mini|Venus vom Hohlefels, die älteste unumstrittene Darstellung des Menschen weltweit Jungpaläolithische Kleinkunst ist ein archäologischer Sammelbegriff für Kunstwerke und künstlerisch gestaltete oder verzierte Artefakte des Jungpaläolithikums. Träger dieser Kunstwerke ist der anatomisch moderne Mensch, in Europa synonym auch als Cro-Magnon-Mensch bezeichnet.
Kleinkunst wird im archäologischen Zusammenhang als mobile Kunst bezeichnet (frz. art mobilier „bewegliche Kunst“). Dies ist ein Gegenbegriff zu den meist großformatigen Felsbildern in Höhlen und Abris, die zusammenfassend als Parietalkunst bezeichnet werden (frz. art pariétal „Wandkunst“, von lat. paries „Wand“).
Entstehung mini|Durchbohrte Gehäuse von Meeresschnecken aus der Blombos-Höhle mini|Seilkurve auf einem Mammutknochen aus der Stajnia-Höhle in Polen, die durch mehr als 50 aneinander gereihte Einstiche kunstvoll gebildet ist
In der Qafzeh-Höhle in Israel gab es bereits vor 92.000 Jahren eine nicht-zweckgerichtete Verwendung von Muschelschalen einer damals an der Küste verbreiteten Meermandel (Glycymeris insubrica)D. Sivan, M. Potasman, A. Almogi-Labin, Bar-Yosef Mayer, D. E., Spanier, E., Boaretto, E.: The Glycymeris query along the coast and shallow shelf of Israel, southeast Mediterranean. In: Palaeogeography Palaeoclimatology Palaeoecology. 233, 2006, S. 134–148. doi:10.1016/j.palaeo.2005.09.018 sowie des mineralischen Farbstoffs Ocker.Daniella E. Bar-Yosef Mayer, Bernard Vandermeersch, Ofer Bar-Yosef: Shells and ochre in Middle Paleolithic Qafzeh Cave, Israel - indications for modern behavior. In: Journal of Human Evolution. Oxford 56/3, 2009, S. 307–314. doi:10.1016/j.jhevol.2008.10.005 Durchbohrte Schneckenhäuser (Nassarius gibbosulus) mit Datierungen von 82.000 Jahren gibt es aus der Grotte des Pigeons (Region Oujda, Marokko)A. Bouzouggar, N. Barton, M. Vanhaeren, F. d’Errico, S. Collcutt, T. Higham, E. Hodge, S. Parfitt, E. Rhodes, J.-L. Schwenninger, C. Stringer, E. Turner, S. Ward, A. Moutmir, A. Stambouli: 82,000-year-old shell beads from North Africa and implications for the origins of modern human behavior. In: PNAS. 104, 2007, S. 9964–9969. doi:10.1073/pnas.0703877104 sowie – rund 40.000 Jahre alt – aus der Üçağızlı-Höhle in der Türkei.Mary C. Stiner u. a.: Early Upper Paleolithic shell beads at Üçağızlı Cave I (Turkey): Technology and the socioeconomic context of ornament life-histories. In: Journal of Human Evolution. Band 64, Nr. 5, 2013, S. 380–398, doi:10.1016/j.jhevol.2013.01.008. Abbildungen der Schnecken-Gehäuse
Die größte Ballung früher Kunstäußerungen des Homo sapiens stammt aus Fundstellen des Middle Stone Age in Südafrika. Die zugehörigen Werkzeugkulturen werden als Pre-Still Bay, Still Bay und Howieson’s Poort Industrie bezeichnet und auf den Zeitraum zwischen etwa 75.000 bis 50.000 Jahren datiert.Z. Jacobs u. a.: Ages for the Middle Stone Age of Southern Africa: implications for human behavior and dispersal. In: Science. 322, Nr. 5902, 2008, S. 733–735. doi:10.1126/science.1162219 Bei den Kunstwerken handelt es sich ebenfalls meist um Schmuck aus durchbohrten Meeresschnecken oder Muscheln, hier jedoch in Verbindung mit geometrisch verzierten Objekten. Eine große Anzahl durchbohrter und mit Rötel eingefärbte Schneckenhäuser stammt aus der Blombos-Höhle (Südafrika). Diese sind bis zu 75.000 Jahre alt,F. d’Errico, C. Henshilwood, M. Vanhaeren, K. van Niekerk: Nassarius kraussianus shell beads from Blombos Cave, evidence for symbolic behaviour in the Middle Stone Age. In: Journal of Human Evolution. Oxford 48/1, 2005, S. 3–24. PMID 15656934 während älteste Ockerstücke in den unteren Höhlenschichten bis zu 100.000 Jahre alt sind.M. Balter: Early start for human art? Ochre may revise timeline. In: Science. 323, 2009, S. 569. doi:10.1126/science.323.5914.569 Ockerfarben wurden im Middle Stone Age offenbar schon in größeren Mengen produziert, wie 58.000 Jahre alte Schichten im Abri Sibudu (Provinz KwaZulu-Natal, Südafrika) zeigen.Lyn Wadley: Cemented ash as a receptacle or work surface for ochre powder production at Sibudu, South Africa, 58,000 years ago. In: Journal of Archaeological Science. 2010. doi:10.1016/j.jas.2010.04.012 In der Blombos-Höhle sind außerdem verschiedene Rötelstücke (roter Ocker) mit geometrischen Ritzungen gefunden worden, die mindestens 75.000 Jahre alt sind.Christopher S. Henshilwood u. a.: Emergence of Modern Human Behavior: Middle Stone Age Engravings from South Africa. In: Science. Band 295, 2002, S. 1278–1280. doi:10.1126/science.1067575Christopher S. Henshilwood u. a.: Engraved ochres from the Middle Stone Age levels at Blombos Cave, South Africa. In: Journal of Human Evolution. Band 57, Nr. 1, 2009, S. 27–47. doi:10.1016/j.jhevol.2009.01.005 Überzeugende Belege geometrisch ornamentierter Objekte wurden außerdem mit bis zu 60.000 Jahre alten gravierten Straußeneierschalen aus der Diepkloof-Höhle (Provinz Westkap, Südafrika) publiziert.Pierre-Jean Texier, Guillaume Porraz, John Parkington, Jean-Philippe Rigaud, Cedric Poggenpoel, Christopher Miller, Chantal Tribolo, Caroline Cartwright, Aude Coudenneau, Richard Klein, Teresa Steele, Christine Verna: A Howiesons Poort tradition of engraving ostrich eggshell containers dated to 60,000 years ago at Diepkloof Rock Shelter, South Africa. In: PNAS. 1. März 2010. doi:10.1073/pnas.0913047107 Die verzierten Straußeneier wurden wahrscheinlich als Wasserbehälter verwendet.
Die Entwicklung von einfachen ornamentierten Gegenständen in Afrika bis zu figürlichen Kleinkunstwerken des europäischen Aurignacien, die hier erst etwa vor 40.000 Jahren belegt sind, ist sehr wahrscheinlich ein kontinuierlicher Prozess im Sinne einer Tradition.S. Mc Brearty, A. S. Brooks: The revolution that wasn’t. A new interpretation of the origin of modern human behavior. In: Journal of Human Evolution. Band 39, Nr. 5, 2000, S. 453–463. doi:10.1006/jhev.2000.0435 C. S. Henshilwood, C. W. Marean: The origin of modern human behavior. In: Current Anthropology Band 44, 2003, S. 627–651. In Europa gibt es im Zeithorizont des Übergangs vom Mittelpaläolithikum zum Jungpaläolithikum eine Reihe ornamentierter Objekte, die sowohl Innovationen später Neandertaler sein können (Châtelperronien), als auch auf Interaktionen mit dem eingewanderten Homo sapiens zurückgeführt werden könnten.Paul Mellars, Brad Gravina, Christopher Bronk Ramsey: Confirmation of Neanderthal, modern human interstratification at the Chatelperronian type-site. In: PNAS. Band 104. Nr. 9, 2007, S. 3657–3662. Eingeritzte Ornamente spielen bei Kunstwerken des Cro-Magnon-Menschen eine große Rolle, wo sie die Elfenbein-Kleinkunst (vgl. Venus vom Hohlen Fels) dekorieren oder als Petroglyphen auf Felswände aufgebracht wurden. Zu den ältesten derartigen Funden gehört ein als Schmuckanhänger interpretierter, nur 3,7 Millimeter dicker, bearbeiteter Mammutknochen aus der Stajnia-Höhle in Polen, der durch mehr als 50 aneinander gereihte Einstiche, angeordnet zu einer Seilkurve wie bei einer herabhängenden Halskette, verziert wurde.
Die Verwendung von Schmuck und dekorativen Verzierungen wurde bis vor kurzem ausschließlich Homo sapiens zugeschrieben und als Teil „modernen Verhaltens“ gewertet.S. L. Kuhn, M. C. Stiner, D. S. Reese, E. Güleç: Ornaments of the earliest Upper Palaeolithic: new insights from the Levant. In: PNAS. Band 98, Nr. 13, 2001, S. 7641–7646. doi:10.1073/pnas.121590798João Zilhão: The Emergence of Ornaments and Art: An Archaeological Perspective on the Origins of “Behavioral Modernity”. In: Journal of Archaeological Research. Band 15, Nr. 1, 2007, S. 1–54. doi:10.1007/s10814-006-9008-1 Im Jahre 2010 wurden etwa 50.000 Jahre alte, durchbohrte und mit Ockerfarben bemalte Muschelschalen aus den spanischen Kalksteinhöhlen Cueva de los Aviones und Cueva Antón bekannt, die älter sind als die frühesten Belege des Cro-Magnon-Menschen und daher als gesichert von Neandertalern hergestellte Schmuckstücke gelten.João Zilhão u. a.: Symbolic use of marine shells and mineral pigments by Iberian Neandertals. In: PNAS. Band 107, Nr. 3, 2010, S. 1023–1028. doi:10.1073/pnas.0914088107
Eine figürliche altpaläolithische Kleinkunst ist bislang nicht eindeutig belegt. Zwei sogenannte Proto-Figurinen aus altpaläolithischen Befundzusammenhängen, die Venus von Berekhat Ram (Israel) und die Venus von Tan-Tan (Marokko), werden kontrovers diskutiert. Während einige Wissenschaftler davon ausgehen, dass es sich um reine Naturspiele (Geofakte) handeltAndrew Pelcin: A Geological Explanation for the Berekhat Ram Figurine. Current Anthropology 35 (5), 1994, S. 674 f.W. Noble, I. Davidson: Human Evolution, Language and Mind: A Psychological and Archaeological Inquiry. Cambridge University Press, Cambridge 1996., nehmen andere wiederum an, dass es sich um echte Artefakte handelt. Der amerikanische Paläokunstexperte Alexander Marshack (Harvard-Universität) untersuchte die Figurien von Berekhat Ram mikroskopisch und beschreibt eine gewollte Formähnlichkeit durch menschliche Bearbeitung, die die naturgegebene Form verstärkt habe.Alexander Marshack: The Berekhat Ram figurine: a late Acheulian carving from the Middle East. Antiquity, 71(272), 1997, S. 327. Online als PDF Manche Archäologen bestätigen die menschliche Bearbeitung, bestreiten aber die Interpretation als Skulptur.Francesco d’Errico, April Nowell: A new look at the Berekhat Ram figurine: implications for the origins of symbolism. In: Cambridge Archaeological Journal. Band 10, 2000, S. 148.
Genres jungpaläolithischer Kleinkunst
mini|Wildpferd aus Mammutelfenbein (Vogelherdhöhle), Sammlung der Älteren Urgeschichte, Museum der Universität Tübingen MUT Die figürliche Kleinkunst in Europa beginnt mit dem Aurignacien. Zu den ältesten Werken gehören Elfenbein-Kleinkunstwerke der Schwäbischen Alb, wie zum Beispiel die Venus vom Hohlefels und der Löwenmensch vom Hohlenstein, eine 35.000 bis 41.000 Jahre alteClaus-Joachim Kind: Das Lonetal - eine altsteinzeitliche Fundlandschaft von Weltrang. In: Archäologie in Deutschland. Band 6, 2016, S. 22–25, hier: S. 24. Skulptur aus Mammut-Elfenbein, die einen Menschen mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen darstellt.Die Höhle des Löwenmenschen. Auf: lonetal.net; zuletzt abgerufen am 11. Mai 2021.Kurt Wehrberger: Der Löwenmensch. Die Elfenbeinstatuette aus dem Lonetal bei Ulm. In: Leif Steguweit (Hrsg.): Menschen der Eiszeit. Jäger – Handwerker – Künstler. Praehistorika, Fürth 2008, ISBN 978-3-937852-01-0, S. 45–53 (PDF-Download).Kurt Wehrberger: L’Homme-lion de la grotte du Hohlenstein-Stadel/Der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel. Les chemins de l’art aurignacien en Europe/Das Aurignacien und die Anfänge der Kunst in Europa. Colloque international/Internationale Fachtagung Aurignac, 16.–18. September 2005, Éditions Musée-forum Aurignac, cahier 4, 2007, S. 331–344.
Insgesamt für das Jungpaläolithikum bilden Gravierungen, oft auf Lochstäben aus Rengeweih, Knochen, SteinAndy Needham, Izzy Wisher, Andrew Langley, Matthew Amy und Aimée Little: Art by firelight? Using experimental and digital techniques to explore Magdalenian engraved plaquette use at Montastruc (France). In: PLoS ONE. Band 17, Nr. 4, 2022, e0266146, doi:10.1371/journal.pone.0266146. oder Gagat, quantitativ die größte Gruppe der mobilen Kleinkunst; hier finden sich ausschließlich Darstellungen von Tieren, v. a. von Hirscharten, Steinböcken und Wildpferden. Eingravierte Zeichen und Symbole finden sich auf Geschossspitzen, Harpunen, den „baguettes demi-rondes“ oder auf kleineren Lochstäben.