Der Russlandfeldzug Karls XII. vom 28. Januar (greg.) 1708 bis zum 21. Juli (greg.) 1709 im Großen Nordischen Krieg war der gescheiterte Versuch des schwedischen Königs Karl XII., Moskau zu erobern und Russland den Frieden zu diktieren. Stattdessen verloren die Schweden die entscheidende Schlacht bei Poltawa in der Ukraine und die weitere Initiative im Krieg, den Schweden schließlich bis 1721 vollständig verlor.

Vorgeschichte mini|hochkant=1.4|links|Darstellung der Feldzüge während der ersten Phase des Krieges vom Kriegsausbruch 1700 bis zur Kriegswende infolge der Schlacht bei Poltawa im Juli 1709 mini|links|Karl XII. empfängt John Churchill, 1. Duke of Marlborough in Sachsen zur Absprache der weiteren schwedischen Operationen in Europa Mit dem Frieden von Altranstädt war es Karl XII. nach sechs langen Kriegsjahren gelungen, August II. zum Verzicht auf den polnischen Thron zu bewegen. Der Erfolg wurde jedoch dadurch getrübt, dass sich inzwischen die schwedischen Ostseeprovinzen mehrheitlich in russischem Besitz befanden. Überdies war 1706 eine russische Armee in Westpolen einmarschiert und hielt es besetzt (vgl. Blockade von Grodno). Während seines Marsches nach Sachsen hatte Karl den besorgten westeuropäischen Großmächten zugesagt, sich mit seiner Armee nicht in den Spanischen Erbfolgekrieg einzumischen, sondern wieder dem Osten zuzuwenden. Zar Peter, der letzte Gegner Karls, sollte deshalb durch einen direkten Feldzug auf seine Hauptstadt Moskau ausgeschaltet werden. Das internationale Ansehen Russlands war nach dem Frieden von Altranstädt auf einen Tiefpunkt gesunken. Aus Moskau berichtete der englische Gesandte Whitworth von den russischen Bemühungen um die Befestigung der Stadt. Unter westeuropäischen Politikern war die Ansicht vertreten, dass es sich nur um eine Frage der Zeit handeln würde, bis Russland kapituliert.

Die Hauptziele Karls nach dem Frieden von Altranstädt waren, die besetzten Gebiete in den schwedischen Ostseeprovinzen zu befreien und einen dauerhaften Frieden zu schließen, der die Großmachtstellung Schwedens sicherte. Zudem wollte er Peter entthronen und in Moskau den Frieden diktieren. Daher lehnte er im Februar, Juni und August 1707 in Altranstädt mehrere Friedensangebote des Zaren ab, weil er sie für ein Täuschungsmanöver hielt. Tatsächlich war Russland friedensbereit und hätte sich mit Ingermanland zufriedengegeben. Versuche, die Höfe in Wien, London oder Berlin um eine Vermittlung zu gewinnen, blieben ohne spürbares Echo, denn dort war man nicht an einer Beendigung des Krieges im Norden interessiert, weil eine Einmischung Schwedens an der Seite Frankreichs in den Spanischen Erbfolgekrieg befürchtet wurde. So wurde Russland die Fortsetzung des Krieges aufgezwungen.Hans-Joachim Torke: Einführung in die Geschichte Russlands. München 1997, S. 111.

Das russische Armeekommando traf bereits zu Anfang 1706 Vorbereitungen für den Fall einer schwedischen Invasion Russlands. Am 22. Januar 1706 diskutierten die russischen Generäle in Grodno die Handlungsmöglichkeiten in solch einem Fall. In Abstimmung mit Peter ergab sich eine Ermattungsstrategie des Gegners, die vorsah, einem Kampf lange auszuweichen, auf dem Rückzugsweg das Land zu verwüsten und dem Gegner die Versorgungsgrundlage zu entziehen. Dieses Muster bildete fortan die Grundlage der russischen Verteidigungsstrategie. In den Festungen wurden die Garnisonen verstärkt und Vorräte für eine lange Verteidigung eingelagert. Solche Vorkehrungen betrafen einen 200 Kilometer breiten Streifen entlang der russischen Westgrenze.

Karl XII. hoffte, seine Kriegsziele zu erreichen, ohne die schwedischen Ostseeprovinzen in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Aus diesem Grund wurde ein Vormarsch auf St. Petersburg von vornherein ausgeschlossen. Stattdessen wollte Karl die russische Armee aus Polen herausmanövrieren, um weitere Verheerungen des nun mit Schweden verbündeten Landes zu vermeiden. Von der russischen Grenze sollte dann das schwedische Heer direkt gegen Moskau vorrücken, während zur gleichen Zeit die verbündeten Osmanen einen Angriff an der russischen Südgrenze vortrugen.Angus Konstam: Poltava 1709. Russia Comes of Age. Osprey Publishing, 1994, S. 29.

Truppenstärke 1708 standen 77.000 Schweden für die Invasion Russlands bereit von denen 33.000 Mann direkt als Teil der Hauptarmee unter Kommando von Karl XII. bei Grodno standen. 22.000 Schweden standen unter Kommando von Adam Ludwig Lewenhaupt in Schwedisch-Livland, 14.000 Mann gehörten zur Finnischen Armee unter Georg Lybecker und 8000 Schweden verblieben zur Sicherung in Polen unter Ernst Detlof von Krassow. Dazu kommen noch 20.000 Polen unter Stanisław I. die Polen decken sollten.Nicholas Dorrell: The Dawn of the Tsarist Empire: Poltava & the Russian Campaigns of 1708–1709. Partizan Press, 2009, S. 52–62.

Die Gesamtstärke der für die Abwehr der Schweden zur Verfügung stehenden Truppen auf russischer Seite betrug 192.000 Mann. 121.000 Mann davon gehörten zur russischen Armee, von denen sich 57.000 Mann unter Kommando von Peter I. als Bestandteil der eigentlichen Hauptarmee befanden und zwischen Sewerien und Smolensk stationiert waren. 24.500 Russen waren unter Kommando von Fjodor Matwejewitsch Apraxin in Ingermanland stationiert. 16.000 Mann lagen bei Dorpat in Livland unter Kommando von Christian Felix Bauer. 12.000 Russen standen bei Kiew unter Kommando von Michail Michailowitsch GolizynNicholas Dorrell: The Dawn of the Tsarist Empire: Poltava & the Russian Campaigns of 1708–1709. Partizan Press, 2009, S. 52–62. und 11.000 Mann lagen vor Moskau.Pavel Konovaltjuk, Einar Lyth: Vägen till Poltava. Slaget vid Lesnaja 1708. (in Schwedisch). Svenskt Militärhistorisk Biblioteks Förlag, 2009, S. 39. Weitere 12.000 Mann kamen bei der Niederschlagung des Bulawin-Aufstands zum Einsatz und wurden erst zum Ende des Feldzugs gegen die Schweden eingesetzt.A. Gordon: The History of Peter the Great, Emperor of Russia: To which is Prefixed a Short General History of the Country from the Rise of that Monarchy: and an Account of the Author’s Life. Volume 1, Aberdeen 1755, S. 266f. Dazu kamen noch 35.000 bis 40.000 Kosaken und 10.000 Kalmückische Truppen unter Ayuki. 23.500 Polen unter Adam Mikołaj Sieniawski standen in Polen bereit.Nicholas Dorrell: The Dawn of the Tsarist Empire: Poltava & the Russian Campaigns of 1708–1709. Partizan Press, 2009, S. 52–62. Peter war es damit gelungen in allen wichtigen Regionen eine zahlenmäßige Überlegenheit aufzubauen. Der Zar konnte Verluste durch Rekrutierungen jederzeit ersetzen. Karl XII. war jedoch von seiner Basis abgeschnitten. Nachschub aus Schweden oder Polen erreichte ihn nur schwerlich.

Oberkommando der Kriegsparteien Oberkommando der schwedischen Armee Oberkommando der russischen ArmeeCarl Gustaf RehnskiöldAlexander Danilowitsch MenschikowAdam Ludwig LewenhauptBoris Petrowitsch ScheremetewCarl Gustaf RoosAnikita Iwanowitsch RepninAxel GyllenkrokLudwig Nikolaus von HallartHugo Johan HamiltonCarl Ewald von RönneAxel SparreMichail Michailowitsch Golizyn (der Ältere)Carl Gustaf CreutzJacob Daniel BruceBerndt Otto I. von StackelbergChristian Felix Bauer

Verlauf Vormarsch der Schweden nach Russland Im September 1707 begann der lange vorbereitete Feldzug gegen Russland. Die schwedische Hauptarmee bestand aus 36.000 erfahrenen und ausgeruhten Soldaten, neu eingekleidet und mit neuen Waffen ausgerüstet. Die schwedische Kriegskasse war um mehrere Millionen Taler angewachsen. Der Vormarsch sollte auf direktem Weg über Smolensk erfolgen. Auf russischer Seite hoffte man, dass die immer noch in Polen stehende Armee Menschikows den Vormarsch Karls lange genug aufhalten könnte, bis Zar Peter die Verteidigung entlang der russischen Grenze organisiert hatte. Polen zu halten, war jedoch nicht beabsichtigt.Angus Konstam: Poltava 1709. Russia Comes of Age. Osprey Publishing, 1994, S. 30. Stattdessen sollte die sich zurückziehende russische Armee Menschikows die Politik der verbrannten Erde anwenden und so der vorstoßenden schwedischen Armee die Versorgungsgrundlage entziehen. Am 7. September 1707 überschritt diese bei Steinau an der Oder die polnische Grenze. Die Armee Menschikows ging einer Schlacht aus dem Weg und zog sich aus dem westlichen Teil Polens in Richtung Osten hinter die Weichsel zurück. Auf dem Rückzug ließ Menschikow Dörfer entlang des Weges verbrennen, Brunnen vergiften und alle Vorratslager vernichten. Ende Oktober 1707 ließ Karl wegen der im Herbst beginnenden Schlammperiode seine Armee östlich von Posen halten, wo neue Rekruten die schwedischen Streitkräfte auf eine Stärke von 44.000 Mann vergrößerten.Bengt Liljegren: Karl XII. En biografi. Historiska media, 2000, S. 151. Nachdem der Frost die Wege wieder passierbar gemacht hatte und die Flüsse zugefroren waren, überquerte das schwedische Heer nach viermonatiger Ruhepause in den letzten Tagen des Jahres 1707 die zugefrorene Weichsel. Menschikow ging auch jetzt einer Konfrontation aus dem Weg und zog sich weiter zurück. Anstatt der von der russischen Armee verwüsteten Spur zu folgen, marschierten die Schweden durch das als unpassierbar geltende Masuren, wodurch sie die vorbereiteten Verteidigungslinien der Russen umgingen.Angus Konstam: Poltava 1709. Russia Comes of Age. Osprey Publishing, 1994, S. 32.

Der direkte Vormarsch auf Moskau scheitert mini|links|Schwedischer Schlachtplan von der Schlacht von Golowtschin am 14. Juli 1708