mini|300px|Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge
Der Burgus Visegrád-Lepence ist ein kleiner römischer Militärstandort, der sowohl für die Kontrolle eines Abschnitts des pannonischen Donaulimes als auch für den geregelten Verkehr auf der angrenzenden Heer- und Handelsstraße zuständig war. Nach einem bereits für das späte 2. oder frühe 3. Jahrhundert n. Chr. bekannten Wachturm (Burgus Solva 23) entstand in dessen Nähe im fortgeschrittenen 4. Jahrhundert n. Chr. ein neuer, besonders massiver Burgus (Burgus Solva 35). Die in ihrer umfassendsten Ausbauphase mit einem dichten Netz weiterer Militärstationen gesicherte Grenzlinie sicherte in dem hier behandelten Abschnitt die pannonischen Provinzen zum gegenüberliegenden Flussufer ab, an dem der germanische Stamm der Quaden siedelte. Die ergrabenen und gesicherten Baureste des Burgus befinden sich nahe der Donau im Südwesten des rund 1,5 Kilometer entfernten historischen Zentrums der Stadt Visegrád im nordungarischen Komitat Pest.Péter Gróf, Dániel Gróh: Spätrömischer Wachtturm und Statuenfund zu Visegrád-Lepence. In: Folia Archaeologica. 47, 1999, S. 103–116; hier: S. 103.
Lage mini|links|Visegrád-Lepence in der Römerzeit
Sowohl der mittelkaiserzeitliche Wachturm als auch der Burgus wurden als Teil des engmaschigen Sicherungssystems in Unterhanglage am Donauknie errichtet. Von den beiden versetzt zueinander erbauten Standorten ließ sich der Verkehr auf dem Fluss sowie entlang der Limesstraße beobachten. Auch das durch römische Patrouillen kontrollierte Grenzland am gegenüberliegenden Ufer stand im Blickfeld der kleinen Militärstationen. Im Ernstfall konnten die dort diensttuenden Soldaten optische Signale an die nächstliegenden größere Garnisonen versenden. Der mit großem Aufwand betriebene dichte Ausbau der Grenzanlagen in diesem Gebiet hatte seine Ursache in der ernstzunehmenden Bedrohung Pannoniens durch den am gegenüberliegenden Ufer lebenden Stamm der Quaden, der oft als unerbittlicher Gegner Roms auftrat. Den Fundstellen bei Visegrád-Lepence liegt am nordwestlichen Donauufer eine große Landzunge gegenüber, die als mächtiger Sporn des umliegenden Hügellandes den Sankt-Michaels-Berg trägt, den der in ein enges Tal gepresste Strom in einem weiten Bogen umfließen muss. Die südliche und östliche Uferzone der Donau wird durch die unmittelbar hinter dem Fundplatz ansetzenden Lössterrassen und dem dort ansteigenden Pilisgebirge, einer aus dem Miozän stammenden Andesitformation, begrenzt. Kurze Ausläufer des Gebirges reichen fast bis an den schmalen Schwemmlandstreifen des Stroms heran. Aufgrund der geologischen Gegebenheiten besteht das anstehende Gesteinsmaterial am Pilisgebirge aus vulkanischem Verwitterungsschutt, feinerem und gröberen Andesittuff, der an manchen Stellen durch Lößschichten und feinkörnigen Tuff überdeckt wird. Bodenmechanische Untersuchungen deuteten im Überschwemmungsbereich der Donau auf verschiedene Flussbettverschiebungen hin.Péter Gróf, Dániel Gróh: Spätrömischer Wachtturm und Statuenfund zu Visegrád-Lepence. In: Folia Archaeologica. 47, 1999, S. 103–116; hier: S. 103.
Forschungsgeschichte Die Erforschung der Baureste am rechten Ufer des Lepence-Bachs, der vom Pilisgebirge kommend durch das Gemeindegebiet der Stadt Visegrád fließt, wurden bereits durch die Vorarbeiten des Archäologen Sándor Soproni (1926–1995) angestoßen. Er mutmaßte für dieses Gebiet bereits einen römischen Wachturm. Erste wissenschaftliche Ausgrabungen waren im Zuge einer archäologischen Prospektion notwendig geworden, als umfassende Vorarbeiten für den Bau einer Donaustufe den Bestand der Bodendenkmäler entlang des Flusses stark gefährdeten. Bei Notgrabungen in den Jahren 1986 bis 1988 konnten zunächst Siedlungsspuren des späten Neolithikums, des frühen Chalkolithikums und der Spätbronzezeit erfasst werden. Daneben kam auch ein erstes römisches Grab aus dem frühen Prinzipat zu Tage (Grab 120 des dazugehörigen Brandgräberfeldes) und es zeigten sich Spuren einer Siedlung der frühen und mittleren Kaiserzeit. Der frühmittelalterlichen Aufsiedlung durch die Magyaren gehörten die Reste freistehender Backöfen aus der Árpádenzeit an.Péter Gróf: Árpád-kori szabadban levő kemencék Visegrád-Lepencén – Im Freien stehende Backöfen aus der Árpádenzeit in Visegrád-Lepence. In: Piroska Biczó (Hrsg.): Dunai Régészeti Közlemények. Budapest 1989, S. 57–65. Daneben fand sich noch ein Grubenhaus. Zu der frühárpádenzeitlichen Siedlung gehört auch ein Gräberfeld, das zwischen dem Burgus und dem Gebiet des heutigen Thermalbades lag.Péter Gróf, Dániel Gróh: Spätrömischer Wachtturm und Statuenfund zu Visegrád-Lepence. In: Folia Archaeologica. 47, 1999, S. 103–116; hier: S. 107. Zwischen 1992 und 1997 erfolgte abschließend die Ausgrabung des spätrömischen Burgus. Auch dort fanden sich eine durch den modernen Straßenbau gestörte frühe árpádenzeitliche Bestattung. Nach den Ausgrabungen wurde das Untersuchungsgebiet zwischen der heutigen Landstraße und der Donau teilweise geflutet und teilweise durch Auffüllung überhöht. Alle Ausgrabungen wurden unter der Leitung der Archäologen Dániel Gróh und Péter Gróf durchgeführt. Der ergrabene nordwestliche Teil des spätantiken Burgus blieb in konserviertem Zustand für die Nachwelt erhalten.
Im Zuge einer digitalen Erschließung der ungarischen Denkmäler und Kunstwerke wurde der Burgus im September 2012 mithilfe eines terrestrischen Laserscanners (Leica HDS7000) aufgenommen. Die digitale Dokumentation schloss auch die am Burgus geborgene Bauinschrift und die drei dort aufgefundenen Köpfe antiker Skulpturen ein.Róbert Fülöpp, Gergely Buzás: A Visegrád-lepencei római őrtorony felmérése és elméleti rekonstrukciója. Archaeologia – Altum Castrum Online, Mátyás Király Múzeum, Visegrád, 2013, S. 2.
Baugeschichte Burgus Solva 23 mini|Ziegelstempel der Legio IIII Flavia Felix aus Visegrád-Lepence mini|Zwei Fundstücke aus dem Brandgräberfeld. Links ein aus Südgallien stammender Terra-Sigillata-Trinkbecher vom Typ Drag. 54 (um 150 bis um 230 n. Chr.) mit herzblattförmigem floralen Dekor; daneben ein aus weißlichem Ton gefertigter Dreihenkelkrug
Wachturm Dem spätrömischen Burgus ging ein mittelkaiserzeitlicher Wachturm voraus. Dessen Überreste wurden im Zuge einer archäologischen Prospektion entdeckt, als umfassende Vorarbeiten für den Bau einer Donaustufe den Bestand der Bodendenkmäler entlang des Flusses gefährdeten. Das von 1986 bis 1987 untersuchte Gelände lag im Überschwemmungsbereich der Donau und befand sich nördlich und nordöstlich des Lepence-Baches. Insgesamt wurden der Oberboden und jüngere Kolluvien sowie fluviale Sedimente auf einer Fläche von rund 2500 Quadratmetern abgezogen. Rund 100 Meter von der heutigen Landstraße entfernt kamen dabei in Ufernähe römische Mauerreste aus dem Boden. Das in der älteren Literatur als Wachturm 1 von Visegrád-Lepence bekannt gewordene mittelkaiserzeitliche steinerne Turmfundament umfasste 5 × 5 Meter. Der steinerne Unterbau war nach Ansicht der Ausgräber für einen hölzernen Wachturm errichtete worden. Sein Fundament wies eine Mauerstärke von 0,60 Metern auf und besaß eine innere Raumweite von 3,60 Metern. Der ebenerdige Zugang lag an der dem Fluss gegenüberliegenden Turmseite im Südosten. Um den Turm war ein Rundgraben angelegt worden, der nur von geringer Tiefe war und vor dem Turmeingang aussetzte. Gräben dieser Art an mittelkaiserzeitlichen Wachtürmen werden heute aufgrund ihrer Beschaffenheit vielfach nicht als Verteidigungshindernisse angesehen, sondern gelten als witterungsbedingt angelegte Abzugs- und Traufgräben, die zur Trockenhaltung des Bauwerks dienten. Unmittelbar vor dem Eingang wurde eine Steinschicht freigelegt, die Teil eines römerzeitlichen Laufhorizonts gewesen war. Das Fundmaterial des Turms wies eine große Zahl an römischen Dachziegeln auf, die den Stempel der in Aquincum stationierten LEG II ADI (Legio II Adiutrix) trugen. Der Terminus ante quem kann anhand dieser Stempel in die Zeit vor 214 n. Chr. gelegt werden.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 51. Einen weiteren Datierungsanhalt bietet eine geborgene Münze aus der Regierungszeit des Kaisers Septimius Severus (193–211), die noch Stempelglanz besaß.
Brandgräberfeld Südöstlich des Wachturms – am nordöstlichen Ende der antiken Siedlung – wurde in einem 25 bis 30 Meter langen Streifen entlang der nordwestlichen Flanke der heutigen Landstraße, ein römerzeitliches Brandgräberfeld aufgedeckt. Die moderne Verkehrsverbindung deckt sich in diesem Bereich weitgehend mit der römerzeitlichen Straßentrasse. Die Archäologen und ihre Mitarbeiter legten 120 Gräber frei, die in das 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. datierten. Mithilfe des Fundmaterials ließ sich die Belegung des Gräberfeldes zwischen 150 und 240 n. Chr. datieren. Das Münzgut stammte aus den Regierungszeiten der Kaiser Mark Aurel (161–180) bis Maximinus Thrax (235–238). Als Nutzungsschwerpunkt kann die Zeit der Severer (193–235) angesehen werden.Péter Gróf, Dániel Gróh: Spätrömischer Wachtturm und Statuenfund zu Visegrád-Lepence. In: Folia Archaeologica. 47, 1999, S. 103–116; hier: S. 105. Zum Fundgut aus den Gräbern gehörten auch Waffenreste.
Siedlungsbefunde Die zu den Befunden des 2. und 3. Jahrhunderts gehörende Kulturschicht konnte vom rechten Ufer des Lepence-Baches aus in einer Gesamtausdehnung von rund 100 × 250 Metern erfasst werden. Insgesamt wurden Siedlungsbefunde beiderseits der heutigen Landstraße Nr. 11 angetroffen. Die Stärke der fundführenden Straten konnte mit rund zwei bis 2,20 Metern eingemessen werden. Eine vorrömische Siedlungskontinuität hat es an diesem Ort nicht gegeben. Zwischen den römerzeitlichen Straten und den beobachteten Schichtreihen der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur aus der Váler Gruppe bestand eine sterile Sperrschicht von 0,20 bis 0,30 Metern. Diese älteren Siedlungsreste konnten in Tiefen von 1,20 bis drei Metern beobachtet werden. Aufgrund der zeitlichen und finanziellen Zwänge gab es keine Möglichkeit, das Areal gründlicher zu untersuchen. Im römerzeitlichen Fundgut fanden sich reichlich Terra-Sigillata-Fragmente, wobei die Waren aus den Rheinzabener und Westerndorfer Manufakturen deutlich überwogen.
Burgus Solva 35 mini|Der unzugängliche Burgus aus nordwestlicher Sicht mini|Grundriss des ergrabenen Burgus, der teils noch zwei Meter hoch erhaltene Mauern besaß mini|Die Bauinschrift mit den geborgenen drei Kalksteinköpfen im Salomonturm von Visegrád
Dem Thermalbad von Visegrád-Lepence gegenüberliegend, kamen beim Ausbau der Landstraße 11 zu Beginn der 1980er Jahre unter ungeklärten Umständen die bis dahin unbekannten Baureste des Burgus Solva 35 (Wachturm 2 von Visegrád-Lepence) erstmals zu Tage. Dessen Fundamente liegen heute am rechten Ufer des Lepence-Baches und sitzen zu einem Drittel unmittelbar unter der donauseitigen Fahrbahn dieser Straße. Sie wurden bei den Bauarbeiten durch ein neu angelegtes Kanalsystem teilweise zerstört und teilweise unter der damals aufgetragenen Dammschüttung der Trasse unerforscht begraben. Erst 1992 erfuhren die Archäologen Gróf und Gróh von den Geschehnissen, da das zuständige Museum während der Bauarbeiten nicht benachrichtigt worden war. Noch im selben Jahr legten die Wissenschaftler einen Suchschnitt entlang der Landstraße an und stießen dabei auf erste Mauerreste. Durch den für Herbst 1994 geplanten Bau eines Parkplatzes auf dem Areal wurde eine erste Ausgrabung notwendig. Im Jahr darauf und anschließend bis 1997 konnte das außergewöhnlich gut erhaltenen Bauwerk fast bis zur Hälfte freigelegt werden. Weitere Untersuchungen verhinderte die schräg ansetzende moderne Schüttung des Straßendamms.
Kernwerk