mini|Die Aufteilung Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg Die österreichisch-tschechoslowakischen Beziehungen begannen nach der Auflösung der Habsburgermonarchie im Jahr 1918. Die Gebiete der Tschechoslowakei waren ebenso wie das heutige Österreich zuvor Teil dieses Vielvölkerstaats gewesen. Die politischen Beziehungen erwiesen sich in der Folge selten als spannungsfrei. Besonders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg belasteten Aspekte wie die Vertreibung der Sudetendeutschen, Territorialansprüche und die zunehmende ideologische Polarisierung, die im Kalten Krieg mündete, das Verhältnis zwischen Österreich und der Tschechoslowakei nachhaltig. Die Tschechoslowakei zerfiel 1992 und seit 1. Jänner 1993 existieren zwei unabhängige Staaten auf dem ehemaligen Territorium, Tschechien und die Slowakei.

Vorgeschichte Die politischen Beziehungen des Herrscherhauses Habsburg-Lothringen bzw. des k. k. Reiches ab 1867 zum Reichsteil der Böhmischen Länder vor 1918 wurden von den Autonomiebestrebungen der tschechischen Bevölkerung und der damit einhergehenden Umstrukturierung in der Verwaltung des Habsburgerreichs im 19. Jahrhundert nachhaltig geprägt. Zu den Ländern der Böhmischen Krone gehörten Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien.

Revolution 1848/1849 miniatur|hochkant|František Palacký, Lithographie von Adolf Dauthage (1855) Parallel zur Revolution 1848/1849 in Wien kam es auch in Prag, getragen vom tschechischen Kleinbürgertum und radikalen Gruppierungen wie dem Repeal-Club („Repealisten“), zu mehreren Aufständen und Demonstrationen. Die an die Zentralmacht in Wien gestellten Forderungen betrafen die Abschaffung feudaler Lasten, wie Frondienste und Loskauf, die Gleichberechtigung der deutschen und tschechischen Sprache in Schulen, die Reformierung der Lohnarbeit und eine stärkere Autonomie der böhmischen Länder.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 33–34. Am Reichstag von Kremsier versuchte der tschechische Historiker und Politiker František Palacký, Mitglied der österreichischen Volksvertretung, die nationalen Bestrebungen der Tschechen an die Zentralmacht zu vermitteln. Die durch die Regierung Schwarzenberg forcierte Auflösung des Kremsierer Reichstages am 7. März 1849 und die Einführung einer zentralistischen Verfassung hatte einen Abbruch dieser Bemühungen zur Folge und die Nationalitätenfrage blieb aus tschechischer Sicht weiterhin ungelöst. Die grundlegenden Strukturen der tschechischen Nationalbewegung blieben jedoch weiterhin bestehen.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 48–53.

Österreich-ungarischer Ausgleich und seine Auswirkungen auf die böhmischen Länder Entgegen den föderalistischen Forderungen von Palacký führte die vom Kaiser instruierte Dezemberverfassung 1867 zu einer wesentlichen Stärkung der deutschen Sprache, obwohl die Gleichstellung aller Landessprachen in Ämtern und im öffentlichen Leben garantiert wurde, was eine eigenständige kulturelle Autonomie und Entwicklung ermöglichen sollte. Das Deutsche blieb dennoch weiterhin die dominante Amtssprache.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 131. Demgegenüber stand unter anderem eine Zentralisierung der Universitäten, des Passwesens und infrastruktureller Institutionen, die daraufhin unter der direkten Kontrolle der Wiener Zentralmacht, der Krone standen. Die Vorherrschaft der Deutschen und der Ausgleich mit Ungarn 1867 verlagerte die Stellung der tschechischen Belange ins politische Abseits.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 132. Der tschechische Ausgleichsversuch von 1868, die Böhmische Deklaration, galt für die tschechischen politischen Eliten als zentraler Anhaltspunkt im Zuge einer Intensivierung der Autonomiebestrebungen. Unter der Leitung Ladislav Riegers forderten die Tschechen einen Ausgleich im Stile von jenem mit Ungarn, um ebenso als Staatsnation anerkannt zu werden. Diese Initiative scheiterte jedoch.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 136. Die parallel zur tschechischen Autonomiebewegung entstandenen Spannungen setzten sich bis 1918 fort.

Entwicklung von 1897 bis 1914 Graf Kasimir Badeni, österreichischer Ministerpräsident, bemühte sich 1897 um eine verbesserte Stellung des Tschechischen und erließ dazu die Badenische Sprachenverordnung.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 174. Die darauffolgende sogenannte Badeni-Krise führte zu gewaltsamen Demonstrationen in Wien und Prag, woraufhin die Regierung zurücktrat. Die Sprachenverordnung wurde 1899 wieder aufgehoben. 1911 wurde der böhmische Landtag aufgelöst und die politischen Kontakte zwischen den Vertretern der Tschechen und Deutschen bzw. zwischen Böhmen und Mähren und der k. k. Zentralmacht in Wien kamen zum Erliegen.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 191.

Erster Weltkrieg In Folge der hohen Verluste in den tschechischen Regimentern an der Front und auf Grund der abnehmenden Kriegsbegeisterung kam es im April 1915 zur Massendesertionen tschechischer Truppenverbände. Tschechische Nationalisten sahen im Krieg eine zunehmende Annäherung an Deutschland und ein Erstarken des deutschen Nationalismus, der die Tschechen in eine Existenznot bringen würde. So wurde in nationalistischen tschechischen Kreisen bereits in der Mitte des Ersten Weltkriegs eine Zerschlagung der Donaumonarchie durch die Triple Entente erwogen, die eine Unabhängigkeit Tschechiens als Ergebnis haben sollte. Im Falle eines Sieges der Mittelmächte sollte eine Autonomie innerhalb des k. k. Reichsgebietes angestrebt werden. 1916 führte der Tod Kaiser Franz Josephs und die Nachfolge durch Karl I. zu einer vorsichtigen Neuausrichtung. Trotz des Kaiserlichen Manifests vom 16. Oktober 1918, mit dem die österreichische Reichshälfte in einen Bundesstaat mit weitreichender Autonomie für die einzelnen Nationalitäten umgewandelt werden sollte, zerfiel die Monarchie. Am 28. Oktober 1918 wurde der tschecho-slowakische Staat ausgerufen.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 291–300, 319–329.

Geschichte von 1918 bis 1992 Von der Gründung der Tschechoslowakei bis zum Münchner Abkommen mini|hochkant|Tomáš Garrigue Masaryk (1925)

Die Anerkennung der Československá republika (ČSR) wurde in den Verträgen von Saint-Germain und von Trianon niedergeschrieben. Als erster Präsident der neuen Republik wurde der Philosoph Tomáš Garrigue Masaryk gewählt.Kamil Krofta: Geschichte der Tschechoslowakei. 1932, S. 143–144. Durch die 1919 neuen entstandenen Grenzen gab es ökonomische Schwierigkeiten, da wichtige Verkehrsnetze, zum Beispiel die Nordbahn, die in die Tschechoslowakei führte, zerschnitten wurden. Aufgrund der Verriegelung der Grenzen musste Österreich den Zucker aus Ländern wie Kuba und Java importieren, während die Tschechoslowakei in die USA exportierte. Österreich verlegte daraufhin seinen Außenhandel nach West- und Zentraleuropa.Armin Lausegger: Österreich. Tschechien. Unser 20. Jahrhundert. S. 24–26. So konnte die Tschechoslowakei die wirtschaftlich schweren Jahre überstehen und erhielt sogar einen neuen Aufschwung, der einen Gegenpol zur beträchtlichen Inflation in Österreich und Deutschland darstellte. Die Kronen-Banknoten, die in der Monarchie verwendet worden waren, wurden 1919 abgeschafft und durch die stabile Tschechoslowakische Krone ersetzt.Kamil Krofta: Geschichte der Tschechoslowakei. 1932, S. 154.

Im Dezember 1921 unterzeichneten die Tschechoslowakei sowie Österreich den Vertrag von Lana, in dem Neutralität vereinbart wurde, falls einer der Staaten durch einen Drittstaat angegriffen werden würde. Dieser Vertrag verlor jedoch 1927 seine Gültigkeit und wurde bereits 1926 durch einen Schieds- und Versöhnungsvertrag ersetzt.Armin Lausegger: Österreich. Tschechien. Unser 20. Jahrhundert. S. 32–33.

Der Börsencrash 1929 erreichte die Tschechoslowakei zwar spät, jedoch mit Wirkung. So sank zwischen 1928 und 1932 die Ausfuhr von 21,2 Milliarden Kč auf 7,4 Milliarden ab und erreichte ihren Tiefpunkt 1932 bei 5,8 Milliarden Kč. 1930/1931 kam es wegen Betriebsschließungen zu zahlreichen Massenentlassungen. Durch die Steigerung der Arbeitslosenfürsorgen versuchte man die angespannte Situation im Land zu verbessern.Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. 1992, S. 58.

Man unterschätzte dabei die Verdrossenheit der Sudetendeutschen, die ab dem Jahr 1930 stetig stieg.Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. 1992, S. 63–64. Bundeskanzler Kurt Schuschnigg versuchte 1936 eine Ergebnisfindung mit der kleinen Entente zu erreichen und dazu neue positive Anstöße in das getrübte tschechoslowakisch-österreichische Verhältnis zu bringen.Armin Lausegger: Österreich. Tschechien. Unser 20. Jahrhundert. S. 34. In den folgenden Jahren baute sich die Sudetendeutsche Partei (SdP) immer weiter aus, bis im März 1938 Adolf Hitler dem Vorsitzenden der Sudetendeutschen Partei Konrad Henlein befahl, der tschechoslowakischen Regierung Forderungen zu stellen, die diese unmöglich erfüllen konnte. So verabschiedete Henlein am 24. April 1938 das Karlsbader Programm, in dem die Gleichberechtigung mit dem tschechischen Volk verlangt wurde.

Im Münchner Abkommen vom 30. September 1938 entschieden Frankreich, Großbritannien, Deutschland und das faschistische Italien, dass die sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich abgetreten werden. Die Tschechoslowakei war bei diesem Abkommen nicht beteiligt. Der Einzug der Wehrmacht in die Grenzgebiete erfolgte schon am 1. Oktober 1938, um das Sudetenland zu annektieren.Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. 1992, S. 81–82.

Besetzung der Tschechoslowakei und Zweiter Weltkrieg mini|Karte des Protektorats Böhmen und Mähren Im Jahr 1938 wurde Österreich im Zuge des „Anschlusses“ in das Deutsche Reich eingegliedert. Noch im selben Jahr machten die auf ehemals österreichischem Gebiet errichteten Gaue Oberdonau und Niederdonau im Zuge des Münchner Abkommens bedeutende Gebietsgewinne auf Kosten des Territoriums der Tschechoslowakei. So kamen unter anderem die Städte Znojmo, Mikulov und Břeclav an Niederdonau und wurden fortan von der Gauhauptstadt Krems aus verwaltet. Auch Oberdonau machte mit Český Krumlov Gebietsgewinne. Insgesamt fielen auf diesem Wege über 4.000 km² und circa 350.000 Einwohner an die beiden „österreichischen“ Gaue.Paul Ullmann: Eine schwierige Nachbarschaft. Die Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei von 1945–1968. 2004, S. 9–11.

Als im März 1939 das Deutsche Reich das Münchner Abkommen brach und die Tschechoslowakei gänzlich besetzte, wurde die Wehrmacht unter anderem auch von „österreichischen“ Gebieten aus in Marsch gesetzt. Nach der Besetzung hörte die Tschechoslowakei auf zu existieren. Das Territorium wurden fortan als Protektorat Böhmen und Mähren geführt. In der Verwaltung dieses Gebiets wurden neben Deutschen auch Österreicher eingesetzt. Auch waren in der Folge für innerparteiliche Angelegenheiten der NSDAP auf Teilen des Gebiets des Protektorats die Gauleiter von Ober- bzw. Niederdonau zuständig.Paul Ullmann: Eine schwierige Nachbarschaft. Die Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei von 1945–1968. 2004, S. 11–13.

Nachkriegszeit und Kalter Krieg Neubeginn nach dem Krieg