Atys ist eine Tragédie lyrique (Originalbezeichnung: „Opéra en musique“, später auch „Tragédie en musique“) in einem Prolog und fünf Akten von Jean-Baptiste Lully (Musik) mit einem Libretto von Philippe Quinault nach Ovids Fasti. Sie wurde am 10. Januar 1676 im Schloss Saint-Germain-en-Laye erstmals aufgeführt.
Handlung
Am Ende des Prologs, in dem König Ludwig XIV. als neuer Held gepriesen wird, kündet die Göttin Iris die folgende Tragödie zu dessen Unterhaltung an. Diese handelt von der Liebe der Göttin Cybele zum Jüngling Atys. Zu Beginn aber verliebt sich Atys in die Nymphe Sangaride, deren Hochzeit mit dem phrygischen König Celænus (einem Freund von Atys) unmittelbar bevorsteht. In Unkenntnis dieser Lage ernennt Cybele Atys persönlich zu ihrem Hohepriester und gesteht ihm in einer umfangreichen Traumszene ihre Liebe. Atys wird von schweren Gewissensbissen geplagt, entscheidet sich dann aber für Sangaride. Bevor diese davon erfährt, erklärt sie sich in einem Anfall von Eifersucht bereit, Celænus zu heiraten. Atys unterbricht die Hochzeitsfeier mit der Behauptung, dass Cybele die Heirat untersagt habe, und entschwindet mit Sangaride. Cybele ruft aus Rache die Furie Alecton herbei, die Atys verhext, so dass er im Wahn Sangaride für ein Ungeheuer hält und tötet. Nachdem er wieder zur Vernunft gekommen ist, ersticht Atys sich selbst. Cybele verwandelt ihn in eine Pinie und betrauert ihn.
Prolog
Palast der Zeit
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des Prologs, Partiturausgabe von 1720
Am 10. Januar 1676 preisen die Zeit und die Stunden des Tages und der Nacht einen neuen Helden, der die Erinnerung an die Heroen der vergangenen Jahrhunderte verblassen lasse – Ludwig XIV. Die Göttin Flore wird von einem Zephyr hereingeführt, begleitet von blumengeschmückten Nymphen, die ein menuet en rondeau tanzen. Als die Zeit sie nach dem Grund für ihr vorzeitiges Erscheinen mitten im Winter fragt, entgegnet Flore, dass sie auf keinen Fall den Helden verpassen wollte, der im Frühling bereits in den Krieg ziehen werde. Die folgenden Tänze werden von Melpomene, der Muse der Tragödie, unterbrochen, die mit einer Gruppe Heroen erscheint, gefolgt von Hercule, Antæe, Castor, Pollux, Lyncée, Idas, Eteocle und Polinice. Sie vertreiben Flore und ihr Gefolge, um Platz für das folgende tragische Schauspiel zu machen, bei dem die Heroen in einer Pantomime tanzend ihre vergangenen Kämpfe darstellen. Die Göttin Iris steigt auf ihrem Regenbogen herab, um Flore und Melpomene an die Seite der Göttin Cybele zu rufen. Sie sollen gemeinsam für die Unterhaltung des Helden sorgen.
Erster Akt
Ein der Cybele geweihter Berg
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des ersten Akts, Partiturausgabe von 1720
Szene 1. Im Morgengrauen ruft Atys die Einwohner Phrygiens herbei, um die bevorstehende Ankunft der Göttin Cybele zu erwarten. Der Refrain „Allons, allons, accourez tous, Cybele va descendre“ wird im Verlauf der folgenden Szenen mehrfach in abgewandelter Form wiederholt.
Szene 2. Atys’ Freund Idas erscheint als erster. Schon taucht die Sonne die Felder in lebendige Farben. Sie unterhalten sich über die Liebe, die Idas für unwiderstehlich hält. Atys dagegen zieht den „glücklichen Frieden gleichgültiger Herzen“ vor. Wenn auch das Vergnügen nicht so groß sei, seien doch die Schmerzen geringer. Er gibt zu, diese bereits verspürt zu haben.
Szene 3. Die Nymphe Sangaride und ihre Freundin Doris, Idas’ Schwester, gesellen sich zu ihnen. Vögel fangen an zu singen. Auch Sangaride preist die Macht der Liebe („Quand le peril est agreable“), die Atys erneut verleugnet. Atys und Idas entfernen sich.
Szene 4. Sangaride beneidet Atys um seine Gleichgültigkeit („Atys est trop heureux!“). Sie leidet selbst unter der Liebe, da sie noch heute mit dem phrygischen König Celænus vermählt werden soll, obwohl sie insgeheim in Atys verliebt ist. Ihr einziger Trost liegt darin, dass Atys ihre Liebe nicht erwidert.
Szene 5. Atys kehrt zurück und meldet das Nahen der Phrygier. Doris entfernt sich, um die anderen Nymphen zu holen.
Szene 6. Allein mit Sangaride beglückwünscht Atys sie zu ihrer bevorstehenden Hochzeit. Zunächst zeigt er keine Anzeichen von Eifersucht, aber dann gesteht er, dass ihr glücklichster Tag zugleich sein letzter sein werde – er sterbe aus Liebe zu ihr. Auch Sangaride offenbart ihm ihre Liebe. Wenn er wirklich den Tod suche, werde sie ihm folgen müssen. Da ihnen keine andere Wahl bleibt, beschließen sie, ihre gegenseitige Zuneigung geheim zu halten.
Szene 7. Doris und Idas kehren mit den Phrygiern zurück. Während die Göttin Cybele in ihrer Kutsche vom Berg herabsteigt, feiern die Phrygier ihr zu Ehren mit Tanz und Gesang („Commençons, commençons“).
Szene 8. Cybele begrüßt ihr Volk und kündigt die Wahl eines neuen Priesters an. Der Akt endet mit ihrer anschließend vom Chor aufgenommenen Arie „Vous devez vous animer“ – „Nous devons nous animer“.
Zweiter Akt
Tempel der Cybele
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des zweiten Akts, Partiturausgabe von 1720
Szene 1. König Celænus und Atys erwarten die Ankunft Cybeles, die einen von ihnen zu ihrem Hohepriester erwählen will. Atys ist der Ansicht, dass sich die Göttin für Celænus, den mächtigsten der Könige, entscheiden werde. Celænus ist sich nicht so sicher. Er hat auch Zweifel bezüglich seiner Braut Sangaride und fragt Atys, der offenbar ihr Vertrauen besitzt, ob er von einem heimlichen Geliebten weiß. Atys beruhigt ihn. Sangaride werde der Pflicht und dem Ruhm folgen, und beides liege bei ihm, Celænus. Celænus vermisst dabei die Liebe – aber das könne der gleichgültige Atys wohl nicht verstehen. Nachdem jeder der beiden seine Grundsätze in einer Arie vorgetragen hat, entfernt sich Atys.
Szene 2. Cybele kommt mit ihrer Vertrauten Melisse und einer Gruppe von Priesterinnen, um Celænus ihre Wahl mitzuteilen. Obwohl ihm unter allen Königen der Vorrang gebühre, wolle sie sich für Atys entscheiden. Celænus wünscht seinem Freund Atys alles Gute. Er selbst ist zufrieden mit seinen anderen Errungenschaften: Er sei König, Neptun sei sein Vater, und er werde eine Schönheit heiraten. Atys’ Herz dagegen sei frei, um Cybele ungestört zu dienen. Celænus und die Priesterinnen gehen.
Szene 3. Allein mit der über die Wahl erstaunten Melisse zurückgeblieben, offenbart Cybele ihr ihre Liebe zu Atys. Sie wolle ihm diese auf ganz besondere Weise kundtun. Melisse möge zu diesem Zweck den Schlaf und die Träume herbeiholen. Unterdessen sollen die Zephyre und Völker ihr und dem neuen Hohepriester huldigen.
Szene 4. Die Zephyre erscheinen strahlend in den Lüften, verschiedene Volksgruppen betreten den Tempel, und alle gemeinsam feiern den Ruhm des neuen Hohepriesters in einem Divertissement.
Dritter Akt
Priesterpalast der Cybele
Szene 1. Atys beklagt, dass alle Vergnügungen ihn nicht glücklich machen können. Mit seiner Liebe zu Sangaride verlöre er das einzige, was ihm wichtig ist – und damit würde er seine Pflicht verraten.
Szene 2. Idas und Doris bitten Atys um ein offenes Gespräch. Sangaride habe ihnen unter Tränen ihre Gefühle offenbart. Sie wolle Celænus nun nicht mehr heiraten und ihre Liebe öffentlich bekanntgeben. Atys fällt es schwer, sich zwischen ihr und seiner Freundschaft mit dem König zu entscheiden – aber schließlich obsiegt die Liebe.
Szene 3. Wieder allein, grübelt Atys weiter über seine Gefühle nach. Er wird von Müdigkeit überrascht und sinkt in die Höhle des Schlafs hinab.
Eine von Mohnblumen und Bächen umgebene Grotte
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des dritten Akts, Partiturausgabe von 1720
Szene 4. Der Gott des Schlafs nähert sich in Begleitung von angenehmen und düsteren Träumen sowie seinen Söhnen Morphée, Phobetor und Phantase dem schlafenden Atys. Zwei der Träume spielen Viola, zwei andere Theorbe, sechs Träume spielen Flöte, zwölf düstere Träume singen, und acht verlockende und acht düstere Träume tanzen („Dormons, dormons tous“). Im Auftrag Cybeles offenbaren sie Atys ihre Liebe und stellen deren Wonnen dar. Außerdem warnen sie ihn durch Schreckbilder davor, diese zurückzuweisen. Durch die düsteren Träume erschreckt, wacht Atys auf. Die Bilder verschwinden mitsamt der Höhle, und Atys findet sich im Palast wieder.
Priesterpalast der Cybele
Szene 5. Inzwischen haben sich Cybele und Melisse im Palast eingefunden. Cybele beruhigt den immer noch verstörten Atys. Er solle den Träumen glauben, denn sie haben in ihrem Auftrag gesprochen. Sie versichert ihm ihre Liebe und bittet um eine offene Antwort.
Szene 6. Sangaride stürzt herein, wirft sich der Göttin zu Füßen und fleht sie um Hilfe an. Atys unterbricht sie noch rechtzeitig, bevor sie ihre Liebe zu ihm offenbaren kann. Er bittet Cybele nun selbst, Sangarides Hochzeit mit Celænus zu verhindern. Cybele verspricht ihre Unterstützung. Sie liebe Atys, habe alles für ihn aufgegeben und könne ihm keinen Wunsch abschlagen. Sangaride zieht sich zurück. Anschließend schickt Cybele auch Atys fort, um ihre Befehle abzuwarten.
Szene 7. Melisse gegenüber beklagt Cybele die Gleichgültigkeit Atys’, der ihre Liebe offenbar nicht erwidert. Melisse entgegnet, dass Atys nur noch nicht wisse, wie man die Liebe ausdrücke. Cybele aber ist beunruhigt. Sie schickt Melisse zu Zephire, damit der alles zu Atys’ Wünschen erfüllt.
Szene 8. Cybele ist verzweifelt, dass sie sich in der Liebe so sehr getäuscht hat („Espoir si cher et si doux“).
Vierter Akt
Palast des Flusses Sangar
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des vierten Akts, Partiturausgabe von 1720
Szene 1. Sangaride ist in Tränen aufgelöst. Sie beklagt sich bei Doris und Idas darüber, dass Atys sich für Cybele entschieden und ihre Liebe verraten habe. Die beiden versuchen vergeblich, sie zu trösten (Trio: „Qu’une premiere amour est belle“).
Szene 2. Celænus erscheint mit seinem Gefolge, um Sangaride zur Hochzeitszeremonie abzuholen. Sie willigt ein – die Heirat sei schließlich der Wunsch ihres Vaters.
Szene 3. Celænus teilt dem hinzugekommenen Atys seine Freude darüber mit, dass seine Liebe endlich von Sangaride erwidert wird. Doris, Idas und Celænus mit seinem Gefolge entfernen sich.
Szene 4. Atys und Sangaride können sich endlich aussprechen und die Missverständnisse ausräumen. Sie schwören sich ewige Liebe. Atys geht, um die ihm von Cybele verliehene Macht für die Erfüllung ihrer Wünsche zu nutzen.
Szene 5. Celænus und die Hochzeitsgäste erscheinen, darunter der Gott des Flusses Sangar (Sangarides Vater) und weitere Fluss-, Bach- und Quellgottheiten. Sangar stellt den Anwesenden den Bräutigam Celænus vor. Sie geben ihre Zustimmung und feiern in einem Divertissement mit verschiedenen Chören und Tänzen („Tous, d’une commune voix“): Zwölf große Flussgötter singen, fünf spielen Flöte, vier Quellgottheiten und vier Flussgötter sowie zwei kleine Bachgötter singen und tanzen, vier kleine Bachgottheiten, sechs große Flussgötter, zwei alte Flussgötter und zwei alte Quellnymphen tanzen (u. a. Chor „La beauté la plus sévère“ und Duett „D’une constance extresme“).
Szene 6. Atys kommt mit einer Gruppe fliegender Zephire. In seiner Eigenschaft als Hohepriester Cybeles behauptet er, die Göttin habe die Hochzeit verboten. Celænus fühlt sich von seinem Freund verraten. Die Zephire tragen Atys und Sangaride durch die Lüfte fort.
Fünfter Akt
Zauberhafte Gärten
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des fünften Akts, Partiturausgabe von 1720
Szene 1. Celænus konfrontiert Cybele mit dem unerwarteten Verbot der Hochzeit und wirft ihr Grausamkeit vor. Cybele rechtfertigt sich mit ihrer Liebe zu Atys, die sie zu Ungerechtigkeiten verleitet habe. Aber auch sie sei betrogen worden, denn Atys liebe Sangaride. Sie verspricht Celænus Rache an Atys.
Szene 2. Als Atys und Sangaride mit einer Gruppe Priesterinnen hinzukommen, werfen Cybele und Celænus ihnen ihr Vergehen vor. Atys und Sangaride verweisen auf ihre gegenseitige Liebe, die kein Verbrechen sei. Cybele und Celænus aber lassen sich nicht besänftigen. Cybele ruft die Furie Alecton herbei, um ihre Rache auszuführen.