mini|Alonso de Ercilla y Zúñiga (1533–1594) Alonso de Ercilla y Zúñiga (* 7. August 1533 in Madrid; † 29. November 1594 ebenda) war ein spanischer Edelmann, Soldat und Schriftsteller und gehört zu den herausragenden Vertretern der spanischen Literatur des Siglo de Oro. Als erster europäischer Dichter beschäftigte er sich in seinem Hauptwerk La Araucana mit der Thematik der Kolonialkriege auf dem neu entdeckten amerikanischen Kontinent und mit den dort lebenden indigenen Völkern und gilt daher gleichermaßen als Begründer der hispanoamerikanischen Literatur und „Erfinder“ des Indianerromans.

Leben

mini|Philipp II. als Kronprinz 1551 (Gemälde von Tizian)

Alonso de Ercilla stammte aus einem in Bermeo ansässigen biskaischen Adelsgeschlecht. Sein Vater Fortún García de Ercilla, der am spanischen Hof als königlicher Ratgeber tätig war, starb ein Jahr nach Alonsos Geburt. Seine Mutter Leonor de Zúñiga erhielt eine Stellung als Hofdame der späteren Kaiserin Maria, der Tochter Karls V. (Karl I. von Spanien), und gab Alonso im Jahre 1548 als Pagen in den Dienst des Prinzen Philipp (des künftigen Königs Philipp II.). Unter der Leitung des Pagenpräfekten, des Latinisten Cristóbal Calvete de la Estrella, erhielt er eine fundierte klassische Ausbildung, die neben der Lektüre der Literatur der Antike, etwa der Werke eines Vergil oder Lucan, sowie der damals hoch geschätzten Renaissance-Dichter wie Dante, Ariost und Boccaccio auch das Studium der Astronomie und der Astrologie einschloss. Hier lernte Alonso auch die Werke des spanischen Soldaten und Dichters Garcilaso de la Vega kennen, die ihn nachhaltig beeinflussten. Ab 1552 begleitete der junge Gentilhombre (Edelmann, „Gentleman“) den Kronprinzen Philipp auf Reisen nach Italien, Flandern, Wien und England, die seinen Bildungshorizont erweiterten. Er war auch bei der Hochzeit des Prinzen mit der englischen Königin Maria I. Tudor im Sommer 1554 in London zugegen. Bald darauf entschloss er sich, nach Amerika zu reisen, und kehrte zu diesem Zweck zunächst nach Spanien zurück, wo er sich 1555 der Expedition des neu ernannten Vizekönigs von Peru, Andrés Hurtado de Mendoza, anschloss, in dessen Begleitung sich neben verschiedenen königlichen Beamten und Würdenträgern auch der Konquistador Jerónimo de Alderete als designierter Gouverneur für Chile befand, der allerdings auf der Reise starb.

Über Panama gelangte Alonso im Laufe des Jahres 1556 mit dem neuen Vizekönig nach Peru und wurde Mitglied der Expedition, die unter dessen Sohn García Hurtado de Mendoza in das damalige Reino de Chile (das spätere Generalkapitanat Chile einschließlich Patagoniens und Feuerlands) entsandt wurde, um die dortigen Verhältnisse militärisch und administrativ unter Kontrolle zu bringen. Am 9. Januar 1557 brach García Hurtado mit einer gut ausgerüsteten Streitmacht von Callao aus auf. Ercilla erhielt den Auftrag, die Taten seines Vorgesetzten zu dokumentieren. In den folgenden beiden Jahren nahm Alonso de Ercilla als Soldat und Chronist an den Operationen der Spanier gegen die Mapuche-Indianer in Südchile teil. Nach eigenem Zeugnis notierte er seine Beobachtungen und Erlebnisse täglich auf Briefrückseiten, Lederresten und Baumrinden, wobei diese kriegstagebuchähnlichen Notizen auch bereits ganze Gedichtstrophen seines späteren Hauptwerkes enthalten haben sollen.Memoria Chilena (Digitalisierungsprojekt der chilenischen Staatsbibliotheken): Alonso de Ercilla y Zúñiga (1533–1594) (Biographische Einleitung), abgerufen im Dezember 2015. — Ob die Behauptung Ercillas, seine Aufzeichnungen hätten bereits fertig gedichtete Strophen enthalten (wie er es z. B. bzgl. der Episode von seiner Ankunft auf Chiloé im XXXVI. Gesang sagt), zutrifft oder nur dazu diente, seinem Werk nachträglich noch mehr Authentizität zu verleihen, ist allerdings umstritten. Sicher ist, dass er umfangreiches schriftliches Material benutzte und die Handlung seiner Dichtung nicht völlig frei aus dem Gedächtnis rekonstruierte. Der aus seinen Aufzeichnungen entstandene Roman La Araucana prangert die Gräueltaten der Konquistadoren und ihre Gier nach Gold und Macht an und bemüht sich um eine, wie Ercilla selbst beteuert, wahrheitsgemäße Darstellung.„Literatur und Geschichtsschreibung stehen in Lateinamerika immer schon in enger Beziehung zueinander. Historiographische Werke wie die crónicas des 16. Jh. gelten heute als der Beginn der lateinamerikanischen Literatur.“ (Walter Bruno Berg: Literatur der Andenländer: Brüche und Aufbrüche. In: Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. Metzler, Stuttgart/Weimar 1995, ISBN 3-476-01202-6, S. 445–465).

Zu Beginn der Kampagne errichteten die Spanier zunächst am Fluss Bío Bío ein Fort auf den Ruinen der im Vorjahr von den Indios zerstörten Stadt Concepción (nördlich des modernen Stadtzentrums auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Penco gelegen) und zogen dann unter blutigen Kämpfen nach Süden. Nach mehreren verlustreichen Gefechten gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Mapuche unter ihrem Kriegshäuptling Caupolicán geriet der Vormarsch ins Stocken. Zwar konnte der indianische Anführer letztlich gefangen genommen und getötet werden und auch die Stadt Arauco wurde wieder besetzt, doch waren die Spanier nicht in der Lage, die weiter südlich errichteten Forts auf Dauer zu halten. Nach harten Kämpfen traten die Reste der spanischen Verbände den Rückzug nach Norden an.

Zuvor erreichte anscheinend eine Gruppe von Soldaten, die unter Leitung des Gouverneurs García Hurtado eine Expedition zur Magellanstraße unternahm, im Februar 1558 die Insel Chiloé. Im posthum veröffentlichten XXXVI. Gesang der Araucana beschreibt Ercilla, wie er selbst „in einer kleinen, ausrangierten Schaluppe“ mit nur zehn Männern von den übrigen Truppen getrennt als Erster auf dieser Insel ankommt, zu der es, wie er mit gewisser Genugtuung hinzufügt, „andere nicht geschafft haben“.La Araucana XXXVI, 29. Auf diese Weise versucht sich Ercilla selbst (anstelle García Hurtados) zum Entdecker der Insel zu stilisieren, was vermutlich unhistorisch ist.Vgl. Beatriz Pastor: The Armature of Conquest: Spanish accounts of the Discovery of America, 1492–1589. Engl. Übers., Stanford University Press 1992, referiert bei Ricardo Padrón: Spacious Word: Cartography, Literature, and Empire in Early Modern Spain. University of Chicago Press, Chicago 2004. S. 217 u. Anm. 49. Den romantisierenden Schilderungen im Spätwerk Ercillas zufolge fanden die Spanier dort eine friedliche Gegenwelt fernab der grausamen Kriegsrealität vor. Allerdings liegen zwischen Chiloé und der Magellanstraße noch mehr als 1000 Kilometer Strecke durch die Fjorde Südchiles, sodass dieser Entdeckungsversuch – wenn er so stattgefunden haben sollte – letztlich ein Fehlschlag war. Die historisch nicht gesicherte Reise könnte von Ercilla aber auch (möglicherweise in Abwandlung der 1557–59 im Auftrag Hurtados tatsächlich realisierten Expedition des Entdeckers Juan Fernández Ladrillero zur Magellanstraße) erdichtet worden sein. Von einer ähnlichen Expedition berichtet auch der Reisebericht des ansonsten unbekannten spanischen Soldaten Gerónimo de Vivar (im CXX. Kapitel seiner 1558 abgefassten, in den 1930er Jahren in Valencia entdeckten und 1966 erstmals publizierten Chronik),Jerónimo de Vivar: Crónica y relación copiosa y verdadera de los reinos de Chile (1558). In: Fondo Histórico y Bibliográfico José Toribio Medina, Band 2. Instituto Geográfico Militar, Santiago de Chile 1966. der an einer Entdeckungsfahrt unter Francisco de Ulloa um die Jahreswende 1553/1554 teilgenommen hatte.Ángel Barral Gómez: („Einführung“). In: Jerónimo de Vivar: Crónica de los reinos de Chile. Ausgabe von Ángel Barral Gómez, 1. Aufl., Madrid 1987. Diese Gruppe war tatsächlich von Nordwesten in die Magellanstraße eingefahren und hatte auf der Fahrt dorthin mehrere Inseln – darunter vermutlich auch Chiloé – entdeckt. Es ist denkbar, dass Ercilla durch seine Informanten über Einzelheiten von dieser in den Wirren nach dem Tod Pedro de Valdivias weitgehend in Vergessenheit geratenen Reise Kenntnis hatte.

links|mini|hochkant=4.3|Karte des Kriegsgebietes in Südchile aus dem Jahr 1610 (Archivo General de Indias).Mapa del Reino de Chile, abgedruckt bei Ricardo Padrón: Spacious Word: Cartography, Literature, and Empire in Early Modern Spain. University of Chicago Press, Chicago 2004, S. 81. Norden ist links; oben ist die Gebirgskette der Anden, unten die Pazifikküste dargestellt. Im Süden (ganz rechts) sind zerstörte Ansiedlungen (durchgestrichene Symbole) zu erkennen. Links unten ist die Insel Mocha eingezeichnet. Der Arauco-Krieg im Süden der Kolonie bestand aus einer kaum unterbrochenen Serie von Aufständen der Indianer, die nach den von Alonso de Ercilla beschriebenen Kriegsereignissen noch viele Jahrzehnte andauerte und erst mit der Anerkennung einer unabhängigen Mapuche-Nation durch die Spanier im Vertrag von Quillín (1641) ein vorläufiges Ende fand.

Nach den Feierlichkeiten zur Gründung der Stadt Osorno kam es im März 1558 zu einem für Alonsos weiteres Geschick bedeutsamen Zwischenfall in La Imperial, als er vor den Augen seines Kommandanten García Hurtado die Fassung verlor und sich ein spontanes Duell mit einem Offizier namens Pineda lieferte, mit dem er persönlich verfeindet war. Ercilla fiel beim Gouverneur in Ungnade und wurde zusammen mit seinem Kontrahenten zum Tode verurteilt, dann begnadigt und nach mehrmonatiger Haft Ende des Jahres 1558 nach Peru verbannt.La Araucana XXXVI, 33 f.; XXXVII, 70. Die Begnadigung wird der Fürsprache zweier Frauen zugeschrieben, die in der Nacht vor der geplanten Hinrichtung auf Betreiben der besorgten Bürgerschaft in das Haus des Gouverneurs eindrangen und diesen dazu bewegt haben sollen, seinen harten Entschluss rückgängig zu machen. Eine dieser Lebensretterinnen war eine Indianerin, die Hurtado bekanntermaßen gefiel; sie soll der eigentliche Grund dafür sein, dass Alonso de Ercilla als Titelfigur für seinen Roman eine weibliche Gestalt gewählt hat.Über die Frage, in welcher Beziehung diese Frau zu Ercilla stand und ob es sich möglicherweise um dieselbe, von Ercilla „Fresia“ genannte Kriegerfrau handelt, die angeblich ein 15-monatiges Kind mit Caupolicán hatte, das sie nach dessen Gefangennahme aus schierer Wut und Verzweiflung vor den Augen des Vaters tötete, indem sie es einen Abhang hinunterwarf (von diesem Vorfall berichtet der Chronist Gerónimo de Vivar unabhängig von Ercilla, der die Episode im Roman entschärft und das Kind überleben lässt), ist häufig spekuliert worden. Unabhängig von der historisch wenig wahrscheinlichen und nicht näher aufzuklärenden Vermutung ist jedenfalls bemerkenswert, wie oft und intensiv Ercilla in seiner Darstellung auf das Leid von Mapuche-Frauen eingeht, deren Männer im Kampf gefallen oder von den Konquistadoren ermordet worden waren. mini|Titelblatt der 1574 in Salamanca erschienenen Ausgabe der Araucana (Teil I, 2. Auflage) Vor seiner Abreise nach Peru war Ercilla im Dezember 1558 wohl bei der Schlacht von Quiapo zugegen, bei der ein für die Spanier überraschender Angriff der nach dem Tod Caupolicáns geschlagen geglaubten indianischen Streitmacht, die drei raffinierte Befestigungswerke errichtet hatte und das spanische Feldlager bedrohte, mit Mühe abgewehrt werden konnte. Nach dieser Niederlage der Araukaner trat ein zeitweiliger Waffenstillstand in Kraft, in dessen Verlauf García Hurtado als Kommandeur abgelöst wurde.

1562 kehrte Ercilla nach Spanien zurück und verfasste auf der Basis seiner Aufzeichnungen, Gesprächsprotokolle und Erinnerungen den ersten Teil seines epischen Versromans La Araucana („Die Araukanerin“), den er Philipp II. widmete und 1569 auf eigene Kosten veröffentlichte. Die zweite Auflage erschien 1574 in Salamanca.