Parlamentsvorsteher ist in einigen deutschen Ländern die (nicht-amtliche) Bezeichnung für den gewählten Vorsitzenden der kommunalen Vertretungskörperschaft der Gemeinden oder Kreise (kommunale Gebietskörperschaften). Die Gesetzessprache kennt die Bezeichnung Parlamentsvorsteher für kommunale Volksvertretungen nicht, sie ist vielmehr eine Sammelbezeichnung in der Wissenschaft für die verschiedenen Vorsteher- und Vorsitzendenbezeichnungen und der in den Interessenverbänden der Kommunen; so hat z. B. der Hessische Städte- und Gemeindebund eine Arbeitsgemeinschaft der Stadtverordnetenvorsteher/innen und Vorsitzenden der Gemeindevertretungen, die im Jargon oft als Parlamentsvorsteher-AG bezeichnet wird.

Die Mehrheit der deutschen Länder kennt allerdings auch einen gewählten Parlamentsvorsteher nicht, in diesen Ländern ist kraft Gesetzes meist der Bürgermeister oder Landrat Vorsitzender der jeweiligen kommunalen Volksvertretung.

Die amtlichen Bezeichnungen für die Parlamentsvorsteher sind nicht einheitlich, denn es handelt sich bei den kommunalen Volksvertretungen nicht um Parlamente und nicht um Organe der Legislative (im Gegensatz zu den Volksvertretungen der Staaten); die Zahl der Mandatsträger in Parlamenten lag 1982 bei ca. 2000, die der Mandatsträger in kommunalen Volksvertretungen bei 200.000. Demgemäß gibt es verschiedene Bezeichnungen in den Kommunalverfassungsgesetzen sowohl für die unterschiedlichen Vertretungskörperschaften wie für deren Vorsitzende. So ist der gewählte Vorsitzende in Thüringen Vorsitzender des Gemeinderats, in den brandenburgischen und hessischen Gemeinden Vorsitzender der Gemeindevertretung, in den Kreisen oder Landkreisen Vorsitzender des Kreistags (oder Kreistags- bzw. Kreispräsident) usw. Die Vertretungskörperschaften werden nicht nur im Jargon der Kommunalpolitiker, sondern auch in der Wissenschaft häufig als (Kommunal-)Parlamente bezeichnetDirk Ehlers: Die Gemeindevertretung. In: Thomas Mann, Günter Püttner (Hrsg.): Handbuch der kommunalen Wissenschaft und Praxis. Band 1: Grundlagen und Kommunalverfassung. 3. Auflage. (Springer Verlag) Berlin/Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-23793-8, S. 462, Rn. 2Yvonne Ott: Der Parlamentscharakter der Gemeindevertretung: eine rechtsvergleichende Untersuchung der Qualität staatlicher und gemeindlicher Vertretungskörperschaften. (Nomos) Baden-Baden 1994 (daher die Bezeichnung ParlamentsvorsteherUlrich Dreßler: 50 Jahre Parlamentsvorsteher in der HGO - das unbekannte Jubiläum Hessische Städte- und Gemeindezeitung (HSGZ) Nr. 9, September 2000, S. 300 ff.Ulrich Dreßler: Kommunalpolitik in Hessen. In: Andreas Kost, Hans-Georg Wehling (Hrsg.): Kommunalpolitik in den deutschen Ländern. 2. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften|Springer Fachmedien, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17007-7, S. 172 ff.). Einzelne Vorschriften dieser Gesetze verleihen den Parlamentsvorstehern eigene Zuständigkeiten, Befugnisse und wenige (subjektive) Rechte.

Liste der Bezeichnungen der kommunalen Volksvertretungen, der Volksvertreter und der Parlamentsvorsteher in Gebietskörperschaften der deutschen Länder LandAmtl. Abkürzung der Kommunalgesetze Bezeichnung der Volksver-tretung der Gebietskörperschaft Bezeichnung der Volksvertreter Gemeinde-verbände(Ämter o. Ä.*) Bezeichnung des Parlamentsvorstehers Amt kraft … Gemeinden und Kreise mit von der Volksvertretung gewählten Parlamentsvorstehern BrandenburgBbgKVerf G: GemeindevertretungS: StadtverordnetenversammlungK: Kreistag G: GemeindevertreterS: StadtverordneteK: Kreistagsabgeordneter ja(Ämter) G: In amtsangehörigen Gemeinden: ehrenamtlicher BürgermeisterG: In amtsfreien Gemeinden Vorsitzender der GemeindevertretungS: Vorsitzender der StadtverordnetenversammlungK: Vorsitzender des Kreistags Wahl Bremen nur BremerhavenVerfBrhv Stadtverordnetenversammlung Stadtverordneter nein Stadtverordnetenvorsteher Wahl HessenG: HGOK: HKO G: GemeindevertretungS: StadtverordnetenversammlungK: Kreistag G: GemeindevertreterS: StadtverordneterK: Kreistagsabgeordneter nein G: Vorsitzender der GemeindevertretungS: StadtverordnetenvorsteherK: Vorsitzender des Kreistags Wahl Mecklenburg-VorpommernKV M-V G: GemeindevertretungS: StadtvertretungIn den Hansestädten: BürgerschaftK: Kreistag G: Mitglied der GemeindevertretungS: Mitglied der StadtvertretungK: Kreistagsmitglieder ja(Ämter) G: In hauptamtl. verwalteten Gemeinden: Vorsitzender der GemeindevertretungG: In ehrenamtl. verwalteten Gemeinden: BürgermeisterS: StadtvertretervorsteherK: Kreistagspräsident Wahl NiedersachsenNKomVG G: RatS: RatK: Kreistag G: Ratsfrau/RatsherrS: Ratsfrau/RatsherrK: Kreistagsabgeordneter ja(Samtge-meinden) G: VorsitzenderS: VorsitzenderK: Vorsitzender des Kreistags Wahl LandAmtl. Abkürzung der Kommunalgesetze Bezeichnung der Volksver-tretung der Gebietskörperschaft Bezeichnung der Volksvertreter Gemeinde-verbände(Ämter o. Ä.*) Bezeichnung des Parlamentsvorstehers Amt kraft … Sachsen-AnhaltKVG LSA G: GemeinderatVG: VerbandsgemeinderatS: StadtratK: Kreistag G: GemeinderatVG: VerbandsgemeinderatS: StadtratK: Kreistagsmitglied ja(Verbands-gemeinden**) G: VorsitzenderVG: VorsitzenderS: VorsitzenderK: Vorsitzender Wahl Schleswig-HolsteinGO SH G: GemeindevertretungIn kleinen Gemeinden (bis zu 70 Einw.): GemeindeversammlungS: StadtvertretungK: Kreistag G: GemeindevertreterS: StadtvertreterK: Kreistagsabgeordneter ja(Ämter) G: Vorsitzender der Gemeindevertretung(in Gemeinden mit hauptamtl. Bürger-meister: Bürgervorsteher)S: Bürgermeister (bei amtsan-gehörigen Gemeinden oder durch Hauptsatzungbestimmung)K: Kreispräsident Wahl Gemeinden und Kreise mit nicht von der Volksvertretung gewählten Parlamentsvorstehern (Wahl aber möglich) Bremen nur Stadt Bremen als Kommune(Artikel 143 und 145 Landesverfassung) Stadtbürgerschaft Mitglied der Bürgerschaft nein Präsident der Bürgerschaft(Beschluss erforderlich) Verfassung/Wahl mögl. ThüringenThürKO G: GemeinderatS: StadtratK: Kreistag G: GemeinderatsmitgliedS: StadtratsmitgliedK: Kreistagsabgeordneter ja G: Bürgermeister/Vorsitzender d. Gemeinderats(Hauptsatzgsbestimmg. erforderlich)K: Landrat/Vorsitzender des Kreistags(Hauptsatzgsbestimmg. erforderlich) Gesetzes/Wahl mögl. LandAmtl. Abkürzung der Kommunalgesetze Bezeichnung der Volksver-tretung der Gebietskörperschaft Bezeichnung der Volksvertreter Gemeinde-verbände(Ämter o. Ä.*) Bezeichnung des Parlamentsvorstehers Amt kraft … Gemeinden und Kreise mit Parlamentsvorstehern kraft Amtes, sie werden nicht von der Volksvertretung gewählt Baden-WürttembergG: GemOK: LKrO G: GemeinderatS: GemeinderatK: Kreistag G: GemeinderäteS: StadträteK: Kreisräte neinG: Vorsitzender/BürgermeisterS: Vorsitzender/Bürgermeister/OberbürgermeisterK: LandratGesetzes BayernG: GOK: LKrO G: GemeinderatS: StadtratK: Kreistag G: GemeinderatsmitgliedS: StadtratsmitgliedK: Kreisräte nein G: Erster BürgermeisterS: Erster Bürgermeister/OberbürgermeisterK: Landrat Gesetzes Berlinkeine Gemeindeordnung Abgeordnetenhaus (Landesparlament) — — — — Hamburgkeine Gemeindeordnung Bürgerschaft (Landesparlament) — — — — Nordrhein-WestfalenGO NRW G: Rat der GemeindeS: Rat der StadtK: Kreistag G: RatsmitgliedS: RatsmitgliedK: Kreistagsabgeordneter — G: BürgermeisterS: BürgermeisterIn kreisfreien Städten: OberbürgermeisterK: Landrat Gesetzes Rheinland-PfalzGemO OG: GemeinderatVG: VerbandsgemeinderatS: StadtratK: Kreistag OG: RatsmitgliedVG: RatsmitgliedS: RatsmitgliedK: Kreistagsmitglied ja(Verbands-gemeinden**) OG: OrtsbürgermeisterVG: BürgermeisterS: BürgermeisterIn kreisfreien und großen kreisangehörigen Städten: OberbürgermeisterK: Landrat Gesetzes SaarlandKSVG G: GemeinderatS: StadtratK: Kreistag G: Mitglied des GemeinderatsS: Mitglied des StadtratsK: Mitglied des Kreistags nein G: Vorsitzender des GemeinderatsS: Vorsitzender des StadtratsK: Vorsitzender des Kreistags Gesetzes Sachsen G: GemeinderatS: StadtratK: Kreistag G: GemeinderatS: StadtratK: Kreisrat nein(Verwaltungs-verband;Verwaltungs-gemeinschaft***) G: BürgermeisterS: Bürgermeister/OberbürgermeisterK: Landrat Gesetzes OG = Ortsgemeinde, G = Gemeinde, VG = Verbandsgemeinde, S = Stadt, K = Kreis/Landkreis – *) Verbände: Ämter, Samtgemeinden, Verwaltungsgemeinschaften; **) Verbandsgemeinden in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sind Gebietskörperschaften mit den entsprechenden Hoheitsrechten; ***) Verwaltungsverband und Verwaltungsgemeinschaft sind keine Gebietskörperschaften

Kommunalverfassungsrechtliche Gesetze in den deutschen Ländern mit Gebietskörperschaften und gewählten Parlamentsvorstehern Die nachfolgend genannten einzelnen Gesetze enthalten zahlreiche Ermächtigungen zu vielfältigen rechtlichen Regelungen der Kollegialorgane durch Satzungen (Ortsrecht), insbes. die Hauptsatzung, und die Geschäftsordnung (GeschO):

Brandenburg: Kommunalverfassung des Landes Brandenburg (BbgKVerf) vom 18. Dezember 2007 (GVBl. I/07 [Nr. 19], S. 286), zuletzt geändert durch Artikel 4 des Gesetzes vom 10. Juli 2014 (GVBl. I/14, [Nr. 32]) Bremen:Artikel 143 Abs. 2 der Landesverfassung: Die Stadt Bremen und die Stadt Bremerhaven bilden jede für sich eine Gemeinde des bremischen Staates.; Artikel 145 Abs. 1 der Landesverfassung: Die Verfassungen der Gemeinden werden von den Gemeinden selbst festgestellt. Durch Gesetz können dafür Grundsätze bestimmt werden.– Ausführungsgesetz zu Artikel 145 Absatz 1 der Landesverfassung vom 23. März 2010, mehrfach geändert durch Gesetz vom 1. April 2014 (Brem.GBl. S. 243)– Geschäftsordnung der Bremischen Bürgerschaft (18. Wahlperiode) in der Fassung des Übernahmebeschlusses vom 1. Juli 2015, zuletzt geändert am 23. September 2015 (insbesondere § 75 Anwendung der Geschäftsordnung auf die Stadtbürgerschaft…)- Verfassung für die Stadt Bremerhaven (VerfBrhv) vom 3. Dezember 2015 (Brem.GBl, S. 670) Hessen: - Hessische Gemeindeordnung (HGO) in der Fassung der Bekanntmachung vom 7. März 2005 (GVBl. I S. 142), zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 28. März 2015 (GVBl I S. 158, 188) - Hessische Landkreisordnung (HKO) in der Fassung der Bekanntmachung vom 7. März 2005 (GVBl. I S. 183), zuletzt geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 28. März 2015 (GVBl. I S. 158) Mecklenburg-Vorpommern: Kommunalverfassung für das Land Mecklenburg-Vorpommern (Kommunalverfassung – KV M-V) vom 13. Juli 2011, verkündet als Artikel 1 des Gesetzes über die Kommunalverfassung und zur Änderung weiterer kommunalrechtlicher Vorschriften vom 13. Juli 2011 (GVOBl. M-V, S. 777) Niedersachsen: Niedersächsisches Kommunalverfassungsgesetz (NKomVG) vom 17. Dezember 2010 (Nds. GVBl, S. 576), zuletzt geändert durch § 4 des Gesetzes vom 12. November 2015 (Nds. GVBl, S. 311), Schleswig-Holstein: - Gemeindeordnung für Schleswig-Holstein (Gemeindeordnung – GO –) in der Fassung vom 28. Februar 2003 (GVOBl. 2003, S. 57) - Kreisordnung für Schleswig-Holstein (Kreisordnung – KrO –) in der Fassung vom 28. Februar 2003 (GVOBl. 2003, S. 94) Thüringen: Thüringer Gemeinde- und Landkreisordnung (Thüringer Kommunalordnung – ThürKO –) in der Fassung der Bekanntmachung vom 28. Januar 2003 (GVBl. 2003, S. 41).

Person und Amt des Vorstehers von kommunalen Volksvertretungen Die von der kommunalen Volksvertretung (Gemeinderat, Gemeindevertretung/Stadtverordnetenversammlung, Kreistag o. ä.) gewählte Person bekleidet ein öffentliches Amt. Es ist ein Ehrenamt. Die gewählte Person steht in einem öffentlichen Treue- nicht aber notwendigerweise in einem Dienstverhältnis, etwa im Sinne des Beamtenrechts. In ihrer Treuepflicht hat sie in erster Linie die durch die Tradition gebotenen Regeln (Herkommen, Brauchtum) der Geschäftsordnung von Volksvertretungsorganen zu beachten, andererseits hat sie Pflichten, die ihr das Gesetz darüber hinaus auferlegt hat (z. B. Informations- und Repräsentationspflichten).