mini|hochkant=1.4|Westfassade von Hampton Court Palace

Hampton Court Palace ist ein Schloss im äußersten Südwesten Londons am linken Ufer der Themse im Stadtbezirk Richmond upon Thames. Das Schloss war von 1528 bis 1737 eine bevorzugte Residenz der englischen und britischen Könige. Ursprünglich wurde es im Tudorstil erbaut, gegen Ende des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert wurden große Teile im Stile des englischen Barock umgebaut. Mit seinen gewaltigen Ausmaßen, seiner prächtigen Innenausstattung und seinen ausgedehnten Gärten gilt es als eines der Hauptwerke des Tudorstils und des Barocks in England.

In dem Schloss ereigneten sich mehrere königliche Hochzeiten, Geburten und Sterbefälle. Heinrich VIII. heiratete hier seine sechste Gemahlin Catherine Parr. Sein Sohn Eduard VI. wurde im Schloss geboren und getauft, dessen Mutter Jane Seymour sowie die Frau Jakobs I., Anna, starben in dem Schloss, und Wilhelm III. erlitt im Park einen Reitunfall, an dessen Folgen er wenig später starb.

Geschichte Landgut im Mittelalter Ab 1236 unterhielt der Johanniterorden an dieser Stelle ein Landgut. Ausgrabungen und Urkunden belegen, dass der Hof aus einer großen Scheune sowie einem steinernen Verwaltungsgebäude bestand, jedoch wahrscheinlich keine oder nur sehr begrenzte Wohnräume hatte. Im 14. Jahrhundert wurde die Anlage um ein Wohngebäude ergänzt, da das Gut aufgrund der günstigen Lage zwischen den königlichen Palästen in Sheen und Byfleet als Übernachtungsquartier genutzt wurde. Nachdem der königliche Palast bei Byfleet zu Beginn des 15. Jahrhunderts wieder aufgegeben wurde, verlor Hampton wieder seine Funktion als Übernachtungsquartier.

Wie viele andere Güter wurde wohl auch Hampton in dieser Zeit von den Johannitern nicht mehr selbst bewirtschaftet, sondern verpachtet. Der erste namentlich überlieferte Pächter war der Höfling Giles Daubeney, der das Gut 1494 übernahm. Daubeney wurde im Folgejahr Lord Chamberlain von Heinrich VII. Da der König wieder das nahe gelegene Schloss Richmond als Residenz nutzte, besuchte er auch öfters Daubeney auf seinem Landgut Hampton. Daubeney ließ deshalb verschiedene Ausbauten vornehmen, starb aber bereits 1508. mini|Hampton Court, Zeichnung von 1708

Schloss in der Tudor-Zeit Der Erzbischof von York, Thomas Wolsey, pachtete das Gut 1514 für 99 Jahre. Er wurde im Folgejahr Kardinal und Lordkanzler und baute das Haus aus dem 14. Jahrhundert in den folgenden sieben Jahren nach den Entwürfen von Henry Redman zu einem prächtigen Landschloss aus. Der Palast enthielt nicht nur eine luxuriöse neue Bischofswohnung, sondern auch drei Gästeappartements für die königliche Familie sowie eine hohe Kapelle. Wolsey wurde wegen seines Lebensstils und vor allem wegen seiner prächtigen Paläste York Place und Hampton Court heftig kritisiert; so spottete der Dichter John Skelton 1522 mit seinen Versen Why Come Ye Not to Court?, dass der königliche Hof zwar die Exzellenz, der Hof (engl. Court) von Hampton Court jedoch die Überlegenheit besitze. Da Wolsey beim Papst nicht die Scheidung von Heinrich VIII. von seiner ersten Frau Katharina von Aragon erwirken konnte, verlor er schließlich die Gunst des Königs und 1528 sowohl York Place als auch Hampton Court, die beide von Heinrich VIII. in Besitz genommen wurden.

Hampton Court wurde schnell die neue Lieblingsresidenz von Heinrich VIII. In gerade einmal zehn Jahren verbaute er die enorme Summe von £ 62.000 – nach heutigem Wert etwa £ 18 Millionen – an dem Schloss. Als die Arbeiten um 1540 abgeschlossen wurden, galt es als eines der prächtigsten und modernsten Schlösser in England. Das Schloss besaß eine prächtige Kapelle, einen großen Bankettsaal, Tennisplätze, Bowlsbahnen, Gärten und einen fast 450 ha großen Wildpark. Das Schloss verfügte über eine große, wassergespülte Toilette mit 28 Plätzen, das große Haus der Erleichterung, die Wasserversorgung erfolgte mit Hilfe von Bleirohren aus dem 5 km entfernten Coombe Hill bei Kingston.

Alle sechs Frauen Heinrichs wohnten im Palast und erhielten jeweils aufwendig gestaltete Wohnungen. Seine eigenen Wohnräume ließ Heinrich mindestens sechsmal umbauen und renovieren. Daneben gab es Wohnräume für seine Kinder und für eine große Anzahl Höflinge, Gäste und Diener.

Der König empfing in dem Schloss zahlreiche Gäste und Besucher aus ganz Europa. Am berühmtesten war der sechs Tage währende Besuch des französischen Botschafters im August 1546, als der Palast neben dem etwa 1300 Personen zählenden Hofstaat Heinrichs etwa zweihundert Gäste beherbergte. Zu diesem Zweck war das Schloss von einem prächtigen Zeltlager umgeben. Auch die Heinrich auf dem Thron folgenden Kinder nutzten das Schloss als Residenz. Elisabeth I. ließ einige kleinere Umbauten vornehmen, darunter den der östlichen Küche.

Zeitalter der Stuarts Das relativ bescheidene Leben am Hofe Elisabeths änderte sich unter ihrem Nachfolger Jakob I. Jakob ging oft im Wildpark auf die Jagd, bei Hofe fanden nun häufiger Bälle, Bankette und Maskeraden sowie zahlreiche, zunehmend aufwendigere Theateraufführungen statt. Shakespeare und die King’s Men spielten nachweislich Weihnachten 1603 in der großen Halle vor dem König. 1604 fand im Schloss unter Jakobs Vorsitz eine Synode der anglikanischen Kirche statt, auf der die King-James-Bibel, die einflussreichste Übersetzung der Bibel in englischer Sprache, in Auftrag gegeben wurde. Jakobs Sohn und Nachfolger Karl I. ließ einige Umbauten vornehmen, darunter einen neuen Tennisplatz sowie neue Brunnen mit Fontänen im Garten. Karl war auch ein begeisterter Kunstsammler und erwarb zahlreiche Gemälde und Skulpturen namhafter Künstler. Die bedeutendste dieser Erwerbungen ist der Triumph des Julius Caesar von Andrea Mantegna. Dieses um 1485 entstandene Meisterstück der Renaissancemalerei wurde 1629 im Auftrag des Königs den Herzögen von Mantua abgekauft und 1630 nach Hampton Court gebracht. mini|Detail aus Mantegnas Triumph des Julius Caesar

Während des englischen Bürgerkriegs wurde das Schloss 1645 von Parlamentstruppen besetzt. Der königliche Besitz wurde verzeichnet und dann großteils verkauft, die Verzierungen der Kapelle von den radikalen Puritanern entfernt. 1647 geriet Karl I. in Gefangenschaft und wurde nach Hampton Court gebracht. Er wurde in ehrenvoller Haft gehalten und genoss zahlreiche Freiheiten. Nach drei Monaten nutzte er die Gelegenheit zur Flucht, entkam aus seinem Schlafzimmer in den Garten und mit einem auf ihn wartenden Boot an der Themse. Seine Flucht endete jedoch auf der Insel Wight, wo er wieder in Gefangenschaft geriet, nach London gebracht und schließlich am 30. Januar 1649 hingerichtet wurde.

Während des Commonwealth nutzte der Lordprotektor Cromwell ab 1654 das Schloss als Land- und Jagdsitz. Er behielt auch den Triumph Caesars in seinem Privatbesitz, seine Tochter Maria heiratete in der königlichen Kapelle.

Karl II. bevorzugte Windsor Castle als Landsitz und hielt sich seltener in Hampton Court auf. Er ließ jedoch an der Südostecke des Palastes für seine Mätresse Barbara Villiers und seine illegitimen Kinder eine Wohnung neu einrichten. Diese barock ausgestatteten Räume standen in völligem Kontrast zu den im Tudorstil eingerichteten Räumen.

Ausbau in der Barockzeit Unter Wilhelm III. und Maria II. wurde das Schloss entscheidend umgebaut. Schon bald nachdem sie auf den Thron gelangt waren, beauftragen sie Christopher Wren mit dem Umbau und der Erweiterung des Schlosses. Wren orientierte sich am Entwurf Hardouin-Mansarts für das neue Versailler Schloss, kombinierte aber Ziegel und Stein, um eine monotone Fassade zu vermeiden. Sein ursprünglicher Plan sah mit Ausnahme der Großen Halle den Abbruch des gesamten Palastes vor. Da dafür weder die Zeit noch die finanziellen Mittel zur Verfügung standen, konnte er nur den Süd- und den Ostflügel sowie den Brunnenhof im Barockstil neu errichten. Die Arbeiten begannen im Mai 1689. Da Wilhelm rasche Baufortschritte erwartete, erfolgte der Bau überhastet. Im Dezember 1689 stürzte ein großer Teil des neuen Südflügels wieder ein. Dabei wurden zwei Bauarbeiter getötet und elf verletzt. Die Untersuchung nach der Unfallursache führte zu bitteren Streitereien, doch schnell wurde klar, dass die Ursache in der überhasteten Bauausführung lag. Als die Arbeiten wieder aufgenommen wurden, wurden sie langsamer und sorgfältiger ausgeführt.

Durch den Tod der Königin im Dezember 1694 wurden die Arbeiten unterbrochen, und die Gebäude blieben im Rohbau stehen. Erst nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekriegs 1697 verfügte der König wieder über die Zeit und die Mittel für den Weiterbau. Nachdem 1698 der Whitehall-Palast abgebrannt war, ließ Wilhelm den Weiterbau seines neuen Schlosses beschleunigen. Anstelle von Wren bestimmte Wilhelm dessen bisherigen Stellvertreter William Talman zum Bauleiter, der den Neubau schließlich zu einem geringeren Preis als von Wren geschätzt vollendete. mini|Wrens Südfassade mit dem Privy Garden

Wren und Talman gestalteten die Ost- und Südfassade des Schlosses vollständig um. Die vielgestaltige Fassade aus der Tudorzeit mit zahlreichen Türmen und Schornsteinen wurde durch eine große, elegante Barockfassade ersetzt, die die Gartenansicht des Schlosses bis heute beherrscht. Im Schloss entstanden prächtige Paradezimmer, die von den damals besten Künstlern Englands ausgestattet wurden, und auch die Gärten wurden als Barockgärten neu angelegt. Zahlreiche neue Pflanzen, darunter viele exotische aus der Sammlung von Königin Maria, bereicherten den Garten. Wilhelm starb schon 1702, als die Innenausstattung noch nicht abgeschlossen war. Seine Nachfolgerin Anne kam trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit zur Jagd nach Hampton Court, doch ihre Hauptwohnsitze waren Windsor Castle und Kensington Palace, so dass der weitere Innenausbau des Schlosses stockte. Erst Georg II. zeigte als Prince of Wales wieder Interesse an dem Schloss und ließ von John Vanbrugh die Paradezimmer vollenden. Nach seiner Thronbesteigung wohnten Georg II. und seine Frau Caroline nach 1727 wieder häufiger in Hampton Court, wo sie einige Räume neu ausstatten ließen. Nach dem Zerwürfnis mit seinem ältesten Sohn Friedrich Ludwig und dem Tod seiner Frau verließen der König und sein Hof 1737 Hampton Court Palace.

Von 1737 bis heute Da auch Georg III. nicht im Schloss wohnte, erhielten ab den 1760er Jahren von der Krone Begünstigte, um Krone oder Land verdiente Personen, kostenloses Wohnrecht im Schloss. Dadurch entstanden mit der Zeit zahllose unterschiedlich große und ausgestattete Wohnungen. Die meisten Wohnungen waren sehr geräumig, wenn auch nicht immer luxuriös. Zu den Bewohnern gehörten unter anderem Olave Baden-Powell, die Witwe des Gründers der Pfadfinderbewegung, Großfürstin Xenia von Russland, der aus den Niederlanden vertriebene Statthalter Wilhelm V., ein Enkel Georgs II. sowie der Physiker Michael Faraday. 1838 gab Königin Victoria die Prunkräume des Schlosses zur Besichtigung frei. Zwischen 1838 und 1851 wurden weite Teile des Schlosses restauriert, die große Halle, das Torhaus und die Westfassade wurden „re-tudorisiert“. Eine zweite Restaurierung zwischen 1875 und 1900 nahm mehr Rücksicht auf historische Vorbilder.