mini|300px|Ortsansicht Reichelsheim (Odenwald) (odenwälderisch örtlich Reigels, in der Umgebung auch Reigelse) ist eine Gemeinde im südhessischen Odenwaldkreis.
Geographie mini|Reichelsheim mit Neunkircher Höhe im Hintergrund
Geographische Lage Reichelsheim liegt im mittleren Odenwald in 200 bis 538 Meter Höhe inmitten des Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald. Es grenzt im Norden an die Gemeinden Fränkisch-Crumbach, Brensbach und Brombachtal, im Osten an die Stadt Michelstadt und die Gemeinde Mossautal (alle im Odenwaldkreis), im Süden an die Gemeinde Fürth und im Westen an die Stadt Lindenfels (beide Landkreis Bergstraße). Durch den Ortsteil Reichelsheim verlaufen die Bundesstraßen 38 und 47 auf einer gemeinsamen Trasse.
Die Kerngemeinde (,Ortsteil) Reichelsheim besteht aus einem geschlossenen Dorf mit regelhaftem Grundriss und liegt am Mergbach im Granitgebiet des Odenwaldes bei getrennter doppelseitiger Tallage. Sie ist durch die 459 Hektar umfassende Gemarkung Reichelsheim (Odenwald) abgegrenzt. In der Gemarkung liegen die folgenden aktuellen bzw. historischen Wohnplätze: Fronhof Herrnmühle Schloss Reichenberg Siedlung Tiergarten
Gemeindegliederung Zur Gemeinde gehören neben dem Ort Reichelsheim die dreizehn Ortsteile Beerfurth (bestehend aus Kirch-Beerfurth und Pfaffen-Beerfurth), Bockenrod, Eberbach, Erzbach, Frohnhofen, Gersprenz, Gumpen (bestehend aus Groß-Gumpen und Ober-Klein-Gumpen), Klein-Gumpen, Laudenau, Ober-Kainsbach (mit den Weilern Hutzwiese, Spreng, Vierstöck und Wünschbach), Ober-Ostern, Rohrbach und Unter-Ostern.
Reichelsheim ist nach Heidenrod und Oberzent die Gemeinde mit der zweitgrößten Zahl von Ortsteilen in Südhessen.
Geschichte Frühgeschichte Im Jahre 496 n. Chr. gelangte das Rhein-Main-Gebiet und damit auch der Odenwald unter fränkische Herrschaft. Das zentrale Odenwaldgebiet war von der römischen Besatzung nicht besiedelt worden. Nun begann für die vom Mittelrhein aus nachrückenden Bauernfamilien die Freigabe des Landes zur flächendeckenden Besiedlung. Die Rheinebene bis zur Bergstraße und der Raum nördlich, östlich und südlich vom Odenwald wurde mit fränkischen -heim-Siedlungen aufgesiedelt und in vier Gaue eingeteilt. Mit der Gründung des Klosters Lorsch im Jahr 764 n. Chr. häufen sich die urkundlichen Ersterwähnungen für die -heim-Orte, nach 780 n. Chr. ist keine Neugründung mit dieser Endung -heim mehr nachzuweisen. Wegen der Ortsnamenendung und dem St. Michaels-Patrozinium der Ortskirche zählt man Reichelsheim zu den alten Orten im Odenwald. Einhard wurde im Jahre 815 die Mark Michlinstat als Anerkennung für seine großen Verdienste als Vertrauter am Hofe Karls des Großen geschenkt. Den Hauptort Michelstadt erhielt er von Karls Sohn, Ludwig dem Frommen, als freies Eigentum. Einhard wiederum vermachte die Mark 819 für den Todesfall dem Kloster Lorsch, das damit mit den Waldmarken Heppenheim und Michelstadt einen Großteil des Odenwaldes in der Hand hielt. Das Kloster Lorsch hatte bereits im Jahre 773 die Mark Heppenheim durch eine Schenkung von Karl dem Großen erhalten und sorgte für die Binnenkolonisation. Die Verbindung zwischen Lorsch im Rheintal und Michelstadt im Mümlingtal war entlang der heute als Nibelungenstraße bezeichneten Route gegeben, die oberhalb der nassen sumpfigen Flusstäler gelegene Strecke, die von der strata montana abzweigte, wurde (zumindest bis zum Felsenmeer) abschnittsweise bereits in römischer Zeit genutzt. Das Gebiet von Reichelsheim war mit seiner Entfernung von gut 25 km von Lorsch und 17 km von Michelstadt jeweils in einer Tagesetappe erreichbar. Die Bedeutung der zentralen Lage des Reichelsheimer Gebiets wird durch ein Treffen von 38 Vertretern der Gaue auf dem Kahlberg im August 795 nach stetigen Grenz- und Gebietsstreitigkeiten deutlich. Hier an dem Wasserscheidepunkt im Odenwald mit Quellen der Zuflüsse zu Rhein, Main und Neckar waren auch die Grenzen von dreien der vier Odenwaldgaue.
Mittelalter Die Herren zu Erbach erscheinen urkundlich erstmals im Jahr 1148 mit Eberhard I. von Erbach, der um 1165 / 1170 im Lorscher Codex als Vogt über Gebiete im Odenwald erwähnt wird. Um 1200 erscheinen die Erbacher als Reichsdienstmannen und Besitzer des Gebiets um Reichelsheim, etwas später als Schenken der Kurfürsten von der Pfalz. Im 13. Jahrhundert teilen sie sich in die Linien Erbach-Erbach mit Konrad I. und Erbach-Reichenberg mit Eberhard III. auf. Unter den Söhnen Eberhards III. entstehen dann die Linien Erbach-Reichenberg und Erbach-Reichenberg-Michelstadt. Der Erbacher Schenk Johann I. († 1296) erbaute die Burg Reichenberg zwischen Mitte und Ende des 13. Jahrhunderts. Sein Vater Eberhard III. Schenk von Erbach († 1256) wird bereits 1251 als zu Reichenberg urkundlich erwähnt. Um den 8. Dezember 1307 wird die Burg Reichenberg erstmals als burg zu Richenburg urkundlich erwähnt. Im 11. und 12. Jahrhundert folgte auf die Blütezeit des Klosters Lorsch dessen Niedergang. Neue Mächte konkurrierten jetzt um die Herrschaft im Odenwald. Neben den bestehenden Einflussbereichen der im Süden und Westen benachbarten Gaugrafschaften Lobdengau und Oberrheingau, die sich im Wirken des Bistums Worms zeigten, und dem Erzbistum Mainz, dem das Kloster Lorsch ab 1232 unterstellt war, suchten die Kurpfalz mit den Erbachern und die Grafschaft Katzenelnbogen vertreten durch die Herren von Crumpach ihren Einfluss zu festigen. Als Reaktion auf die Festung von Reichelsheim errichten die Rodensteiner Mitte des 13. Jahrhunderts die Burg Rodenstein als Trutzburg gegen den Reichenberg. Die nun ständig bewohnte Burg musste von Reichelsheim als Dorf unter der Burg unterhalten werden, man siedelte Handwerker, Bauern und weitere Familien, auch der Burgbesatzung an, um die Versorgung sicherzustellen. Die Burg mit Reichelsheim bildeten den Mittelpunkt der Herrschaft Erbach-Reichenberg, die Zent Reichelsheim war im Gegensatz zu den umliegenden Zenten kein kirchlicher Besitz, sondern Reichsgut. Im Jahre 1303 wurde ein Streit zwischen Gerlach von Breuberg und den Schenken von Erbach über Güter zu Reichelsheim geschlichtet. Um 1312 verpachtete der Abt von Fulda seine Reichelsheimer Güter dem Eckehard von Frauenrode, Bürger zu Frankfurt, auf sieben Jahre. 1363 bewilligte Pfalzgraf Ruprecht II. Heinrich I. Schenk von Erbach ein Wittum für seine Ehefrau Anna auf dem Hof zu Reichelsheim, 1398 belehnte der Pfalzgraf Hans Schenk von Erbach mit der Hälfte von Reichelsheim.
Die Zent Reichelsheim befand sich im 9. Jahrhundert, und vermutlich darüber hinaus, überwiegend in Reichsbesitz, worauf bereits der Name hindeutet. Gestützt wird diese Annahme durch eine historische Schenkung aus dem Jahr 880. Damals übertrug König Ludwig der Jüngere der königlichen Salvatorkapelle in Frankfurt am Main unter anderem Güter aus Osternaha, die innerhalb der Zent Reichelsheim lagen. Nach dem Regionalmuseum Reichelsheim Odenwald soll die deutlich ältere Siedlung Richoldsheim als Marktflecken von dem fränkischen Edeling Richold am Ende des 9. Jahrhunderts gegründet worden sein. Die älteste erhalten gebliebene urkundliche Erwähnung als Richelsheim datiert aus dem Jahr 1303. Weitere historisch belegte Namensformen sind (in Klammern das Jahr der Erwähnung): Richoltsheim (1307), Richolfsheim (um 1312), Rycholsheim (1321), Richoldesheim (1357), Richetzheim (1363) und Richelßheim (1443). Am 1. Januar 1975 wurde der Name der Gemeinde amtlich von Reichelsheim i. Odw. in Reichelsheim (Odenwald) geändert. Die Erbach-Reichenbacher hielten schon früh das Kirchenpatronat über die Kirche in der Dorfmitte (heute Michaelskirche), zu dem es den ersten schriftlichen Nachweis aus dem Jahre 1493 gibt. In der Grafschaft Erbach wurde ab 1539 die Reformation eingeführt.
Neuzeit Ab 1554 verfügte die Gemeinde über ein Zent- und Rathaus, es ist heute eines der ältesten Fachwerkhäuser im Odenwald. Im Erdgeschoss beherbergte es eine dreiseitig offene Markthalle, die später zugunsten von Schulsälen geschlossen wurde. Im Anbau entstanden Gefängniszellen, die noch heute zu besichtigen sind. Von 1953 bis 1976 beherbergte es die Gemeindeverwaltung und ist seit 1976 Regionalmuseum. Hier war der Sitz des Zentgerichts. Das Amt Reichenberg hatte bis 1551 den gleichen Umfang wie die Zent Reichelsheim. Mit dem Reichelsheimer Vertrag vom 12. Februar 1551 erwarb Erbach die breubergische Zent Oberkainsbach. Erbach ordnete nun die Orte der Zent Oberkainsbach (Ober-Kainsbach und Ober- und Unter-Gersprenz) dem Amt Reichenberg zu. Zur Zent zählte nahezu das gesamte heutige Gemeindegebiet (jedoch auch noch Winterkasten und Anteile von Nieder-Kainsbach, Brensbach, ohne das zum heidelbergischen Besitz gehörenden Pfaffen-Beerfurth). Bei der Teilung der Grafschaft 1718 gelangte das Amt Reichenberg in den Besitz des Familienzweigs der Grafen von Erbach-Erbach. Spätestens ab dem 16. Jahrhundert nahm das Amt Reichenberg durch den zunehmenden Erzbergbau eine überregionale Mittelpunktfunktion auch in wirtschaftlicher Sicht ein. Auf dem heutigen Rathausplatz wurden bereits im 16. Jahrhundert über die Grenzen hinaus bekannte Vieh- und Krammärkte abgehalten. Nach Auflösung des Amtes Erbach 1822 nahm die erstinstanzliche Rechtsprechung für Reichelsheim zunächst das Landgericht Michelstadt wahr, ab 1853 das Landgericht Fürth, ab 1879 das Amtsgericht Fürth. Zum 1. April 1904 erhielt Reichelsheim ein eigenes Amtsgericht. Dessen Dienstgebäude in der Bismarckstraße dient seit 1973 als Rathaus von Reichelsheim.Reichelsheim im Odenwald 700 Jahre. Vom Marktflecken zur Großgemeinde. ISBN 3-00-010145-4. Das Amtsgericht Reichelsheim wurde zum 1. Juli 1968 aufgelöst, dessen Gerichtsbezirk dem Amtsgericht Michelstadt zugeteilt.
Die Einwohnerzahl war bis zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs im Jahre 1618 auf etwa 160 angestiegen. Dieser Krieg bedeutete auch für die Reichelsheimer eine lange Schreckenszeit, in der die Bewohner immer wieder auf Schloss Reichenberg Schutz suchen mussten. Im fünften Kriegsjahr wurden bei einem Brand etwa zwei Drittel aller Häuser zerstört. Unter anderem verbrannten im Rathaus auch alle Urkunden aus früherer Zeit.
Nach dem Kriegsende wuchs die durch die Kriegswirren, Pest, Hunger und Abwanderung stark geschrumpfte Bevölkerung wieder auf 120 Personen an, hauptsächlich durch Einwanderer aus der Schweiz.
Im Gedanken an die große Wasserflut von 1732 im Odenwald wird seit 1949 der Michelsmarkt als Reichelsheimer Volksfest gefeiert. Im April 1744 wurde die erste Poststation in Reichelsheim eröffnet und der Zentgraf Georg Sebastian Willenbücher zum Kaiserlichen Posthalter bestellt. Mit Bestallungsurkunde von Thurn und Taxis vom 8. Dezember 1843 wurde der Ortseinnehmer Friedrich Volk zum Posthalter ernannt und am 1. Januar 1844 eine Brief- und Fahrpostexpedition in der Heidelberger Straße errichtet. Ab 1. Januar 1852 gab es in Reichelsheim erste Postwertzeichen (Briefmarken) von Thurn und Taxis mit der Währung Kreuzer und Gulden. Seit 1852 gab es eine regelmäßige Postkutsche, den Reichelsheim-Darmstädter Eilwagen. Am 27. November 1872 wurde der Spar- und Creditverein als eingetragene Genossenschaft gegründet und am 5. Januar 1873 in das Genossenschaftsregister beim Amtsgericht Fürth (Odenwald) eingetragen. Durch Namensänderungen und Fusionen ist die Volksbank in Reichelsheim heute eine Geschäftsstelle der Volksbank Odenwald in Michelstadt. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die erste Agentur der Spar- und Leihkasse Erbach (Sparkasse) in Reichelsheim eröffnet.