mini|hochkant=0.8|Filippino Lippi – Tobias und der Erzengel Raphael (um 1475) Das Buch Tobit (oder Buch Tobias, abgekürzt Tob) ist eine Erzählung aus dem 3./2. Jahrhundert v. Chr., die möglicherweise in Persien, Judäa oder Ägypten entstand. Sie gehört zu den Spätschriften des Alten Testaments.

Es ist eine weisheitliche Lehrerzählung mit märchenhaften ZügenHermann Gunkel: Das Märchen im Alten Testament, Tübingen 1917, S. 90., die von zwei verwandten jüdischen Familien handelt. Der vorbildlich lebende alte Tobit in Ninive erblindet, und seine junge Verwandte Sara im fernen Ekbatana leidet darunter, dass der Dämon Aschmodai jeden Bräutigam in der Hochzeitsnacht tötet. Tobit und Sara wünschen sich zu sterben, beten dann aber. Der Engel Raphael wird von Gott entsandt, um beiden zu helfen. Er bietet sich dem Tobias, Tobits Sohn, als Reisebegleiter an und unterrichtet ihn, wie er die Innereien eines Zauberfischs als Mittel gegen Dämonen und gegen Blindheit verwenden muss. Tobias heiratet Sara und heilt seinen Vater Tobit.

Nur die griechische Übersetzung ist vollständig erhalten. Unter den Schriftrollen vom Toten Meer befinden sich aramäische und hebräische Fragmente des Buchs Tobit.

Das Buch wurde nicht in den jüdischen Kanon aufgenommen, ist aber Teil der Septuaginta und wird von der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen als Teil des Schriftenkanons des Alten Testaments angesehen. In den Kirchen der Reformation gehört das Tobitbuch nicht zum Alten Testament, wird aber in der Lutherbibel und in der Zürcher Bibel unter den Apokryphen des Alten Testaments aufgeführt.

Buchtitel Das Buch ist nach seiner Hauptperson benannt: „Buch der Worte Tobits“. In der Vulgata heißt das Werk Liber Tobiae, woraus Sprecher des Lateinischen schlossen, dass die Hauptperson Tobias heiße. Da Vater und Sohn bei dieser Annahme den gleichen Namen haben, heißt das Buch Tobit im Lateinischen auch Liber utriusque Tobiae, „Buch der beiden Tobiasse“.Joseph A. Fitzmyer: Tobit, Berlin u. a. 2003, S. 3.

Entstehungszeit und -ort Das Buch Tobit entstand nicht in der Zeit, in der seine Handlung spielt (8. Jahrhundert v. Chr.). Das zeigt sich beispielsweise daran, dass Tobias’ Reisebegleiter mit kleinen Silbermünzen belohnt werden soll. Solche Münzprägungen kamen im Perserreich erst im 4. Jahrhundert v. Chr. auf.Merten Rabenau: Studien zum Buch Tobit, Berlin u. a. 1994, S. 175 und Anm. 4. Für die Datierung des Tobitbuchs bietet einen Anhaltspunkt: Die Prophetenbücher gelten bereits als heilige Schrift. Die mehrfach vorkommende Formulierung „nach dem Gesetz des Mose“ ist Sprachgebrauch des Buchs der Chronik (Beispiel: ). Damit kommt man in die hellenistische Zeit (spätes 3./frühes 2. Jahrhundert v. Chr.).Beate Ego: Buch Tobit, Gütersloh 1999, S. 899f.

Wegen des Achikar-Stoffes vermutete man im frühen 20. Jahrhundert eine Entstehung des Tobitbuchs in Ägypten (Elephantine); die neuere Forschung tendiert eher zu einer Abfassung in der östlichen Diaspora (vielleicht Persien) oder auch in Judäa. Die Exilsituation bildet zwar den Hintergrund der Handlung, aber die Verbindung mit Jerusalem ist, im Gegensatz etwa zum Buch Ester, immer wieder betont. Vorausgesetzt ist eine geografisch weit zerstreute jüdische Diaspora, deren Rückkehr nach Jerusalem zwar für die Endzeit erhofft wird, für die Gegenwart aber keine Option darstellt.Helmut Engel: Das Buch Tobit, Stuttgart 2016, S. 359. Gegen eine Entstehung in der östlichen Diaspora sprechen allerdings die offenbar fehlenden Ortskenntnisse. Józef T. Milik vertrat die Hypothese, die Erzählung stamme aus der Oberschicht des persischen oder frühhellenistischen Samaria und diene dem Ruhm der Tobiadenfamilie. Später sei das Werk von einer jüdischen Jerusalem-Redaktion überarbeitet worden. Damit kann Milik erklären, warum die Hauptpersonen des Buchs dem Nordreich-Stamm Naftali angehören, während Helden von Diaspora-Erzählungen sonst stets aus dem Südreich Juda stammen.Józef T. Milik: La patrie de Tobie. In: Revue Biblique 73/4 (1966), S. 522–530. Zustimmend Merten Rabenau: Studien zum Buch Tobit, Berlin u. a. 1994, S. 177–181.

Textüberlieferung Der griechische Text des Buchs Tobit ist in drei Rezensionen erhalten:Beate Ego: Buch Tobit, Gütersloh 1999, S. 875.

Die Kurzfassung (GI) wird vom Codex Vaticanus (4. Jahrhundert), Codex Alexandrinus (5. Jahrhundert) und Codex Venetus (8. Jahrhundert) sowie mehreren Minuskelhandschriften vertreten. Die Erzählung ist knapp und in recht gutem Griechisch gehalten. Die Langfassung (GII) repräsentiert vor allem der Codex Sinaiticus (4. Jahrhundert) und die Minuskeln 319 und 910. Gegenüber GI ist diese Erzählung viel ausführlicher und zeigt den Einfluss einer semitischen Sprache. Daneben gibt es eine unvollständig überlieferte Mischfassung (GIII), die von den Handschriften 106 und 107 geboten wird. Sie ist abhängig von der Langfassung (GII), hat jedoch auch Züge von GI übernommen.

Wie sich Lang- und Kurzfassung zueinander verhalten, wird in der Forschung seit Konstantin von Tischendorfs Entdeckung des Codex Sinaiticus diskutiert. Nach Beate Ego ist es wahrscheinlich, dass die Langfassung ursprünglicher ist und die Kurzfassung das Werk von Bearbeitern ist, die den Text strafften und sprachlich verbesserten.Beate Ego: Buch Tobit, Gütersloh 1999, S. 876. Joseph A. Fitzmyer: Tobit, Berlin u. a. 2003, S. 5.

Bereits im 19. Jahrhundert wurde angenommen, dass es für das Buch Tobit eine semitischsprachige Vorlage gebe. Durch die Funde von Qumran konnte diese These bestätigt werden. 1952 wurden in Höhle 4Q Fragmente von vier Manuskripten in aramäischer Sprache und das Fragment einer Schriftrolle in hebräischer Sprache gefunden. Dadurch sind etwa 20 % des aramäischen, aber nur 6 % des hebräischen Tobitbuchs bekannt. Hier eine Übersicht der Manuskriptbezeichnungen mit den ungefähren paläografischen Datierungen:Géza G. Xeravits, Peter Porzig: Einführung in die Qumranliteratur. Die Handschriften vom Toten Meer. De Gruyter, Berlin / Boston 2015, S. 246.

4QpapToba ar (= 4Q196), um 50 v. Chr. 4QTobb ar (= 4Q197), um 15 v. Chr. – 15 n. Chr. 4QTobc ar (= 4Q198), um 50 v. Chr. 4QTobd ar (= 4Q199), um 100 v. Chr. 4QTobe (= 4Q200), um 30 v. Chr. – 20 n. Chr.

Die Qumran-Fragmente stehen insgesamt dem Langtext näher, was dazu beigetragen hat, dass die neuere Forschung diesen weitgehend für ursprünglich hält.Géza G. Xeravits, Peter Porzig: Einführung in die Qumranliteratur. Die Handschriften vom Toten Meer. De Gruyter, Berlin / Boston 2015, S. 247. Die Zweisprachigkeit in Judäa/Palästina in hellenistischer und frührömischer Zeit bedeutet auch, dass es Aramaismen im hebräischen und Hebraismen im aramäischen Text des Tobitbuchs gibt. Wenn man sich für eine aramäische Urfassung entscheidet, so passt dies gut zur Annahme, dass die Erzählung in der östlichen Diaspora entstanden ist.Beate Ego: Buch Tobit, Gütersloh 1999, S. 881.

Die altlateinische Fassung des Tobitbuchs (Vetus Latina) übersetzte eine griechische Vorlage, die dem Codex Sinaiticus (GII) relativ ähnlich war. Sie lief in verschiedenen Versionen um: als Vetus Afra in Nordafrika, Vetus Italica in Norditalien, Vetus Hispana in Spanien.Joseph A. Fitzmyer: Tobit, Berlin u. a. 2003, S. 6f. Die Fassung der Vulgata unterscheidet sich erheblich davon. Hieronymus schrieb, er habe sie an einem einzigen Tag fertiggestellt, indem er den aramäischen Text von einem Dolmetscher mündlich ins Hebräische übersetzen ließ und diese hebräische Version dann ins Lateinische übersetzte. Nachweislich hat aber auch die Vetus Latina auf die Vulgata-Fassung eingewirkt.Joseph A. Fitzmyer: Tobit, Berlin u. a. 2003, S. 20. In der Vulgata ist die ganze Erzählung in der 3. Person gehalten. „Der Vulgatatext weicht trotz vieler ‚Schlüsselübereinstimmungen‘ derart massiv von der griechischen Tradition ab, dass unklar bleibt, inwieweit Vorlage oder Übersetzer dafür verantwortlich zu machen sind.“Tobias Nicklas, Christian Wagner: Thesen zur textlichen Vielfalt im Tobitbuch. In: Journal for the Study of Judaism in the Persian, Hellenistic, and Roman Period 34/2 (2003), S. 141–159, hier S. 143. Obwohl Hieronymus beanspruchte, eine aramäische Vorlage gehabt zu haben, ist eine besondere Nähe der Vulgata zu den aramäischen Qumran-Fragmenten nicht erkennbar.Joseph A. Fitzmyer: Tobit, Berlin u. a. 2003, S. 21. Helmut Engel: Das Buch Tobit, Stuttgart 2016, S. 351. In Hieronymus’ eigenwilliger Bearbeitung wurde das Buch Tobit im mittelalterlichen Europa gelesen, sie ist auch Textgrundlage der Lutherübersetzung.

Weiterhin gibt es Übersetzungen ins Arabische, Armenische, Koptische, Äthiopische und Syrische, die von der griechischen Fassung abhängig sind. Ebenso existieren mittelalterliche Übertragungen ins Hebräische und Aramäische, die keinerlei Bezug zu den alten Texten aus Qumran erkennen lassen. Dabei handelt es sich vielmehr um Rückübersetzungen aus dem Griechischen oder Lateinischen mit midraschartigen Erweiterungen.Beate Ego: Buch Tobit, Gütersloh 1999, S. 883f.

Unter den Übersetzungen ins Deutsche bot die Lutherbibel bis zur Revision von 2017 eine Übersetzung der Vulgata; 2017 wurde das Buch Tobit, ebenso wie andere Apokryphen, neu aus dem Griechischen übersetzt (GII; die Verszählung stimmt daher mit früheren Ausgaben nicht überein). Die unrevidierte Einheitsübersetzung (1980) übersetzte den griechischen Kurztext (GI), die Revision 2016 dagegen den Langtext (GII). Allerdings hat der Codex Sinaiticus als Hauptzeuge für den Langtext zwei Textlücken in und in . Wer GII übersetzt, kann für die Textlücke im 4. Kapitel auf eine zur Sinaiticus-Textfamilie gehörige Athos-Handschrift aus dem Jahr 1021 zurückgreifen, Βατοπαιδίου 513 (= Minuskel 319).Robert J. Littman: Tobit: The Book of Tobit in Codex Sinaiticus. Brill, Leiden / Boston 2008, S. xx. Für die Textlücke im 13. Kapitel steht dagegen keine Handschrift dieser Textfamilie zur Verfügung. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als an dieser Stelle die Version des Kurztextes (GI) zu ergänzen oder auf die Vetus Latina auszuweichen.Joseph A. Fitzmyer: Tobit, Berlin u. a. 2003, S. 5.

Inhalt mini|hochkant=0.8|August Malmström – Tobias heilt die Augen seines blinden Vaters (um 1890) Als Lehrerzählung stellt das Tobitbuch sein religiöses Verhaltensideal mit folgenden drei Leitbegriffen vor:Helmut Engel: Das Buch Tobit, Stuttgart 2016, S. 359f.

„Wege der Treue und Wahrheit“, d. h. zuverlässige Wege; „Gerechtigkeitserweise“; „Werke der Barmherzigkeit tun“, d. h. tätige Nächstenliebe.