mini|Buddhistische Bronzeglocke im Tempel von Neunggasa, Südkorea. 1698 gegossen. Eine Glocke ist ein kelchförmiges, halbkugelförmiges oder zylindrisches Gefäß aus gegossenem Metall, geschmiedetem Metallblech, Holz oder einem anderen Material, das zu den Aufschlagidiophonen mit bestimmter Tonhöhe gehört. Sie wird am stummen Scheitelpunkt fixiert, die für den Klang der Glocke maßgeblichen Schwingungen erreichen ihr Maximum am Rand. Dadurch unterscheidet sich die Glocke von einem Gong, dessen Schwingungen zum Mittelpunkt zunehmen. Eine Glocke wird mit einem Klöppel von innen (Klöppelglocke) oder mit einem harten Gegenstand von außen (klöppellose Glocke) am Rand angeschlagen, ein Gong dagegen in der Mitte. Regional und umgangssprachlich werden kleine Glocken (Glöckchen) als Schellen bezeichnet, instrumentenkundlich sind Schellen Gefäßrasseln mit einem ungefähr kugelförmigen Klangkörper, der bis auf eine meist spaltförmige Öffnung geschlossen ist und durch im Innern befindliche Kügelchen beim Schütteln angeregt wird.

Die ältesten Glocken, die aus der Shang-Dynastie ab dem 15. Jahrhundert v. Chr. bekannt sind, zeigen ein hohes Niveau der Metallverarbeitung in der chinesischen Bronzezeit. Wie Konfuzius festlegte, bildeten die entsprechend den chinesischen Tonleitern auf exakte Tonhöhen gestimmten Glocken das Maß für die Musik. Glocken wurden in China bei Staatszeremonien, Begräbnissen und religiösen Ritualen verwendet. Bronzeglöckchen und Rasseln außerhalb Chinas sind aus Urartu und Lorestan frühestens ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. überliefert. Die ältesten ägyptischen Glocken werden in das 9. Jahrhundert v. Chr. datiert. Die Römer und Kelten kannten Tierglöckchen. Die weite Verbreitung von Glöckchen von Zentralasien bis in den Mittelmeerraum im 1. Jahrtausend v. Chr. ist deren zugesprochener magischer Bedeutung zur Abwehr unheilbringender Kräfte zu verdanken.

In den buddhistischen Tempeln Ost- und Südostasiens hängen teilweise sehr große Glocken, die von den Gläubigen von außen angeschlagen werden und deren Klang als glückverheißend gilt. In den hinduistischen Tempeln in Indien verwenden Priester gelegentlich kleine Glöckchen in den Verehrungsritualen (puja). In den schwarzafrikanischen Kulturen kommen eiserne Glocken in einer großen Formenvielfalt vor, besonders klöppellose Einfachglocken und Doppelglocken, zu denen in Westafrika die gankogui gehört. Sie sind als Taktgeber für den Rhythmus der Musik unverzichtbar und haben manchmal eine magische Bedeutung.

Frühchristlichen Mönchen in Westeuropa diente die aus Ägypten stammende Handglocke als Zeichen für den Gottesdienst. Seit dem 8. Jahrhundert wird von Glockentaufen berichtet, was auf die Verwendung größerer, stationärer Glocken schließen lässt. Vermutlich seit dem 10. Jahrhundert wurden Glocken im europäischen Mittelalter auch für musikalische Zwecke eingesetzt. Bis zum 12. Jahrhundert wurde der Guss der Kirchenglocken von Mönchen in den Klöstern durchgeführt. Ausgehend von den Glocken des Benediktinermönchs Theophilus Presbyter Anfang des 12. Jahrhunderts entwickelte sich im 14. Jahrhundert die ungefähre Form, die als Grundlage für die heutige Glockenrippe dient.

Etymologie mini|hochkant|Zarenglocke (Zar-kolokol) von 1735 im Moskauer Kreml. Foto von 1893. „Glocke“ geht auf mittellateinisch clocca (cloca, glogga, gloccus) „Glocke“ beziehungsweise altirisch cloc(c) „Schelle, Glocke“ zurück. Das keltische Wort seinerseits könnte letztlich von einem frühromanischen *culticulare (abgeleitet von lateinisch quatere, excutere „schütteln, schlagen, erschüttern“) stammen;Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 2011, s. v. nach anderer Meinung ist das Wort lautmalerisch,Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 19. Aufl. bearb. von Walther Mitzka. Walter de Gruyter, Berlin 1963, s. v. und nach einer dritten Ansicht geht es auf die indogermanische Wurzel *kel(ə)- „rufen, schreien, lärmen, klingen“ zurück und wäre damit mit lateinisch clangere „schallen“ urverwandt.Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Akademie, Berlin 1989 und zahlreiche Neuauflagen, Artikel Glocke. Jedenfalls trugen irische Missionare, die Europa durchwanderten, Handglocken, womit sie das Wort auf dem Kontinent bekannt machten. Später wurde es auf die großen Kirchenglocken übertragen und gelangte damit in die west- und nordgermanischen sowie einige romanische Sprachen, vergleiche etwa althochdeutsch glocca, clocca, altenglisch clucge (neuenglisch clock „Uhr“ wurde hingegen von flämischen Uhrmachern aus dem Niederländischen nach England gebrachtThe Oxford Dictionary of English Etymology. Hrsg. von C. T. Onions. Clarendon, Oxford 1966 und zahlreiche weitere Auflagen, s. v.), niederländisch klok, dänisch klokke, schwedisch klocka, französisch cloche, provenzalisch cloka.Deutsches Wörterbuch, Bd. 8, Sp. 142, Artikel Glocke; Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 2011, s. v. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Akademie, Berlin 1989 und zahlreiche Neuauflagen, Artikel Glocke. Einige solcher irisch-englischer Schellen sind noch heute erhalten, daneben auch mehrfach im Sakramentar von Gellone (des Ende des 8. Jahrhunderts gegründeten Klosters von Saint-Guilhem-le-Désert) abgebildet. The Catholic Liturgical Library.

In den romanischen Sprachen Italienisch und Spanisch lautet das Wort für „Glocke“ campana, im Portugiesischen bezeichnet campainha die „Türglocke“. Es geht auf spätlateinisch campāna zurück, was eigentlich „kampanisch“ bedeutet beziehungsweise aus „kampanisches Bronzegerät“ verkürzt ist, vergleiche hierzu lateinisch campānum „ehernes Gefäß“. Die süditalienische Landschaft Kampanien war wegen ihres Erzvorkommens bekannt.Manlio Cortelazzo, Paolo Zolli: Dizionario etimologico della lingua italiana. Zanichelli, Bologna 1999, S. 282; Ottorino Pianigiani: Vocabolario etimologico della lingua italiana. Rom 1907 (und zahlreiche Neuauflagen), Artikel campàna. Siehe auch Gertraud Müller und Theodor Frings: Germania Romana. Band 2. Halle 1968 (Mitteldeutsche Studien 19/2), S. 190, sowie Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Akademie, Berlin 1989 und zahlreiche Neuauflagen, Artikel Glocke. Die erstmals 1910 von Curt Sachs vertretene Herleitung von campana aus einem altslawischen kampan ist sprachlich wie sachlich abwegig. Erstmals bezeugt findet sich das Wort bei Isidor von Sevilla.Ottorino Pianigiani: Vocabolario etimologico della lingua italiana. Rom 1907 (und zahlreiche Neuauflagen), s. v.

Ein weiterer Worttyp ist das klassisch-lateinische signum „Zeichen“, gemeint „Glockenzeichen“, das im Altfranzösischen als sin(g) oder sein(g) und noch heute im Portugiesischen als sino die Bedeutung „Glocke“ trägt. Die Formulierung signum dare „ein Zeichen geben“ als Ruf zur Versammlung der Mönche ist vom ägyptischen Klostergründer Pachomios (um 292–346) überliefert. In Gallien ist diese Formel Anfang des 6. Jahrhunderts als signo tacto nachgewiesen, als Nonnenregel des Caesarius von Arles, der ein bedeutender Erzbischof war. Bischof Gregor von Tours erwähnte in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts ein signum, das zu Beginn des Gottesdienstes und allgemein zu den „kanonischen Stunden“ (latein. horae canonicae), also zum Stundengebet der Mönche, mit einem Seil in Bewegung versetzt wurde. Damit war offensichtlich eine Glocke gemeint. Bis ins 10./11. Jahrhundert wurden die Glocken des Öfteren signum genannt. Signum ecclesiae war die offizielle Bezeichnung der katholischen Kirche für Glocke.Heinrich Otte, 1884, S. 9.

Unsicher ist die Herkunft von englisch bell (altenglisch belle, auch für den Schallbecher eines Blasinstruments). Das Wort stammt ursprünglich aus dem niederdeutschen Sprachraum und könnte zu niederdeutsch bellen „brüllen“ gehören.The Oxford Dictionary of English Etymology. Hrsg. von C. T. Onions. Clarendon, Oxford 1966 und zahlreiche weitere Auflagen, s. v. Alt- und neuisländisch bjalla „kleine Glocke, Schelle, Klingel“ (vgl. neunorwegisch bjølle, „kleine Glocke, Schelle“) ist aus dem Altenglisch entlehnt oder zumindest mit diesem eng verwandt.Alf Torp: Nynorsk etymologisk ordbok. 1. Auflage. 1919, Nachdruck Bjørn Ringstrøms Antikvariat, Oslo 1992, S. 26.

Das mittellateinische nola für „Glöckchen“, das erstmals im 4. Jahrhundert bei Avienus vorkommt, müsste laut Sachs, falls es von Namen der Stadt abgeleitet wäre, als Verkleinerungsform nolana heißen. Stattdessen hält er nola für eine Reduzierung des Wortes campanola, auf dessen Wortstamm verzichtet wurde, ähnlich wie cello durch Verkürzung von violoncello auf violone zurückweist.Nola. In: Curt Sachs: Reallexikon der Musikinstrumente und zugleich Polyglossar für das gesamte Instrumentengebiet. Julius Bard, Berlin 1913, S. 273. Unklar ist die Herkunft von lateinisch tintinnabulum. Es ist als kleine Glocke im katholischen Ritus in Gebrauch.André Lehr: Glocken und Glockenspiele: I. Einleitung, Bezeichnung, Material, Verwendung, Namen und Inschriften. In: MGG 2, Sachteil 3, 1995, Sp. 1420.

Das slawische Wort – etwa tschechisch hlahol, russisch kolokol – leitet sich vom altslawischen Stamm klakol ab, der womöglich mit griechisch karkairo „dröhnen“ verwandt ist.Christhard Mahrenholz: Glocken. In: MGG 1, Bd. 5, 1956, Sp. 277. Das Wort ist letztlich womöglich lautmalerisch.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 19. Auflage. bearb. von Friedrich Mitzka. Walter de Gruyter, Berlin 1963, s. v.

Das altgriechische Wort für Glocke ist κώδων kṓdōn und für Glöckchen κωδώνιον kōdṓnion. Es bezeichnete damals auch den glockenförmigen Schallbecher der Trompete (σάλπιγξ sálpinx).

Allgemeine Eigenschaften und Verwendung mini|Zwei Glöckchen und zwei Schellen (Gefäßrasseln). Von Tänzerinnen in Indonesien früher zur rhythmischen Begleitung verwendet. Vor 1927. Die ur- und frühgeschichtlichen Schlaginstrumente und Vorläufer der Glocke waren Klappern, Rasseln – in der einfachsten Form mit Samen gefüllte Fruchtschalen – und Lithophone. Als Material für Glocken dienen seit frühester Zeit Fruchtschalen, Ton, Holz, Kupfer, Messing, Eisen, Bronze, Gold und Silber. Hiervon wird Bronze allgemein am häufigsten verwendet, wobei große Glocken fast nur aus Bronzeguss angefertigt werden und geschmiedete Glocken hauptsächlich in der Volksmusik vorkommen. Es gibt ferner Glocken aus Porzellan und Glas sowie Porzellanglockenspiele. Entsprechend der kürzesten Definition von Curt Sachs („Die Glocke ist ein Aufschlaggefäß mit klingendem Rand und stummem Scheitel“.Curt Sachs: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. Georg Olms, Hildesheim 1967, S. 34) ist eine Glocke jeder einseitig offene Hohlkörper mit einer Formenvielfalt üblicherweise zwischen einer Halbkugel und einer einseitig geschlossenen Röhre.