mini|hochkant=1.0|Entwicklung der Fluginsekten-Biomasse in NRW-Schutzgebieten von 1989 bis 2016Grafik A: Box-Plot-Darstellung der JahresergebnisseGrafik B: Saisonale Verteilung;beide Grafiken in logarithmischer Darstellung und Farbverläufen blau (1989) bis orange (2016)

Der Begriff Insektensterben bezeichnet den Rückgang der Zahl bzw. Biomasse der Insekten und/oder der Artenzahl von Insekten (Biodiversität) in einem Gebiet.

Ein Schwund der Insektenanzahl gilt in der Ökologie als besonders problematisch, da Insekten vielen anderen Arten als Nahrung dienen, beispielsweise zahlreichen Amphibien, Vögeln und Fledermäusen. Ein Rückgang der Insektenpopulationen gefährdet somit auch viele andere Arten in ihrem Bestand. Zudem ist die Bestäubung durch Insekten für viele Pflanzen, darunter zahlreiche Nutzpflanzen, unverzichtbar. Insekten sind unter anderem auch als Destruenten von großer ökologischer Bedeutung. Vor allem Dungkäfer spielen in der Grünland-Bewirtschaftung eine wichtige Rolle, weil nur sie die rasche Zersetzung des Kots von Nutztieren wie Pferden oder Rindern gewährleisten. Des Weiteren sind manche Insekten Zeigertiere und damit Bioindikatoren. Unter den Insekten finden sich aber auch Lästlinge und Schädlinge, und einige Arten können als Krankheitsüberträger für den Menschen gefährlich werden (zum Beispiel die Asiatische Tigermücke).

Das Insektensterben ist unter anderem Teil der Biodiversitätskrise, die seit der Ausbreitung des Menschen und dessen intensiver Landnutzung in allen Familien des Lebens festzustellen ist.

Bedeutung 500x500px|mini|Geschätzte Zahl von Insektenspezies nach Regionen und Verteilung auf wichtige Ordnungen

Bereits 1992 hatte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Environment Programme, UNEP) angesichts der Bedrohung der Biodiversität eine Konferenz einberufen und mit der dort verabschiedeten Konvention für biologische Vielfalt auf den befürchteten starken Rückgang des Artenbestands reagiert. Mit Stand März 2019 wurde die Konvention von 168 Staaten einschließlich der Europäischen Union unterzeichnet. Geschätzt zählen mehr als 60 Prozent aller Tierarten zu den Insekten,Insektenatlas. Daten und Fakten über Nütz- und Schädlinge in der Landwirtschaft, Heinrich-Böll-Stiftung, 2. Auflage 2020 (PDF); Dort heißt es auf S. 8: „Gut 70 Prozent aller Tierarten weltweit sind Insekten. Sie sind die ARTENREICHSTE GRUPPE aller Lebewesen und in allen Ökosystemen dieser Welt zu Hause.“ allein in Deutschland haben Entomologen bislang rund 33.000 Arten beschrieben, wovon derzeit mehr als 7.800 (ca. 25 Prozent) auf der Roten Liste gefährdeter Arten stehen. Stand Anfang 2025 stuft die IUCN von 12.747 gelisteten Insektenarten 58 als bereits ausgestorben (Extinct) ein, eine Art als in der Natur ausgestorben (Extinct in the Wild), 436 Arten vom Aussterben bedroht (Critically Endangered), 994 Arten als stark gefährdet (Endangered) und 993 Arten als gefährdet (Vulnerable). 3.260 Arten können aktuell nicht bewertet werden (Data Deficient).

Vergleichende ökologische Untersuchungen belegen, dass sich nicht nur die Vielfalt der Insekten im Industriezeitalter in vielen Regionen deutlich verringert hat. Allerdings ist bei den Insekten wie bei allen Wirbellosen die Datenbasis schlechter als bei den Wirbeltieren. Neben der Artenzahl hat dabei auch deren Abundanz (Populationsdichte) abgenommen: bei der am besten untersuchten Gruppe der Schmetterlinge schätzungsweise um ca. ein Drittel in den vergangenen 40 Jahren.Rodolfo Dirzo, Hillary S. Young, Mauro Galetti, Gerardo Ceballos, Nick J. B. Isaac, Ben Collen (2014): Defaunation in the Anthropocene. Science 345 (6195): 401–406; doi:10.1126/science.1251817. Als besonders besorgniserregend wird dabei angesehen, dass neben seltenen Arten, deren Erhaltung im besonderen Fokus des Artenschutzes steht, offenbar auch bisher noch als häufig und weit verbreitet geltende Arten starke Bestandseinbrüche zeigen, die anfangs nicht bemerkt wurden.Kevin J. Gaston & Richard A. Fuller (2007): Biodiversity and extinction: losing the common and the widespread. Progress in Physical Geography 31(2): 213–225; doi:10.1177/0309133307076488.

Ein beunruhigender Aspekt resultiert aus Beobachtungen, die auf einen Rückgang von blütenbestäubenden Insekten hinweisen.Peter G. Kevan & Blandina F. Viana (2003): The global decline of pollination services. Biodiversity 4 (4): 3–8; doi:10.1080/14888386.2003.9712703.Lynn V. Dicks, Blandina Viana, Riccardo Bommarco, Berry Brosi, María del Coro Arizmendi, Saul A. Cunningham, Leonardo Galetto, Rosemary Hill, Ariadna V. Lopes, Carmen Pires, Hisatomo Taki, Simon G. Potts (2016): Ten policies for pollinators. Science 354 (6315): 975-976; doi:10.1126/science.aai9226. Hier hat unter dem Schlagwort Bienensterben eine öffentliche Debatte eingesetzt, die insbesondere die Honigbiene betrifft. Diese Art ist allerdings ein domestizierbares Nutztier, das in großen Teilen ihres Verbreitungsgebiets durch die Imkerei vom Menschen eingeführt wurde und dessen Bestandshöhe damit nicht nur von natürlichen Faktoren abhängt. Aber auch die natürlichen Bestäuber, deren Ökosystemdienstleistung durch Bestäubung von Kulturpflanzen auch für den Menschen schon rein ökonomisch noch weitaus bedeutsamer ist,John E. Losey & Mace Vaughan (2006): The Economic Value of Ecological Services Provided by Insects. BioScience 56(4): 311-323; .Lucas A. Garibaldi, Ingolf Steffan-Dewenter, Rachael Winfree, Marcelo A. Aizen, Riccardo Bommarco, Saul A. Cunningham, Claire Kremen, Luísa G. Carvalheiro, Lawrence D. Harder, Ohad Afik, Ignasi Bartomeus, Faye Benjamin, Virginie Boreux, Daniel Cariveau, Natacha P. Chacoff, Jan H. Dudenhöffer, Breno M. Freitas, Jaboury Ghazoul, Sarah Greenleaf, Juliana Hipólito, Andrea Holzschuh, Brad Howlett, Rufus Isaacs, Steven K. Javorek, Christina M. Kennedy, Kristin Krewenka, Smitha Krishnan, Yael Mandelik, Margaret M. Mayfield, Iris Motzke, Theodore Munyuli, Brian A. Nault, Mark Otieno, Jessica Petersen, Gideon Pisanty, Simon G. Potts, Romina Rader, Taylor H. Ricketts, Maj Rundlöf, Colleen L. Seymour, Christof Schüepp, Hajnalka Szentgyörgyi, Hisatomo Taki, Teja Tscharntke, Carlos H. Vergara, Blandina F. Viana, Thomas C. Wanger, Catrin Westphal, Neal Williams, Alexandra M. Klein (2013): Wild Pollinators Enhance Fruit Set of Crops Regardless of Honey Bee Abundance. Science 340 (6127): 1608–1611; doi:10.1126/science.1230200. gehen womöglich in gleicher Weise zurück. Es wird davon ausgegangen, dass Insekten an die 75 Prozent aller wichtigen Kulturpflanzen bestäuben.Insektenatlas. Daten und Fakten über Nütz- und Schädlinge in der Landwirtschaft, Heinrich-Böll-Stiftung, 2. Auflage 2020 (PDF) Dort heißt es auf S. 8: „Insekten bestäuben drei Viertel der wichtigsten Kulturpflanzen und STEIGERN ihren Ertrag, BEDROHEN aber auch die Ernten und Vorräte.“

Vermutlich hängt auch der weithin beobachtete Rückgang insektenfressender Vogelarten, insbesondere in Agrarlandschaften, mit einem Rückgang der Insekten als Nahrungsquelle zusammen.Tim G. Benton, David M. Bryant, Lorna Cole, Humphrey Q.P. Crick (2002): Linking agricultural practice to insect and bird populations: a historical study over three decades. Journal of Applied Ecology 39: 673–687; doi:10.1046/j.1365-2664.2002.00745.x.Silke Nebel, Alex Mills, Jon D. McCracken, Philip D. Taylor (2010): Declines of Aerial Insectivores in North America Follow a Geographic Gradient. Avian Conservation and Ecology 5(2): 1. online.Caspar A. Hallmann, Ruud P. B. Foppen, Chris A. M. van Turnhout, Hans de Kroon, Eelke Jongejans (2014): Declines in insectivorous birds are associated with high neonicotinoid concentrations. Nature 511: 341–343; doi:10.1038/nature13531. Insektenfressende Vögel verbrauchen weltweit schätzungsweise 400–500 Millionen Tonnen Biomasse pro Jahr.Martin Nyffeler, Çağan H. Şekercioğlu, Christopher J. Whelan (2018): Insectivorous birds consume an estimated 400–500 million tons of prey annually; doi:10.1007/s00114-018-1571-z

Studien im deutschsprachigen Raum Lange Zeit gab es wenige verlässliche Zahlen zu einem Rückgang der Biomasse bei Insekten.Monika Sax, Mathias Tertilt: Zahl der Insekten um 75 Prozent gesunken. In: WDR Wissen, 20. Juli 2017, Zitat: „Das globale Insektensterben hat Anfang 2016 eine internationale Studie des Weltrats für Biodiversität bestätigt. In manchen Regionen sind bis zu 40 Prozent der Fluginsekten vom Aussterben bedroht.“ Wissenschaftler führen das auf den Rückgang öffentlich finanzierter Forschung in der Taxonomie und Ökotoxikologie seit den 1990er Jahren zurück.

Bei der Verwendung des Begriffs häufig zitiert ist „ein Rückgang von 80 % seit Ende der 1980er Jahre“. Dieser Wert wurde manchmal auf ganz Deutschland bezogen, manchmal nur auf bestimmte Regionen, teilweise war von „bis zu 80 %“ die Rede. Die Zahl geht zurück auf eine Veröffentlichung ehrenamtlich Forschender (-> Citizen Science) des Entomologischen Vereins Krefeld aus dem Jahr 2013: Diese betreiben seit Jahrzehnten dutzende Messstellen für Fluginsekten in Nordrhein-Westfalen. In der „Krefelder Studie“ wurden die zwei Messstellen im Orbroicher Bruch (Naturschutzgebiet Orbroich, Stadt Krefeld) herangezogen, um die Jahre 1989 und 2013 zu vergleichen: Dabei wurde bei einer Messstelle ein Gewichtsrückgang von 77 % festgestellt, bei der anderen ein Rückgang von 80. Eine andere Studie der Universität Göttingen kam 2019 zu einem ähnlichen Ergebnis. Bei einer großflächigen Untersuchung von Trockenrasen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen wurde ein Individuenrückgang von bis zu 73 % der Zikadenpopulationen festgestellt. Das entspricht einem durchschnittlichen Biomasseverlust von 54 %. Für den Vergleich wurden Daten aus den 1960ern herangezogen und mit neu erhobenen Daten von 2008 bis 2010 verglichen.

Die Messungen des Entomologischen Vereins Krefeld erfolgten mit jeweils an den Messstellen angebrachten Malaise-Fallen, die 1989 und 2013 zu ähnlichen Zeitpunkten innerhalb des Jahres geleert wurden (z. B. Leerung 8. Mai 1989 und Leerung 5. Mai 2013) – in beiden Jahren jeweils 24 mal. An den beiden Messstellen wurde ein Rückgang der Fluginsekten-Biomasse von 77 bzw. 80 % festgestellt. Über die Krefelder Studie wurde 2017 in der Zeitschrift Science berichtet.Where have all the insects gone?, Science 10. Mai 2017. Auch in einem großen Artikel in der New York Times wurden die Ergebnisse der Studien intensiv erläutert.

Insgesamt hatte der Verein an 88 Standorten fliegende Insekten gesammelt, ihre Arten bestimmt und sie gewogen. Während dabei 1995 noch 1,6 Kilogramm in den Untersuchungsfallen gefunden worden seien, seien es heute oft nur 300 Gramm. Diese Biomasseverluste von bis zu 80 % beträfen unter anderem Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen.NABU: Dramatisches Insektensterben: Rückgang um 80 Prozent in Teilen Deutschlands Abgerufen am 17. Juli 2016. Dabei bezieht sich der Wert nur auf die Messwerte der Jahre 1989 und 2013 an zwei Messstellen im Krefelder Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch. Die Ergebnisse der vom Krefelder Verein mit dem NABU zusammen durchgeführten UntersuchungEntomologischer Verein Krefeld wurden im Januar 2016 dem Umweltausschuss des Deutschen Bundestags vorgestellt.er hieß damals Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Seit 2021 ist er ein ständiger Ausschuss (Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz).