mini|Ein typisches Haus in einem von Santal bewohnten Dorf in Dinajpur, Bangladesch mini|hochkant|Statue der Volkshelden Sidhu und Kanhu mit Pfeil und Bogen alternativtext=Porträt einer dunkelhäutigen Frau mit Brille, die einen weißen Sari mit roter Borte trägt. |mini|Draupadi Murmu, die 15. Präsidentin der Republik Indien, gehört zum Volk der Santal Die Santal – auch Santhal oder Saonta, Saonthal, Saunta – sind ein indigenes Volk in Indien, Bangladesch und Nepal. In Indien bilden sie mit rund 6,6 Mio. Angehörigen im Jahr 2011 die drittgrößte Ethnie unter den rund 700 „anerkannten Stammesgemeinschaften“ (Scheduled Tribes).
Bevölkerung Die Hauptsiedlungsgebiete der Santal liegen in den indischen Bundesstaaten Jharkhand (2,8 Mio. Angehörige), Westbengalen (2,5 Mio.), Odisha (0,9 Mio.) und Bihar (0,4 Mio.), sowie im nordöstlichen Bangladesch, in Terai in Nepal und in Bhutan. Üblicherweise wohnen Santal in Dörfern mit 400 bis 1000 Einwohnern, in größeren Industriestädten leben sie in eigenen Vierteln. Wo gemischt gewohnt wird – vor allem in kleineren Städten –, leben sie auch in der Nachbarschaft von Angehörigen niederer Kasten, nie jedoch mit Dalit zusammen.S. 252.
In fünf Bundesstaaten sind die ansässigen Santal als Scheduled Tribe anerkannt (ST: „registrierte Stammesgemeinschaft“), dem nach der Verfassung Indiens staatliche Schutz- und Fördermaßnahmen zustehen. Insgesamt 6.570.800 Santal ermittelt die Volkszählung in Indien 2011 bei den 5 ST.
Die folgende Liste vergleicht soziale Indikatoren der ansässigen Santal-Stammesgemeinschaften in fünf Bundesstaaten: Einwohnerzahl des Bundesstaates (siehe Vergleichsliste der indischen Staaten) Santal: insgesamt 6,57 Millionen in Indien Bevölkerungsentwicklung ab 2001: indienweiter Zuwachs von 12,6 % (von 5,8 Mio.; Bevölkerungswachstum in Indien: +17,6 %) Anteil an der jeweiligen Bevölkerung – die Santal stellen 0,5 % der Einwohner Indiens (1.210.855.000) ländlicher Raum – nur 5,6 % aller Santal leben in Städten (indienweit: 31 %) Geschlechterverteilung: Anzahl der weiblichen zu 1000 männlichen Personen (ausgeglichen wäre 1000 : 1000) – mit 1007 gibt es bei den Santal mehr Frauen (Indien: 943) unter 7: Kinder von 0 bis 6 Jahren und ihre Geschlechterverteilung von Mädchen zu 1000 Jungen – auch hier liegen die Santal mit 976 höher als Indien (919 : 1000) Lesefähigkeit (ab 7 Jahren), auch bei Männern (♂) und Frauen (♀), sowie die Lücke zwischen beiden – die Santal liegen mit 53 % Alphabeten deutlich unter den Werten von Indien (74 %; 82 % ♂ und 65 % ♀ = 17 % Lücke) ST (Scheduled Tribes): die Registrierung als „Stammesgemeinschaft“ gilt nur für die Einwohner eines Staates (siehe ST-Liste) – die 5 ST der Santal stellen 6,3 % der 705 ST in Indien (104 Mio.), hinter den Gond und den Bhil (vergleiche die 33 größten indigenen Völker Indiens)
Bundesstaat Einwohner Santal ab 2001 Anteil ländlich weiblich unter 7 weiblich lesen ♂ ♀ Lücke ST Anteil 36 1.210,9 Mio. 6.570.807 +12,6 % 0,54 % 94,34 % 1007 : 1000 15,59 % 976 : 1000 52,6 % 64,3 % 41,0 % 23,3 % 5 1 Jharkhand 33,0 Mio. 2.754.723 +14,3 % 8,35 % 94,71 % 1009 : 1000 16,75 % 975 : 1000 50,8 % 62,9 % 39,0 % 23,9 % 1 2 Westbengalen 91,3 Mio. 2.512.331 +10,2 % 2,75 % 94,02 % 1012 : 1000 13,55 % 979 : 1000 54,7 % 66,1 % 43,5 % 22,6 % 1 3 Odisha (Orissa) 42,0 Mio. 894.764 +15,1 % 2,13 % 92,65 % 1008 : 1000 16,25 % 972 : 1000 55,6 % 68,1 % 43,3 % 24,8 % 1 4 Bihar 104,1 Mio. 406.076 +10,5 % 0,39 % 97,55 % 966 : 1000 18,89 % 972 : 1000 43,1 % 53,1 % 32,7 % 20,4 % 1 5 Tripura 3,7 Mio. 2.913 +35,4 % 0,08 % 96,29 % 924 : 1000 14,76 % 982 : 1000 71,0 % 78,7 % 62,6 % 16,1 % 1
Das christlich-missionarische Joshua Project listet die Santal Anfang 2025 mit insgesamt 8.783.500 Angehörigen, davon 214.000 in Bangladesch, 59.000 in Nepal und 5.500 in Bhutan.Vergleiche den Eintrag des Joshua Project zur Volksgruppen-Nummer 14743 „Santal“ auf joshuaproject.net.
1971 kam die Volkszählung in Assam auf 3,6 Mio. Santal (ohne die Wanderarbeiter zu erfassen); eine darauf basierende Schätzung für 1990 ging von mehr als 4 Mio. Santal aus.
Sprache mini|hochkant=1.3|Eine Tastatur mit Zeichen in der Santali-Buchstabenschrift Ol Chiki
Das Santali ist die meistgesprochene Sprache der Munda-Untergruppe der austroasiatischen Sprachfamilie. Im Jahr 1925 entwickelte Raghunath Murmu die Buchstabenschrift Ol Chiki, die den phonetischen Besonderheiten des Santali gerecht wurde.
Für 2011 werden 7.368.200 Sprecher des Santali und seiner Dialekte gezählt, neben den 6.973.300 Sprechern der Hauptsprache 358.600 Karmali- und 26.400 Mahili-Sprecher sowie rund 9.900 andere. Damit wird das Santali von mehr Einwohnern Indiens gesprochen als die offiziell gezählten 6.570.800 Santal-Angehörige.
Das linguistische Sammelwerk Ethnologue listet 2018 für Bangladesch 225.000 Santali-Sprecher und für Nepal 50.900.
Wirtschaft Der überwiegende Teil der Santal ist in der Landwirtschaft tätig, wobei ein erheblicher Teil Subsistenzwirtschaft betreibt. In der Landwirtschaft sind – ebenso wie beim Herstellen der für den täglichen Gebrauch erforderlichen Gegenstände – die Aufgaben geschlechtsspezifisch verteilt. Seit Jahrzehnten zieht aber auch ein Teil der Bevölkerung als Wanderarbeiter, saisonal oder dauerhaft, in die industriellen Zentren des Landes.S. 253.
Wirtschaftlicher Wohlstand wird dadurch demonstriert, dass sich Familien Hausangestellte oder Feldarbeiter leisten können.
Soziale Organisation Die Gesellschaft der Santal ist patrilinear und strikt endogam organisiert. Sie ist in zwölf Clans („Paris“) unterteilt, die wiederum aus 164 Sub-Clans bestehen. Unterhalb dieser Ebene ergibt sich die gesellschaftliche Ordnung aus den Kriterien älter/jünger sowie rein/unrein. Prestigeunterschiede zwischen den Clans bestehen, spielen aber im Alltag keine große Rolle. Die Gesellschaft ist weitestgehend egalitär organisiert. Obwohl die Abstammung ein wichtiges gesellschaftliches Kriterium ist, reicht die konkrete Erinnerung an die Vorfahren nur drei oder vier Generationen zurück, um weiter zurückreichend im mythischen Bereich aufzugehen.S. 253/254.
Familie In den Formen des Zusammenlebens der Ehegatten gibt es unterschiedliche Modelle. Der Standard ist, dass der Mann einen Brautpreis an die Herkunftsfamilie der Frau zahlt und diese dann bei ihm wohnt. Für mittellose Männer ist es aber auch möglich, am Wohnort der Braut den Brautpreis abzuarbeiten und dann im Dorf der Familie der Frau zu leben. Unverheiratete Mütter können heiraten, Witwen dürfen erneut heiraten, Levirat (Schwagerehe: Heirat eines Bruders des Verstorbenen), Polygynie (Vielweiberei) und Scheidung durch gemeinsames Übereinkommen sind möglich. Üblich ist, dass die Söhne zusammen mit ihrer Frau im Haushalt des Vaters leben, aber auch separat wohnende Kleinfamilien sind möglich. Das Erbe unterliegt komplizierten Regeln, die die männlichen Erben gegenüber den weiblichen bevorteilen.
Die Kindererziehung liegt in der Verantwortung der Großeltern. Jungen durchlaufen im Alter von acht bis zehn Jahren einen Initiationsritus, bei dem ein Onkel mütterlicherseits die Unterarme mit fünf Narben versieht. Mädchen unterlaufen nach der ersten Menstruation eine Initiationszeremonie. Moderne Schulbildung ist wegen des Lehrermangels in ländlichen Gebieten ein Problem.S. 254.
Politische Organisation Im politischen Bereich wird die gesellschaftliche Ordnung von der Autorität der Häuptlinge und Priester überlagert. Diese sind im Dorf Teil eines „Ältestenrats“, der neben ihnen noch aus dem Assistenten des Priesters, dem für die Moral der Jugend Zuständigen und dem Boten des Dorfes besteht. Diesen steht die Dorfversammlung gegenüber, die keine hierarchische Struktur kennt. Hier werden Streitigkeiten innerhalb der Dorfgemeinschaft beigelegt. Häufigste Streitfälle handeln um sexuelle Übergriffe, Land, Schulden, den Bösen Blick, Eifersucht und Hexerei; letztere Anschuldigung wird oft erhoben. Die Hexe wird durch Magie identifiziert und wurde traditionell zum Tod verurteilt. Gleiches galt für Inzest und den Bruch des Endogamie-Gebots. Alle anderen Verstöße gegen die Ordnung wurden in der Regel mit Kompensationszahlungen ausgeglichen.
Im Verbund von etwa 12 Dörfern gibt es einen „Oberhäuptling“ (Pargana); seine Zuständigkeit ist die formale Streitschlichtung in einem Gericht und die Organisation dorfübergreifender Jagden. Oft finden solche großen Jagdereignisse und die Gerichtssitzungen zu einem gemeinsamen Termin statt.
Religion Laut Volkszählung in Indien 2011 sind die insgesamt 6,57 Millionen Santal zu 63 % Hindus (Indien: 80 %) und zu 5,5 % christlich (Christen in Indien: 2,3 %); muslimisch sind 0,2 % (Indien: 14 %). Im Unterschied zu den beiden großen indigenen Ethnien Bhil und Gond haben die Santal sehr viele Anhänger von ethnischen Religionen und neuen religiösen Bewegungen: 31 % sind keine Anhänger der 6 großen indischen Religionen. Die alte animistische Religion „Sarna“ hat 1,5 Mio. Anhänger (23 %), „Sari Dharma“ hat 478.200 Anhänger, „Bidin“ 27.600 und „Santal“ 4.800 Anhänger, weitere 17 kleine Religionen haben insgesamt 7.400 Anhänger (vergleiche die größten ethnischen Religionen Indiens).
Die folgende Liste berechnet die Anteile der Santal, die einer der sechs großen Religionen in Indien angehören oder einer unter „Andere Religionen und Überzeugungen“ (Other Religions and Persuasions) angegebenen – atheistisch (ohne Glauben an Göttlichkeit) sind nur 102 Santal in Odisha (vergleiche Atheismus in Indien):
Volkszählungin Indien 2011 Santal 6.570.807 Jharkhand2.754.723 Westbengalen2.512.331 Odisha894.764 Bihar406.076 Tripura2.913 Religion 100 % 1. Hindus 2. Muslime 3. Christen 4. Sikhs 5. Buddhisten 6. Jainas 7. Andere R. u. Ü. 0 % 7.1 „Sarna“ 7.2 „Sari Dharma“ 7.3 „Bidin“ 7.4 „Santal“ 7.5 …weitere… 7.9 unklassifiziert 8. Ohne Angabe
Realzahlen der Religionsanhänger 2011 alle Santal: Jharkhand Westbeng. Odisha Bihar Tripura Santal: 6570807 = 2754723 + 2512331 + 894764 + 406076 + 2913
1. Hindus 4149215 = 1495105 + 1712085 + 566377 + 372909 + 2739 2. Muslims 13014 = 5590 + 5304 + 925 + 1186 + 9 3. Christians 359002 = 236304 + 91074 + 7531 + 23930 + 163 4. Sikhs 987 = 481 + 361 + 96 + 49 + 0 5. Buddhists 1121 = 564 + 375 + 63 + 119 + 0 6. Jains 348 = 172 + 115 + 30 + 30 + 1 7. Other R & P 2030146 = 1008997 + 697120 + 317833 + 6196 + 0 8. Not Stated 16974 = 7510 + 5897 + 1909 + 1657 + 1
„7. Other Religions and Persuasions“ (2,03 Mio. von 6,57 Mio. = 30,9 %):
Sarna 1511078 = 976742 + 211516 + 317038 + 5782 Sari Dharma 478193 = 0 + 478193 Bidin 27602 = 27331 + 271 Santal 4771 = 938 + 3321 + 166 + 346 Sumra Sandhi 2059 = 2059 + 0 Sarvdharm 1495 = 113 + 1382 Addi Bassi 1100 = 478 + 561 + 61 Kharwar 385 = 385 + 0 Sant 356 = 0 + 356 Saran 352 = 0 + 352 Achinthar 273 = 273 + 0 Tribal Religion 245 = 0 + 245 sarin 185 = 0 + 185 Marangboro 167 = 87 + 80 Sarvdharm 130 = 0 + 0 + 130 Seran 125 = 0 + 125 Atheist 102 = 0 + 0 + 102 Saranath 95 = 0 + 0 + 95 Tribal Religion 86 = 0 + 0 + 86 Adi 84 = 84 + 0 Alchichi 78 = 0 + 78 Saranath 62 = 0 + 62 Other unclassified 1123 = 507 + 393 + 155 + 68
Das christlich-missionarische Joshua Project listet die 214.000 Santal in Bangladesch vorwiegend hinduistisch, und 8,08 % christlich, die 59.000 Santal in Nepal als 7 % christlich und die 5.500 Santal in Bhutan 2,59 % christlich.
Ethnische Religion mini|hochkant|Schrein in einem von Santal bewohnten Dorf in Dinajpur, Bangladesch mini|Dorfbewohner in Odisha feiern das Baha-Fest mini|hochkant=1|Während des Sarhul-Festivals führt ein Santal-Priester Zeremonien durch (Gobindpur, Odisha, 2018) mini|hochkant=1|„Gosanne“: Andachtsort der Santal (2018)
Die Religion der Santal verehrt als oberste Gottheit Thakurdschi; sie ist zwar für das ganze Universum zuständig, wird aber sehr abstrakt gedacht.James Heitzman, Robert L. Worden: Tribal Religions. In: Dieselben (Hrsg.): India: A Country Study. GPO for the Library of Congress, Washington 1995 (englisch; online auf countrystudies.us).
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