Hercules (HWV 60, deutsch: Herakles, auch: Herkules) ist ein englischsprachiges Oratorium in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Von ihm selbst wurde es als A New Musical Drama angekündigt und ist neben Semele eines seiner beiden dramatischen Oratorien, welche kein biblisches, sondern ein mythologisches Thema zur Grundlage haben, womit es ähnlich wie Semele in der Nähe der Oper steht. Das Libretto stammt von Thomas Broughton.

Entstehung

In der jährlich wiederkehrende Subskriptions-Konzertreihe in der Fastenzeit wollte Händel auch in der Spielzeit 1744/45 wieder zwei neue Oratorien anbieten. Er entschied sich trotz des in der Vorsaison nur mäßigen Erfolges der auf einem mythologischen Stoff fußenden Semele, neben einem geistlichen auch wieder ein weltliches Oratorium zu komponieren. Es war nicht ungewöhnlich, wenn Händel ein Oratorium in wenigen Wochen niederschrieb. Im Sommer 1744 fällt aber auf, dass er dies gleich mit zweien nacheinander tat. Am 19. Juli 1744 begann er zunächst mit der Komposition des ersten Aktes vom Hercules und notierte am Beginn der Kompositionspartitur: „angefangen July 19. ♃ [Donnerstag] 1744.“. Diesen stellte er am 30. Juli fertig: „geendiget dies. 1. Akt Juli 30 ☽ [Montag] 1744.“. Den zweiten Akt schloss er am 11. August ab: „Fine dell’ Atto 2do Agost 11. 1744 ♄ [Samstag]“. Offenbar war er dann am 17. August mit der Komposition fertig: „Fine. London. Agost: 17. ♀ [Freitag] 1744.“. Wann er dann die Partitur „ausgefüllt“, also die Mittelstimmen ergänzt hatte, lässt sich nicht mehr klären, da bei einer späteren Rand-Beschneidung beim Binden der Partitur nach „völlig geendiget“ das Datum abgeschnitten wurde. Händel muss aber mit dem Werk am 21. August fertig gewesen sein, denn an diesem Tag schrieb er einen Brief an Charles Jennens, dem Librettisten des zweiten, biblischen Oratoriums für die Spielzeit, Belshazzar, in dem er um Übersendung von dessen drittem Akt bat. Offenbar hatte Jennens mit dem Tempo des Komponisten nicht Schritt halten können und erst den Text für die beiden ersten Akte gedichtet. Ohne auf den dritten zu warten, machte sich Händel schon am 23. August an die Komposition des Belshazzar. Über den Winter plante Händel bis zur Fastenzeit 24 Konzerte im Theater am Haymarket zu machen und begann am 3. November mit Deborah. Nachdem auch noch Wiederaufnahmen der Semele liefen, fand die Uraufführung des Hercules am 5. Januar 1745 im King’s Theatre am Londoner Haymarket unter erschwerten Bedingungen statt, da Susanna Maria Cibber, die den Lichas singen sollte, kurzfristig erkrankte. Ihre Arien fielen aus und die Rezitative wurden vom ebenfalls nicht gesunden Bassisten Gustavus Waltz gesprochen, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, der Handlung überhaupt folgen zu können. Waltz war aber so heiser, dass er kaum ein Wort herausbrachte.

Die Besetzung der Uraufführung war:

Hercules – Henry Theodore Reinhold (Bass) Dejanira – Miss RobinsonSie war die Tochter des Organisten von Westminster Abbey John Robinson und der 1741 verstorbenen Ann Turner Robinson, welche auch für Händel gesungen hatte, und gehörte Händels Ensemble nur 1744/45 an. (Mezzosopran) Iole – Elisabeth Duparc, detta „La Francesina“ (Sopran) Hyllus – John Beard (Tenor) Lichas – von Gustavus Waltz gesprochen, da Susanna Maria Cibber (Alt) erkrankt war.

Obwohl die Aufführung sehr schlecht besucht und das Haus nur halb gefüllt war, setzte Händel am 12. Januar eine weitere Vorstellung des Hercules an. Susanna Cibber konnte zwar wieder singen, aber dennoch war es für Händel künstlerisch und geschäftlich so ein Fiasko, dass er beschloss, die Spielsaison nach sechs stattgefundenen Abenden abzubrechen und veröffentlichte am 17. Januar eine Ankündigung im „Daily Advertiser“, dass den Subskribenten das Geld für die restlichen Konzerte zurückgezahlt werde:

Schon am nächsten Tag wandten sich einige Musikliebhaber in derselben Zeitung an die Öffentlichkeit mit der Bitte an die anderen Abonnenten, die Rückzahlung abzulehnen:

Offenbar schlossen sich viele Subskribenten dieser großzügigen Geste an, denn wenige Tage später kündigte Händel an, die Saison so weit wie möglich fortsetzen zu wollen. Insgesamt wurden 16 der angesetzten 24 Konzerte gegeben; neben Vorstellungen von Samson, Saul, Joseph and his Brethren und Messiah wurde am 27. März erstmals Belshazzar aufgeführt.

Warum die Produktion des Hercules so ein Desaster war, lässt sich nur durch ein Zusammenwirken verschiedener Ursachen erklären. Das Londoner Publikum wollte entweder italienische Oper oder aber englisches Oratorium auf alttestamentlicher Grundlage hören. Für eine „Mischform“ aus beidem konnte man sich schon bei der Semele nicht erwärmen. Dazu kamen noch die Ränke der Adelsoper des Lord Middlesex und einiger anderer Personen der Londoner Aristokratie, wie Margaret Cecil, Lady Brown, die aggressiv gegen Händels Oratorien-Aufführungen arbeiteten, indem sie Plakate herunterreißen ließen und Händels Aufführungstermine mit Kartenspielabenden oder Bällen für Londons gehobene Gesellschaft belegten. Weitere Gründe versuchte Charles Jennens, Händels Librettist des im Entstehen begriffenen Belshazzar, zu analysieren:

Aufführungsgeschichte Hercules blieb zu Händels Lebzeiten ein wenig populäres Werk. Nur 1749 und 1752 wurde es unter seiner Leitung für zwei bzw. eine Aufführung und nicht sonderlich erfolgreich wiederaufgenommen. Die Aufführung in Salisbury im Herbst 1756 während des „St. Cecilia Festivals“ (ohne Händels Beteiligung) fand jedoch einige Beachtung. Während seine biblischen Oratorien in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert in Großbritannien zum Standardrepertoire gehörten, wurde den weltlichen Dramen wenig Beachtung zuteil. Einzelne Aufführungen des Hercules sind in Oxford 1766 und 1768, nochmals in Salisbury 1770 dokumentiert.

1788/89 brachte Samuel Arnold in der Reihe seiner geplanten Händel-Gesamtausgabe eine Partitur des Stückes heraus, was aber der Verbreitung des Oratoriums nicht helfen konnte. Eine der ersten Aufführungen des Stückes außerhalb England fand in Mähren statt: Am 23. Juli 1837 erklang es in Namiest beim Grafen Heinrich Wilhelm von Haugwitz, der selbst Geige spielte und den Künsten zugetan war. Er ließ allein in jenem Jahr zehn verschiedene große Werke Händels aufführen und initiierte bis zu seinem Tod 1842 ein reges Musikleben in seinem Schloss.Jan Racek: Oratorien und Kantaten von Georg Friedrich Händel auf dem mährischen Schlosse von Náměšt, in: Händel-Jahrbuch 6, DVfM, Leipzig 1960, S. 175 ff. Möglicherweise lag für diese Aufführung die deutsche Bearbeitung des Librettos vor, welche Ignaz Franz von Mosel in Wien angefertigt hatte und die 1843 als Herkules. Cantate in drei AbtheilungenHerkules. Cantate in drei Abtheilungen […] frei übersetzt […] von I. F. Edlen von Mosel, Gedruckt bei J.B. Wallishausser, Wien 1843, Mosels Herkules, abgerufen am 18. Juli 2025. gedruckt wurde.

Nach der Veröffentlichung der Partitur von Herakles 1859 im Rahmen der Händel-Gesamtausgabe von Friedrich Chrysander mehrten sich die Aufführungen. So war das „musikalische Drama“ noch im gleichen Jahr in Köln und u. a. 1863/64 in Breslau, 1874 in Berlin und Wien, sowie 1875 nochmals in Berlin und auch in Düsseldorf (alle vier Aufführungen unter Joseph Joachim), 1877 in London (unter Henry David Leslie) und in Hamburg (unter Friedrich Adolf Mehrkens), 1885 zu Händels 200. Geburtstag in Halle (unter Johannes Felix Voretzsch) und 1895 in Mainz, sowie 1897 in Hamburg und Leipzig (alles unter Fritz Volbach) zu hören.

Im 20. Jahrhundert wurde es, wie bis dahin immer, konzertant z. B. 1907 in Wien (unter Franz Schalk), 1935 in Cambridge, 1937 wieder in Breslau und 1953 in London aufgeführt. Hier spielte es 1956 auch Charles Farncombe mit seiner „Handel Opera Society“. Bei den Olympischen Spielen 1936 wurde Hercules (Herakles) am 14. und 16. August 1936 mit 2500 Teilnehmern auf der heutigen Berliner Waldbühne als kultureller Beitrag Berlins mit elf Chören und zwei Sinfonieorchestern aufgeführt, die SA-Wachstandarte bildete einen Bewegungschor, die NS-Frauenschaft stellte weitere Chöre, die musikalische Leitung hatte Fritz Stein. Zur ,Baßverstärkung‘ wurde neben dem Cembalo ein Trautonium, eines der ersten elektronischen Musikinstrumente, welches 1930 von Friedrich Trautwein und Oskar Sala entwickelt worden war, eingesetzt.Hans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten. Ein Kompendium. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 96

Auch hat man im 20. Jahrhundert allmählich entdeckt, dass Händels Komposition als Oper spielbar ist. Erstmals am 4. März 1925 kam es in der Stadthalle von Münster zu einer szenischen Aufführung mit der Regie von Hanns Niedecken-Gebhard – Bewegungschor Kurt Jooss, Bühnenbild Hein Heckroth, Musikalische Leitung Rudolf Schulz-Dornburg – eine Produktion, die auch im gleichen Jahr in Hannover und 1927 im Wiener Konzerthaus wiederholt wurde (Musikalische Leitung hier: Paul von Klenau). Nachdem Niedecken-Gebhard das Stück 1936 ein zweites Mal inszenierte und 1939 die erste szenische Produktion des Hercules in England (Merstham, Surrey) stattfand, setzte sich diese Art der Aufführung zunehmend durch, wie beispielsweise 1993 in New York unter der musikalischen Leitung von Harry Saltzman, im selben Jahr in Tourcoing und Montpellier unter Jean-Claude Malgoire, 1996 auch in Tokyo. Im 21. Jahrhundert dann unter William Christie (Dirigent) und Luc Bondy (Regie) in Paris 2004, Wien 2005, New York und London (beide 2006), 2005 bei den Händel-Festspielen Halle unter Alessandro De Marchi und Fred Berndt (Regie) und 2014 in Toronto unter Harry Bicket und der Regie von Peter Sellars.

Libretto

Das Libretto wurde von Thomas Broughton (1704–1774) geschrieben, der zu der Zeit Pfarrer der Gemeinde Bedminster in der Nähe von Bristol und Präpendar von Salisbury war. Broughton war ein vielseitiger Theologe und Schriftsteller. Er gab Dryden heraus, übersetzte Voltaire und machte römisch-katholische Literatur für protestantische Zwecke nutzbar. Außerdem war er ein Musikliebhaber, mit Händel befreundetJames Moffat Scott: Broughton, Thomas (1704-1774). In: Dictionary of National Biography. Smith, Elder & Co., London 1885–1900. abgerufen am 19. Juli 2025. und Subskribent von dessen Aufführungen.Otto Erich Deutsch: Handel: A Documentary Biography, W. W Norton, New York 1955, S. 410.

Sein Libretto für Händel basiert auf der Tragödie Die Trachinierinnen von Sophokles und auf den Metamorphosen von Ovid (Neuntes Buch, 134-272). Gegenüber den Vorlagen wurde die Handlung in einigen Punkten verändert. So gibt es bei Broughton – im Gegensatz zu Sophokles – keine Anzeichen für Hercules’ Untreue. Dejaniras Eifersucht gründet also nicht in Hercules’ Verhalten, sondern in ihrem eigenen Wahn. Winton Dean hat darauf hingewiesen, dass sich diese Verwandtschaft mit Shakespeares Dramen in textlichen Zitaten z. B. im Chor über die Eifersucht (Jealousy! infernal pest, Nr. 22) wiederfindet. Die Figur der Iole ist weitgehend von Broughton erfunden, bei Sophokles bleibt sie die ganze Zeit über stumm. Zusätzlich zu diesen Quellen hat Broughton wohl auch die lateinische Tragödie Hercules Oetaeus (deutsch: Hercules auf dem Oeta) verwendet, welche lange Zeit Seneca zugeschrieben wurde. Diese könnte die Vorlagen für Ioles Klage-Szene im ersten Akt und Dejaniras Wahnsinnsszene im dritten Akt geliefert haben, die beide keinen offensichtlichen Ursprung bei Ovid oder Sophokles haben.Peter Jones and Anthony Hicks: George Frideric Handel: Hercules, Novello and Co. Ltd, London 2004, Vorwort, abgerufen am 19. Juli 2025.

Handlung

Erster Akt