mini|Im Jahr 2002 errichtetes Denkmal, das an den Kladovo-Transport erinnert Der Kladovo-Transport war ein am 25. November 1939 von Wien aus gestarteter, illegaler jüdischer Flüchtlingstransport von 822 Personen, dessen Ziel Eretz Israel (Britisch-Palästina) war. Aufgrund des frühen Zufrierens der Donau mussten die Flüchtlinge im jugoslawischen Hafen von Kladovo überwintern. 1940 warteten sie vergeblich auf ein Hochseeschiff für die Weiterfahrt, sie mussten in den Hafen von Šabac an der Save übersiedeln, wo sie 1941 von den Nationalsozialisten eingeholt wurden. Nur rund 200 Jugendliche sowie wenige Erwachsene konnten gerettet werden oder aus eigener Kraft flüchten. Die Männer des Transportes wurden Ende September 1941 in das KZ Šabac überstellt und am 12. und 13. Oktober auf Befehl von General der Infanterie Franz Böhme von Einheiten der Wehrmacht erschossen. Die Frauen wurden Anfang Jänner 1942 in das KZ Sajmište überstellt und zwischen 19. März und 10. Mai 1942 unter Herbert Andorfer in einem Gaswagen ermordet.

Hintergrund Die Möglichkeit der legalen Einwanderung (Alija) zu der 1917 von den Briten in der Balfour-Deklaration versprochenen Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina wurde bereits in den 1920er-Jahren durch die Einführung eines Quotensystems mit Zertifikaten verschiedener Kategorien eingeschränkt. Zionistische Organisationen reagierten darauf ab den 1930er-Jahren mit der Durchführung von illegalen Transporten (Alija Bet). Innerhalb der zionistischen Untergrundarmee Hagana in Palästina, die der zionistischen Arbeiterpartei nahestand, wurde um die Jahreswende 1938/1939 die Abteilung Mossad le Alija Bet für die Organisation illegaler Transporte eingerichtet. Zwischen dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs konnten 17.000 Menschen in 50 illegalen Transporten Europa verlassen.

Österreichische Juden waren großteils assimiliert; sie unterstützten das jüdische Aufbauwerk vorwiegend finanziell und ideell, ohne an eine eigene Auswanderung zu denken. Die seit den 1920er-Jahren bestehende Wiener Zweigorganisation der zionistischen Dachorganisation Hechaluz diente vor allem als Durchgangsstation für osteuropäische Jüdinnen und Juden. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 galten die im Altreich nach und nach beschlossenen Nürnberger Gesetze über Nacht. Die damit einsetzende aggressive Vertreibungspolitik durch die Nationalsozialisten ließ die Auswanderung zu einer von der SS unterstützten Massenfluchtbewegung werden.

Im Mai 1939 veröffentlichte die britische Mandatsregierung in Palästina das „Weißbuch“, durch welches die Einwanderung für die nächsten fünf Jahre auf 75.000 begrenzt wurde. Auch andere Länder schränkten die Einwanderungsmöglichkeiten drastisch ein. Der Historiker Ralph Weingarten schildert die Situation anlässlich der 1938 abgehaltenen Flüchtlingskonferenz in Évian:

Es wurde für Juden immer schwieriger, den Bedrohungen durch die Nationalsozialisten zu entkommen, da sich deren Einflussbereich immer weiter ausbreitete. Die illegale Einwanderung nach Palästina gewann dadurch immer mehr an Bedeutung; zugleich wurde die Organisation der Transporte mit Kriegsbeginn weiter erschwert. Die Briten betrachteten jüdische Flüchtlinge aus den feindlichen Gebieten als „feindliche Ausländer“ und in den Balkanländern ließen sich kaum noch ausgediente Hochseeschiffe erwerben. In Rumänien warteten bereits 3.000 Flüchtlinge auf ihre Weiterfahrt.

Im Herbst 1939 verstärkte Adolf Eichmann, SS-Obersturmbannführer und Gründer der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien, den Druck auf Georg Überall, Generalsekretär des österreichischen Hechaluz. Eichmann drohte damit, alle noch nicht ausgewanderten Hechaluz-Mitglieder – es warteten noch Hunderte in den Hachschara-Lagern außerhalb Wiens auf ihre Ausreise – nach Polen zu deportieren, wenn sie nicht bald außer Landes geschafft würden, und statuierte mit dem ersten Nisko-Transport ein Exempel. Zudem befahl er Überall, mit Berthold Storfer, den er als Leiter des „Ausschusses für jüdische Überseetransporte“ eingesetzt hatte, zusammenzuarbeiten. Dieser war zwar Jude, jedoch kein Zionist, und gewann im Jahr 1939 mit Unterstützung der SS immer mehr Einfluss auf die Organisation der illegalen Transporte. Die Hechaluz-Vertreter sahen in ihm einen Kollaborateur der Nationalsozialisten und mieden den Kontakt, wodurch sich letztlich beide Seiten in der Arbeit behinderten.

Die Organisation des Transportes Im Angesicht der Drohungen Eichmanns entschied Überall, die Hechaluz-Zentren so schnell wie möglich aufzulösen und ihre Mitglieder außer Landes zu bringen, obwohl trotz intensiver Bemühungen der in Italien, Griechenland, Rumänien und Bulgarien befindlichen Mossad-Agenten kein Hochseeschiff aufgetrieben werden konnte. Der Mossad-Agent Mosche Agami erteilte seine Zustimmung zu dem Transport. Ferdinand Ceipek, ein ehemaliger Nationalsozialist, der von der politischen Praxis enttäuscht war, unterstützte die jüdischen Rettungsversuche und vermittelte Georg Überall 800 reguläre Einreisevisa in die Slowakei.

Zum ersten Mal wurden einem illegalen Transport auch Gruppen der Jugend-Alija zugeteilt. Diese Vorgehensweise war sehr umstritten; der Leiter der Wiener Jugend-Alijah, Aron Menczer, verteidigte die Entscheidung. In einem Brief an einen Freund schrieb er kurz nach der Abreise der Gruppe, dass es keine andere Möglichkeit gab und dass das Risiko, das dabei eingegangen wurde, geringer war, als die Gelegenheit ungenützt zu lassen. Altersmäßig bestand die Gruppe etwa zu einem Drittel aus Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 17 Jahren, wovon eine Hälfte in Begleitung ihrer Eltern war, die andere in der Obhut der Jugendbünde. Ein weiteres Drittel stellten die 18- bis 35-jährigen Chaluzim des Hechaluz. Der Rest setzte sich zusammen aus altgedienten Zionisten, die zuvor etwa aufgrund ihres Alters vergeblich auf Einreisezertifikate gewartet hatten, sowie Paaren und nicht zuletzt einzelnen Juden, die trotz der politischen Umstände noch viel für die Reise bezahlen konnten. Ebenso bunt gemischt waren die Teilnehmer im Hinblick auf ihre soziale Herkunft, sie repräsentierten das gesamte Spektrum der Juden Mitteleuropas, und auch ihre Religiosität reichte von orthodox über gemäßigt traditionell bis atheistisch.

Die Fahrt Am 25. November 1939 wurden die 822 für den Transport ausgewählten Personen mit dem Zug nach Bratislava gebracht. Mitnehmen durften sie lediglich einen Rucksack mit persönlichen Dingen, der nicht mehr als acht Kilo wiegen durfte, sowie entsprechend der „Auswandererfreigrenze“ zehn Reichsmark in Devisen. Optimismus brachten sie allerdings reichlich mit.

In Bratislava angekommen, wurden sie in der aufgelassenen Munitionsfabrik „Patronka“ und einem ehemaligen Junggesellenheim („Slobodrna“) interniert und von Mitgliedern der slowakisch-faschistischen Hlinka-Garde bewacht. Versorgt wurden sie durch die örtliche jüdische Gemeinde. Zur Gruppe kamen noch 130 Flüchtlinge aus Berlin, 50 aus Danzig und etwa 100 aus Prag und Bratislava. Während die Donau bereits zuzufrieren drohte, warteten sie in den Lagern, ohne einen Termin für die Weiterfahrt zu erfahren. Die slowakischen Behörden stellten ein Ultimatum mit der Drohung, die Gruppe an die deutsche Grenze rückzustellen, was ihre Einlieferung in Konzentrationslager bedeutet hätte. Nach etwa zehn Tagen Aufenthalt wurden sie in Bussen zum Hafen gebracht und konnten den unter der Hakenkreuzfahne fahrenden DDSG-Dampfer Uranus besteigen. Auf diesem setzten wenige Stunden nach dem ersten Mittagessen bei allen Flüchtlingen schwere Durchfälle ein, was zu der Vermutung führte, dass sie vergiftet werden sollten.

An der Grenze zu Ungarn wurde der Transport aufgehalten und Richtung „Heimat“ zurückgeschickt. Entgegen der Ängste, die die Passagiere nun ausstehen mussten, ging die Uranus in Bratislava vor Anker. Die neuerliche Abfahrt von Bratislava erfolgte am 13. Dezember. Die DDSG weigerte sich jedoch aufgrund der nicht gesicherten Weiterreise, bis zum Donaudelta zu fahren. Die Passagiere wurden daher bei Budapest mitten im Fluss auf die drei kleinen, jugoslawischen Flussdampfer „Car Nikola“, „Car Dušan“ und „Kraljica Marija“ umgeschifft. Diese waren im Auftrag des Mossad-Agenten Mosche Agami vom „Verband der jüdischen Kultusgemeinden des Königreichs Jugoslawien“ für viel Geld gechartert worden.

Mit den drei Ausflugsschiffen kamen die Flüchtlinge bis Prahovo, wo sie vom 18. bis 30. Dezember festlagen, weil ihnen die Weiterfahrt über die rumänische Grenze untersagt wurde. Inzwischen machten die Witterungsbedingungen eine Weiterreise unmöglich und sie mussten donauaufwärts bis zu dem im Eisernen Tor gelegenen Winterhafen in Kladovo zurückfahren, wo sie überwintern sollten. Gegenüber der jugoslawischen Regierung musste sich der Generalsekretär des Verbandes der jüdischen Kultusgemeinden des Königreichs Jugoslawien, Sime Spitzer, verpflichten, die Versorgung der Gruppe zu übernehmen. Die jüdischen Gemeinden waren jedoch durch die Versorgung des 1933 einsetzenden und seit dem Anschluss Österreichs massenhaften Flüchtlingsstroms bereits überbeansprucht. Zudem war der Hafen aufgrund seiner ungünstigen Lage und der winterlichen Bedingungen nur mit einer 24-stündigen Anreise erreichbar, inklusive einer siebenstündigen Schlittenfahrt, da der nächste Bahnhof 54 Kilometer entfernt war. Trotz der Umstände versprach Spitzer, für die Flüchtenden erträgliche Verhältnisse zu schaffen.

Die Zeit in Kladovo Die beengten Verhältnisse auf den Schiffen, die die Menschen für die Fahrt vorübergehend zu ertragen bereit gewesen waren, wurden mit der Aussicht, in Kladovo zu überwintern, unerträglich und bedrohlich. Die sechs Kabinen dienten dem Reiseleiter und dem Transportarzt sowie als Krankenzimmer, alle anderen Teilnehmer schliefen dicht gedrängt auf Bänken und Fußböden im geheizten Salon oder in der Kälte an Deck. Die hygienischen Bedingungen waren ebenfalls katastrophal. Etwa Mitte Jänner wurde ihnen ein mit Koks-Dauerbrandöfen ausgestatteter, umgebauter Schlepper mit 280 Schlafplätzen als Entlastungsschiff beigestellt und nach einigen Wochen bekamen sie die Erlaubnis, unter Bewachung von Gendarmen einen schmalen Uferstreifen zum Spazierengehen zu benützen.

Mitte März 1940 nahm Rose Jacobs, Delegierte der amerikanisch-jüdischen Frauenorganisation Hadassah, während einer Europareise den beschwerlichen Weg zu der Reisegruppe auf sich und zeigte sich in einem Brief erschüttert über die Zustände:

Jacobs war der Meinung, dass es nur der großen Kälte zu verdanken sei, dass noch keine Epidemien ausgebrochen waren – es herrschte einer der kältesten Winter des Jahrhunderts. Ihren Beobachtungen nach hatten die Flüchtlinge an Bord u. a. bereits eine Schuh- und Kleiderreparaturwerkstätte eingerichtet, brachten eigene Zeitungen heraus und führten Hebräisch- und Englischkurse durch. Ende März wurden die Schiffe in den Sommerhafen verlegt. Durch dessen Nähe zum Ort konnten sich einige Flüchtlinge, die einen Passierschein bekamen, zum ersten Mal nach vier Monaten etwas freier bewegen und im Ort herumbummeln.