mini|Große kacapi indung, auch kacapi parahu, mit 18 Saiten Kacapi, auch kecapi, veraltet kechapi, ist eine Brettzither, die in der sundanesischen Musik im Westen der indonesischen Insel Java zur Gesangsbegleitung oder in einem kammermusikalischen Instrumentalensemble gespielt wird. Die kacapi begleitet zusammen mit der Bambusflöte suling den höfischen Gesangsstil tembang Sunda und bildet nur mit der Flöte das Instrumentalduo kacapi suling. Nach der Form des Resonanzkörpers werden eine große „bootsförmige“ kacapi parahu (auch Indonesisch kacapi indung, „Mutter-kacapi“, bezogen auf die Führungsrolle im Ensemble), eine höher klingende, „kleinere“ kacapi rincik (auch kacapi anak, „Kind-Zither“, Begleitfunktion) derselben Gestalt und eine flache kacapi siter mit einem trapezförmigen Kasten unterschieden. Die kacapi ist das charakteristische Instrument der sundanesischen Musik und ihre leisen Töne bestimmen wesentlich deren lyrische Qualität. Mit der als mythologisches Seelenschiff versinnbildlichten Bootsform transportiert die kacapi die Zuhörer nach ihrer Vorstellung in das goldene Zeitalter des vom 14. bis zum 16. Jahrhundert bestehenden, westjavanischen Reiches Pajajaran. Die zentraljavanische Entsprechung zur kacapi ist die Zither celempung.
Der aus dem Sanskrit abgeleitete Instrumentenname bezeichnet ferner eine von Bugis und Makassaren gespielte, bootsförmige Laute in Südsulawesi (kacaping oder kacapi) und in ähnlichen Schreibweisen weitere Lauten und Bambusröhrenzithern auf den Malaiischen Inseln.
Herkunft und Verbreitung mini|Kleine kacapi rincik mit 15 Saiten Die javanische Kultur bildete sich aus der Verschmelzung einer altjavanischen, animistischen Tradition mit der von indischen Händlern und Kolonisten aus Südindien in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten nach Südostasien gebrachten, indischen Kultur. Ab dem 15. Jahrhundert kamen mit der Islamisierung verbreitete, orientalische Einflüsse hinzu. Der Prozess der Indisierung vollzog sich von seinen Anfängen im 4. Jahrhundert v. Chr. bis zur vollen Ausprägung der indischen Kultur im 6. Jahrhundert n. Chr.Fiorella Rispoli: To the West and India. In: East and West, Band 55, Nr. 1/4, Dezember 2005, S. 243–264, hier S. 258 Der Name kacapi geht auf Sanskrit kacchapi zurück, ein Saiteninstrument, das in Bharata Munis um die Zeitenwende entstandenem Werk über die darstellenden Künste, Natyashastra, erwähnt wird. Kacchapi und ghosaka waren offensichtlich zwei Saiteninstrumente von untergeordneter Bedeutung gegenüber den beiden hauptsächlichen Saiteninstrumenten, der neunsaitigen Bogenharfe vipanci vina und der siebensaitige Bogenharfe citra vina (chitravina, heute ein Alternativname für die junge, südindische Langhalslaute gottuvadyam).Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 35 Den frühesten schriftlichen Beleg für Bogenharfen enthält das Jaiminiya-Brahmana aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., das zum Samaveda gehört. Darin kommt bereits das Wort kacchapi in der Schreibweise kashyapi vor, das sich auf ein Musikinstrument bezieht, das im mahavrata-Ritual gebraucht wird.
Abbildungen von Bogenharfen verschwanden in Indien kurz nach der Mitte des 1. Jahrtausends und wurden durch Stabzithern mit dem Gattungsnamen vina ersetzt. Die altindische kacchapi war, wie sie im Natyashastra erwähnt wird, vermutlich eine Laute mit birnenförmigem Korpus. Es gibt zwar keine Abbildungen, welche den Instrumententyp belegen könnten, aber die Wortherkunft macht diese Schlussfolgerung wahrscheinlich. Kacchapi ist laut Curt Sachs (1915) von Sanskrit kacca abgeleitet, das mit Bengali kacchapa und Pali kacchaco verwandt ist und sich auf den Baum Cedrela tuna (Familie der Mahagonigewächse) bezieht, aus dessen Holz bis heute die indische sitar angefertigt wird.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Vereinigung Wiss. Verlag de Gruyter, Berlin und Leipzig 1915, S. 123 f. Dagegen bezieht sich Emmie te Nijenhuis (1930) auf den griechischen Einfluss auf das altindische Reich Gandhara. Auf Gandhara-Reliefs ist um die Zeitenwende eine einfache Laute mit drei Saiten und einem kurzen Hals abgebildet, für welche die Bezeichnung kacchapi zu passen scheint. Der Name kacchapi könnte von Sanskrit kacchapa, „Schildkröte“, entsprechend der Bedeutung des altgriechischen Wortes für ein Zupfinstrument, die Leier Χελώνη (cheloni, wörtlich „Schildkröte“) gewählt worden sein, da deren Resonanzkörper aus dem Panzer von Schildkröten hergestellt wurde. Es wurde nur der indische Instrumentenname an ein griechisches Saiteninstrument angepasst, aber nicht dessen Bauform übernommen, denn kein so (oder anders) bezeichnetes Saiteninstrument besitzt in Indien einen Resonanzkörper aus einem Schildkrötenpanzer.Emmie te Nijenhuis: Dattilam. A Compendium of Ancient Indian Music. Hrsg.: K. Sambasiva Sastri, Trivandrum Sanskrit Series, Nr. 102. Trivandrum 1930, S. 83
Das indonesische Wort kacapi ist eine Ableitung des indischen Namens, der regionalsprachlich angeglichen wurde und neben der javanischen Kastenzither auf Sumatra die Bambusröhrenzither canang kacapi der Gayo in Aceh und die kucapi bambu bei den Minangkabau bezeichnet. Ohne den Zusatz bambu für eine Röhrenzither aus Bambus steht kucapi (kecapi, kacapi) bei den Minangkabau für eine Tastenzither mit drei bis fünf, auf die gleiche Höhe gestimmten Saiten und einer Tastenreihe, mit der sich eine Oktave Tonumfang greifen lässt. Diese der balinesischen nolin entsprechende kucapi, die vermutlich in den 1920er Jahren aus China eingeführt wurde, begleitet gelegentlich zusammen mit der Längsflöte saluang und der Streichlaute rabab einen bestimmten Gesangsstil (dendang).Gabriela Szabová: Musical Instruments and Genres among the Minangkabau, West Sumatra. (Bachelorarbeit) Palacký-Universität, Olomouc 2008, S. 43, 62
Varianten des Instrumentennamens kacapi bezeichnen des Weiteren mehrere unterschiedliche Lauteninstrumente. Die Toba-Batak auf Sumatra nennen eine zweisaitige Laute mit einem schmalen, birnenförmigen Korpus hasapi; bei den Karo-Batak heißt dasselbe Instrument kulcapi, bei den Simalungan husapi und bei den Pakpak, die beide ebenfalls zu den Batak gehören, und bei den Minangkabau kucapi. Namensverwandt sind die bootsförmigen Lauten auf Sulawesi kasapi, kucaping und kacapi. Die Dayak auf Borneo spielen die lange viersaitige Laute sape, ähnlich lang ist die zweisaitige philippinische Bootslaute kutiyapi. Andere Lauteninstrumente, die das Wort kacapi im Namen enthalten, sind die kambodschanische Langhalslaute chapey dang veng und die thailändische krajappi.Artur Simon: The Terminology of Batak Instrumental Music in Northern Sumatra. In: Yearbook for Traditional Music, Band 17, 1985, S. 113–145, hier S. 114 f.
Während der Name für diese Saiteninstrumente wahrscheinlich im 1. Jahrtausend von Indien in die Malaiische Inselwelt gelangte, trifft diese Herkunft der Form höchstens für einen Teil der Lauteninstrumente, aber nicht für Brettzithern zu. Letztere sind in Indien unbekannt. Im 1. Jahrtausend kam ein heute in Indien verschwundener Typ von Stabzithern nach Südostasien (überliefert als phin phia in Nordthailand und kse diev in Kambodscha); die für Südostasien typischen, idiochorden Bambusröhrenzithern haben dagegen einen malaiischen Ursprung, der bis in die Steinzeit zurückreicht.Artur Simon: Southeast Asia: Musical Syncretism and Cultural Identity. In: Fontes Artis Musicae, Band 57, Nr. 1, Januar–März 2010, S. 23–34, hier S. 25 Zu den unterschiedlichen Bambusröhrenzithern gehören die einsaitige, geschlagene guntang auf Bali und die mehrsaitige, gezupfte sasando auf der Insel Roti. Ihre Ausbreitung erfolgte in Gegenrichtung von den Malaiischen Inseln nach Westen bis zur valiha in Madagaskar und zur yalambar in Nepal.
Die dritte Grundform einer Zither ist die Brettzither, bei der die Saitenebene parallel zu einem flachen Saitenträger verläuft. Asiatische Brettzithern tauchen archäologisch erstmals in Grabstätten aus der mittleren Zhou-Dynastie (um das 7. bis 5. Jahrhundert v. Chr.) in China auf, sie müssen jedoch bereits um das 12. Jahrhundert v. Chr. bekannt gewesen sein, denn das chinesische Schriftzeichen aus dieser Zeit mit der Bedeutung „Musik“ stellt Seidesaiten über einem Brett dar. Die älteste erhaltene Form einer chinesischen Zither ist die steglose guqin, die aus einem schmalen, 120 Zentimeter langen Brett besteht, über das sieben Seidensaiten gespannt sind. Ähnlich alt ist die größere und heute museale Zither se mit 25 Saiten, die über einen Steg verlaufen. Die leicht gewölbte Saitenebene verbindet die se mit den heute gebräuchlichen, ostasiatischen Wölbbrettzithern guzheng in China, koto in Japan, gayageum, geomungo und ajaeng in Korea und đàn tranh in Vietnam. Angefangen mit der 13-saitigen koto mit beweglichen Stegen und der 12-saitigen gayageum, die beide spätestens seit dem 8. Jahrhundert existieren, gehen die Wölbbrettzithern auf die chinesischen Vorbilder zurück.Alan R. Trasher: Zither, § 4: East and Southeast Asia. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 5. Oxford University Press, Oxford / New York 2014, S. 385
Seit dem 11. Jahrhundert herrschten die hindu-javanischen Königreiche Kediri, Singhasari und als letztes hinduistisches Reich – bis zur endgültigen Machtübernahme durch muslimische Sultanate Anfang des 16. Jahrhunderts – Majapahit im Osten der Insel. Reliefs an ostjavanischen Tempeln zeigen einige Musikinstrumente, die zuvor noch nicht aufgetaucht waren, darunter die kleine, bananenförmige Metallschlitztrommel kemanak und der hantelförmige Doppelgong réyong.R. Anderson Sutton, Endo Suanda, Sean Williams: Java. In: Terry E. Miller, Sean Williams (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. 1998, S. 632 Auf einem Relief am ostjavanischen Tempel (candi) Jago (nahe Malang) vom Ende des 13. Jahrhunderts ist eine rechteckige, flache Zither ohne Resonanzkasten zu sehen, die sich – soweit erkennbar – in mehreren Details von der heute in Zentral- und Ostjava gespielten celempung unterscheidet, aber immerhin den Gebrauch von Brettzithern belegt. Eine Abbildung in Thomas Stamford Raffles The History of Java von 1817Thomas Stamford Raffles: The History of Java. Band 1, John Murray, London 1817 (Auflage von 1830 bei Internet Archive) zeigt eine trapezförmige Brettzither, derer Saiten seitlich am Saitenträger angebracht sind. Die Saiten führten demnach durch Bohrungen im Saitenträger nach unten und weiter zu den seitlichen Wirbeln, wie es bei der heutigen kacapi der Fall ist. Der abgebildete, flache Korpus entspricht den chinesischen Brettzithern und nicht den tiefbauchigen indonesischen Zithern kacapi, celempung und siter. Die aus China stammenden Brettzithern wurden offenbar erst nach 1920 unter europäischem Einfluss bis zu ihrem heutigen Aussehen verändert.Jaap Kunst, R. Goris: Hindoe-Javaansche muziekinstrumenten. Batavia, 1927; 2. durchgesehene, englische Auflage: Hindu-Javanese Musical Instruments. Martinus Nijhoff, Den Haag 1968, S. 21 f.