mini|Stiftskirche um 1900, Ansicht von Nordost (Schillerplatz). Links der Südturm, dahinter der Westturm. Rechts der Fruchtkasten. mini|Ansicht von Nordost mini|Ansicht von Westen. Links der Südturm, rechts der Westturm.
Die zentral innerstädtisch gelegene Stiftskirche ist die älteste mittelalterliche Kirchengründung im heutigen Stadtbezirk Mitte der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart, Pfarrkirche der Stiftskirchengemeinde im Kirchenkreis Stuttgart und Hauptkirche der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Als Innenstadtkirche übernimmt sie weiterhin Aufgaben, die über ihre Parochie hinausgehen. Der untere Teil des Südturms stellt das einzige erhaltene bauliche Zeugnis der Stauferzeit in Stuttgart dar. Mit ihren beiden ungleichen Türmen ist sie eines der Wahrzeichen der Stadt.
Ausrichtung Die Achse des Kirchenschiffs verläuft in Nordost-Südwest-Richtung. Dennoch werden auch bei der Stiftskirche vereinfachte Bezeichnungen verwendet, die der traditionellen Ausrichtung der Kirchen in Ost-West-Richtung (siehe Ostung) entsprechen, zum Beispiel: Westwerk, Westseite, Westturm, Südwand, Südturm.Oliver Auge: Die Stiftskirche in Stuttgart in: Württembergische Kirchengeschichte Online. Das Westwerk mit dem Hauptturm („Westturm“) liegt bei der Stiftskirche im Südwesten. Dies hat die kuriose Folge, dass der „Südturm“ an der „Südfassade“ weiter nördlich liegt als der Westturm.Bei Google Maps ist die Ausrichtung in Nordost-Südwest-Richtung erkennbar. Die südwestliche Front wird „Westwerk“ genannt. Der dortige „Westturm“ liegt südlicher als der „Südturm“ an der „Südfassade“.
Baugeschichte Romanik Während man bisher annahm, dass es aus dieser Zeit keinerlei bauliche Zeugen mehr gibt, zeigen aktuelle Funde im Altarbereich und im Schiff der Stiftskirche eine einschiffige frühromanische Kirche mit halbrunder Apsis, die im 10. oder 11. Jahrhundert entstanden ist. Diese erste Kirche liegt mitten im Grundriss der heutigen Stiftskirche; wie die Jahresringe bei einem Baum legen sich die baulichen Zeugnisse der nachfolgenden Jahrhunderte um den ältesten Kern.
mini|Doppeltumba von Graf Ulrich I. „dem Stifter“ (hinten) und Herzogin Agnes von Liegnitz (vorn) in der Stifterkapelle Vermutlich im Zusammenhang mit dem benachbarten Schloss wird aus der Dorfkirche um 1240 eine herrschaftliche dreischiffige Kirche mit geplanten zwei Türmen (realisiert wird nur der Südturm) und einem Chor, von dem nur die Breite, nicht aber der Chorabschluss und die Länge bekannt sind. Die Breite der Dorfkirche mit ca. 7 m wird nun zur Breite des Mittelschiffs, das nach Norden, Süden und Westen um jeweils ca. 3,50 m vergrößert wird.
In der Stifterkapelle im Südturm steht das älteste Denkmal der Kirche, eine spätromanische Doppeltumba von Graf Ulrich I. „dem Stifter“ und Herzogin Agnes von Liegnitz, entstanden Ende des 13. Jahrhunderts. Sie war ursprünglich farbig gefasst. Ulrich und Agnes sterben 1265; ihre Gebeine werden um 1320 nach Stuttgart überführt. Graf Ulrich und seine Gemahlin sind in Lebensgröße dargestellt. Ulrich steht auf zwei Löwen – Symbol des Heldentums – und über dem Kopf befindet sich das württembergische Wappen. Agnes steht auf zwei Hunden – Symbol der ehelichen Treue; vor ihrer Brust hält sie das Modell des Chores; über dem Kopf ist das Wappen mit dem schlesischen Adler angebracht. Der Chor wurde jedoch sehr viel später erst geplant und gebaut. Daher handelt es sich hier um eine spätere Zutat.
Frühgotik mini|Der frühgotische Chor (erste Hälfte 14. Jahrhundert) mini|Der Chor von innen
Um 1320 werden durch Graf Eberhard den Erlauchten das Chorherrenstift und die Grablege der Grafen von Württemberg von Beutelsbach nach Stuttgart verlegt, da hier in der Residenz ein besserer Schutz gewährleistet ist. Die Grablege in Beutelsbach war bei Streitigkeiten zwischen Kaiser und Graf zerstört worden. Nun wird die Stadtkirche durch päpstliches Dekret zur Stiftskirche erhoben. Ein Propst (gewählt von den Chorherren), zwölf Chorherren und zwölf Vikare tun hier am Kollegiatstift Heilig Kreuz Dienst. Zusammen mit weiteren Priestern ist mit ca. 30 Priestern an der Kirche zu rechnen.
Da die große Zahl von Priestern Platz braucht, wird 1321/1327–1347 ein neuer Chor in frühgotischem Stil errichtet, der im Wesentlichen heute in den ursprünglichen Formen sichtbar ist. Die Achse des Chores wird gegenüber dem Schiff nach Süden versetzt, was auch später – beim Neubau des Kirchenschiffs – so bleibt. Grund ist vermutlich die umgebende Bebauung auf der Nordseite der Kirche und eventuell die Weiterverwendung der romanischen Nordwand als Teil der neuen Chornordwand.
Die 1321 aus Beutelsbach hierher überführten Gebeine der württembergischen Ahnen werden in einer Grabkammer unter der Sakristei bestattet. Graf Eberhard selbst wird unmittelbar neben dem Südturm in der Südwestecke des Chors begraben. Sein Grab wurde bei Grabungen am Fundament beim letzten Umbau entdeckt. Seit dieser Zeit werden die württembergischen Grafen in der Stiftskirche bestattet.
Gleichzeitig erhält der Südturm sein viertes und um 1400 das fünfte Geschoss. Ca. seit 1380 ist ein Lettner (nicht erhalten) zwischen Chor und Schiff bezeugt. Dieser „Brückenlettner“ bietet recht viel Platz: für das Grafenhaus, eine Orgel (seit ca. 1380) und Grabmäler.
Spätgotik Graf Ulrich V. baute die Stadt Stuttgart aus und ließ auch die Stiftskirche erweitern. Für die Bestallung eines Predigers wurde bereits im Jahre 1429 eine Prädikaturstiftung errichtet.Matthias Figel: Der reformatorische Predigtgottesdienst. Eine liturgiegeschichtliche Untersuchung zu den Ursprüngen und Anfängen des evangelischen Gottesdienstes in Württemberg; Epfendorf/Neckar 2013, S. 189–195 (Liste: Die Prädikaturen in Württemberg vor der Reformation) Für diesen Predigtdienst wurde im Zuge des von 1436 bis zum Ende des 15. Jahrhunderts dauernden Anbaues eines größeren und nun spätgotischen Kirchenschiffs an den frühgotischen Chor zwischen 1460 und 1470 die später „Goldene Kanzel“ genannte Steinkanzel am mittleren nördlichen Langhauspfeiler errichtet,Karl Halbauer: Predigstül - Die spätgotischen Kanzeln im württembergischen Neckargebiet bis zur Einführung der Reformation; in der Reihe: Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Band 132; Stuttgart 1997, S. 270–279 wodurch sich schon früh die nach der Reformation wichtige Innenraumfassung einer Querkirche ergab, die bis zur Kriegszerstörung 1944 Bestand hatte.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Ubstadt 2025, S. 81, 91, 235, 320; Fußnoten 310, 574 ISBN 978-3-95505-592-9. Zur Baufinanzierung erhob der Graf, der trotzdem als der „Vielgeliebte“ bezeichnet wird, eine Steuer. 1463 wurde ein Ablass für alle, die zum Neubau spendeten, versprochen.
mini|Nordwand mit den gotischen Maßwerkfenstern Von diesem spätgotischen Schiff sind seit der Kriegszerstörung 1944 nur die Nordwand mit den Seitenkapellen und der große Westturm erhalten. Unter dem Baumeister Hänslin Jörg, der ein Schüler des Münsterbaumeisters von Ulm und Straßburg war, wurde der Bau begonnen und dann von seinem Sohn Aberlin Jörg vollendet. Es mussten die Gegebenheiten berücksichtigt werden (Südturm, Chor, Alte Sakristei, Annakapelle). Daher waren die Wandfluchten des Mittelschiffs bereits – wie bei der spätromanischen Basilika – vorgegeben. Auch an der Achsenverschiebung gegenüber dem Chor war nichts mehr zu ändern.
Das Kirchenschiff wurde als Staffelhalle gebaut. Das Mittelschiff und die Seitenschiffe werden von Netzrippengewölben überspannt. Der Raum wirkt wie eine fünfschiffige Hallenkirche, ist jedoch sehr dunkel durch die tief liegenden Fenster und die schmalen Schiffe. Viele Seitenkapellen jeweils mit Altären wurden für die Gottesdienste der zahlreichen Chorherren benötigt. Die Schlusssteine im Gewölbe standen in Beziehung zu den einzelnen Altären unten. Die Kirche war rot-orange und blau ausgemalt, und die teilweise erhaltenen, heute grauen Steinskulpturen waren ursprünglich farbig gefasst. Der Eindruck des Kirchenraumes war also recht farbenfroh.
Die Außenwirkung der Kirche wurde seit der Spätgotik außer von den Türmen von dem gewaltigen Dach bestimmt, das alle Schiffe überdeckte, ein Meisterwerk der Zimmerleute. An der Fassade gab es auf der Südseite zwei Portale (im zweiten Joch und im fünften Joch), von denen das südwestliche #Aposteltor besonders reich geschmückt war. Die Südseite war die Schauseite der Kirche, nicht die Westseite. Schmuck der Fassaden waren nur die Strebepfeiler, Gesimse und die Maßwerkgliederung der Fenster – ein sehr schlichter Schmuck also.
mini|Der westliche Hauptturm (1490–1531), das Dach und der Südturm (oberste Geschosse aus dem 14. und 15. Jahrhundert) 1463/64 erhielt der Südturm sein sechstes Geschoss, das auch Sitz des Türmers wurde (später auf dem Westturm). Von ca. 1490 bis 1531 wurde der große Westturm (Hauptturm) durch Baumeister Marx (oder Marr) errichtet. Ursprünglich war ein spitzer Turmhelm geplant, doch vor der Vollendung kam durch die einsetzende Reformation der Bau ins Stocken und der Westturm erhielt dadurch sein „schwäbisch sparsames“ flaches Dach (siehe Bild). Der Westturm hat eine Höhe von 61 m. 1530 wurde eine Uhr mit Schlagwerk eingebaut. Die Turmvorhalle des Westturms war ursprünglich in ganzer Höhe zum Schiff hin offen. Der Turm steht quasi über dem Schiff, er ruht zur Hälfte auf den westlichen Mittelschiffpfeilern. Das Ensemble der beiden ungleichen Türme macht die Silhouette der Stiftskirche unverwechselbar.
Aus der Spätgotik stammen auch sehr viele Kunstwerke in und an der Stiftskirche. Am Westturm finden sich die vier Evangelisten, die 1495 entstanden. Das herausragendste spätgotische Kunstwerk an der Stiftskirche ist das Aposteltor von 1494, von dem leider nur die Figuren (aus der Uracher Schule) erhalten sind. Ursprünglich war das Aposteltor ein Gesamtkunstwerk aus Architektur und Steinplastik.
Die 1460/70 errichtete „Goldene Kanzel“ war vermutlich ursprünglich farbig gefasst und wurde erst im 19. Jahrhundert vergoldet – aus dieser Zeit stammt auch der Name. Von der Kanzel sind seit den Zerstörungen 1944 wenig mehr als die Brüstungsreliefs mit den Kirchenvätern Hieronymus, Gregor, Augustinus und Ambrosius erhalten, die seit 1977 als Ambo auf einem modernen Sockel im Polygonchor wieder aufgestellt sind. Die Theologenbildnisse waren nach Einführung der Reformation ihrer Kopfbedeckungen „beraubt“ worden, da sich die reformierte Gemeinde an den „katholischen“ Kopfbedeckungen störte (Gregor beispielsweise war Papst und wurde daher mit der Tiara dargestellt). Die Kopfbedeckungen wurden zurückgearbeitet und die Figuren erhielten an deren Stelle Frisuren. So erfolgte die Umdeutung der Kirchenväter zu den Evangelisten.
Renaissance und Barock Die Einführung der Reformation in Württemberg (1534) führt auch zu einer Neuordnung des Kirchenraums. In Langhaus und Chor wird ein Gestühl eingebaut, auf der Südempore der Fürstenstand eingerichtet, Bilder werden entfernt, Hochaltar und Altäre in den Seitenschiffen entfernt. Durch den Einbau des Gestühls im Schiff kann die Stiftskirche weniger Menschen fassen als vorher, daher werden Emporen eingebaut. In der Zeit der Reformation werden in der Stiftskirche ausschließlich Grabmale als Kunstwerke geschaffen. Ebenso werden die Grabsteine von außen in die Kirche versetzt. Der Reformator Württembergs, Johannes Brenz, Autor des Württembergischen Bekenntnisses (Confessio Virtembergica), wurde 1553 als Stiftspropst an die Kirche berufen, diese wurde so zum Zentrum der württembergischen Reformation. Nach seinem Tod 1570 wurde er in der Stiftskirche unter der Kanzel beigesetzt.
Grafenstandbilder