Der Ordo Templi Orientis (Tempelorden des Ostens bzw. Orientalischer Templerorden), kurz O.T.O., ist eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründete okkulte Organisation, die bis in die Gegenwart als Initiationsorden esoterische Ideen und Praktiken lehrt. Zu den wichtigsten Praktiken gehört die Ausübung der Sexualmagie, die der zentrale Lehrinhalt des O.T.O. ist. Die Ursprünge des O.T.O. lassen sich zu den deutschsprachigen Okkultisten Carl Kellner, Henry Klein, Franz Hartmann und Theodor Reuß zurückverfolgen. Später wurde der O.T.O. maßgeblich von Aleister Crowley geprägt.Marco Pasi: Ordo Templi Orientis. In: Wouter J. Hanegraaff: Esotericism, in: Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden/Boston 2005, S. 898ff. mini|402x402px|Organisation des O.T.O. unter Theodor Reuss

Geschichte Entstehung Der O.T.O. wurde im Geheimen am 1. September 1901 von dem Wiener Industriellen Carl Kellner, dem deutschen Theosophen und Freimaurer Franz Hartmann und von Henry Klein gegründet. Der Orden wurde als Geheimgesellschaft konzipiert, von Kellner maßgeblich finanziert und wohl auch geleitet. Als „äußeren“ Orden beabsichtigte man den von Reuß und Hartmann übernommenen Memphis-Misraïm-Ritus auszubauen, weshalb Kellner im September 1902 im höchsten Grad 90 bzw. 95 beitrat. Nach Kellners Tod 1905 übernahm Reuß die Leitung und machte den O.T.O. ab 1906 öffentlich bekannt.Karl R. H. Frick: Licht und Finsternis. Gnostisch-theosophische und freimaurerisch-okkulte Geheimgesellschaften bis zur Wende des 20. Jahrhunderts. Band II. Marix Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-044-7, S. 462.

Bis 1905 wurde der Orden noch nicht als O.T.O. bezeichnet, sondern hieß einfach nach seiner freimaurerischen Lehrart Memphis-Misraïm-Ritus (MMR). Nach diesem Ritus war der Orden ursprünglich als Erweiterung zur blauen Freimaurerei gedacht und man hoffte auf die Anerkennung durch die Vereinigte Großloge von England. MMR war eine synkretistische Lehrart, die neben freimaurerischen und rosenkreuzerischen Elementen ebenfalls templerisches und gnostisches Gedankengut mit einbezog. Zudem kam Reuß’ bereits 1880 erfolgloser Versuch neu auf, eine Wiederherstellung des Adam Weishauptschen Illuminatenordens in München zu bewerkstelligen. Reuß’ inhaltlich absurde Idee der Nähe ausgerechnet dieses Ordens mit der Tradition des aufklärerischen bayerischen Illuminaten-Ordens, der zum damaligen Zeitpunkt längst Geschichte war, setzte sich durch. Die Darstellung einer Illuminaten-Wiederbelebung im O.T.O. wird seitdem offiziell vom O.T.O. vertreten. Franz Hartmann beabsichtigte, als Bindeglied dieser Lehrart einen – selbst die Vereinigte Großloge von England umfassenden – neuen freimaurerischen Dachverband zu gründen, der Academia Masonica heißen sollte. Theodor Reuß schlug vor, die Lehren von Hartmann in den inneren Kreis des Ordens zu verlegen. Als O.T.O. wurde der Orden erst 1906 mit der englischen O.T.O.-Konstitution von Theodor Reuß bekannt. Kellner war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben und Hartmann hatte 1904 sämtliche Bindungen aufgegeben. Reuß wurde somit alleiniges Oberhaupt des neuen Ordens bis zu seinem Tode und gab sich den Ordensnamen Peregrinus.

Weiterentwicklung mini|200px|Auf Geheiß des AMORC-Gründers Harvey Spencer Lewis wurde Crowley 1921 aus dem O.T.O. ausgeschlossen. mini|200px|Aleister Crowley übernahm 1925 eigenmächtig die O.T.O.-Leitung ohne Ernennungsdekret.

Der O.T.O. wurde durch Theodor Reuß neu strukturiert. Er entwickelte ein System von zehn Graden. Die Rituale des O.T.O. waren ursprünglich freimaurerisch mit Betonung auf Hermetik („irreguläre“ Lehrart Memphis-Misraim). Diese wurden durch Aleister Crowley 1915 komplett überarbeitet und enthalten seitdem Crowleys Buch des Gesetzes. Crowley fügte einen elften Grad ein, zu dessen sexualmagischer Arbeit Analverkehr zwischen den männlichen Ordensmitgliedern gehört.Lawrence Sutin: Do What Thou Wilt. A Life of Aleister Crowley. St Martin’s Press, New York 2000, S. 228. Die Anerkennung als reguläre Freimaurerorganisation durch die Vereinigte Großloge von England blieb auch in den Folgejahren aus. Der O.T.O. erlangte durch die Mitgliedschaft Crowleys skandalumwitterte Popularität. Nach sexuellen Skandalen um Crowleys Abtei Thelema schloss Reuß ihn am 25. Oktober 1921 zunächst aus dem O.T.O. aus. Bekannte Esoteriker waren zeitweise Mitglieder oder standen in Verbindung mit dem O.T.O. (L. Ron Hubbard, John Whiteside Parsons und Gerald B. Gardner).

Rudolf Steiner Ob Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, ebenfalls Mitglied war, ist umstritten. Laut Karl R. H. Frick trat er 1905 dem von Reuß geführten O.T.O. bei, erlangte rasch den IX° und wurde zügig in die höchsten Grade des Memphis-Misraim-Ritus erhoben. Um 1906 sei er durch Reuß zum X° ernannt worden (ein rein administrativer Grad, der zur Wahl des O.H.O. befähigt), zwecks Leitung des O.T.O. in Deutschland.Karl R. H. Frick: Licht und Finsternis. Gnostisch-theosophische und freimaurerisch-okkulte Geheimgesellschaften bis zur Wende des 20. Jahrhunderts. Band II. Marix Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-86539-044-7, S. 524–526. Laut dem Kompaktlexikon Religionen wurde die deutsche Sektion des O.T.O. von 1906 bis 1914 von Steiner geleitet, der den höchsten Grad („Summus Rex“) erreicht habe.Rüdiger Hauth (Hrsg.): Kompaktlexikon Religionen. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1998, ISBN 3-417-24677-6. S. 255. Frick gibt an, er habe etwa von 1906 bis 1914 den „inneren“ Kreis des O.T.O. geleitet, der sich in Deutschland „Mysteria Mystica Aeterna“ (MMA) nannte, als Großmeister und Supremus Magus, was lange geheim geblieben sei. Er habe dabei die von Reuß in Deutschland angebahnte (und später von Crowley in England fortgeführte) Wandlung des O.T.O. in einen pantheistisch-gnostisch-magischen Geheimbund nicht nachvollzogen, sondern den von ihm geleiteten deutschen O.T.O.-Zweig im Sinne eines christlich-abendländischen Rosenkreuzertums ausgebaut. Kraft eines Reuß-Patents aus dem Jahre 1906 zur Gründung einer O.T.O.-LogeStephen Flowers: Feuer und Eis. Die magischen Geheimlehren des deutschen Geheimordens Fraternitas Saturni. Ins Deutsche übertragen von Michael DeWitt. Edition Ananael, Wien 1993, ISBN 3-901134-03-4. S. 28. soll Steiner in Berlin eine innere Rosenkreuzergemeinschaft des O.T.O. geleitet haben. Gegen seinen Willen habe ein dänisch-amerikanischer Schüler unter dem Pseudonym Max Heindel Teile aus seinen geheim gehaltenen Rosenkreuzerlehren veröffentlicht und auf dieser Basis 1909 die Rosicrucian Fellowship gegründet.Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): Geheimgesellschaften und der Mythos der Weltverschwörung. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 1987, ISBN 3-451-09569-6, (Herderbücherei 9569), (Initiative 69), S. 126–127. Gemäß dem französischen Religionswissenschaftler Antoine Faivre trat Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, zirka 1905 dem O.T.O. bei (Austritt 1913) und wurde Vorsitzender des deutschen Zweiges.Antoine Faivre: Esoterik im Überblick. Herder, 2001. S. 117. Noch heute behaupten viele O.T.O.-Oberhäupter, Steiner habe dem O.T.O. angehört.Peter R. König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011. S. 119. Der Journalist und O.T.O.-Forscher Peter-Robert König bestreitet dagegen, dass Steiner je Mitglied im Orden war, da ihm keinerlei schriftliche Primärquellen dafür vorlägen.Peter-Robert König: Rudolf Steiner (1861-1925): niemals Mitglied irgendeines O.T.O. auf parareligion.ch, Zugriff am 1. Januar 2014. Er kenne lediglich einen Brief Crowleys, in dem dieser sich über den Unsinn ausließ, „den Steiner, der ‚in relation with the O.T.O.‘ sei, rauslasse.“Peter R. König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011. S. 119. Auch der niederländische Philosophiehistoriker Cees Leijenhorst glaubt nicht an eine Mitgliedschaft Steiners: Die Kontakte zu Reuß seien rein formaler Natur gewesen.Cees Leijenhorst: Steiner, Rudolf. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden/Boston 2005, Bd. 2, S. 1089.

1920 wurde der O.T.O. auf dem Zürcher Internationalen Freimaurerkongress definitiv als irregulär deklariert.

Im Juli 1921 wurde Harvey Spencer Lewis, der Gründer des AMORC, von Reuß zum VII° („Honory Member … for Swizerland, Germany and Austria“) ernannt. Der in den USA wohnende Lewis verlangte von dem in München ansässigen Reuß, Crowley aus dem O.T.O. zu verstoßen. Andernfalls werde er sich von einem gemeinsam geplanten Projekt distanzieren. Daraufhin wurde Crowley am 25. Oktober 1921 aus dem O.T.O. ausgeschlossen. Postwendend ernannte sich Crowley selber zum Oberhaupt des O.T.O., während Reuß neue Rosenkreuzer-Organisationen in Zusammenarbeit mit dem AMORC und Krumm-Hellers Rosenkreuzer-Orden Fraternitas Rosicruciana Antiqua (F.R.A.) plante. In der Folge zerfiel der O.T.O. in unzählige Zweige.Peter R. König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011. S. 99–100. 1922 legte Reuß aus gesundheitlichen Gründen seine O.T.O.-Ämter nieder. 1923 starb Reuß, ohne einen Nachfolger bestimmt zu haben.

Struktur und Organisation Leiter (Outer Head of the Order; O.H.O.) des O.T.O. ist seit 1985 William Breeze unter dem Ordensnamen Hymenaeus Beta. Weltweit hatte der O.T.O. 2014 etwa 3.000 initiierte Mitglieder.

Die lokalen Körperschaften unterteilen sich in Camps, Oasen und Logen. Camps sind die kleinsten Gruppen. Oasen haben mehr Mitglieder als Camps, Camps und Oasen initiieren bis zum III°. Logen übertreffen Oasen an Mitgliederstärke und initiieren bis zum IV°/P∴I∴-Grad. Der deutsche O.T.O. arbeitet dabei gemäß den Regelungen des Internationalen Hauptquartiers. In Deutschland zählte der in Aachen eingetragene Verein im Jahr 2012 rund 100 Mitglieder.Gerald Willms: Die wunderbare Welt der Sekten: Von Paulus bis Scientology. Vandenhoeck & Ruprecht; Auflage: 1. Auflage 2012, S. 260.

Der O.T.O. finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge und durch die Tantiemen des Thoth-Tarots. So wurde 1998 von der Schweizer Spielkartenfirma Mueller AG in Schaffhausen ein diesbezüglicher Vertrag mit dem O.H.O. William Breeze unterzeichnet.

Gradsystem Das Gradsystem des heutigen O.T.O. besteht aus zwölf Graden.Gradstruktur der US Großloge des O.T.O. (zuletzt abgerufen am 6. November 2012) Der siebte Grad soll nach Darstellung des O.T.O. gleichwertig mit dem 32° des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus sein. Im achten und neunten Grad werden sexualmagische Geheimnisse gelehrt. Der elfte Grad ist eine Variante des neunten Grades, in dem sexualmagische Energien umgekehrt werden, wie durch die Verdrehung der Buchstaben von IX° zu XI° veranschaulicht.Richard Kaczynski: Perdurabo North Atlantic Books, 2. Auflage, Berkeley 2010, S. 274. Das Gradsystem des O.T.O. wird in drei Stufen (Triaden) unterteilt: den Einsiedler, den Liebenden und den Menschen der Erde nach dem Vers I/40 des Liber AL vel Legis. Die Grade sollen den Probanden unterstützen, seine wahre Identität zu finden. Im ersten Grad (Minerval 0°) entscheidet der Strebende, ob er ordentliches Mitglied werden will. Ein solches steht immer in spiritueller Verbindung mit dem Orden, selbst wenn es die aktive Mitgliedschaft niedergelegt hätte.