Die dreiwöchige Belagerung Hamburgs im Jahr 1686 war der gewaltsame Höhepunkt eines letztlich erfolglosen Versuchs des dänischen Königs Christian V., die Hansestadt zu unterwerfen.

Hintergrund

Frage der Erbhuldigung Trotz seiner Zugehörigkeit zur Hanse war Hamburg zunächst noch keine reichsfreie bzw. reichsunmittelbare Stadt. Die Erhebung Hamburgs zur Freien Reichsstadt durch den römisch-deutschen Kaiser Maximilian I. (1510) und deren Bestätigung durch das Reichskammergericht (1618) erkannten die dänischen Könige nicht an. Aus dänischer Sicht gehörte Hamburg formal weiterhin zum Herzogtum Holstein, und als Herzöge von Holstein verlangten die dänischen Könige daher weiterhin die Huldigung ihrer Hamburger Untertanen.Robert Bohn: Geschichte Dänemarks, S. 43f und 68. C.H.Beck, München 2001Gustav Wilhelm Hugo: Die Mediatisi(e)rung der deutschen Reichsstädte, S. 78f. Braun, Karlsruhe 1838 Zuletzt war 1603 in schon sehr abgemilderter Form König Christian IV. und Herzog Johann Adolf gehuldigt worden; spätere dänische Versuche, die Hamburger mit militärischer Gewalt zu unterwerfen, schlugen 1616, 1629 und 1630–1643 fehl. Die nach einer ersten Belagerung 1643 erfolgte oberflächliche und halbherzige Huldigung und Tributzahlung bedeutete keine effektive dänische Oberhoheit über die Hansestadt. Schon zwei Jahre später machten sich die Hamburger mit schwedischer Hilfe wieder unabhängig.

Im Jahr 1650 bzw. 1651 boten sowohl das dänische Königshaus als auch die herzogliche Nebenlinie Schleswig-Holstein-Gottorp, die sich die Herrschaft über Holstein teilten, Hamburg erstmals an, die Huldigungspflicht durch eine einmalige Geldzahlung endgültig abzulösen. Bis 1652 wurde tatsächlich darüber verhandelt, doch die nach den Verlusten des Dreißigjährigen Krieges auf Sparsamkeit bedachte Hansestadt lehnte diese Lösung ab.Wolfgang Vacano: 350 Jahre Altona, S. 12–21. Sutton, Erfurt 2014Johann Georg Büsch: Grundriß einer Geschichte der merkwürdigsten Welthändel neuerer Zeit, S. 215ff und 481. Bohn, Hamburg 1783Ludwig Brinner: Die deutsche Grönlandfahrt, Seite 151. maritimepress, Bremen 2014

Die dänischen Übergriffe führten allerdings dazu, dass die Hamburger ihre Befestigungsanlagen verstärkten. Bis 1626 wurde ein bis zu 9 Meter hoher Wall mit 21 Bastionen errichtet (Hamburger Wallanlagen), nach der dänischen Belagerung von 1679 wurde 1682 die Sternschanze gebaut. Eine neue Wachtordnung führte zur Aufstellung neuer Bürgerwehr-Regimenter und -Kompanien, im 17. Jahrhundert zählte die Stadt bei 80.000–100.000 Einwohnern bis zu 11.000 bewaffnete Bürger. Hinzu kam eine besoldete Miliz aus Berufssoldaten.Gustav Kopal: , S. 158f und 164. Dörling, Hamburg 1911 Die Dänen wiederum bauten 1616 eine Zollstelle in Glückstadt an der Unterelbe und 1664 in unmittelbarer Nachbarschaft Hamburgs das holsteinische Altona zu einer Konkurrenzstadt aus.

Ersatz für Gebietsverluste Nach Niederlagen in drei Kriegen hatte Dänemark durch die Friedensschlüsse von Brömsebro (1645), Roskilde (1658) und Kopenhagen (1660) seine schonischen Stammlande und somit ein Drittel seines Reichsgebiets an Schweden verloren. Ein mit niederländischer Hilfe bemühter Revanchekrieg scheiterte trotz Anfangserfolgen. Im Frieden von Lund (1679) musste Dänemark seine Rückeroberungen wieder herausgeben. Als Ersatz für die Gebietsverluste sollte nun Hamburg herhalten. Nur wenige Tage nach dem Friedensschluss begann Christian V. mit einer ersten Belagerung Hamburgs, zog seine Truppen jedoch ab, nachdem Hamburg 220.000 Taler gezahlt und im Pinneberger Rezeß eine rechtliche Prüfung der Huldigungsansprüche zugesagt hatte.Martin Philippson: Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1660 bis 1688), S. 267. Europäischer Geschichtsverlag, Paderborn 2015

Die antifranzösische Tradition früherer deutscher Geschichtsschreibung sah Frankreichs König Ludwig XIV. als treibende Kraft hinter der zweiten Belagerung von 1686, teilweise jedoch zu UnrechtWalter Platzhoff: Europäische Geschichte im Zeitalter Ludwigs XIV und des Großen Kurfürsten, S. 72. G.G.Teubner, Leipzig/Berlin 1921, denn wiederholt hatte Frankreich eine Verhandlungslösung angemahnt und seine eigene Vermittlung angeboten.Christian Friedrich Wurm: Der europäische Hintergrund der Snitger-Jastram’schen Wirren in Hamburg 1686, S. 16–19 und 31f. J.A. Meissner, Hamburg 1855 Auch Schwedens König Karl XI. hatte Christian V. ermutigt, seine Anstrengungen gegen Hamburg zu richten, um ihn so von einem weiteren Revanchekrieg gegen Schweden abzulenken.

Tatsächlich fand der dänische Angriff vor dem Hintergrund der Auflösung zweier traditioneller, den Konflikt im Ostseeraum und Norddeutschland seit Jahrzehnten prägenden Bündnisse statt – der schwedisch-französischen und der dänisch-niederländischen Allianz. Schweden hatte 1679 erleben müssen, dass sein Einsatz für französische Interessen den schwedischen Besitz in Deutschland kosten konnte. Pommern, Wismar und Bremen-Verden waren von Dänen, Brandenburgern und Lüneburgern erobert worden. Durch das Eingreifen Frankreichs hatte Schweden zwar im Frieden von Saint-Germain (1679) den größten Teil davon zurückerhalten, trotzdem aber einige kleinere Gebiete verloren (Wildeshausen, Thedinghausen, Dörverden, Kammin, Greifenhagen). Dänemark hingegen hatte erkennen müssen, dass die niederländische Hilfe nicht ausreichte, um die an Schweden verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Mit dem französisch-brandenburgischen Bündnis (1679) und der Annexion des in Personalunion mit Schweden verbundenen Herzogtums Pfalz-Zweibrücken (1681) durch Frankreich (Reunionspolitik) verschlechterten sich die französisch-schwedischen Beziehungen rapide.Martin Philippson: Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1660 bis 1688), S. 271–295. Europäischer Geschichtsverlag, Paderborn 2015 Hatte Frankreich noch 1679 auf Seiten Schwedens und dann auch Hamburgs gestanden, so schlossen Ludwig XIV. und Christian V. 1682 einen geheimen Bündnisvertrag, der Dänemark französische Subsidien und die Anerkennung seiner Ansprüche einbrachte.Martin Philippson: Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1660 bis 1688), S. 299 und 324. Europäischer Geschichtsverlag, Paderborn 2015

mini|Hamburg lag im Zentrum der dänischen Interessensphäre in Norddeutschland, die auch die schwedischen Besitzungen einschloss Ohne französischen Beistand suchte Schweden zunächst einen Ausgleich mit Dänemark, um Zeit für eigene neue Rüstungen (vor allem den Wiederaufbau der geschlagenen Flotte) und die Suche nach neuen Bündnispartnern zu gewinnen. Im August 1682 und im Mai 1683 sollen schwedische Unterhändler Dänemark im Austausch für Norwegen und für einen endgültigen Verzicht auf Schonen alle schwedischen Besitzungen in Deutschland angeboten haben, die Anerkennung dänischer Ansprüche auf das mit Schweden verbündete Schleswig-Holstein-Gottorf sowie sogar militärische Hilfe bei der Eroberung Hamburgs und Lübecks. (Sowohl die Ernsthaftigkeit als auch die Wirksamkeit derartiger schwedischer Militärhilfe waren allerdings zweifelhaft, Schweden hatte sich in zwei ähnlichen Kriegen schon 1654 und 1666 nicht gegen die vergleichsweise schwächere Hansestadt Bremen durchsetzen können.) Als Christian V. 1684 und 1685 das Hochstift LübeckMartin Philippson: Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1660 bis 1688), S. 359. Europäischer Geschichtsverlag, Paderborn 2015 sowie den herzoglich-gottorfschen Teil Schleswigs und Holsteins besetzte, ließ Karl XI. ihn zwar gewähren, doch 1686 traten Schweden und Brandenburg, das erneut die Seiten gewechselt hatte, der antifranzösischen Augsburger Allianz bei. Frankreich war isoliert, und mit ihm auch Dänemark.

Vorgeschichte Direkter Auslöser für den Konflikt waren nicht außenpolitische Konstellationen, sondern innenpolitische Machtkämpfe und Unruhen in Hamburg – die sogenannten Jastram-Schnitgerschen Wirren. Der Konflikt zwischen dem aristokratischen bzw. oligarchischen Senat und einer demokratischen Volksbewegung in der Bürgerschaft der Hansestadt hatte 1684 zur Vertreibung des autoritären Bürgermeisters Heinrich Meurer geführt. Führer der im „Ausschuss der Dreißig“ (auch Dreißiger-Ausschuss, Dreißiger-Kollegium oder kurz: Dreißiger) organisierten Volksbewegung waren Cord Jastram und Hieronymus Snitger, neuer Bürgermeister wurde Johann Slüter.

Ex-Bürgermeister Meurer war nach Celle an den Hof des Herzogs Georg Wilhelm von Lüneburg geflohen und hatte Kaiser Leopold I. um Hilfe angerufen. Der Kaiser, der wegen des Türkenkriegs in Südosteuropa beschäftigt war, beauftragte den Herzog mit der Reichsexekution und der Wiedereinsetzung Meurers in Hamburg. Lüneburg lag sowohl mit Hamburg als auch mit Dänemark in Fehde und hatte sich im August 1684 mit Brandenburg verbündet. Der Herzog entsandte im Januar 1686 eine Streitmacht von 2.000 Mann gegen die Hansestadt und ließ die Hamburger Vorstädte Moorburg, Vierlande und Bergedorf besetzen. Bei den Heckkaten (zwischen Billwerder und Bergedorf) erlitten die Hamburger Grenadiere und Musketiere am 29. Januar eine Niederlage gegen die Lüneburger, die daraufhin auch Billwerder besetzten. Nach Verhandlungen zogen sich die Lüneburger im April wieder aus Vierlande, Bergedorf und Billwerder zurück, hielten aber weiterhin das strategisch wichtige Moorwerder besetzt.Klaus Grot: , S. 27. Dassendorf 2010Gustav Kopal: , S. 174–177. Dörling, Hamburg 1911

Die Militäraktionen der Lüneburger hatte Christian V. zum Anlass genommen, ab Februar 1686 im holsteinischen Bad Oldesloe und in Ottensen Truppen zusammenzuziehen. Dänische Kriegsschiffe blockierten die Elbe. Unter den zunächst 16.000 Mann befanden sich viel schwere Artillerie und 7.000 Mann der königlichen Garde; mit dem Kommando betraute König Christian V. seinen Halbbruder Ulrich Friedrich Gyldenløve.A. Tuxen: , S. 552. Historisk Tidsskrift, Kopenhagen 1894 Die Dreißiger entsandten den Stadtrat Pauli zu Christian V., um über hamburgische Subsidien und dänischen Beistand im Falle eines erneuten lüneburgischen Angriffs auf Hamburg zu verhandeln. Am 19. August 1686 zog Christian V. nach Altona und ließ seinem Gesandten Andreas Pauli von Liliencron der Hansestadt seine Bedingungen bzw. Gegenforderungen überbringen: Neben der Erbhuldigung und der Zahlung von 400.000 Talern sollte Hamburg dauerhaft eine dänische Garnison von 2.000Gustav Kopal: , S. 178–192. Dörling, Hamburg 1911 bzw. 3.000 Mann aufnehmen und unterhalten. Anderenfalls würde die Stadt durch dänische Artillerie zerstört und sturmreif geschossen werden.Hamburgs Geschichte: Freie Reichsstadt

Verlauf mini|Hamburger Sternschanze während der Belagerung von 1686

Am 20. August rückte die dänische Armee auf Eimsbüttel vor, die Verteidiger verstärkten derweil eilig die Besatzung der Sternschanze. Das dänische Ultimatum führte zum Umsturz in der Stadt. Am 22. August, als die Dänen mit einem massiven Bombardement der Sternschanze begannen, wurden die als prodänisch diskreditierten Snitger und Jastram verhaftet. Herzog Georg Wilhelm unterstellte seine Lüneburger Truppen Hamburger Kommando. Bis zum 25. August war die Sternschanze, in deren Verteidigung sich Hamburger, Lüneburger und in der Stadt befindliche schwedische Freiwillige abwechselten, der Hauptkampfplatz. Ausfälle der Verteidiger und der Beschuss Altonas durch die von schwedischen Offizieren kommandierte Hamburger Artillerie ernüchterten die Dänen und führten zur Zerstörung Altonas. Bereits am 26. August wurde auf Vorschlag Brandenburgs und Englands ein Waffenstillstand vereinbart.