Eine Unternehmensanleihe (auch Industrieanleihe, Industrieobligation oder Unternehmensobligation; ) ist eine Anleihe eines emissionsfähigen Industrie-, Handels- oder Verkehrsunternehmens.

Allgemeines Nach der Art des Emittenten gibt es Staatsanleihen, Kommunalanleihen, Bankanleihen, Pfandbriefe und Unternehmensanleihen. Als emissionsfähig gelten im Prime Standard der Börse Frankfurt alle Großunternehmen, die ein Finanzierungs­volumen in Höhe von mindestens 100 Millionen Euro benötigen, nach dem internationalen Rechnungslegungsstandard IFRS bilanzieren und ein gutes Rating nachweisen. Diese Großunternehmen können ihren Kapitalbedarf im Rahmen der Fremdfinanzierung durch die Emission von einfachen Industrieanleihen, Optionsanleihen oder Wandelanleihen decken. Dazu beauftragen sie im Regelfall im Rahmen der Fremdemission Kreditinstitute, die den Kapitalbedarf zu einer Emission strukturieren und diese durch Börsennotierung und Börsengang am Kapitalmarkt oder durch Privatplatzierung begeben.

Neben der klassischen Anleihe mit festen Zinszahlungen und fester Laufzeit (Standardanleihe) haben sich in den letzten Jahren verschiedene Formen von Unternehmensanleihen entwickelt.

Geschichte mini|Obligation der Eutin-Lübecker Eisenbahn-Gesellschaft vom 2. Januar 1882 Die ersten Unternehmensanleihen gaben ersichtlich die im März 1602 gegründete Vereinigte Ostindische Kompanie und die im Juni 1621 entstandene Niederländische Westindien-Kompanie an der Amsterdamer Börse heraus.André Jacob: Corporate Banking. 1996, S. 48. Die Börse Berlin begann hiermit etwa 1850, die Frankfurter Börse 1866.Erich Achterberg: Der Bankplatz Frankfurt am Main. 1955, S. 55 f. In den USA spielte die Kapitalaufnahme durch Unternehmensanleihen trotz frühzeitiger Anerkennung als übertragbare Instrumente () im Jahre 1855 zunächst gegenüber Aktien eine eher untergeordnete Rolle.Christoph A. Kern: Typizität als Strukturprinzip des Privatrechts. 2013, S. 369. Hauptsächlich nutzten in den USA Bergwerke, Eisenbahn- und Kanalbauunternehmen dieses Finanzinstrument.Kay Giesecke, Francis A. Longstaff, Stephen Schaefer, Ilya Strebulaev: Corporate bond default risk. In: Journal of Financial Economics. 2011, S. 235. Der erhöhte Kapitalbedarf in Deutschland nach 1900 und die Ausgabe von Industrieanleihen waren nicht allein auf die gestiegenen Investitionen zurückzuführen, sondern auch auf den Ersatz von Innen- durch Außenfinanzierung sowie günstige Kapitalmarktzinsen boten eine Gelegenheit zur Fremdfinanzierung von erhöhten Produktionskapazitäten. Erst im Jahre 1923 führte die Ratingagentur Standard & Poor’s das Rating für Industrieanleihen ein, das Rating für öffentliche Körperschaften folgte 1940.Wolfgang Breuer, Thilo Schweizer, Claudia Breuer: Gabler Lexikon Corporate Finance. 2003, S. 491.

Anleihebedingungen

Rechtsfragen Die Anleihebedingungen der Industrieobligationen gleichen denen anderer Anleiheformen. Der Anleihezins ungedeckter Industrieobligationen liegt im Regelfall deutlich über dem Zinsniveau des risikofreien Zinssatzes für risikolose Staatsanleihen. Grund hierfür ist die Abhängigkeit der Industrieanleihen von der Ertragskraft des Industrieunternehmens, das einer größeren Insolvenz­gefahr unterliegt. Gläubiger von Industrieobligationen müssen deshalb schlimmstenfalls mit dem Totalausfall ihrer Kapitalanlage rechnen, so dass Industrieobligationen der Risikoklasse E zuzuordnen sind.

Das emittierende Unternehmen übernimmt mit der Emission der Anleihe eine schuldrechtliche Verpflichtung, dem Gläubiger den für einen bestimmten Zeitraum überlassenen Kapitalbetrag gegen Zinszahlung zurückzuzahlen. Sofern es sich nicht um eine Nullkuponanleihe () handelt, ist der Emittent verpflichtet, seinen Kapitalgebern darüber hinaus ein festverzinsliches bzw. variabel verzinsliches Entgelt, bezogen auf den Nominalwert der Unternehmensanleihe, zu entrichten. Die Höhe des zu zahlenden Zinses ist in erster Linie von der Bonität des Emittenten abhängig. Weitere Faktoren, die die Höhe des Zinssatzes beeinflussen, sind die Laufzeit der Anleihe (bei normal verlaufender Zinsstrukturkurve ansteigend mit der Laufzeit), der Bekanntheitsgrad des Emittenten und das allgemeine Zinsumfeld. Häufig wird der Zins durch einen Credit Spread () zur Rendite einer als risikolos betrachteten Staatsanleihe als Referenz ermittelt.

Ungedeckte Industrieobligationen () müssen mindestens eine Negativerklärung, eine Cross-Default-Klausel und eine Pari-passu-Klausel enthalten. Die individuelle Ausgestaltung der Anleihebedingungen nimmt mit schlechterem Rating zu. Während bei Anleihen von anlagewürdiger Bonität Standardbedingungen vorzufinden sind, erweitern sich die Bedingungen bei Hochzinsanleihen um Covenants wie Collective Action Clause, Finanzkennzahlen (insbesondere Schuldenkennzahlen) und Kreditereignisse.Wolfgang Breuer, Thilo Schweizer, Claudia Breuer: Gabler Lexikon Corporate Finance. 2003, S. 106.

Betriebswirtschaftliche Aspekte Als äußeres Kennzeichen der Bonitäts­einstufung erhält ein Unternehmen eine Bonitätsnote von einer Ratingagentur, die sie im Zeitablauf ändern kann. Dabei verändert sich bei einer Änderung des Ratings auch der aktuelle Kurs und der Credit Spread einer Unternehmensanleihe, so dass Ratingänderungen einen erheblichen Einfluss auf die zu erzielende Rendite einer Anleihe ausüben. Durch das Rating einer Unternehmensanleihe können interessierte Anleger das Risiko dieser Anlageform besser einschätzen.

Im Allgemeinen gilt eine Unternehmensanleihe – im Vergleich zu Aktien desselben Unternehmens – als risikoärmere Anlageform, weil zukünftige Zahlungsströme (Kapitaldienst) von vorneherein feststehen, Dividenden dagegen nicht. Zinsen sind unabhängig von der Ertragslage zu entrichten, Dividenden hingegen nicht. Die Kursschwankungen sind bei Unternehmensanleihen im Regelfall geringer als bei Aktien. An der Wertpapierbörse gehandelte Unternehmensanleihen können jederzeit verkauft werden und weisen deshalb in Normalzeiten eine hohe Marktliquidität auf.

Bestandteile Rendite: Die Rendite gibt die jährliche Verzinsung an, die der Inhaber erwarten kann, wenn er die Unternehmensanleihe bis Laufzeitende hält. Sie hängt vom Kauf- und Rückkaufkurs, von der verbleibenden Restlaufzeit, von den festgelegten Zinszahlungen und vom allgemeinen Marktzinsniveau ab. Kupon: Der Kupon stellt die regelmäßigen (jährlich, halbjährlich, quartalsweise) Zinszahlungen dar, die der Emittent dem Anleger zahlt. Im Gegensatz zur Rendite sind diese klar fixiert und hängen nicht von Kursschwankungen ab. Eine Ausnahme stellen variabel verzinsliche Unternehmensanleihen (sogenannte , kurz Floater genannt) dar, bei der sich der Kupon auf einen Referenzzinssatz bezieht wie z. B. dem LIBOR oder dem Euribor. Der bei Emission festgelegte Renditeabstand wird dann viertel- oder halbjährig auf diesen Referenzzins aufgeschlagen und stellt den Kupon für die nächste Zinsperiode dar. Nennwert: Der Nennwert ist der Betrag, welcher am Ende der Laufzeit zurückgezahlt wird und worauf sich die Kuponraten beziehen. Kurswert: Der aktuelle Kurswert einer Unternehmensanleihe wird in Prozent vom Nennwert angegeben. Er ist wesentlich vom allgemeinen Zinsniveau abhängig. Wenn das Zinsniveau steigt, dann sinkt der Kurs einer Unternehmensanleihe und andersherum steigt der Kurs, wenn die Zinsen sinken. Außerdem ist der Kurswert abhängig von der Bonität des Emittenten und von der Höhe des Kupons. Restlaufzeit: Sie gibt die Zeitspanne bis zum Zeitpunkt der Rückzahlung der Anleihe durch den Emittenten an.

Emission Fremdemission: Bei der Fremdemission tritt eine Bank oder auch mehrere Banken gemeinsam (Bankenkonsortium) als Übernahme- (Underwriter) und/oder Platzierungskonsortium – auch als Syndikat bezeichnet – als Mittler auf. Der oder die Underwriter tragen das volle Risiko der Weiterplatzierung der Anleihe bei Investoren und nehmen ggfs. die nicht platzierten Beträge in die eigenen Bücher. Der Emittent erhält dadurch die Garantie der Platzierung durch das Syndikat. Mittlerweile weitverbreitet ist jedoch ein reines Platzierungssyndikat, bei dem die beteiligten Banken sich lediglich bemühen, den gewünschten Betrag bei Investoren zu platzieren (). Dem Emittenten fließt dann auch nur der platzierte Betrag zu. Im Falle des zu geringen Interesses seitens der Investoren für eine Emission kann diese dann im schlechtesten Fall abgesagt oder zurückgezogen werden, was dann zu einem erheblichen Reputationsschaden für den Emittenten führen kann. Je nach Art der Übernahme des Risikos des Absatzes der Anleihe erhält das Bankenkonsortium eine Bankgebühr vom Emittenten. Selbstemission: Bei der Selbstemission begibt der Emittent die Anleihe selbst ohne die Hilfe von Banken (in Deutschland eher unüblich). Die Vorteile bei einer Selbstemission sind, neben dem Wegfall der Gebühr, die Unabhängigkeit gegenüber Kreditinstituten und die Flexibilität bei der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen einer Anleiheausgabe.

Auch wird differenziert zwischen privater und öffentlicher Platzierung der Unternehmensanleihe. Bei der öffentlichen Platzierung (Börsengang) werden Unternehmensanleihen an der Börse eingeführt und gehandelt, bei der sie zu aktuellen Kursen gekauft bzw. verkauft werden können. Bei einer Privatplatzierung wird die Anleihe einem begrenzten Investorenkreis angedient und in der Regel von diesen auch bis zur Endfälligkeit gehalten. Es gibt keinen geregelten Handel in diesen Titeln. Ein Weiterverkauf während der Laufzeit ist nur möglich, wenn der Inhaber der Anleihe sich selbst bemüht, einen Abnehmer zu finden.

Unternehmensanleihen nach Größe des Emittenten Zu unterscheiden ist hierbei zwischen Small Cap, Mid Cap und Large Cap.

Industrieanleihen Industrieanleihen werden von Industriekonzernen emittiert. Solche Anleihen sind in der Regel durch eine lange Laufzeit und durch hohe Emissionsvolumina gekennzeichnet. Emittenten können neben der Industrie auch große Handelsunternehmen oder Verkehrsunternehmen sein. Das Rating erfolgt hauptsächlich durch die international agierenden Ratingagenturen wie z. B. Standard & Poor’s, Moody’s oder Fitch.

Mittelstandsanleihen Mittelstandsanleihen werden von mittelständischen Unternehmen oder von Familienunternehmen herausgegeben, die ihre Finanzierungsstruktur auf den Kapitalmarkt ausweiten möchten. Das Emissionsvolumen ist üblicherweise kleiner als bei Industrieanleihen. Sie bewegt sich in einem Größenumfang zwischen 15 und 150 Millionen Euro.Bondguide – Mittelstandsanleihen Bondguide – Das Portal für Unternehmensanleihen. Abgerufen am 21. Juli 2016. Die Laufzeit beträgt durchschnittlich 5 Jahre, was ebenfalls unter der durchschnittlichen Laufzeit von Industrieanleihen liegt (10 bis 15 Jahre).

Oftmals enthalten Unternehmensanleihen mittelständischer Unternehmen einen fixen Zinskupon, der einen Aufschlag von bis zu 6 Prozentpunkten im Vergleich zu großen Industrieanleihen gleicher Laufzeit aufweist. Da Mittelstandsanleihen, neben institutionellen Anlegern, vor allem an private Anleger adressiert sind, können einzelne Teilbeträge von Investoren erworben werden. Üblicherweise werden Teilschuldverschreibungen mit einem Nominalwert ab 1.000 Euro angeboten.

Im Gegensatz zu den großen Industrieanleihen werden mittelständische Unternehmensanleihen eher von nationalen Ratingagenturen wie Creditreform, Euler Hermes oder Scope bewertet.

Aufgrund der geringeren Emissionsvolumina ist der Handel an der Börse mit Mittelstandsanleihen weniger ausgeprägt als mit Industrieanleihen. In Fachkreisen spricht man von einem erhöhten Liquiditätsrisiko, da es schwieriger ist, einen Käufer für eine Mittelstandsanleihe zu finden. Aufgrund des erhöhten Risikos sind die Renditen bei Mittelstandsanleihen in der Regel höher als bei Industrieanleihen. Zudem wollen Inhaber von Mittelstandsanleihen ihre Papiere in der Regel eher langfristig halten.

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