Die Umgangsbasilika ist in der Regel eine dreischiffige Pfeilerbasilika, deren Seitenschiffe halbrund um das Mittelschiff verlaufen, während das Mittelschiff durch Pfeilerarkaden zum Umgang in den Seitenschiffen offen gehalten wird. Diese Bauform war in Rom üblich bei der sogenannten Coemeterialbasilika (Begräbnisbasilika), die in erster Linie als Grabanlage diente, in der man aber außer der Eucharistiefeier auch das Gedächtnis an Märtyrer und an Verstorbene der Gemeinde beging. In der Zeit nach 315 wurden von Konstantin I. und der kaiserlichen Familie über den Gräbern von einigen außerhalb der Stadtmauern beigesetzten Märtyrern Umgangsbasiliken (ital. ‚basilica circiforme‘ oder ‚basilica a deambulatorio‘) errichtet, um möglichst nahe bei den Heiligen als ihren Fürsprechern bestattet werden zu können (retro sanctos „bei den Heiligen“).Welt und Umwelt der Bibel - Archäologie, Kunst, Geschichte. Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft: Entwicklung des Kirchenbaus, 2000, S. 13 Daraus entstand eine besondere Form des frühchristlichen Kirchenbaus, die nur in Rom und nur innerhalb des Zeitraums zwischen 315 und dem Ende des 4. Jahrhunderts anzutreffen ist. mini|320px|Erhaltene Außenmauern der Umgangsbasilika Sant’Agnese
Lage und Patrozinium Die bis heute wieder entdeckten sechs Umgangsbasiliken oder Coemeterialbasiliken befanden sich sämtlich auf kaiserlichem Grundbesitz und liegen alle an den großen Ausfallstraßen außerhalb der Aurelianischen Stadtmauer, und zwar auf der Ostseite der Stadt (von Nordosten nach Süden):
mini|320px|Tabula Peutingeriana (entstanden um 375): Rom und die Ausfallstraßen mini|320px|Rom mit der aurelianischen Mauer und den Ausfallstraßen
Via Nomentana mit der Umgangsbasilika Sant’Agnese (Sant’Agnese fuori le mura) (Nr. 5) Via Tiburtina mit der Basilica maior (Sankt Laurentius vor den Mauern) (Nr. 6) Via Praenestina mit der Umgangsbasilika bei Tor de’Schiavi (Nr. 2) Via Labicana mit der Umgangsbasilika Santi Marcellino e Pietro (Nr. 1) Via Appia mit der Basilica Apostolorum (San Sebastiano fuori le mura) (Nr. 3) Via Ardeatina mit der dortigen anonymen Umgangsbasilika (San Marco) (Nr. 4).
Die chronologische Reihenfolge für die Errichtung dieser Umgangsbasiliken wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt.Ursula Leipziger: Die römischen Basiliken mit Umgang. Forschungsgeschichtliche Bestandsaufnahme, historische Einordnung und primäre Funktion, Erlangen 2006, S. 92–101 Es liegt nahe, von der folgenden Reihenfolge auszugehen:
Umgangsbasilika Santi Marcellino e Pietro, um 315–317, Größe: ca. 65 m × 29 m Umgangsbasilika bei Tor de’Schiavi, zwischen 315 und 320, Größe: ca. 66 m × 24 m Basilica Apostolorum, um 317–320, Größe: ca. 73 m × 30 m Umgangsbasilika an der Via Ardeatina, um 336, Größe: ca. 66 m × 28 m Umgangsbasilika Sant’Agnese, um 337, Größe: ca. 98 m × 40 m Basilica maior, zwischen 337 und 351, Größe: ca. 98,6 m × 35,5 m.
Beschreibungen der sechs Umgangsbasiliken finden sich u. a. bei Hugo Brandenburg und Wehrens.Hugo Brandenburg: Die frühchristlichen Kirchen in Rom vom 4. bis zum 7. Jahrhundert, Regensburg 2013, S. 54–95 und 301Hans Georg Wehrens: Rom – Die christlichen Sakralbauten vom 4. bis zum 9. Jahrhundert – Ein Vademecum, Freiburg, 2. Auflage 2017, S. 67–104
Die Umgangsbasiliken wurden neben oder über einem Märtyrergrab oder einer Katakombe errichtet. Diese vom Kaiser und seiner Familie gestifteten oder geförderten frühchristlichen Begräbnisbasiliken bildeten ein städtebauliches Gegengewicht zu den zahlreichen paganen Kultstätten innerhalb der Stadt und auch außerhalb der Mauern.
Um diese Kirchen herum wurden jeweils größere oder kleinere Mausoleen angebaut, woran sich auch die christlich gewordene kaiserliche Familie beteiligte. Teilweise erhalten haben sich das Helenamausoleum (Außenbau) und das aufwendig ausgestattete Mausoleum der Constantina, beides Rundbauten nach antiken Vorbildern.
Weil seit dem 6. Jahrhundert in Rom damit begonnen wurde, die Gebeine der Märtyrer aus den Kirchen und Katakomben außerhalb der Stadtmauern in die gesicherten innerstädtischen Kirchen zu überführen, brauchten keine Umgangsbasiliken mehr errichtet zu werden. Außerdem war der Unterhaltungsaufwand nach Wegfall der kaiserlichen Unterstützung wohl nicht mehr tragbar. Schließlich hatten sich auch die liturgischen Bedürfnisse ab dem 5. Jahrhundert geändert.
Die Patrozinien der Umgangsbasiliken deuten in den meisten Fällen auf die dort bestatteten und verehrten Märtyrer hin.
Bauform Bei den Umgangsbasiliken handelt es sich um eine dreischiffigen Basilika, deren niedrigere Seitenschiffe einen Umgang auf U-förmigem Grundriss um die Apsis des Mittelschiffs bilden, während das breitere und höhere Mittelschiff durch halbkreisförmig angeordnete Arkaden abschließt. Die umlaufenden Seitenschiffe waren durch Pfeiler mit Bogenarkaden vom Mittelschiff getrennt. Diese Kirchenbauten wurden ungefähr nach Westen ausgerichtet, soweit das Gelände dies erlaubte. Die Fassade im Osten verlief bei fast allen Umgangsbasiliken leicht abgeschrägt, wobei der Grund für diese Abweichung von der Norm nicht bekannt ist. Das Dach bestand vermutlich aus einem Sparrendach.
Mit Ausnahme der beiden jüngsten Umgangsbasiliken (Sant’Agnese und Basilica maior) schloss sich die (innere) Apsis unmittelbar an die Mittelschiffarkaden an, während bei den genannten beiden Bauten die Apsis leicht nach innen versetzt war („eingezogene Apsis“). Das Mauerwerk bestand in der Regel aus alternierenden Schichten von Tuffstein und Ziegeln (opus listatum).
Die Bauten dienten als Begräbniskirchen. Weil der gesamte Bodenbereich mit Gräbern bedeckt war, bildeten sie praktisch einen überdachten Gemeindefriedhof (coemeterium subteglatum). An dem Altar im Mittelschiff wurde die Eucharistie gefeiert und dabei der dort verehrten Märtyrer und der in der Kirche beigesetzten verstorbenen Angehörigen gedacht, auch durch Prozessionen durch die umlaufenden Seitenschiffe. Über den Verlauf der Totenfeiern und die Liturgie gibt es keine zuverlässigen Nachrichten. Nur so viel steht fest, dass die Gläubigen anlässlich der Gedenkfeiern an den Gräbern der Märtyrer für ihre verstorbenen Angehörigen und für sich selbst die Fürbitte der Märtyrer angerufen und zu Gott gebetet haben; dabei werden sie auch an die eigene Sterblichkeit gedacht und ihre Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod in sich wachgehalten haben.
Architekturgeschichte Der Architekturhistoriker Richard Krautheimer hat die Vermutung geäußert, dass sich die Form dieser Bauten besonders gut für die Abhaltung von Opfermählern eignete, die man in der Antike bei Begräbnissen und zum jährlichen Totengedächtnis abhielt. Das wäre eine weitere Erklärung dafür, weshalb sie in der Folge so rasch verschwanden. Tatsache ist, dass diese Bauform ohne direkte Nachfolger blieb. Nur in Oberägypten finden sich noch Überreste von drei- oder fünfschiffigen Umgangsbasiliken aus dem 4. bis 6. Jahrhundert, so etwa die Südostkirche von Kellis (heute Ismant al-Ġarāb) in der Dachla-Oase und die Nordbasilika von Abu Mena. In der angegebenen Zeit stellte dieser Bautypus sogar den Standard des oberägyptischen koptischen Kirchenbaus dar.Peter Grossmann: Christliche Architektur in Ägypten. Brill, 2002, ISBN 978-90-04-12128-7, S. 28ff.
Die sechs Umgangsbasiliken in Rom haben als Kultbauten der konstantinischen Epoche besondere Bedeutung: Sie dienten dem Märtyrerkult und dem Totenkult der dort bestatteten Gläubigen, darunter insbesondere den dort beigesetzten Stiftern aus der kaiserlichen Familie. Deren Beisetzung an privilegierter Stätte verlieh diesem christlichen Kult einen besonderen Rang, der offenbar an die Stelle der bisher üblichen consecratio nach dem Tod eines Kaisers treten sollte. Die hier versammelten Gläubigen nahmen also auch am Gedächtniskult der kaiserlichen Stifter teil. Diese Verbindung von alter Tradition und neuem Stil kommt auch in der neuartigen Bauform der Umgangsbasilika zum Ausdruck: Die von der Gestalt der christlichen Gemeindebasilika vorgegebene Form wird wegen der neuen Funktion als Basilika mit umlaufenden Seitenschiffen und als überdachte Begräbnisstätte und für Prozessionen umgestaltet.Hugo Brandenburg: Die frühchristlichen Kirchen in Rom vom 4. bis zum 7. Jahrhundert, Regensburg 2013, S. 94
mini|500px|Grundrisse der sechs Umgangsbasiliken im gleichen Maßstab (von links oben): An der Via Ardeatina (Nr. 4); Basilica Apostolorum (Nr. 3); Santi Marcellino e Pietro (Nr. 1); Tor de’Schiavi (Nr. 2); Sant’Agnese (Nr. 5) und Basilica maior (Nr. 6)
Diese Umgangsbasiliken haben folgende Eigenschaften gemeinsam: Sie lagen außerhalb der Stadtmauer an den Ausfallstraßen auf der Ostseite Roms, und zwar auf kaiserlichen Grundstücken. Sie entstanden im 4. Jahrhundert mit kaiserlicher Förderung während der Regierungszeiten von Konstantin I. und seinen Söhnen; die Bauten unterstanden dem kaiserlichen Patronat. Sie befanden sich jeweils in unmittelbarer Nähe von Märtyrergräbern, Katakomben und Friedhöfen. Alle Bauten sind keine Gemeindekirchen, sondern dienten dem christlichen Totenkult; nur bei der Basilika an der Via Praenestina konnte kein christlicher Zusammenhang nachgewiesen werden, was deren Errichtung vor den übrigen Umgangsbasiliken denkbar erscheinen lässt. Die Coemeterialbasiliken können in zwei Gruppen eingeteilt werden: Zu den vier älteren gehören die Bauten Nr. 1 bis 4, während die beiden jüngeren (Nr. 5 und 6) im Stil leicht abweichen und die größten Ausmaße haben.
Unterschiedlich bei allen sechs Coemeterialbasiliken sind die Möglichkeiten der Bestattung für die Stifter:
An der Via Labicana (Nr. 1) liegt das Helenamausoleum auf einer Achse mit der Basilika.
An der Via Praenestina (Nr. 2) befindet sich das Grab neben der Basilika in dem bereits einige Jahre zuvor errichteten Mausoleum.
An der Via Appia (Nr. 3) gibt es ein rechteckiges Mausoleum an der Südseite der Basilika.
An der Via Ardeatina (Nr. 4) lag das Grab des Stifters im Zentrum der Basilika.
An der Via Nomentana (Nr. 5) entstand das Mausoleum der Constantina auf der Südseite der Umgangsbasilika.
An der Via Tiburtina (Nr. 6) war eine Gedenkstätte für den Märtyrer Laurentius von Anfang an vorhanden; deshalb gibt es dort kein Stiftergrab.
Wiederum für die meisten Umgangsbasiliken gemeinsam konnte festgestellt werden, dass jeweils eine Verbindung zu Mitgliedern der kaiserlichen Familie bestanden hatte:
An der Via Labicana (Nr. 1) zu Kaiser Konstantin I. und seiner dort bestatteten Mutter Helena.
An der Via Praenestina (Nr. 2) zu Kaiser Maximian als Schwiegervater Konstantins und als Vater des Maxentius und der Fausta, seiner Mutter Eutropia und seiner Frau Maximilla.
An der Via Appia (Nr. 3) zu Kaiser Maxentius und für Konstantins Frau Fausta.
An der Via Nomentana (Nr. 5) zu den Kaisertöchtern Constantina und Helena.Ursula Leipziger: Die römischen Basiliken mit Umgang. Forschungsgeschichtliche Bestandsaufnahme, historische Einordnung und primäre Funktion, Erlangen 2006, S. 177ff.
Umgangsbasiliken in Rom 1. Umgangsbasilika Santi Marcellino e Pietro an der Via LabicanaWalther Buchowiecki: Handbuch der Kirchen Roms. Der römische Sakralbau in Geschichte und Kunst von der altchristlichen Zeit bis zur Gegenwart. Wien 1970, Bd. 2, S. 331–335Steffen Diefenbach: Römische Erinnerungsräume. Heiligenmemoria und kollektive Identitäten im Rom des 3. bis 5. Jahrhunderts n. Chr., Berlin 2007, S. 97, 100f., 111, 118, 155ff., 165f., 169ff., 173ff.Ursula Leipziger: Die römischen Basiliken mit Umgang. Forschungsgeschichtliche Bestandsaufnahme, historische Einordnung und primäre Funktion, Erlangen 2006, S. 33ff.
Zu dem frühchristlichen Bezirk an der damaligen Via Labicana (heute Via Casilina) gehören: die Katakombe der Heiligen Petrus und Marcellinus mit den Gräbern dieser römischen Märtyrer, die Umgangsbasilika Santi Marcellino e Pietro (ca. 315–317), das Mausoleum der Kaisermutter Helena (um 326).
Im Liber Pontificalis wird im Kapitel über Papst Silvester I. berichtet: