mini|Blick auf Tündern und das Kernkraftwerk Grohnde, links der Bückeberg mit dem Gelände des Reichserntedankfest mini|Tündern mit Windmühle, im Vordergrund die Weser

Tündern ist ein ca. 3 km südöstlich des Stadtzentrums von Hameln im Naturpark Weserbergland Schaumburg-Hameln gelegener Ortsteil der Stadt Hameln im Landkreis Hameln-Pyrmont in Niedersachsen. Der Ort liegt in der Talaue der Weser, die in einem Bogen westlich vorbeifließt und ist über die Landesstraße 424 mit dem Stadtkern verbunden.

Geschichte Vorgeschichte In Tündern wurde ein spitznackiges Felsovalbeil gefunden. „Dieses Beil ist mit einer jungsteinzeitlichen Nutzung des Gebietes am Hastebach in der Zeit um 4000 v. Chr. in Verbindung zu bringen.“Daniel Lau, Archäologische Fundchronik 2022 für die Stadt Hameln, in: Museumsverein Hameln e. V. (Hrsg.), Hamelner Jahrbuch 2023, S. 136. In der Weseraue bei Tündern wurde eine Hirschgeweihaxt der jüngeren Bronzezeit gefunden. Bei archäologischen Ausgrabungen in Tündern konnten neben neuzeitlichen Lesefunden auch vereinzelte vor- und frühgeschichtliche Keramikfragmente festgestellt werden.

Von der Römischen Kaiserzeit bis zum Frühmittelalter In einer Kiesgrube in Tündern wurden einige Gruben mit reichhaltigen Keramikabfällen (einheimische Ware) der Römischen Kaiserzeit vor dem drohenden Abbau gerettet.Schaumburger Landschaft: Untersuchungen. Jahresbericht 2012, Bückeburg, S. 37. Im Herbst 2021 wurden bei einer Prospektion mit der Metallsonde neun verschiedene Münzen (Denare) aus der Römischen Kaiserzeit, sowie eine möglicherweise aus Silber gefertigte zweigliedrige Armbrustfibel mit hohem Nadelhalter aus der Zeitspanne von 54 n. Chr. bis 395 n. Chr. gefunden. Das Fragment eines Hakenschlüssels wurde der jüngeren Römischen Kaiserzeit und vor allem der Völkerwanderungszeit zugeordnet, ein Nadelkopf wurde der Völkerwanderungszeit (Ende 4. Jahrhundert/5. Jahrhundert) zugeordnet.Daniel Lau, Archäologische Fundchronik 2022 für die Stadt Hameln, in: Museumsverein Hameln e. V. (Hrsg.), Hamelner Jahrbuch 2023, S. 136 f. Somit liegen in der Gemarkung Tündern archäologische Funde aus dem 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr. vor.

Eine nahe gelegene Siedlungsstelle derselben Zeitstellung am östlichen Rand der Gemarkung von Tündern, ca. 100 m südwestlich von Hastenbeck wurde 1999 archäologisch beforscht. Das Fundmaterial konnte dem westgermanischen Kulturkreis des 1. bis 3. Jahrhunderts n. Chr. zugeordnet werden.Erhard Cosack: Ein kaiserzeitlicher Siedlungsplatz des 1. bis 3. Jahrhunderts bei Tündern. Stadt Hameln, Landkreis Hameln-Pyrmont. In: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte (NNU), Band 68, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 1999, S. 39.

Eine erste Erwähnung fand Tündern in einer Urkunde des ostfränkischen Königs und späteren römisch-deutschen Kaisers Heinrich II. aus dem altsächsischen Adelsgeschlecht der Ottonen vom 20. Juli 1004. In dieser Urkunde wurde dokumentiert, dass das um 960 von zwei Töchtern des Billunger Grafen Wichmann dem Jüngeren († 22. September 967), Frederuna († 1025) und Imma gegründete Kloster Kemnade Güter in „Tundirum“Vgl. zur Ortsnamenforschung das Niedersächsische Ortsnamenbuch (NOB). Es ist ein langfristig angelegtes Projekt des Instituts für Historische Landesforschung an der Universität Göttingen. (Tündern) hatte. Das Kloster hatte Besitz in 19 Dörfern.Siehe Kloster Kemnade. Tündern gehörte im Frühmittelalter zum altsächsisch-engernschen Tilithigau. Der Oberweserraum um Tündern und Hameln gehörte im späten Frühmittelalter und im Hochmittelalter bis zum Jahr 1106 zum umfangreichen Eigenbesitz des altsächsischen Adelsgeschlechts der Billunger an der Oberweser, das über fünf Generationen die Herzöge in Altsachsen stellte. Gerichtsherr für Tündern war der Edelherr von Homburg.MGH DD H II 87 [Digitalisat]. Das kirchliche Gebiet Tündern gehörte zum Bistum Minden.

Vom Hochmittelalter bis zur Frühen Neuzeit Am südwestlichen Ortsrand von Tündern wurden die Reste eines Grubenhauses mit einer Länge von 4,20 m und einer Breite von 3,35 m freigelegt. Anhand von keramischem Fundmaterial ließ es sich in das frühe Hochmittelalter um 1000 n. Chr. datieren. Weitere Lesefunde belegen eine Nutzung des Bereiches vom frühen bis zum späten Mittelalter.Schaumburger Landschaft: Ein Grubenhaus in Hameln-Tündern. Jahresbericht 2022, Bückeburg, S. 66 f. Ein spätmittelalterliches Tongefäß wurde auf die Zeitspanne zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts bis 14. Jahrhundert datiert. „Weitere Lesefunde in Form von Randscherben, von Tongefäßen aus der näheren Umgebung des Grubenhauses, belegen eine Nutzung der Fundstelle bereits im frühen Mittelalter (8. bis 10. Jahrhundert) und auch in das späte Mittelalter hinein.“Daniel Lau, Archäologische Fundchronik 2022 für die Stadt Hameln, in: Museumsverein Hameln e. V. (Hrsg.), Hamelner Jahrbuch 2023, S. 139 f.

Tündern gehörte zum Archiadiakonat Ohsen der Diözese Minden, das faktisch bis 1647/1648 bestand und infolge des Westfälischen Friedens offiziell aufgelöst wurde.

In Tündern gab es eine Vogtei mit einem Vogthof (Meyerhof).Ilse Kalvelage, 1999, S. 22. 1294 bezeugte der Edelherr Ludwig von Homburg, dass er seine Vogtei Tündern („advocata nostra in tundre“) für 100 Mark Bremer Silber an das Kloster Kemnade verpfändet habe. 1215 wird eine Adelsfamilie „von Tündern“ im Ort beurkundet. Und 1306 und 1313 wird in zwei Urkunden des Klosters Loccum ein Ritter Ludolf von Tündern benannt. Im Jahr 1403 überließ der Edelherr Heinrich von Homburg seinem Neffen, dem Grafen Moritz von Spiegelberg, einen Teil seiner Grafschaft, zu der auch Tündern gehörte. In dieser Zeit bildete Tündern ein eigenes, von Ohsen unabhängiges Gericht. Nur wenige Jahre später, 1409, ging die Herrschaft über die Vogtei Tündern von den Edelherren von Homburg auf die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg über. Über die wechselnden Herrschafts- und Besitzverhältnisse weltlicher und geistlicher Grundherren in Tündern sowie die kriegerischen Fehden im Mittelalter und in der frühen Neuzeit berichtet knapp die Chronik „Tündern. Das Dorf im Weserbogen“.Ilse Kalvelage, 1999, S. 21–41. In der Fehde zwischen Graf Bernhard von Spiegelberg und Edelherr Bodo von Homburg 1226, in der Fehde zwischen Bischof Johann III. von Hildesheim und Herzog Wilhelm I. zu Braunschweig-Lüneburg 1421–1423, sowie im Erbfolgestreit zwischen Herzog Bernhard von Lüneburg und Herzog Wilhelm von Braunschweig 1452–1453 kam es jeweils zu kriegerischen Verwüstungen in Tündern und anderen Dörfern.

1385 wurde die spätmittelalterliche Hamelner Landwehr erstmals urkundlich erwähnt. Zu diesem Grenzsicherungssystem der Stadt Hameln gehörte als einer der Vorposten der „Hardtbaum“, ein Wartturm, der in der Gemarkung Tündern lag. Er stand auf dem Sintelberg nahe der im 14. Jahrhundert verlassenen Dorfwüstung Harthem,Horst Knoke: Vor plündernden Horden Flucht in die Stadt: Viele kleine Dörfer um Hameln sind von ihren Einwohnern im 13.-15. Jahrhundert verlassen worden, in: DEWEZET vom 7. Juni 2010. südlich von Töneböns Teichen, ca. einen Kilometer nordöstlich von Tündern. Der Wartturm wurde um 1600 abgebrochen.Vgl. dazu Hamelner Landwehr.

Neuere Geschichte Am Weserufer bei Tündern wurde 1929 ein halbfertiger, 15 Meter langer Einbaum gefunden.D. Ellmers, 1978: „In Fällen, wie z. B. des halbfertigen Einbaums von Tündern/Oberweser […] waren aus Sicht der Erbauer keine Ausbesserungen mehr möglich oder nötig. […] Durch Keile aus dem härteren Holz der Buche wurden lange Späne aus dem Eichenstamm gehoben. Bei dem Einbaum aus Tündern wurde ein Stück der geplanten Außenwand an der Steuerbordseite mit abgekeilt. Dadurch wurde der Einbaum unbrauchbar.“Ilse Kalvelage, 1999, S. 57 ff. Er wurde dendrochronologisch untersucht und stammt aus dem Jahr 1532 ±5 Jahre.Der Einbaum wird in der Fundchronik unter der Kat.-Nr. 16 geführt. Die dendrochronologische Untersuchung des Einbaums wurde am 7. Februar 2000 von einem Göttinger Institut durchgeführt. Der Einbaum ist im Dorfmuseum von Tündern zu besichtigen. „Die Löcher in den Seitenwänden weisen den Einbaum als Schwimmkörper einer Fähre aus.“Heinrich Spanuth: Einbaumfunde in der Weser, in: DEWEZET vom 21. August 1937.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit befand sich auf dem sogenannten Tündernanger die Hochgerichtsstätte des Amtes Ohsen, auf der am 29. Oktober 1583 eine Hexenverbrennung (die Walterbergische, die Flentsche und die Schutmensche) stattfand.Hans Berner, Das Amt Ohsen, 1954, S. 38. Die letzte Hinrichtung, das Erhängen eines Pferdediebes, erfolgte dort im Jahr 1763.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), zwischen 1634 und 1641, fielen kaiserliche Truppen zweimal in das Amt Ohsen ein, in dem Tündern lag. Und am Ende des Krieges belagerten acht schwedische Reiterregimenter die Dörfer Tündern, Ohsen, Hastenbeck und Bisperode.

Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) kam es in Tündern im Juli 1757 während der Schlacht bei Hastenbeck zu einer Katastrophe: Die französischen Truppen plünderten das Dorf, vernichteten die Saat auf den Feldern, begingen Holzfrevel und brannten eine ganze Anzahl von Gebäuden nieder. Der Gesamtschaden wurde auf „64.000 Thaler“ beziffert.Ilse Kalvelage, 1999, S. 128 f.

Auch in der Zeit der Koalitionskriege, als die Franzosen unter Napoleon zwischen 1805 und 1814 u. a. den Raum um Hameln besetzten, entstand in Tündern ein immenser Schaden durch die mehrfache Beschlagnahme von Proviant, partielle Plünderungen und geleistete Fuhrdienste von über 41.800 Thalern.Ilse Kalvelage, 1999, S. 134 ff.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist jüdisches Leben in Tündern nachgewiesen. Zwei Familien „stellten über mehrere Generationen Kaufleute, Schlachter und Viehhändler und waren in die Bevölkerung des Dorfes gut integriert.“Siehe auch: Edelgard Abenstein, Vom „Schutzjuden“ zum Staatsbürger, in: DLF Kultur, Berlin, vom 8. März 2012. Am südlichen Ortsausgang des Dorfes, an der Emmerthaler Straße in Richtung Hagenohsen, liegt der 251 m² große jüdische Friedhof gegenüber dem christlichen Friedhof. Am 9. November 1938 wurden die Grabsteine durch die örtliche SA umgestürzt, und der jüdische Friedhof wurde eingeebnet. Die Grabsteine wurden z. T. zum Bau einer Brücke in der Tündernschen Feldmark genutzt. Auf der Fläche wurden anschließend Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht angepflanzt. Die gewonnene Seide sollte als Rohstoff für die Herstellung von Fallschirmen für die Fallschirmjägertruppe der Wehrmacht verwendet werden. Später wurden die beiden letzten deutschen Einwohner jüdischen Glaubens aus Tündern „[…] in die Vernichtungslager des Ostens deportiert und sind von dort nicht zurückgekommen.“ (Quellen: HStA Hann; KrA HM-Pyr; Zeitzeugenberichte, zitiert aus Bernhard Gelderblom, Zur Geschichte der Juden in Hameln und in der Umgebung. Der jüdische Friedhof in Tündern) Nach 1945 war das Friedhofsgelände im Besitz des Tündernschen Realverbandes. Der Friedhof wurde nach 1945 von einem Angehörigen einer deutschen Familie jüdischen Glaubens wiederhergestellt und einige Grabsteine konnten wieder aufgestellt werden. Das Friedhofsgelände wurde im Jahr 2003 an den Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen zurückerstattet.

45 Einwohner Tünderns waren im Ersten Weltkrieg gefallen.

Neueste Geschichte Am 4./5. April 1945 überquerten US-amerikanische Truppen bei Tündern die Weser. 100 bis 200 deutsche Fahnenjunker aus Sennelager, die sich bei Tündern sammeln sollten, leisteten Widerstand, so dass es den US-Amerikanern am 6. April 1945 zunächst nicht gelang, den Süden und Osten Hamelns einzunehmen. Am 7. April 1945 stieß auch das 117. Britische Regiment von Tündern aus nach Hameln vor. Die US-Soldaten befreiten nach erfolgreicher Einnahme von Hameln zahlreiche Kriegsgefangene. 1100 Polen, Russen, Italiener und Franzosen sowie US-Soldaten lagerten anschließend in Tündern.

82 Einwohner Tünderns waren im Zweiten Weltkrieg gefallen, 35 wurden vermisst und 17 verstarben nach schwerer Kriegsverletzung.