Die Gasolin AG war ein von 1920 (ab 1926 unter diesem Namen) bis 1971 bestehendes deutsches Mineralölunternehmen mit eigenem Tankstellennetz. mini|hochkant=0.9|Spätes Gasolin-Zeichen auf Werbeschildern (geänderte Schrift), Rotton im Prospekt­druck: HKS 12 (in Schilder­lackie­rung u. U. abweichend, evtl. RAL 3020) mini|hochkant=0.9|Gasolin-Markenzeichen von vor 1965 bis 1967 (rote Schrift im bisherigen Schrifttyp sowie Rahmen)

Geschichte und Beteiligungsverhältnisse Anfang und Expansion Gründung Als Gasolin-Vorgängerin wurde am 23. März 1920 die Olea Mineralölwerke AG in Frankfurt am Main gegründet. Sie übernahm die Deutsche Schmiermittel GmbH.

Geschäftszweck des Unternehmens waren „Erwerb, Errichtung und Betrieb von Anlagen und Unternehmungen, die auf Gewinnung, Herstellung, Verarbeitung, Verwertung, Lagerung, Transport und Handel von Kraftstoffen aller Art, Schmiermitteln, technischen Ölen und Fetten, Erdöl, Teer und deren Aufarbeitungsprodukten, Bitumen und verwandten Stoffen sowie sonstigen chemischen Erzeugnissen gerichtet sind“.

Ab 1922 firmierte sie unter Oleawerke AG für Mineralöl-Industrie mit Sitz in Frankfurt am Main, ab Dezember 1923 in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits die Süddeutsche Oel- und Melanolwerke GmbH mit Sitz in Freiburg im Breisgau übernommen.Gerald D. Feldman: Hugo Stinnes. Biographie eines Industriellen 1870–1924. C. H. Beck, München 1998, ISBN 3-406-43582-3, S. 839. ()

Stinnes Im Juni 1923 übernahm Hugo Stinnes die A. Riebeck’sche Montanwerke AG, die vor allem Bergwerke und Beteiligungen an solchen im Bereich Halle (Saale) sowie Weißenfels-Zeitz besaß; darüber hinaus gehörten ihr Erdölkonzessionen in Argentinien sowie Mineralöl-, Paraffin-, Kerzen- und Montanwachsfabriken. Aus ihnen formte er die Hugo Stinnes-Riebeck Montan- und Oelwerke AG, in der er seine Ölinteressen bündelte.

In die Montan- und Oelwerke AG brachte Stinnes 1923/1924 ein die Oleawerke mit Raffinerien in Frankfurt (Main) und Freiburg, die den Vertrieb der gesamten Braunkohlenteerproduktion der A. Riebeck’sche Montanwerke übernahmen, sowie die Erdölwerke Dollbergen und die AG für Petroleumindustrie (Api) in Berlin. Ferner kamen hinzu die Mehrheit der Kuxe der Bergrechtlichen Gewerkschaft der Braunkohlengrube Concordia bei Nachterstedt und der Gewerkschaft Messel auf Grube Messel in der Gemeinde Messel bei Darmstadt, um die Ölbasis zu stärken.

BASF Nach dem frühen Tod von Hugo Stinnes 1924 konnten seine Erben aus dem Konglomerat kein überlebensfähiges Unternehmen bilden. Daher wurde es im folgenden Jahr wieder aufgetrennt. BASF übernahm die Ölunternehmung; dazu wurden im April 1925 die Oleawerke samt den eingegliederten Erdölwerken mit ihrer Raffinerie in Dollbergen in ein Tochterunternehmen ausgegliedert und in Hugo Stinnes-Riebeck Oel-AG mit Sitz in Halle (Saale) umbenannt. Die verbliebenen A. Riebeck’sche Montanwerke erhielten im September des gleichen Jahres ihren angestammten Namen zurück.

In den 1920er Jahren wollte die BASF bei Bedarf die deutsche Rohölbasis sichern. Mit Royal Dutch (heute Royal Dutch Shell) war sie je zur Hälfte beteiligt an der 1921 gegründeten Internationale Bergin Compagnie voor Olie en Kolen Chemie zur internationalen Nutzung der deutschen Patente zur Kohlehydrierung. 1925/1926 entschieden sich BASF und Standard Oil of New Jersey (heute ExxonMobil), in der Produktion von synthetischem Benzin aus Braunkohle zusammenzuarbeiten, die Hugo Stinnes-Riebeck Oel-AG als Vertriebsorganisation in Deutschland zu nutzen und aufzubauen und sich dazu direkt an ihr zu beteiligen.

I.G. Farben mini|links|Leuna-Benzin-Logo der Gasolin, 1930er Jahre mini|Leuna-Tankstelle (1936)

Am 4. Mai 1926 erfolgte die Umfirmierung der Hugo Stinnes-Riebeck Oel-AG in Deutsche Gasolin Aktiengesellschaft (D.G.A.), registriert in Berlin-Charlottenburg. Anteilseigner waren mit jeweils 25 % die I.G. Farben, die A. Riebeck’sche Montanwerke AG, Royal Dutch und die Standard Oil of New Jersey.

Im vertikalen Aufbau der I.G. Farben in Verkaufsgemeinschaften (VG) stand die Gasolin zusammen mit der I.G. Abteilung Öle neben dem Stickstoff-Syndikat, der VG Chemikalien, VG Pharmazeutika, VG Photo und Kunstseide und VG Farben. Sie sollte hauptsächlich das synthetische Leuna-Benzin über ihre Zapfstellen verkaufen. Dazu wurde mit Vorrang die Tankstellenorganisation ausgebaut. Bis zum Aufbau der Produktionskapazitäten für synthetisches Benzin verkaufte die Gasolin ihr vor allem aus Dollbergen stammendes Benzin als Deutsches Benzin, um sich von den Wettbewerbern mit ihren ausländischen Mineralölimporten abzuheben.

1929 hatte die Deutsche Gasolin eine Bilanzsumme von 27 Mio. RM. Sie lag damit auf Platz 5 in der Liste der in Deutschland wirtschaftenden Mineralölgesellschaften.

1935 war die Gasolin in Deutschland eine der Großen Fünf (Tankstellenketten) mit 3.315 Zapfsäulen (5,9 %) und einer Absatzquote von 6,7 %. 1938 hatte die Gasolin bei Dieselkraftstoff einen Marktanteil von 1,4 % und bei Schmierölen 1,3 %.

Kriegswirtschaft mini|hochkant|Leuna-Tanksäule, Dresden, Blick gegen die Ruinen der Lukaskirche, von Richard Peter, 1945

Mit der Umstellung auf die Kriegswirtschaft im September 1939 und der damit einhergehenden staatlich zentralen Lenkung durch die Arbeitsgemeinschaft Mineralölverteilung (AMV) verschwanden die Markennamen, und die dem Zentralbüro für Mineralöl als Vertriebssyndikat der AMV unterstellten Tankstellen gaben gegen Tankausweis oder Bezugsschein markenlose Ottokraftstoffe ab.

Im Mai 1940 fand ein britischer Bombenangriff auf eine Raffinerie der Deutsche Gasolin in Emmerich statt. Die Raffinerie blieb unversehrt, jedoch gab es einige Tote. Der Emmericher Gobelin im Ratssaal der Stadt hält noch heute die Erinnerung an die Gasolin aufrecht durch die Darstellung eines ihrer Mitarbeiter mit einem Ölfass.

1942 beteiligte sich die Gesellschaft in Galizien an der Karpaten-Öl AG. 1943 besaß die Gasolin Verkaufsbüros in Berlin, Breslau, Dortmund, Dresden, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, München und Stuttgart sowie in Wien.

Im Laufe des Jahres 1944 wurden die Raffinerien in Emmerich und Dollbergen durch Luftangriffe zerstört. Zu deren Ersatz begann im August 1944 bei Lohmen (Sachsen) im Zusammenhang mit Dachs VII, einer unterirdischen Auffahrung im Sandstein, die Arbeit an zwei Stollensystemen im Steinbruch der Alten Poste. Dieser besaß seit 1907 einen Gleisanschluss zum Eisenbahnknoten Pirna. Über Tage errichtete man sofort die Kleindestillationsanlagen Ofen 19-22, die noch 1944 die Benzinproduktion mit Erdöl aus dem Wiener Becken bei Zistersdorf begannen, das per Eisenbahn in Kesselwagen eintraf.

Neuanfang und Konsolidierung Ost-West-Aufteilung Ab 1943 war die Deutsche Reichsbank in Berlin die einzige Wertpapiersammelbank Deutschlands. Somit befanden sich die Aktien der Deutschen Gasolin AG zum Zeitpunkt des Kriegsendes 1945 im sowjetischen Sektor Berlins. Die Gasolin wurde durch die Entflechtung der I.G. Farben zwar zu einem eigenständigen Tankstellenunternehmen im Westen (registriert in Berlin-Charlottenburg) unter Verlust ihres Besitzes im Osten, die Wertpapiere waren jedoch aus westlicher Sicht „blockiert“. Und der größte Benzinlieferant, die Leunawerke, lag ebenfalls im Osten und waren nicht mehr verfügbar.

Diese Blockade der Aktien machte ein Aufgebot der Wertpapiere unmöglich. Um die Rechtsunsicherheit zu beseitigen, wurde eine Wertpapierbereinigung durchgeführt. Aufgrund des Wertpapierbereinigungsgesetzes vom 1. Oktober 1949 wurden die Anteile der Gasolin für kraftlos erklärt und durch eine Sammelurkunde ersetzt.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gasolin in der Sowjetischen Besatzungszone noch als SAG ‚Gasolin‘ Hydrierwerk Zeitz geführt. Nach den Ereignissen um die Wertpapierbereinigung wurde das Unternehmen im Dezember 1949 umbenannt in SAG für Brennstoffindustrie SMOLA, Hydrierwerk Zeitz. Das Tankstellengeschäft in der DDR wurde später durch die Minol weitergeführt.

Verkauf an Wintershall und DEA mini|Schriftzug Gasolin (schwarz-rote Leuna-Schriftart), frühe 1950er- bis frühe 1960er-Jahre, Schutz der Bildmarke 1954

In der Folgezeit durften die bisherigen Eigentümer nachweisen, dass sie rechtmäßige Eigentümer eines Teils der Gesellschaft waren. Die Standard Oil of New Jersey mit ihrer deutschen Tochter Esso AG und Royal Dutch mit ihrer deutschen Tochter Deutsche Shell AG erhielten ihr jeweiliges 25-%-Eigentum an der Sammelurkunde. Weitere 6,557 % hielten die Bank deutscher Länder und einige kleinere Aktionäre. Die Treuhänder der zu liquidierenden I.G. Farben boten 1951 die ihnen durch Veränderungen im Aktionärskreis bei der A. Riebeck’sche Montanwerke AG verbliebenen restlichen etwa 41 % des 13,2 Millionen D-Mark betragenden Aktienkapitals zum Kauf. Im Gegenzug für eine Rückzahlungsmöglichkeit einer Schuld der Gasolin aus den 1930er-Jahren in Höhe von 2,4 Millionen US-Dollar erklärten sich auch Esso und Shell bereit, ihren Anteil im Paket mit zu verkaufen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gasolin einen Marktanteil von etwa 6,5 % bei Benzin und etwa 3,9 % bei Diesel. Das Tankstellennetz der Gasolin bestand zu diesem Zeitpunkt aus 504 sogenannten Großtankstellen und weiteren gut 1400 Tank- und Zapfstellen.

Caltex zusammen mit der Ruhr Oel und Mineralöl-Werke Ernst Jung auf der einen Seite sowie Wintershall und DEA auf der anderen Seite gaben Angebote ab. Obwohl die Caltex die Dollarschuld hätte begleichen können, hielt das zuständige Wirtschaftsministerium nichts von einer weiteren Überfremdung des deutschen Marktes. Nachdem im Mai 1952 das Caltex-Angebot zurückgezogen war, gab es im Juni noch ein Angebot der Gulf Oil. Zum Zuge kamen jedoch Wintershall und DEA als deutsche Mineralölproduzenten, die im Juli die 91%ige Aktienmehrheit an der Deutschen Gasolin AG im Verhältnis 65:35 übernahmen und die Gesellschaft als Mineralölunternehmen mit ihren Tankstellen und der verbliebenen Raffinerie in Dollbergen (120 000 Jahrestonnen Rohöldurchsatz) weiterführten. Hauptsächlich sollte die Gasolin die Treib- und Schmierstoffe aus der im Aufbau befindlichen Erdöl-Raffinerie Emsland in Lingen vertreiben.

Verschmelzung mit der NITAG mini|links|Gasolin-Pylon um 1956, Bruno Bergner, aquarellierte Skizze mini|Gasolin-Tankwagen Anfang der 1960er Jahre. Im Hintergrund ein Tankstellendach mit Pilzsäule

Mitte der 1950er Jahre betrug der Marktanteil der „ausländischen“ Tankstellenketten etwa 40 %, der Anteil der großen „deutschen“ Unternehmen etwa 36 %; der Rest verteilte sich auf eine Vielzahl kleinerer mittelständischer Gesellschaften. Um den deutschen Anteil am Tankstellenmarkt zu stärken, wurden Wintershall und DEA 1956 Miteigentümer des BV-Aral-Verbandes, unter Einbringung ihrer Vertriebstochter NITAG (Wintershall), ihrer Tankstellen (DEA) und ihrer jeweiligen Anteile an der Gasolin.

Daraufhin wurde die NITAG mit ihren etwa 800 Tankstellen auf die Gasolin mit etwa 2000 Tankstellen zur Deutschen Gasolin-Nitag AG verschmolzen. Der Umsatz der neuen Gesellschaft betrug 1956 zirka 400 Millionen D-Mark bei einem Anlagevermögen von 45 Millionen, einem Umlaufvermögen von 75 Millionen und einer Bilanzsumme von 120 Millionen D-Mark.

Ab 1960 mini|Gasolin-Tankstelle der 1960er Jahre, Bruno Bergner, Tusche

Nach Übernahme von 50 % der Rheinpreußen AG für Bergbau und Chemie im Jahr 1959 schied die DEA 1960 als Aktionärin wieder aus dem BV-Aral aus. Dabei nahm sie ihre eigene Tankstellenkette mit und wurde für ihre im BV-Aral verbleibenden Anteile an der Gasolin entschädigt.

1961 beschlossen die 100-%-Mitgliedsunternehmen im BV-Aral-Verband, ihre unterschiedlichen Produkte (Treib- und Schmierstoffe) unter dem gemeinsamen Markennamen Aral zu vermarkten. Dies galt nicht für die Gasolin, deren Anteile sich nur zu 91 % im BV-Aral befanden (immer noch einige Kleinaktionäre, vgl. oben Verkauf).

1967 erfolgte die Umbenennung in Gasolin AG. Die Gasolin-Raffinerie in Dollbergen wurde 1969 stillgelegt.