn über 4000 Mark Schulden angehäuft.

Kapitel IV Ein Kollege von Alfred Dorn verstirbt und Dorn bekommt dessen Bereich zugeteilt. Nun ist er nicht bloß für Theater und Justitiariat zuständig, sondern auch für den Denkmalschutz.

Dorn baut zu seiner Tante Lotte Kontakt auf. Durch sie erfährt er, dass es seinem Vater Gustav Dorn zunehmend schlechter geht. Der Zustand des Vaters verschlechtert sich unter anderem, weil dessen 20 Jahre jüngere Frau Judith Dorn nicht ausreichend Rücksicht auf ihn nimmt.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 414.

Der Vater und Alfred Dorns „Vize-Oma“ Fräulein Dr. Goelz, die ihm während seines Studiums und auch danach immer beratend zur Seite stand versterben kurz nachdem Alfred eine Stelle als Oberregierungsrat angenommen hat.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 420.

Im Roman wird zunehmend deutlich, dass Alfred Dorn regelmäßig Schlaftabletten einnimmt und dadurch auch oft zu spät zur Arbeit kam.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 404, S. 433, S. 475, S. 506.

Alfred Dorn lernt bei seiner letzten Rückreise aus Dresden einen jungen Mann, Richard Fasold, kennen, der 1968 mit acht Jahren ins Heim kam und keinerlei Kontakt zu seinen Eltern hat. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt und seine Mutter ist vermutlich verstorben.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 460. Dorn schickt diesem jungen Mann zuerst 50 Mark und in einem späteren Paket eine neue Hose. Nachdem Richard die DDR verlassen hat, nimmt Dorn nach und nach die Vaterrolle für ihn ein, hilft ihm nach Berufsabbrüchen und Verschuldungen finanziell und berät ihn, damit er sein unstetes Leben stabilisieren kann, was jedoch nicht gelingt. So schickt er ihm immer mehr Briefe und Geld, bis er über 9000 Mark Schulden angehäuft hat.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 485. Sein weiteres Schicksal nach Dorns Tod bleibt offen.

Der Roman endet im Dezember 1988 mit dem Tod Alfred Dorns durch den zu hohen Konsum von Schlaftabletten. Für den Autor ist es nicht entscheidend, ob Tablettenmissbrauch oder Tablettenunfall ein tragisches Schicksal abschließt.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 517.

Alfred Dorn Alfred Dorn wird 1929 als Sohn von Martha Dorn und Gustav Dorn in Dresden geboren. Nachdem 1945 sämtliche Papiere der Familie Dorn bei einem Brand zerstört werden, lässt seine Mutter das Jahr 1931 als sein Geburtsdatum eintragen, damit Alfred nicht für die Panzerfaust-Ausbildung der Armee in Frage kommt.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 509.

1948 besteht er die Abiturprüfung mit der Note „sehr gut“ in Dresden. Vier Jahre studiert er Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig, kann aber infolge seiner politischen Einstellung das Studium dort nicht beenden. Um sein Studium fortzusetzen, zieht er in den Westen und schließt dort 1955 sein Studium ab. Am 11. Juli 1956 legt er das erste juristische mit der Note „voll befriedigend“ Staatsexamen ab.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 184. Sein zweites Staatsexamen schließt er mit der Note „ausreichend“ ab.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 286.

Alfred Dorn wird zum Juristen, weil seine Angehörigen es von ihm erwarten. Nachdem aber die Eltern und seine „Vize-Oma“ versterben, beschließt er, nicht mehr zu promovieren.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 409.

In der Nacht auf einen Sonntag, den 5. Dezember verstirbt Alfred aufgrund einer zu hohen Dosis Schlaftabletten. Der Roman lässt offen, ob sich Alfred Dorn bewusst das Leben nahm oder ob es sich um einen Unfall handelt.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 516f.

Die Eltern des Protagonisten leben getrennt. Nachdem Alfreds Schwester Carla verstarb, hat Martha Dorn sich der „Christian-Science-Sekte“ angeschlossen. Die Trennung der Eltern hat begonnen, als Martha Dorn erfahren hat, dass sie mit Alfred schwanger war. Durch die „Christian-Science-Sekte“ ließ sie sich überzeugen, dass ihr Kind besonders klug werde, wenn sie ihrem Partner den Geschlechtsverkehr vorenthalte.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 261f.

Alfred selber gibt sich auch die Schuld an dem Scheitern der Ehe seiner Eltern. Auf jedem Foto von der Familie stellt Alfred sich zwischen seine Eltern. Er erinnert sich daran, dass sein Vater zu ihm gesagt hat, dass diese Ehe glücklich war, bevor die Kinder zur Welt kamen.Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 431.