Heimatkunde. Aufsätze und Reden ist ein Band Martin Walsers aus dem Jahr 1968, bestehend aus neun Reden und Aufsätzen. Walser schildert kritisch die Wirklichkeit der Bundesrepublik zwischen 1965 und 1968 und reflektiert die Geschehnisse und Zustände des Auschwitzprozesses und des Vietnamkriegs, analysiert Heimat, Dialekt, die politische Sprache und thematisiert ebenfalls das Theater, die Rolle Amerikas im Vietnamkrieg sowie das gesellschaftliche Verhältnis eines Schriftstellers.

Der Titel Heimatkunde ist zugleich auch der Titel eines darin enthaltenen Aufsatzes. Heimat bedeutet für Martin Walser eine Art sprachlich orientierte Verbundenheit. Walser ist eng verbunden mit seiner Heimat und ist von seiner Muttersprache, dem Alemannischen, geprägt worden. Mit Heimat und Dialekt verbinden sich zwei wichtige Themen, denen Walser sich häufig in seinem Werk widmet. Ihre Bedeutung für Walser wird durch den Titel des Bandes widergespiegelt.

Beiträge Unser Auschwitz Martin Walser beschäftigte sich in diesem erstmals 1965 in der ersten Ausgabe des Kursbuches erschienenen politischen Essay intensiv mit den Geschehnissen in Auschwitz und den anschließenden Reaktionen und Prozessen und ist einer der wenigen, der sich öffentlich mit dem Umgang des Holocaust auseinandergesetzt hat. Im ersten Teil seines Aufsatzes Unser Auschwitz thematisiert er zunächst die Distanz, die wir Menschen zu Auschwitz aufbauen. Durch Medien- und Zeitungsberichte wurde niemand mit Einzelheiten verschont und je „scheußlicher die Einzelheit, desto genauer wurde sie uns mitgeteilt“.Martin Walser: Heimatkunde. Aufsätze und Reden. Frankfurt am Main 1968, S. 8. Doch ebenso galt: „Je furchtbarer die Auschwitz-Zitate sind, desto deutlicher wird ganz von selbst unsere Distanz zu Auschwitz. Mit diesen Geschehnissen […] haben wir nichts zu tun“.Walser: Heimatkunde, S. 8. Die Angeschuldigten werden mehrfach in den Medien als Teufel oder Raubtiere beschimpft. In einem Interview vom 8. Mai 2015 für die Sendung Aspekte sagte Walser, dass man die Schuldigen nicht als Teufel bezeichnen könnte; viel mehr handelte es sich um eine deutsche Organisation, „geführt und realisiert mit allen unseren Eigenschaften“.Die Reue des Martin Walser (aspekte, ZDF, Deutschland 2015, 00:01:50 – 00:02.00) So schrieb er auch in seinem Aufsatz, dass die Folterer „keine phantastischen Teufel [waren], sondern Menschen wie du und ich“.Walser: Heimatkunde, S. 11. Auschwitz ist jedoch vor allem wegen der Häftlinge wichtig geworden und problematisch für unsere Nationalität. Allerdings sind es auch nur die Häftlinge, die wissen, was Auschwitz wirklich war.Vgl. Walser: Heimatkunde, S. 10.

Im zweiten Teil geht es vor allem um die Ahnungslosigkeit der Deutschen und den Begriff der Kollektivschuld. Ein Hauptproblem, das Walser beschreibt, liegt darin, dass wir den Brutalitäten gegenüber völlig ahnungslos waren und uns als Mitwisser ausschlossen. Damit „verlieren wir den Rest von nationaler Solidarität mit den Tätern. Wir vergessen […], daß wir zumindest geduldige Zeugen waren, als sich von 1933 bis 1943 ein Schritt nach dem anderen sichtbar vor uns vollzog“.Walser: Heimatkunde, S. 17. Dennoch ist Kollektivschuld ein Begriff, den Walser in dem Zusammenhang ablehnt; denn „dort, wo das Schamgefühl sich regen, wo Gewissen sich melden müßte, bin ich nicht betroffen“.Walser: Heimatkunde, S. 18. In dem Interview verdeutlicht er außerdem, dass Schuld allgemein ein sehr problematisches Wort ist, da sich stets über Schuld oder Unschuld diskutieren lässt. Schande hingegen ist ein Begriff ohne Absolution, Schande ist nicht abwaschbar, sondern etwas, das bleibt.Vgl. Die Reue des Martin Walser (00:00:40 – 00:10:53) Mit all diesen Schwierigkeiten der KZ-Prozesse sehnen wir uns letztendlich doch nach Ruhe, „die den schönen Namen Gerechtigkeit [trägt]“.Walser: Heimatkunde, S. 21. Tatsache ist dennoch, dass Auschwitz für die Opfer stets präsent bleibt und nicht vergessen werden kann. Wir jedoch können Auschwitz vergessen; es wird keine weiteren Folgen haben, sofern wir nicht beteiligt waren.Vgl. Walser: Heimatkunde, S. 21.

Praktiker, Weltfremde und Vietnam Der Aufsatz Praktiker, Weltfremde und Vietnam verdeutlicht, dass Walser seine Stimme nicht nur gegen die Unterdrückung der nationalsozialistischen Vergangenheit erhob, sondern auch gegen die des Vietnamkrieges.Vgl. Stuart Taberner: The Triumph of Subjectivity. Martin Walser’s Novels of the 1990s and his Der Lebenslauf der Liebe. In: Stuart Parkes, Fritz Vefelmeyer: German Monitor. Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective. Rodopi, 2004, S. 429. So schreibt Walser: „Das ist unser Krieg. […] Die Amerikaner sind unsere engsten Verbündeten, unsere engsten politischen Freunde. Sie führen diesen Krieg auch in unserem Namen“.Walser: Heimatkunde, S. 28. Es ist ein Krieg, der nicht mit dem Zufall verbunden ist, sondern viel mehr zusammenhängt mit den USA, der Bundesrepublik und der ganzen Welt. Demnach sollte man sich nicht einfach heraushalten. Walser bezeichnet Deutschland jedoch als einziges Land, welches noch keine öffentliche, politische Kritik an diesem Krieg geäußert hat. Seine moralische Verurteilung wird „weitergeführt zur Kritik der stillschweigenden Duldung dieses Krieges durch die Bundesregierung und einer Öffentlichkeit, die immer noch am freundlichen Amerika-Bild der fünfziger Jahre festhalten möchte“.Dieter Wellershoff: Der Schriftsteller und die Öffentlichkeit, Martin Walsers politisierende Aufsätze. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. November 1968, S. 3f. Am Ende dieses Essays ruft Walser auf, für die SPD und für alle Praktiker und Taktiker einzuspringen und die eigene Kritik am Vietnamkrieg auszudrücken.

Auskunft über den Protest Auskunft über den Protest ist ein kurzer Aufsatz über den Sinn, den Zweck und auch den Erfolg von Protesten. Es ist oft der Fall, dass wir trotz Protesten nichts bewirken. Also warum protestieren wir? Nur für das Gefühl, etwas nicht unversucht gelassen zu haben? Stellt uns dieses Gefühl allein wirklich zufrieden? Diese Fragen stellt sich Walser und betont, dass Proteste aus Fakten entstehen, vor allem aber im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg von den Kriegführenden selber erzeugt werden.

Heimatkunde Martin Walsers Essay Heimatkunde stammt aus dem Jahre 1967. Walser beschäftigt sich mit dem Thema Heimat, welches er auch in anderen Werken immer wieder aufgreift.Vgl. Wilhelm Gössmann: Heimatkunde in den Romanen Martin Walsers. In: Hans-Georg Pott (Hrsg.): Literatur und Provinz. Das Konzept „Heimat“ in der neueren Literatur. Ferdinand Schöningh, 1986, S. 87. Er ist nicht als Heimatschriftsteller „anzusehen, wohl aber als ein Autor, der Heimatkunde betreibt, der feststellt, analysiert und erkundet“.Vgl. Gössmann: Heimatkunde, S. 85. Zur Zeit der Entstehung des Essays war Heimatkunde noch ein Unterrichtsfach, „in dem für die Schüler die unmittelbare Anschauung ihrer Umgebung zum Ausgangspunkt des Lernens werden sollte“Gössmann: Heimatkunde, S. 88. und welches dem heutigen Fach Erdkunde sehr ähnlich ist. Dazu gehört durchaus die Beschäftigung mit der Geschichte, dem Land und den Menschen aus der Umgebung, und so versuchte der Nationalsozialismus seine Ideologie hiermit zu verbinden und zu verbreiten.Vgl. Gössmann: Heimatkunde, S. 88. Der Titel Heimatkunde ist somit nicht in einem „folkloristischen oder vereinsmeierischen Sinne programmatisch gemeint: Heimatkunde ist ein durchaus zeitkritisches Unterfangen, das auch die Auschwitz-Prozesse oder den Vietnamkrieg betreffen muß.“Georg Braungart: „Ich habe nicht das Gefühl, daß ich mich bewegt hätte.“ Martin Walsers „Wende“ zwischen Heimatkunde und Geschichtsgefühl. In: Walter Erhart, Dirk Niefanger: Zwei Wendezeiten. Blicke auf die deutsche Literatur 1945 und 1989. Max Niemeyer Verlag, 1997, S. 100.

Das Essay beginnt kritisch mit den Worten „Wenn es sich um Heimat handelt, wird man leicht bedenkenlos. […] Heimat, das ist sicher der schönste Name für Zurückgebliebenheit“.Walser: Heimatkunde, S. 40. Der Begriff der Zurückgebliebenheit als Kontrast zu Fortschritt leitet uns nun in die Problematik Walsers; denn „trotz aller Liebe zum geistesgeschichtlichen Fortschritt seit der Aufklärungszeit, trotz aller Liebe zum demokratisch-politischen Fortschritt in Deutschland achtet Walser die verborgene Substanz, die in der Zurückgebliebenheit liegt, verehrt sie sogar ein wenig“. Walser sieht das Hauptproblem in der „modischen Progressivität“, die eine zwanglose Mobilität einschließt. In dem Zusammenhang reflektiert Walser seinen eigenen Wohnort, die Umgebung am Bodensee, an dem er selbst geblieben ist. Er beschreibt sein großes Interesse an Spaziergängen, welches er darauf zurückführt, dass es ihm schwerfällt, von seiner Umgebung ganz wegzukommen. Doch sind seine Aussagen über Spaziergänge auch als Denkprozesse zu sehen, mit denen er die Vergangenheit reflektiert.Vgl. Gössmann: Heimatkunde, S. 89. Seine Leidenschaft und sein Interesse an Heimatkunde formuliert er deutlich: „Jetzt gehe ich dafür spazieren. Zwischen Eiszeit, Karfreitag und Pfingsten. Auf diesen schweren, anziehenden Wegen. Offenbar bin ich interessiert. An Heimatkunde.“Walser: Heimatkunde, S. 45.

Die Erkundung seiner Heimat ist ein grundlegendes Thema in Walsers Werken, sowohl historisch als auch zeitgeschichtlich.Vgl. Gössmann: Heimatkunde, S. 89. Seine „literarische Seßhaftigkeit“Gössmann: Heimatkunde, S. 89. hat ihren Ursprung im Wasser, dem Bodensee, und damit beginnt und endet der letzte Absatz des Essays Heimatkunde – mit dem Bodensee, einem freundlichen Gewässer, in dem sicher auch regelmäßig Menschen ertrinken und man trotzdem oft vergisst, wie fremd man dem Wasser doch werden kann.Vgl. Walser: Heimatkunde, S. 50. Dem Wasser, das zugleich der Grund ist, warum man die Heimat noch nicht verlassen hat.

Bemerkungen über unseren Dialekt Bemerkungen über unseren Dialekt ist ein Aufsatz Walsers von 1967. Geboren und aufgewachsen am Bodensee ist es für Walser fast notwendig, sich mit der Sprache und dem Dialekt auseinanderzusetzen. Heimat ist für ihn ebenfalls sehr stark auf seine sprachliche Prägung zurückzuführen. Während sich das Münchener Bairisch und das Stuttgarter Schwäbisch zu Standesmerkmalen entwickelt haben, wurde das Alemannische, die Muttersprache Walsers, fortwährend als Zeichen mangelnder Bildung gedeutet und war somit vom Aussterben bedroht. Dennoch wird man, auch wenn man aufhört den Dialekt zu sprechen, die eigene Muttersprache nie los.Vgl. Walser: Heimatkunde, S. 51f.

Walser beschreibt den Dialekt als stets konkrete Sprache, die das Unhaltbare aufdeckt. Der Dialekt ist dagegen, dass man Wörter gebraucht, die man nicht versteht, oder Wörter, die keinen rechten Anlass haben in einem selbst; als man nämlich den Dialekt lernte als Muttersprache, da hatte alle Äußerung einen rechten Anlass und einen triftigen Grund.Walser: Heimatkunde, S. 56. Walser beobachtet eine Art Spannung zwischen Dialekt und Hochsprache und empfindet den Dialekt als „unentfremdet, unbestechlich“.Wellershoff: Der Schriftsteller und die Öffentlichkeit, S. 4. Dieter Wellershoff hingegen argumentiert, dass genau das Gegenteil der Fall sein kann: „Denn als man Dialekt lernte als Muttersprache, da urteilte man noch kaum und verstand wenig, sondern übernahm nachplappernd die Vorurteile seiner Umgebung. Walser verschätzte sich, weil auch der Dialekt wie alles gesellschaftlich Nichtetablierte für ihn oppositionellen Reizwert hat.“ Walser endet seinen Aufsatz, indem er einen Vergleich zieht zwischen Kindheit und Dialekt. Er hält den Dialekt für genauso wichtig wie die untergegangene Kindheit, deren Nachwirkung die größte Wirkung im Dialekt zeigt.

Die Parolen und die Wirklichkeit