mini|Schema der Harnorgane des Menschen: 1 – Harn- und Geschlechtsorgane, 2 – Niere, 3 – Nierenbecken, 4 – Harnleiter, 5 – Harnblase, 6 – Harnröhre, 7 – Nebenniere, 8 – Nierenarterie und -vene, 9 – Untere Hohlvene, 10 – Bauchaorta, 11 – Gemeinsame Beckenschlagader und -vene, 12 – Leber, 13 – Dickdarm, 14 – Becken mini|Situs von Harnleiter und angrenzenden Blutgefäßen beim Menschen: 1 – rechte A. iliaca communis, 2 – linke A. iliaca communis, 3 – linke V. iliaca communis, 4 – Harnleiter, 5 – A. iliaca interna, 6 – rechte A. iliaca externa, 7 – linke Arteria iliaca externa, 8 – Mastdarm, 9 – Retrorektalraum (Spatium retrorectale) Der Harnleiter (, Plural: Ureteren; von Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage, Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 825.) ist ein paariger Harnweg zur Ableitung des Urins. Die beiden Harnleiter verbinden bei Säugetieren und den meisten Fischen die gleichseitige Niere, in der der Urin gebildet wird, mit der Harnblase. Bei Knorpel- und Lungenfischen sowie Amphibien, Reptilien und Vögeln zieht der Harnleiter von der jeweiligen Niere zur Kloake. Die beiden Harnleiter haben bei erwachsenen Menschen eine Länge von je 25 bis 30 Zentimetern und einen Durchmesser von etwa 4 Millimetern. Sie zeigen einen dreischichtigen Aufbau mit einer von einem Urothel bedeckten Schleimhaut, einer Muskelschicht aus glatter Muskulatur und einer äußeren Bindegewebshülle. Durch eine von der Muskelschicht vermittelte Wanderwelle werden beim Erwachsenen pro Minute durch jeden Harnleiter etwa drei bis sechs spindelförmige Portionen (Boli) Urin in die Harnblase befördert. An die Harnblase schließt sich die Harnröhre an, welche den Urin nach außen abführt.

Zur Untersuchung der Harnleiter werden vor allem Kontrastmitteluntersuchungen (Urografie, CT-Urografie), Magnetresonanztomographie und Harnleiterspiegelung eingesetzt. Die häufigste Erkrankung bei Mensch und Tier ist ein teilweiser oder vollständiger Verschluss, vor allem durch Harnsteine. Sie führt zu einem Rückstau des Urins in die gleichseitige Niere und damit zu einer Wassersackniere und schließlich zur funktionellen Zerstörung dieses lebenswichtigen Organs. Häufigere Fehlbildungen durch Störungen in der Organentwicklung sind die ein- oder beidseitige, teilweise oder vollständige Doppelanlage des Organs (Ureter fissus, Ureter duplex), die blasige Erweiterung des blasenseitigen Abschnitts (Ureterozele), die Verlagerung der Mündung (Harnleiterektopie), der Rückfluss des Urins von der Harnblase in Richtung Niere (vesiko-uretero-renaler Reflux) und die Nierenbeckenabgangsenge (Stenose). Harnleitertumoren sind zwar relativ selten, beim Menschen aber nahezu immer bösartig. Sie gehen zumeist vom Urothel aus und werden als Harnleiterkrebs (Ureterkarzinom) bezeichnet.

Harnleiter des Menschen

Anatomie Der Harnleiter beginnt am Nierenbecken, in dem der von der Niere zuerst abfiltrierte und anschließend aufkonzentrierte Urin gesammelt wird. Am Ursprung knickt der Harnleiter um etwa 90° ab. Er läuft dann als Bauchteil (Pars abdominalis) im Retroperitonealraum auf dem gleichseitigen Musculus psoas major. Er überquert den gleichseitigen Nervus genitofemoralis und unterquert dann bei der Frau die Eierstockarterie (Arteria ovarica), beim Mann die Hodenarterie (Arteria testicularis). Etwa ab Höhe des fünften Lendenwirbels zieht der Harnleiter leicht zur Mitte hin. Am Beckeneingang biegt er bauchwärts um und verläuft als Beckenteil (Pars pelvica, Synonym: Pars pelvina) in der Wand des „kleinen Beckens“ bis zur Harnblase. Er überkreuzt dabei zunächst die Aufzweigung der Arteria iliaca communis und unterkreuzt dann beim Mann den gleichseitigen Samenleiter, bei der Frau die gleichseitige Gebärmutterarterie (Arteria uterina). Der Harnleiter hat bei Erwachsenen eine Länge von 25 bis 30 Zentimetern, Bauch- und Beckenteil sind etwa gleich lang. Der Durchmesser beträgt 2 bis 7 Millimeter, im Regelfall 3 bis 4 mm. Bei Neugeborenen ist der Harnleiter 6,5 bis 7 cm lang.

Der rechte Harnleiter liegt in räumlicher Nähe zu Zwölffingerdarm, Ileum, Colon ascendens, Blinddarm und Wurmfortsatz, der linke zu Bauchspeicheldrüse, Jejunum, Colon descendens und Colon sigmoideum. Da genaue anatomische Landmarken zur Ortung des Organs fehlen, kann er bei Operationen am Colon und Mastdarm und insbesondere bei der laparoskopischen Entfernung der Gebärmutter versehentlich verletzt werden. Die Harnleiter liegen beidseits bauchseitig des Nervus genitofemoralis, der rechte liegt seitlich der unteren Hohlvene (Vena cava inferior), der linke seitlich der unteren Mesenterialvene (Vena mesenterica inferior).

Nach seinem Eintritt in die Harnblasenwand verläuft der Harnleiter zunächst eine kurze Strecke innerhalb dieser Wand (intramural). Dieser intramurale Abschnitt ist 0,5 bis 1 cm lang, nach anderen Angaben 1,5 bis 2 cm. Dann durchbohrt er die Blasenschleimhaut und mündet mit der Harnleitermündung (Ostium ureteris) in das Innere der Harnblase. Die schlitzförmigen Harnleitermündungen sind klappenartig geschlossen, wenn durch sie kein Urin tritt. Der Verlauf in der Blasenwand verhindert bei stärkerer Füllung der Harnblase einen Rückfluss des Urins zur Niere (vesikorenaler Reflux). Die beiden Harnleitermündungen begrenzen mit der unpaaren Harnröhrenöffnung im Inneren der Blase das Harnblasendreieck (Trigonum vesicae). mini|Harnleitermündungen und Blasendreieck (Trigonum): 1 – Schleimhaut, 2 – Submucosa, 3 – Detrusor-Muskel, 4 – Harnleiter, 5 – Peritoneum, 6 – Öffnung des Harnleiters, 7 – Trigonum, 8 – Prostata, 9 – Äußerer Schließmuskel, 10 – Innerer Schließmuskel, 11 – Bindegewebe Drei Abschnitte des Harnleiters sind anatomische Engstellen, in denen sich deshalb bevorzugt Harnsteine festsetzen: Ursprung aus dem Nierenbecken („ureteropelvischer Sphincter“) am Übergang vom großen in das kleine Becken mit Überquerung der Aufgabelung der Arteria iliaca communis intramuraler Verlauf in der Harnblasenwand, dies ist die engste Stelle im gesamten Harnleiterverlauf. Die Blutversorgung des Harnleiters unterscheidet sich aufgrund der Länge des Organs regional. Der nierennahe Abschnitt erhält Blut direkt aus der gleichseitigen Nierenarterie (Arteria renalis). Der mittlere Abschnitt wird von Ästen der Aorta, der Arteria iliaca communis und der Keimdrüsenarterien (Eierstock- bzw. Hodenarterie) versorgt. Das Endsegment erhält Blut über Äste der Arteria iliaca interna. Der Lymphabfluss erfolgt im oberen Harnleiterabschnitt über die rechten und linken Lendenlymphknoten (Nodi lymphoidei lumbales dextri et sinistri), im mittleren Harnleiterabschnitt über die Nodi lymphoidei iliaci communes und im letzten Abschnitt über die Nodi lymphoidei iliaci interni.

Die Nerven für den Harnleiter stammen aus Ästen der Rückenmarksnerven vom 12. Brust- (Th12) bis zum zweiten Lendensegment (L2). Schmerzen infolge von Erkrankungen des Harnleiters zeigen sich demzufolge als übertragener Schmerz in den Hautgebieten (Dermatomen) dieser Segmente. Die sympathischen Nervenfasern entspringen aus den Segmenten Th10 bis L2 und werden für den oberen Harnleiterabschnitt in den Ganglia aorticorenalia, für den unteren in den Ganglien des Unterbauchgeflechts (Plexus hypogastricus inferior) umgeschaltet. Die parasympathischen Nervenfasern kommen aus dem Kreuzteil des Rückenmarks und verlaufen über die Nervi splanchnici pelvici zum Unterbauchgeflecht, wo ihre Umschaltung erfolgt. Die Nervenfasern des Eingeweidenervensystems bilden ein Geflecht um das Organ, den Plexus uretericus.

Embryologie mini|Schema des unteren Teils eines menschlichen Embryos am 25. Tag: die Ureterknospe („kidney bud“) wächst aus dem Urnierengang („Wolffian duct“) aus Der Harnleiter entsteht, wie der Großteil des Harn- und Geschlechtsapparats, aus dem mittleren Keimblatt des Embryos, dem Mesoderm, genauer aus dem intermediären Mesoderm (Ursegmentstiel). Bei Reptilien, Vögeln und Säugetieren werden während der embryonalen Organentwicklung nacheinander drei Nierengenerationen gebildet, die als Vor-, Ur- und Nachniere bezeichnet werden, wobei letztere die eigentliche Niere nach Abschluss der vorgeburtlichen Entwicklung ist. Der Ausführungsgang der Urniere, der Urnierengang (Synonyme Wolff-Gang oder Ductus mesonephricus), mündet in den noch gemeinsamen Sammelraum für Kot und Urin, der Kloake genannt wird. Von diesem Urnierengang wächst ein Zellspross, die Ureterknospe, aus. Beim menschlichen Embryo geschieht dies gegen Ende der vierten Schwangerschaftswoche. Diese Knospe wächst kopfwärts und dringt in die Anlage der dritten Nierengeneration (Nachniere) vor. Damit leitet sie auch die Entwicklung der Nachniere ein, die in der 36. Woche abgeschlossen ist. In der Nachnierenanlage verzweigt sich die Ureterknospe bis zur 14. Woche und ist damit auch Ausgangspunkt für das Nierenbecken, die Gänge der Nierenpapillen (Ductus papillares) und die Sammelrohre der (Nach-)Niere.

In der 6. Schwangerschaftswoche ist der Harnleiter noch ein solider Strang. Dann beginnt er, vom mittleren Abschnitt aus, sich in beide Richtungen zu kanalisieren, es entsteht also ein innerer Hohlraum (Lumen). Mit der Entstehung der Ureterknospe bildet sich auch in der Kloake eine Trennwand, die den Mastdarm vom Harn- und Geschlechtsraum (Sinus urogenitalis) abgrenzt.

Histologie mini|Schnitt durch einen Ureter, Hämatoxylin-Eosin-Färbung Der Harnleiter zeigt den typischen Aufbau vieler Hohlorgane mit einer inneren Schleimhaut (Tunica mucosa), einer Muskelschicht (Tunica muscularis) aus glatter Muskulatur und einer äußeren bindegewebigen Verankerungsschicht (Tunica adventitia). Man nennt diesen Grundaufbau „häutig-muskulöser Schlauch“.

Die Schleimhaut weist fünf bis sieben Längsfalten auf. Daher erscheint das Lumen im Querschnitt sternförmig. Die Falten sind Reservebildungen und verstreichen bei stärkerer Dehnung des Organs. Innen ist die Schleimhaut mit Urothel bedeckt. Darin sind die Zellen mehrreihig angeordnet und können so den Volumenschwankungen folgen. Es lassen sich drei Schichten unterscheiden: Die Basalzellen sind klein, würfelförmig und sitzen der Basalmembran auf. Sie sind die Reservezellschicht, von der die anderen Zellen abstammen. Die mittlere Zellschicht besteht aus drei bis sieben Zelllagen, den Intermediärzellen. Zum Lumen hin folgen schließlich die Deckzellen. Jede dieser kuppelförmigen Deckzellen überspannt mehrere Intermediärzellen, weshalb sie im Englischen auch als („Regenschirmzellen“) bezeichnet werden. Sie haben oft polyploide, manchmal auch zwei oder mehr Zellkerne. Sie sind durch Tight Junctions fest verbunden, so dass eine wasserdichte Barriere entsteht. Zudem ist die lumenseitige Zellmembran durch Intermediärfilamente, spindelförmige Vesikel, Einfaltungen und Mikrovilli modifiziert. Darüber hinaus gibt es hier spezifische Transmembranproteine, die Uroplakine. Diese Bildungen erwecken lichtmikroskopisch das Bild einer „Kruste“ (Crusta). Die besondere Ausprägung der Zellmembran schirmt das darunterliegende Gewebe vor giftigen und hypertonen Substanzen im Urin ab. Das Urothel sitzt auf einer Bindegewebsschicht, die als „Eigenschicht der Schleimhaut“ () bezeichnet wird. Hier sind auch Lymphozyten und Makrophagen eingelagert, welche der Abwehr von Krankheitserregern dienen.

Die Muskelschicht kann in eine innere Schicht mit längs angeordneten Muskelzellen (Längsmuskelschicht, ) und eine äußere Schicht mit ringförmig angeordneten Zellen (Ringmuskelschicht, ) gegliedert werden. Im Bereich des Beckenteils des Harnleiters liegt der Ringmuskelschicht noch einmal eine (äußere) Längsmuskelschicht () auf. Diese Schichtung ist aber stark vereinfachend, in Wirklichkeit handelt es sich um spiralig angeordnete Muskelsysteme mit unterschiedlicher Steigung. Die Muskelschicht ist beim Menschen 750 bis 800 µm dick. Sie ist gut durchblutet und mit den kleinen Blutgefäßen verlaufen marklose Nervenfasern.