mini|John Vanderbank: Karikatur einer Aufführung mit Senesino (links), Francesca Cuzzoni und Gaetano Berenstadt (rechts), möglicherweise eine Szene aus Händels Flavio Flavio, Re de’ LongobardiSiehe Titelblatt und andere Erwähnungen des Titels im Originallibretto, in: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. 343, 349, 350 oder kurz Flavio (HWV 16) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Sie erlebte ihre Uraufführung am 14. Mai 1723 im King’s Theatre am Haymarket in London.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen einerseits Liebe, andererseits altertümliche Vorstellungen von ritterlicher Ehre, Schande und Satisfaktion.

Entstehung Flavio war Händels zweite Oper für die vierte Saison 1722–1723 der Royal Academy of Music, nach Ottone, dessen Premiere im Januar 1723 zugleich das Debüt der schon lange erwarteten berühmten Sopranistin Francesca Cuzzoni war.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. x-xiChristopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, S. 94–96 und 358 Weitere Opern der Spielzeit waren Attilio Ariostis sehr bewunderter Cajo Marzio Coriolano (UA: 19. Februar 1723) sowie Giovanni Bononcinis Erminia (UA: 30. März 1723).Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 115 und 116

Aus Händels Autograph zu Flavio geht hervor, dass er die Oper ursprünglich nach der weiblichen Hauptfigur „Emilia“ benannte. Aber vermutlich änderte er den Titel, um Verwechslungen mit Bononcinis Erminia zu vermeiden.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 471.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 210. Der Beginn der Komposition ist nicht bekannt, aber Händel notierte das Datum der Fertigstellung am Ende des Autographs: „Fine dell Opera | London May 7. | 1723.“Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Zweiter Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 96.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 118

Die Uraufführung fand schon eine Woche später statt, mit derselben Besetzung wie zuvor in Ottone:Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. x-xi

Flavio – Gaetano Berenstadt (Altkastrat) Guido – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Emilia – Francesca Cuzzoni (Sopran) Vitige – Margherita Durastanti (Sopran) Teodata – Anastasia Robinson (Alt) Ugone – Alexander Gordon (Tenor) Lotario – Giuseppe Maria Boschi (Bass)

Da die Oper ungewöhnlich kurz ist, begannen die Vorstellungen laut dem Daily Courant eine Stunde später als üblich, erst um acht Uhr abends.Im Mai-Juni begannen sie sonst um sieben Uhr abends, in den Wintermonaten schon um sechs. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 471–473. Es gab insgesamt acht Aufführungen, mit einer letzten Aufführung am 15. Juni 1723, die die Spielzeit beendete.

Händel brachte seinen Flavio nur im April 1732 nochmal für vier Vorstellungen auf die Bühne. Dafür nahm er einige Änderungen vor, die vor allem mit der anderen Besetzung zu tun hatten: Er tauschte die Stimmlagen von Lotario, der nun vom Tenor Giovanni Battista Pinacci gesungen wurde, und von Ugone, den jetzt der Bass Antonio Montagnana übernahm – das entsprach Händels ursprünglicher Konzeption; außerdem musste die Hosenrolle des Vitige an die Stimme der Altistin Anna Bagnolesi angepasst werden. Für all das wurde keine neue Musik komponiert, sondern nur Arien getauscht und verschoben. Zwei Nummern, darunter das einleitende Duett für Vitige und Teodata, wurden gestrichen. Am Ende hatte ausgerechnet die Titelfigur des Flavio (gespielt vom Kastraten „Campioli“) höchstens noch eine Arie zu singen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 473–474.Auch: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008), S. 210–211.

Aufführungsgeschichte Die Oper wurde weder an der Gänsemarktoper in Hamburg noch in Braunschweig nachgespielt. Sie wurde erst am 2. Juli 1967 bei den Händel-Festspielen in Göttingen wiederbelebt, in drei Vorstellungen unter der Leitung von Günther Weißenborn und mit einer deutschen Textfassung von Emilie Dahnk-Baroffio.

Die erste Aufführung des Flavio in historischer Aufführungspraxis fand am 24. August 1989 bei den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck statt. Es spielte das Ensemble 415 unter der Leitung von René Jacobs.

2023 wurde die Oper in einer Inszenierung von Max Emanuel Cenčić bei den Bayreuth Baroque Festspielen, mit Julia Lezhneva und dem Orchester Concerto Köln unter Benjamin Bayl sowohl musikalisch wie inhaltlich im Sinne des modernen Regietheaters stark verändert. Dabei wurden zahlreiche zusätzliche Musiknummern (Tänze u. a.) zwischen den Szenen eingefügt und die Handlung zu einer frivolen Groteske mit derben Sexszenen „zwischen Satire und Zote“Roland H. Dippel: https://www.concerti.de/oper/opern-kritiken/bayreuth-baroque-flavio-7-9-2023/, in: Concerti, 8. September 2023 (Abruf am 6. März 2026) umgedeutet.

Libretto Das Libretto zu Händels Oper schuf Nicola Francesco Haym. Es geht in letzter Instanz auf Matteo Noris’ Textbuch Il Flavio Cuniberto zurück, das zuerst von Giovanni Domenico Partenio vertont und 1682 in Venedig aufgeführt worden war. Noris’ Libretto war ziemlich erfolgreich und später in verschiedenen italienischen Städten zu sehen, auch mit Musik von Domenico Gabrielli (Modena 1688), Alessandro Scarlatti (Neapel 1693 und Pratolino 1702) und Luigi Mancia (Rom 1696). Haym verwendete als direkte Vorlage den möglicherweise von Silvio Stampiglia bearbeiteten Text von Mancia,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 462–463. den er 1696 kennengelernt haben muss, als er zum Orchester des Teatro Capranica in Rom gehörte.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. xxiv

Haym kürzte wie immer die Rezitative, da man dem englischen Publikum keine allzu langen italienischen Texte zumuten wollte. Er strich außerdem drei Rollen: die Figur von Flavios Gemahlin Ernelinda und zwei komische Dienerrollen. Außerdem wurde das Gewicht der Rollen von Flavio, Teodata, Vitige und Lotario, die 1696 die meisten Arien hatten, deutlich reduziert. Bei Händel steht das Liebespaar Emilia und Guido, das von den beiden primarii Cuzzoni und Senesino gesungen wurde, stärker im Mittelpunkt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 463–464 (auch Tabelle 7). Haym übernahm 12 Arientexte von 1696, drei weitere Texte änderte er etwas, die übrigen zehn Gesangsnummern, darunter die zwei Duette und den Schlusschor, schrieb er neu.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 464–465.

Das Ergebnis ist ein recht knapper Operntext, mit oft auffällig kurzen Szenen, der in der Literatur teilweise recht negativ beurteilt wurde. Die für die venezianische Oper des 17. Jahrhunderts typischen, aber mittlerweile altmodischen, komischen Elemente der Vorlage waren so weit wie möglich reduziert worden. Trotzdem vertraten Dean und Knapp die Ansicht, dass Hayms Libretto nicht nur „sehr unterhaltsam“, sondern eine „antiheroische Komödie mit tragischen Untertönen“ sei („a very entertaining piece of work, an anti-heroic comedy with tragic undertones“),Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 465.Winton Dean: Händel. Flavio. Aus dem Englischen von Liesel B. Sayre. Booklettext zur Einspielung: harmonia mundi 901312-3, Arles 1990, S. 20 ff. mit anderen Worten: eine Parodie. Dem widersprach allerdings Ellen T. Harris, da der Vorstand der Royal Academy zu dieser Zeit nachweislich strikt darauf geachtet habe, dass die vertonten Libretti heroisch waren und dem Decorum entsprachen, und dass Figuren und Handlung würdevoll und nicht lächerlich seien; sie wies auch darauf hin, dass Stampiglias Libretto Partenope 1726 genau deshalb abgelehnt wurde, weil es dagegen verstieß.Händel vertonte es später, als man ihm freie Hand bei der Auswahl der Texte ließ (1730, während der „zweiten Academy“). Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. xxiv Es ist allerdings eine Tatsache, dass eine der Vorlagen zum Libretto eine Tragikomödie ist und dass man der Oper diese Herkunft zumindest streckenweise anmerkt.

Handlung mini|Cunincpert war der erste Langobardenkönig, dessen Abbild auf Münzen geprägt wurde. In Pavia geprägter Tremissis., DN CVNI-INCPE RX; Dominus Noster Cunincpert Rex (Unser Herr Cunincpert, der König), SCS MI-HAHIL (Sankt Michael)

Historisch-literarischer Hintergrund Im Argomento (Vorbemerkung) zum Libretto gibt Haym zwei Quellen für die beiden Handlungsstränge der Oper an: Einerseits die von dem Mönch Paulus Diaconus im 8. Jahrhundert verfasste Geschichte der Langobarden, andererseits Pierre Corneilles „berühmte Tragikomödie“ Le Cid (1637).Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. 348 (englisch) und 349 (italienisch)

Die Titelfigur Flavio ist identisch mit dem Langobardenkönig Flavius Cunincpertus, der wiederum der Sohn von Rodelinda war – der Heldin von Händels etwa eineinhalb Jahre später entstandener gleichnamiger Oper.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 240. „Flavius“ war kein Eigenname, sondern der Geschlechtername der langobardischen Könige.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 462.

Laut Paulus Diaconus wurde Cunincpert zunächst um 680 von seinem Vater Perctarit zum Mitkönig erhoben und nach dessen Tod 688 alleiniger König. Paulus beschrieb Cunincperts Lebenswandel recht schillernd, gehörten doch Ehebruch, Trunksucht, selbst Mordpläne gegen unbequeme Gegner dazu. Für Händels Oper relevant ist die Geschichte von der Verführung der aus altem römischen Adel stammenden schönen Theodote, die Cunincpert zunächst zu seiner Geliebten machte (oder vergewaltigte ?), später aber in ein Kloster schickte, das nach ihr benannt wurde:Paulus Diaconus: Historia Langobardorum, Ludwig Bethmann und Georg Waitz (Hrsg.), in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Langobardicarum et Italicarum saec. VI–IX. Hahn, Hannover 1878. S. Maria Theodotis della Posterla.Paul Darmstädter: Das Reichsgut in der Lombardei und Piemont. Trübner, Strassburg 1896, S. 12. Theodote ist auch durch eine Grabinschrift bezeugt.Martina Hartmann: Die Königin im frühen Mittelalter. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-17-018473-2, S. 51.