mini|Westansicht des Musterhauses Am Horn (2009) mini|Touristische Unterrichtungstafel an der Autobahn A4: „UNESCO Weltkulturerbe Weimar“ mit dem Haus am Horn, dargestellt hinter dem Römischen Haus Das Musterhaus Am Horn ist ein Versuchshaus des Bauhauses in Weimar. Anlass zum Bau dieses Einzelhauses nach einem Entwurf von Georg Muche war die erste Bauhausausstellung von 1923. Es diente als Anschauungsobjekt dafür, wie sich das Bauhaus zukünftiges gemeinschaftliches Leben und Arbeiten vorstellte. Es sollte eine gangbare Antwort auf die Wohnungsnot bieten, mit modularer, kostengünstiger Bauweise, nutzungsorientiertem Grundriss und Wohnkomfort durch moderne Technologie. In dem Projekt arbeitete die Bauhaus-Schule erstmals werkstattübergreifend, indem gemeinsam geplant, gebaut und ausgestattet wurde. Das Musterhaus ist das einzige in Weimar fertiggestellte Zeugnis des Bauhauses.

Seit 1973 ist das Gebäude ein Baudenkmal. Historisch gewachsene Um- und Anbauten wurden im Rahmen umfassender Sanierungsmaßnahmen zurückgebaut. 1996 wurde das Gebäude zusammen mit anderen Stätten des Bauhauses in Weimar, Dessau und Bernau von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Das Haus diente bis 1998 vornehmlich als Wohnhaus und ist heute museal zu besichtigen.

Vorgeschichte Kontext

In den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg fehlten in Deutschland mehr als eine Million Wohnungen. Da es zudem durch das Fehlen zahlungskräftiger Mieter an Anreizen für das private Bauen fehlte, sahen sich die Kommunen gezwungen, erstmals selbst im sozialen Wohnungsbau als Bauträger aufzutreten. Bedingt durch die wirtschaftliche Situation lagen dabei die Prioritäten auf niedrigen Baukosten, was durch eine Rationalisierung des Bauwesens erreicht werden sollte. Unter diesen Rahmenbedingungen entwickelte sich die Ausrichtung des Bauhauses von Zurück zum Handwerk hin zu Kunst und Technik – eine neue Einheit. Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses, erkannte die Industrie als bestimmende Kraft seiner Zeit an. Die Beschäftigung mit der industriellen und maschinellen Produktion wurde zum Credo aller Bauhaus-Arbeit.

Ideenfindung Die Architektur war für Gropius das Element, das im Hintergrund alle Werkstätten vereinen sollte. In einem gemeinschaftlich errichteten und ausgestatteten Bau würden alle Werkstätten gemeinsam an einem architektonischen Werk zusammenkommen. Als Ideal für die Projektdurchführung galt dabei die mittelalterliche Bauhütte. Trotz des Schwerpunkts auf Architektur gab es, nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen, keine Architektenklasse.

Die ersten Entwürfe und Modelle für eine Bauhaus-Siedlung stellte eine Gruppe um Walter Determann bereits im Sommer 1919 vor. Leitidee war, eine Siedlung für die Angehörigen des Bauhauses zu errichten, um ihnen materiell Wohnraum und Ernährung zu sichern, eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft zu fördern und den Werkstätten Praxisbezug zu verschaffen. Ursprünglich sollte nicht nur ein Musterhaus, sondern ein ganzer Bauversuchsplatz entstehen. Zitiert nach Im Jahr darauf legte Determann konkrete Pläne für eine Siedlung auf dem Gelände Am Horn vor. Die geplante Anlage war streng symmetrisch aufgebaut. Sie beinhaltete Wohn-, Werkstatt-, Gemeinschafts- und Sportbauten. Das Gelände war umschlossen und von Türmen begrenzt. Zur Umsetzung der Pläne für eine ganze Siedlung kam es in Weimar aber letztendlich nicht, weil das Bauhaus 1925 die Stadt verlassen musste. Am neuen Standort, Dessau, konnte die Idee eines Siedlungsprojekts schließlich realisiert werden.

mini|Grundstück in der Straße Am Horn am Park an der Ilm 1920 pachtete das Bauhaus das angedachte Siedlungsgelände Am Horn. Das Gelände lag am Hornberg, dem damals östlichen Stadtrand Weimars. Zunächst sollten Notbauten als Unterkünfte errichtet werden. Dies scheiterte jedoch am Widerstand der Bewohner der Straße Am Horn, die vehement gegen die Siedlungsidee protestierten.

Im April 1922 wurde zur rechtlichen Absicherung eine Siedlungsgenossenschaft gegründet. Der mit Gropius zusammenarbeitende Architekt Fred Forbát entwarf einen Haustyp, in dem „ein großer zentraler quadratischer Wohnraum von drei Seiten von niedrigeren Schlafzimmern und Nebenräumen flankiert“ war. Zitiert nach Diese Ausgangsbasis sollte durch sechs vorgefertigte „Raumzellen“ variabel erweiterbar sein. Gropius bezeichnete diese Modulbauweise als „Baukasten im Großen“. Die Entwürfe wurden im Juli 1922 der Stadtverwaltung vorgelegt, wo sie auf starken politischen Widerstand stießen. Im selben Jahr entwertete die Inflation das Vermögen der Siedlungsgenossenschaft. Das Projekt konnte damit nicht mehr wie geplant realisiert werden.

Zeitgleich, drei Jahre nach der offiziellen Gründung des Bauhauses unter Trägerschaft und Finanzierung des Landes Thüringen, wollte das Landesparlament Ergebnisse von der neuen Hochschule, die weiterhin von staatlichen Geldern abhängig war, sehen. Zudem wurde das Bauhaus von seinen politischen Gegnern aus dem konservativ-nationalistischen Lager zunehmend unter Druck gesetzt. Diese Umstände zwangen die Schule, ihre Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen. Lehrkörper und Schülerschaft hielten den Zeitpunkt zunächst für verfrüht, beugten sich aber kurz darauf dem Druck. Im September 1922 präsentierte Gropius dann seinen ersten Vorschlag für ein Ausstellungsprogramm mit einem „Musterwohnhaus“ als zentralem Element: Zitiert nach

Für das Musterhaus standen neben Gropius’ Arbeiten zwei weitere Entwürfe zur Auswahl: Farkas Molnárs Entwurf Rote Würfel und der Entwurf des Malers Georg Muche, der seit 1921 in der Weberei tätig war. Muche überzeugte bei einer schulinternen Abstimmung am 6. Oktober 1922 Lehrkörper und Schülerschaft mit einer leidenschaftlichen Rede von seinem Entwurf. Gropius fügte sich dem Abstimmungsergebnis mit den Worten:

Planung mini|hochkant|Georg Muche am Tisch der Arbeitsnische, mit Bernd Grönwald (1983) Das Konzept des zu der Zeit frisch verheirateten Muche zielte darauf ab, die Arbeit der Hausfrau zu reduzieren, „damit sie sich wieder geistigen Aufgaben widmen könne“. Damit bezog er sich auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den religiösen und esoterischen Strömungen seiner Zeit, denen gegenüber das Bauhaus als sehr aufgeschlossen galt. Diese Verbundenheit mit dem Spirituellem spiegelt sich nach Ansicht einiger Fachleute auch im Bauwerk selbst wider: Es repräsentiert durch die Lage auf einer Anhöhe und die an einen griechischen Zitiert nach oder indischen Tempel erinnernde Gestalt einen „Tempel des Alltags“. Das Haus war für eine drei- bis vierköpfige Familie „ohne Personal“ gedacht. Das Fehlen von Räumlichkeiten für Angestellte verdeutlicht eine neue Auffassung der sozialen Ordnung.

Die praktische Umsetzung des Entwurfs übernahmen Walter March und Adolf Meyer aus dem Architekturbüro von Gropius. An der Ausstattung des Hauses waren alle Werkstätten des Bauhauses beteiligt, die dabei ihre – auch experimentelle – Sicht von zeitgemäßem Wohnen einbringen konnten. Das Haus war nicht ausdrücklich zum sofortigen Bezug gedacht.

Finanzierung Finanziert wurde das Bauvorhaben durch den Industriellen Adolf Sommerfeld, für den Gropius 1920/21 das Haus Sommerfeld in Berlin-Lichterfelde entworfen hatte. Zuvor gestellte Anfragen bei US-amerikanischen Industriellen und der Stadt Weimar waren erfolglos geblieben.

Mehrere der beauftragten Bauunternehmen arbeiteten zum Selbstkostenpreis, konnten dabei aber ihre Materialien werbewirksam einsetzen. Zitiert nach Einige Einrichtungsgegenstände wie der Gasherd waren als bloße Ausstellungsstücke gedacht und sollten nach der Ausstellung zurückgegeben werden, falls sich kein Käufer gefunden hätte.

Durch die Inflation stiegen die Baukosten innerhalb eines Jahres von den veranschlagten 100 zunächst auf 450 Millionen Mark und schlussendlich auf 650 Millionen Mark.

Bauphase mini|Regler am Heizkörper Gebaut wurde 1923 nach Gründung der gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft des Bauhauses das Musterhaus Am Horn. Am 11. April 1923 erfolgte die Grundsteinlegung. Verantwortlicher Bauherr war Gropius selbst, die Bauausführung übernahm die Soziale Bauhütte Weimar. Die Bauzeit dauerte bis zum 15. August 1923 Zitiert nach und betrug somit lediglich vier Monate.

Die Bauleitung bemühte sich um Baustoffe und Baukonstruktionen, die laut Gropius „einem neuen, synthetischen Baugedanken“ folgten und hohe Wirtschaftlichkeit versprachen. Involviert waren über 40 Lieferanten, Vertriebe, Firmen und mittelständische Handwerksbetriebe. Das moderne Baumaterial Jurko-Leichtbetonstein – ein vorgefertigter Leichtbaustein aus zementgebundenem Schlackebeton – versprach eine schnelle Bauzeit bei besseren bauphysikalischen Eigenschaften. Zur Isolierung wurde mit Torfoleum ein weiteres modernes Material eingesetzt. Die Platten aus industriell aufgearbeitetem Torf, doppelt gesetzt, brachten wesentliche Ersparnisse gegenüber einer Ziegelmauer hinsichtlich Material-, Transport- und Lohnkosten sowie bei der bebauten Fläche und beim Heizungsbedarf. Auch unter dem Estrich des Fußbodens wurde Torfoleum verlegt. Das Haus Am Horn dürfte damit eines der ersten Häuser mit umlaufender Wärmedämmung gewesen sein. Die Decken wurden als Keramikhohlsteindecken mit Stahleinlagen ausgeführt, die Dacheindeckung als mehrlagige Bitumenbahneindeckung.

Fassadenschmuck war bei Bauhaus-Anhängern tabu. Verputzt wurde mit einem wetterbeständigen, silbergrauen Terranova-Edelputz, der durch Glimmerpartikel eine changierende Wirkung erzielte. Der nicht erst auf der Baustelle gemischte, sondern industriell hergestellte Mörtel wies eine gleichbleibende Qualität auf, was eine Zeitersparnis bedeutete. Anstatt den üblichen Kratzputz zu verwenden, wählte man hier einen Schabeputz mit einer Körnung von nur 1 mm, der eine feinere Oberflächenstruktur ergab. Die Fensterbänke waren aus Asbestschiefer-Platten gefertigt.

In Bad und Küche wurden platzsparende Kippfenster mit Kristallspiegelglas eingesetzt. Die Oberlichter im Wohnraum bestanden aus Mattglas, womit ein weicher Lichteinfall erzielt wurde. Die Fensterbänder, Fußleisten und Wandverkleidungen in Küche, Bad und der Waschnische waren aus weißem, schwarzem und rotem Opakspiegelglas gefertigt. Als Fußbodenbelag wurden Gummi und Triolin verwendet. Letzteres diente als Ersatz für Linoleum, welches mit einer Luxussteuer belegt war. Damals moderne Technik wurde umfassend eingebaut: im Keller eine Zentralheizungsanlage mit Kohlekessel, in Küche und Bad Gas-Warmwasserbereiter und im Keller eine Hauswäscherei mit Gasheizung und elektrischem Antrieb. Weitere damals moderne Haushaltstechnik waren ein Staubsauger, Brotröster, Wasserkocher, Kaffeemaschine, Haartrockner, Gasherd, Haustelefon, Fernsprecher und pflegeleichte Oberflächen.

Der dritte Band der Bauhausbücher, 1925 erschienen, war vor allem diesen neuartigen Materialien und Technologien gewidmet.

Werkstätten mini|Entwurf von Siedhoff-Buscher für das Kinderzimmer Im Dezember 1922 rief das Bauhaus zur Mitarbeit am „Hausproblem“ auf. Die besten Leistungen der einzelnen Mitwirkenden sollten zu einem „einheitlichen Ganzen“ verbunden werden. In der Inneneinrichtung kamen vor allem Bauhaus-Studierende zum Zuge. 19 Studierende wurden namentlich genannt. Die Einrichtungsbereitstellung verteilte sich auf die Werkstätten folgendermaßen: Bildhauerei: Josef Hartwig: Hausmodell Möbelwerkstatt: Marcel Breuer: Wohn- und Damenzimmer Alma Buscher, Erich Brendel: Kinderzimmer Erich Dieckmann: Speise- und Herrenzimmer Benita Otte, Ernst Gebhardt: Küche Metallwerkstatt: Alma Buscher: Beleuchtung im Kinderzimmer Carl J. Jucker: Schreibtischleuchte Gyula Pap: Stehleuchte im Wohnraum László Moholy-Nagy: Beleuchtung im Herrenzimmer Werkstatt für Wandmalerei: Alfred Arndt, Josef Maltan: Innenausmalung der Räume Werkstatt für Weberei: Lis Deinhardt: Teppich im Herrenzimmer Martha Erps: Teppich im Wohnzimmer Benita Otte: Teppich im Kinderzimmer Agnes Roghe: Teppich im Damenzimmer Gunta Stölzl: Teppich in der Wohnzimmernische