mini|hochkant=1.5|Neues Schloss Stuttgart, Ehrenhofseite Das Neue Schloss Stuttgart, auch Residenzschloss Stuttgart, ist die ehemalige Residenz der Herzöge und Könige von Württemberg am Schlossplatz in Stuttgart. Die barocke Dreiflügelanlage wurde 1746 durch Herzog Carl Eugen von Leopoldo Retti begonnen und 1807 durch Friedrich I. von Nikolaus Friedrich Thouret vollendet. Hervorzuheben sind das Treppenhaus, der Marmorsaal und der Weiße Saal. Nach der Beschädigung 1944 wurde das Schloss 1957 bis 1964 wiederaufgebaut. Heute ist es Sitz des Finanzministeriums, des Wirtschaftsministeriums und von Teilen des Landesmuseums Württemberg.

Geschichte mini|Das Neue Schloss mit dem Schlossplatz und der Jubiläumssäule mini|Das Neue Schloss aus der Luft Vorgeschichte und Planung Mit neun Jahren wurde Carl Eugen 1737 neuer Herzog von Württemberg. Da er beim Amtsantritt noch minderjährig war, wurde er zur Erziehung an den Hof des preußischen Königs Friedrich II. geschickt, während Administratoren die Regierungsgeschäfte übernahmen. Mit 16 Jahren konnte Carl Eugen die Nachfolge seines Vaters Carl Alexander antreten und nach Württemberg zurückkehren. Sein Vor-Vorgänger, Herzog Eberhard Ludwig, hatte die herzogliche Residenz in das 12 km von Stuttgart entfernte Ludwigsburg verlegt. Die Stadt Stuttgart versuchte nun, mit Unterstützung der württembergischen Ständeversammlung den Herzog wieder zu einer Rückkehr nach Stuttgart zu bewegen, da die Residenz des Herzogs wirtschaftliche und politische Macht bedeutete. Carl Eugen stellte als Bedingung den Bau einer angemessenen Unterkunft, die das Alte Schloss aus der Zeit der Renaissance ablösen sollte.Michael Wenger: 250 Jahre Neues Schloß in Stuttgart. Verlag Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, Stuttgart, 1996, ISBN 3-929981-12-2, S. 10. In dieser Zeit reichten viele Architekten ihre Vorschläge und Entwürfe beim Herzog ein, darunter auch Johann Balthasar Neumann, dessen Vorschlag aber abgelehnt wurde. Architekturhistoriker behaupten, wenn Neumanns Idee damals realisiert worden wäre, so wäre der großartigste Palastbau des 18. Jahrhunderts entstanden. Der württembergische Oberbaudirektor Johann Christoph David von Leger wiederum schlug vor, das Alte Schloss nur auszubauen. Der ansbachische Baudirektor Leopoldo Retti, dessen Onkel Donato Giuseppe Frisoni für Herzog Eberhard Ludwig Schloss Favorite in Ludwigsburg gebaut hatte, wählte für seinen Entwurf die Stelle eines ehemaligen Armbrusthauses im Lustgarten.Beschreibung des Stadtdirections-Bezirkes Stuttgart. Herausgegeben von dem statistisch-topographischen Bureau; unveränderte Neuauflage der Ausgabe von 1856. Bissinger, Magstadt 1964, S. 142. Des Weiteren reichten noch Alessandro Galli da Bibiena und Maurizio Pedetti Vorschläge ein.Dagmar Zimdars [Bearb.]: Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg I. Deutscher Kunstverlag, Berlin/München, 1993, ISBN 3-422-03024-7, S. 753. Am 6. Mai 1746 wurde Rettis Vorschlag von Carl Eugen ausgewählt. Dieser sah einen Ehrenhof vor, der nicht zur Stadt, sondern auf noch nicht erschlossenes Gelände nach Norden zeigte. Dadurch konnte eine Sicht auf die 1745 fertiggestellte Militärakademie im Süden des Schlosses, die spätere Hohe Karlsschule, vermieden werden und diese ebenso wie das Neue Lusthaus erhalten werden.Wenger: 250 Jahre Neues Schloß in Stuttgart. S. 16. Seiner Planung nach sollten sich in dem zum Garten gewandten Flügel die Gemächer der herzoglichen Familie befinden, im Corps de Logis die Repräsentationsräume und im zur Stadt gewandten Flügel Gästeräume untergebracht werden.Regina Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart mit ihrer Umgebung. Brausdruck, Heidelberg, 1998, ISBN 3-932489-08-X, S. 37.

Erste Bauphase unter Leopoldo Retti Am 3. September 1746 konnte am Gartenflügel der Grundstein gelegt werden. Die Anlage wurde nach Plänen von Leopoldo Retti und unter der Leitung von Johann Christoph David Leger begonnen, da Retti bis 1748 noch in Ansbach beschäftigt war.Wenger: 250 Jahre Neues Schloß in Stuttgart. S. 17. Bis 1749 waren das Corps de Logis und der Gartenflügel äußerlich fertig, so dass 1750 mit der Innenausstattung des Gartenflügels begonnen werden konnte.Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart mit ihrer Umgebung. S. 37. Dabei zog Retti auch diverse Gutachten und Vorschläge anderer Architekten hinzu. Im Frühjahr 1751 wurde mit dem Fundament des Stadtflügels begonnen. Am 18. September 1751 verstarb Retti an einer unbekannten Krankheit in Stuttgart. Von 1748 bis 1753 schuf der italienische Bildhauer Domenico Ferretti nach dem Figurenprogramm von Georg Bernhard Bilfinger und Leopoldo Retti den Hauptgiebel, den Gartengiebel und über 60 Dachfiguren.

Zweite Bauphase unter Philippe de La Guêpière Nach dem Tod Rettis übernahm der Pariser Baumeister Philippe de La Guêpière, ein Freund von Retti, die weiteren Arbeiten und vollendete 1752 den Stadtflügel. Er war ein Kenner der modernen Architekturtheorie, die ganz von Frankreich und vom Schloss Versailles kopiert wurde, und kannte die Ansprüche des modernen Schloss- und Palastbaus, nach denen er auch in Stuttgart baute. Er entwarf außerdem die Inneneinrichtung des Gartenflügels und zum Teil die des Corps de Logis. 1758 bis 1760 wurden unter seiner Leitung die Portikus und die Kuppel auf dem Marmorsaal nach Plänen Rettis fertiggestellt.

Stopp der Bauarbeiten 1764 In der Nacht vom 13. auf den 14. November 1762 brach im hinteren Teil des Gartenflügels ein Brand aus, der den Flügel völlig vernichtete. Damit ging auch die von Guêpière entworfene Inneneinrichtung verloren. Nun verlegte man sich ganz auf den Innenausbau des Stadtflügels. Am 11. Februar 1763 hielt Carl Eugen seine Geburtstagsfeierlichkeiten im fast fertiggestellten Stadtflügel ab. Dies war das erste große Ereignis im Schloss. Im Jahr 1763 wurde von Seiten Guêpières ein Wiederaufbau versucht, der jedoch an den immer höheren Kosten, finanziellen Engpässen und dem mangelnden Interesse Carl Eugens scheiterte. Die Wiener Reichshofkammer und die Ständevertretung warfen ihm Verschwendungssucht vor, so dass nach längeren Auseinandersetzungen der Bau gestoppt wurde und Carl Eugen seine Residenz 1764 nach Ludwigsburg verlegte. 1768 verließ Guêpière den württembergischen Hof und kehrte nach Paris zurück.

Besuch des russischen Zaren Paul I. Erst 1775 kehrte Carl Eugen nach Stuttgart zurück und ließ Teile des Schlosses von Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer instand setzen und anlässlich des Besuches des russischen Thronfolgers und späteren Zaren Paul I. und seiner Frau Sophie Dorothee von Württemberg, einer Nichte Carl Eugens, den Marmorsaal im Mittelpavillon des Corps de Logis mit einem Deckenbild von Nicolas Guibal ausstatten.

Dritte Bauphase unter Nikolaus Friedrich von Thouret Als Carl Eugen 1793 starb, war das Schloss größtenteils wieder aufgebaut. So war der Stadtflügel 1789 voll ausgestattet worden und der Gartenflügel bis 1791 fertiggestellt.Wenger: 250 Jahre Neues Schloß in Stuttgart. S. 52. Die weiteren Bauarbeiten zogen sich bis ins 19. Jahrhundert hin. Mit Herzog Friedrich II. wurde der Schlossbau an Nikolaus Friedrich von Thouret übertragen, der den Schlossbau zum Besuch des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte 1806 vollendete.Wiederaufbau des Neuen Schlosses in Stuttgart 1958–1964. Staatliche Hochbauverwaltung, Stuttgart 1964, S. 20. Elf Jahre später wurden anlässlich des Besuchs des Zaren Alexander I. von Thouret einige Räume wie der „Rote Marmorsaal“ neu eingerichtet.

Veränderungen nach 1816 Nach dem Tod von König Friedrich I. im Jahre 1816 zog König Wilhelm I. in das Neue Schloss ein. Unter Wilhelm I. waren Giovanni Salucci und später dessen Schüler Ferdinand Gabriel für die Umbauarbeiten im Schloss zuständig, auf die unter anderem der Graue und der „Gelbe Marmorsaal“ 1836 zurückgingen. 1840 und 1841 sowie 1852 bis 1854 wurden vom Hofmaler Joseph Anton von Gegenbaur die drei Freskenzimmer neben dem Treppenhaus im Erdgeschoss mit Szenen aus der Geschichte des Herzogtums und Königreichs Württemberg angelegt.Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart mit ihrer Umgebung. S. 41. Unter König Karl I. und seiner Frau Olga wurden nur geringfügige Veränderungen am Schloss, hauptsächlich im königlichen Wohnbereich vorgenommen, die von Joseph von Egle ausgeführt wurden.

König Wilhelm II. verzichtete auf seinen Wohnsitz im Neuen Schloss und nutzte es selbst nur zu Repräsentationszwecken. Das Schloss wurde in dieser Zeit schon teilweise öffentlich zugänglich gemacht.Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart in ihrer Umgebung. S. 42. Ab 1906, verstärkt ab 1911, wurden die Attikafiguren, die witterungsbedingt beschädigt und zum Teil nicht mehr standfest waren, durch Kopien ersetzt, zum Teil durch Betonabgüsse, die von Schwenk in Ulm gefertigt wurden.Ferdinand Werner: Der lange Weg zum neuen Bauen. Band 1: Beton: 43 Männer erfinden die Zukunft. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2016, ISBN 978-3-88462-372-5, S. 282 f.

Nutzung nach 1918 mini|Beschädigtes Schloss am 6. April 1944 mini|Die Kriegsruine des Neuen Schlosses (1955) Nachdem Wilhelm II. am 30. November 1918 abgedankt hatte, ging das Schloss in Staatsbesitz über. 1919 kam im Erdgeschoss und einem Teil des Gartenflügels im ersten Obergeschoss das Deutsche Ausland-Institut unter, welches darin Büro- und Ausstellungsräume einrichtete. Im zweiten Obergeschoss und einem anderen Teil des ersten Obergeschosses kam das Polizeipräsidium der Stadt Stuttgart unter.Walther-Gerd Fleck, Franz Josef Talbot: Neues Schloß Stuttgart: 1744–1964. Deutsche Burgenvereinigung, Freiburg i. Br. 1997, ISBN 3-927558-05-2, S. 103. Anfang der 1920er Jahre wurde im Erdgeschoss des Stadtflügels und im gesamten ersten Obergeschoss ein Museum, in dem die Kostbarkeiten der fürstlichen Kunstkammer, die Majolika-Sammlung und verschiedene Wohnräume der ehemaligen württembergischen Könige gezeigt wurden, eröffnet. Nachdem das Deutsche Ausland-Institut 1928 umgezogen war, wurde der verbliebene nicht genutzte Teil des Gebäudes zum Heeresmuseum und ein Teil im ersten Obergeschoss zum Antikenmuseum umgebaut. Nach Umzug des Polizeipräsidiums 1926 beherbergte das zweite Obergeschoss die Büroräume der Altertümersammlung und des Landesamts für Denkmalpflege.Fleck, Talbot: Neues Schloß Stuttgart: 1744–1964. S. 104.

In der Zeit des Dritten Reiches wurde im Stadtflügel ein Luftbefehlsschutzbunker eingebaut, der 1958 wieder gesprengt wurde.Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart mit ihrer Umgebung. S. 43. Durch Luftangriffe am 21. Februar und am 2. März 1944 wurde das Schloss nahezu völlig zerstört, nachdem es von zwei Sprengbomben getroffen worden war und in der Folge bis auf die Außenfassade abbrannte.Wiederaufbau des Neuen Schlosses in Stuttgart 1958–1964. S. 8.

Lange Jahre wurde um den Wiederaufbau gestritten, und fast wären die Reste des Neuen Schlosses zugunsten eines Hotels abgerissen worden. Nach heftigen Protesten von Bürgern und Denkmalschützern beschloss der Landtag von Baden-Württemberg 1957 – mit nur einer Stimme Mehrheit – die äußere Rekonstruktion des Schlosses. Seit dem Wiederaufbau zwischen 1958 und 1964 (unter der Leitung von Horst Linde), bei dem nur ein Teil der barocken Innenräume des Corps de Logis rekonstruiert wurde, wird das Neue Schloss von der baden-württembergischen Landesregierung genutzt. Anfangs befanden sich in den beiden Seitenflügeln das Kultus- und das Finanzministerium. Der Corps de Logis wurde zu Repräsentationszwecken des Staatsministeriums genutzt.