mini|hochkant=1.4|Rasiermesser mit Rasierschale und Dachshaarpinsel
Ein Rasiermesser ist ein sehr scharfes Messer für die Nass-, seltener auch für die Trockenrasur. Es besteht aus einer länglichen Stahlklinge und einem Griff. Die Klinge ist zumeist aus nicht rostfreiem Kohlenstoffstahl gefertigt und hohl geschliffen. Für den Griff werden Materialien wie Holz, Perlmutt, Horn oder auch Kunststoff verwendet. Für die Lagerung und den Transport kann die scharfe Klinge in den Griff eingeklappt werden. Rasiermesser dieser Bauart dominierten im 19. Jahrhundert, der „Goldenen Ära“ des Rasiermessers, und wurden lange Zeit nur noch von professionellen Barbieren verwendet. Seit einigen Jahren finden Rasiermesser auch im Privatbereich wieder eine wachsende Verwendung.
Mit einem Rasiermesser können gründlichere Rasuren erzielt werden als mit Rasierhobeln und Systemrasierern.Ray A. Smith: In Search of a Perfect Shave. Can New Products and Techniques Make Shaving Better? Calling Out the Myths. In: Wall Street Journal, vom 29. August 2012, zuletzt abgerufen am 21. März 2014; Rodney Cutler: The Endorsement: Shaving Every Day. In: Esquire Digital Edition, vom 15. Januar 2008, zuletzt abgerufen am 21. März 2014; Susan Semenak: Jedoch bedarf die Benutzung einer gewissen Übung, um Verletzungen zu vermeiden. Die Klinge muss vor jeder Rasur auf einem Streichriemen abgeledert und in regelmäßigen Abständen nachgeschliffen werden, um die Schärfe der Schneide zu erhalten. Bei einem klassischen Rasiermesser fallen keine Kosten für Wechselklingen an. Es gibt allerdings auch Wechselklingen-Rasiermesser.
Geschichte Bronzezeit In Ägypten kam das Rasieren des Gesichts in der Frühdynastischen Periode (3100–2686 v. Chr.) zunächst bei den oberen Schichten in Mode und verbreitete sich später auch im Rest der Bevölkerung. Ägyptische, assyrische und babylonische Denkmäler zeigen Hethiter, Äthiopier und Seevölker meist als glatt rasiert. Die meisten Abbildungen ägyptischer Männer zeigen glatt rasierte Gesichter, mit Ausnahme einiger Pharaonen, die geflochtene Kinnbärte tragen. Rasiermesser bestanden aus Feuerstein, Kupfer oder Bronze. Die Existenz von Barbieren ist durch Grabszenen belegt, so etwa im Grab des Userhet (KV45), eines hohen Beamten der 18. Dynastie (1550–1292 v. Chr.).
In Europa sind Rasiermesser nachweislich seit der Mittleren Bronzezeit in Gebrauch.Frank Gnegel: Bart ab. Zur Geschichte der Selbstrasur. Köln 1995, S. 9. Dabei werden zwei Typen unterschieden, die sich zu unterschiedlichen Zeiten vom östlichen Mittelmeerraum aus im übrigen Europa verbreiteten. Doppelschneidige Rasiermesser kamen in Mittel- und Westeuropa, einschließlich der britischen Inseln, im 16. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, einschneidige Rasiermesser dagegen ausschließlich in Skandinavien im 15. Jahrhundert v. Chr. Die Funktion dieser Messer ist laut Frank Gnegel, Autor einer Kulturgeschichte der Selbstrasur, „durch erhaltene Haarreste an den Schneiden eindeutig belegt“.Gnegel: Bart ab. S. 9.
Antikes Griechenland Im antiken Griechenland waren Bärte ein Symbol der Weisheit und Männlichkeit und wurden entsprechend kultiviert. Die altgriechischen Philosophen und Homerischen Helden trugen alle rauschende Bärte. Das Rasieren kam erst im 4. Jh. v. Chr. unter Alexander dem Großen auf, laut Plutarch damit man die Krieger in der Schlacht nicht an ihren Bärten ergreifen konnte. Das Rasieren hielt sich bis Kaiser Justinian (6. Jh.), und damals waren sogar die Statuen der antiken Philosophen bartlos, obwohl Philosophen weiterhin Bärte trugen.
Barbiere schnitten die Haare, rasierten den Bart und kürzten die Nägel. Das Rasiermesser hieß ξυρόν (lat. novacula), außerdem wurde schon damals chemisch mit Enthaarungscremes depiliert.
Römisches Reich Zur Zeit des Römischen Reiches unterlag die Verwendung von Rasiermessern der jeweiligen Mode. Der römische Gelehrte Marcus Terentius Varro schreibt in seinem Lehrbuch De re rustica, das Rasieren des Gesichts habe sich erst um 300 v. Chr. in Rom verbreitet, nachdem P. Ticinius Menas einen Barbier aus Sizilien mitgebracht habe,Ethel Hampson Brewster: Roman craftsmen and tradesmen of the early empire. Menasha WI 1917, S. 87, sowie David B. Kaufman. Roman Barbers. In: Classical Weekly, 25, 19 (1932), S. 145–148, hier S. 145. und Plinius der Ältere schreibt in seiner Naturalis historia, Scipio der Jüngere sei der erste Römer gewesen, der sich jeden Tag rasierte.Kaufman: Roman Barbers. S. 145. Auch im späteren Römischen Reich, insbesondere von der Regierung Hadrians bis zu den späten Severern und von der Herrschaft des Gallienus bis zur Römischen Tetrarchie, war das Rasieren eine selten geübte Praxis.George C. Boon: ‘Tonsor Humanus’: Razor and Toilet-Knife in Antiquity. In: Britannia. 22 (1991), S. 21–32; auf Rasiermesser geht der Abschnitt „Razors“, S. 27–32, ein.
Ein Rasiermesser (novacula) gehörte genauso wie ein Kamm (pecten), Spiegel (speculum), Schere (acitia) und Brennschere (calamistrum) zur Standardausstattung eines römischen Barbiers.Kaufman: Roman Barbers. S. 146. Das Messer wurde unter Verwendung von Öl auf einem Stein geschärft und nach dem Gebrauch in einem Kästchen aufbewahrt. Laut Plinius dem Älteren wurden Spinnweben zur Versorgung von Schnitten im Gesicht verwendet.Kaufman: Roman Barbers. S. 147. In Pompeji gefundene Exemplare von frühen Klapp-Rasiermessern mit zwölf Zentimeter langen, trapezförmigen Klingen und Griffen aus Elfenbein gehörten als Luxusobjekte zum Hausstand höherer Schichten.
Mittelalter miniatur|Mönche mit glatter Rasur des Gesichts und Tonsur. Dedikationsbild aus De laudibus sanctae crucis, zwischen 831 und 840
Ab der Spätantike war die Bartlosigkeit ein Kennzeichen des abendländischen Klerus.Gnegel; Bart ab. S. 16. Bei den Mönchsorden regelten genaue Vorschriften die Benutzung und Verwahrung der verwendeten Rasiermesser. Sie wurden in einem geschlossenen Kasten aufbewahrt und von einem eigens hierfür bestimmten Bruder vor der Verwendung geschärft.Gnegel: Bart ab. S. 15. Zur Rasur teilten sich die Mönche in Paare auf, bei denen jeweils ein Mönch das Rasiermesser und der andere eine Schüssel mit Wasser hielt. Allerdings wurde das Rasieren nicht durchgängig einheitlich gehandhabt. Mittelalterliche Bildquellen zeigen sowohl glattrasierte Kleriker als auch solche mit Vollbärten.Gnegel: Bart ab. S. 17.
Spätestens im 14. Jahrhundert etablierte sich das Handwerk der Barbiere, die neben medizinischen Tätigkeiten auch die Rasur vornahmen. Da die Verwendung von Seifenschaum beim Rasieren (aus Rasierseife hergestellter Rasierschaum) erst am Ende des 15. JahrhundertsHarry Kühnel: Die Sachkultur bürgerlicher und patrizischer Nürnberger Haushalte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 15–31, hier: S. 26. üblich wurde, war das Rasieren mit dem Messer zu jener Zeit eine schmerzhafte Prozedur. Erleichtert wurde der Vorgang in Badestuben, in denen Wasser oder Dämpfe das Barthaar vor der Verwendung des Rasiermessers aufweichten.
Frühe Neuzeit mini|hochkant=1.5|Stillleben des niederländischen Malers Samuel van Hoogstraten, datiert auf die Jahre zwischen 1666 und 1668. In der linken Bildhälfte ist ein Messer zu sehen, das in seiner Form heutigen Rasiermessern nahekommt.
Wie zu allen Zeiten stieg und fiel die Bedeutung des Rasiermessers in der Frühen Neuzeit mit der Notwendigkeit zur Rasur und damit der jeweiligen Bartmode. Anfang des 16. Jahrhunderts setzte sich – beeinflusst von der Mode des französischen Königs Franz I. – der Vollbart wieder stärker durch.Gnegel: Bart ab. S. 29. Doch schon in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts wurden die Vollbärte – diesmal vom spanischen Hof ausgehend – von kurzen Spitzbärten abgelöst. Im Frankreich des späten 17. Jahrhunderts waren zunächst dünne Oberlippenbärte beliebt, die – auf Ludwig XIV. Bezug nehmend – „Royale“ genannt wurden. Dass Ludwig schließlich in seinen letzten Lebensjahren gänzlich zur Glattrasur überging, wurde von späteren Autoren als der „Untergang des Bartes in […] Europa“ beklagt.Johann Christoph Adelung: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse… . Leipzig 1779, S. 535.
Für die Entwicklung des Rasiermessers war vor allem die Erfindung des besonders reinen und extrem harten Gussstahls Mitte des 18. Jahrhunderts von Bedeutung. Eine neue, gemeinhin Benjamin Huntsman zugeschriebene Produktionsmethode sowie das Streben englischer Stahlproduzenten nach höherer QualitätZu den Umwälzungen in der englischen Stahlproduktion des 18. Jahrhunderts vgl. Chris Evans, Alun Withey: An Enlightenment in Steel?: Innovation in the Steel Trades of Eighteenth-Century Britain. In: Technology and Culture, 53 (3), S. 533–560, hier: S. 538–541. ermöglichten die Herstellung von Rasiermessern mit einer bis dahin nicht gekannten Schärfe und Schnitthaltigkeit. Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufkommende Selbstrasur wurde durch Werke wie Jean-Jacques Perrets La Pogonotomie, ou l’art d’apprendre à se raser soi-même, eine Anleitung zum eigenständigen Gebrauch des Rasiermessers aus dem Jahr 1770, sowie vergleichbare Werke von Benjamin Kingsbury und John Savigny popularisiert.
19. Jahrhundert mini|hochkant=1.5|Abbildung aus Rasirspiegel oder die Kunst sich selbst zu rasiren, Weimar 1846 Das 19. Jahrhundert gilt als die „Goldene Ära“ des Rasiermessers.Vgl. Phillip L. Krumholz: A History of Shaving and Razors. Bartonville, IL 1987, S. 9. Mit dem Aufkommen der Serienproduktion im 19. JahrhundertHierzu Godfrey Isaac Howard Lloyd: The cutlery trades: an historical essay in the economics of small-scale production. London 1913, S. 178 ff. erreichten Rasiermesser eine weitere Verbreitung als jemals zuvor. Insbesondere Klingen aus Solingen, Sheffield und den französischen Zentren der Messerherstellung dominierten den Markt. Die schnelle Auflagenfolge der bereits erwähnten Anleitungen zum Gebrauch und zur Pflege von Rasiermessern belegt, in welchem Maße sich die Verwendung des Rasiermessers zu einem breite Schichten durchdringenden Phänomen entwickelte. Kingsburys Treatize on Razors erlebte zwischen 1797 und 1837 insgesamt zwölf Auflagen. Schon seit 1800 war das Buch unter dem Titel Abhandlung von Barbier-Messern auch für das deutsche Publikum verfügbar.
Während sich die Selbstrasur in England noch länger hielt, wurde sie in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend unüblicher.Gnegel: Bart ab. S. 35. Stattdessen ging man zum Barbier, einem Gewerbe, das im Deutschland der 1890er einen kräftigen Aufschwung nahm. Laut Gnegel standen im Jahr 1895 „43.500 Erwerbstätigen im Barbiergewerbe lediglich 16.900 im Friseurgewerbe entgegen.“ Dabei kam das Rasiermesser nicht nur bei der Glattrasur zum Einsatz, denn auch Schnurrbartträger ließen sich Teile des Gesichts mit dem Messer rasieren.
20. und 21. Jahrhundert mini|Patent für den „Safety razor“ von K. C. Gillette aus dem Jahr 1904. Im Ersten Weltkrieg wurden Rasierhobel in großen Stückzahlen an amerikanische Soldaten verteilt; ein glattrasiertes Gesicht sorgte für die korrekte Funktion der Gasmaske und war damit lebenswichtig.