Der Ochsenturm in Oberwesel, einer am Mittelrhein im Rhein-Hunsrück-Kreis gelegenen rheinland-pfälzischen Stadt, ist ein Teil der verbliebenen mittelalterlichen Stadtbefestigung. Der Rundturm war nächst dem Runden Turm der Stadt Andernach der stärkste Wehrturm damaliger Stadtbefestigungen der Region und entstand in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Er ist einer der heute noch 16 vorhandenen, ehemals 22 Wehrtürme Oberwesels, die in mehreren Bauphasen geschaffen, zu einer stadtumfassenden Ringmauer gehörten. Diese gilt heute als die am besten erhaltene Stadtummauerung am Mittelrhein mini|Rheinfront mit Ochsenturm von Nordosten mini|Ansicht kurz vor dem Bau der Ortsumgehungsstraße, 1. April 1955

Lage mini|Der auch für die Schifffahrt von weitem sichtbare Turm am Stadteingang Der Rund- und Eckturm der damaligen Oberweseler Vorstadt Niederburg, erbaut wie der Katzenturm hinter der Einmündung des Niederbaches, war über Jahrhunderte der nördliche Abschluss der rheinseitigen Stadtbefestigung. Diese begann mit dem Zehnerturm der südlichen Vorstadt Kirchhausen, der ursprünglich ein Zollturm vor der ersten Stadtbefestigung der Kernstadt war. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts steht der Ochsenturm isoliert, da mit dem Bau eines Eisenbahndammes der Abbruch von Mauerabschnitten einherging, die ihn zuvor an der Südseite mit dem angrenzenden Katzenturm und der Rheinmauer und zur anderen Seite mit der Nordmauer verbunden hatten. Er hatte im Mittelalter dem Schutz angrenzender Mauerabschnitte mit ihren Toren und Pforten gedient, verlor diese Funktion in der Neuzeit, demonstrierte aber noch immer Größe, Macht und den Reichtum der vormaligen Reichsstadt Oberwesel.

Benennung Den Turmbauten der Befestigungsanlagen des Mittelalters hatte man häufig Tiernamen gegeben. So verweist der Name Ochsenturm wohl auf die Stärke des Ochsen und ist, wie unter anderen der schon im 13. Jahrhundert entstandene Ochsenturm in Frankfurt-Höchst zeigt, kein Einzelfall. Daneben hat die Stadt Oberwesel weitere Türme, deren Namensdeutung aber nur indirekten Bezug auf eine Tiergattung nimmt, so der Kuhhirtenturm an der feldseitigen Befestigung, der ehemals Eselsturm genannte Zehnerturm am Südende der rheinseitigen Stadtmauer sowie der Katzenturm, der nach den Grafen von Katzenelnbogen benannt worden war. Der Turm der Grafen – sie waren Edelbürger der Stadt – und ihr Oberweseler Hofgut in der Nähe waren südliche Nachbarn des vor dem Hang des steil ansteigenden Oelsbergs erbauten Ochsenturmes.

Geschichte Entstehung, Eigenheiten links|mini|Befestigungen der nördlichen Vorstadt, links der Ochsenturm mit Spitzhaube Gemessen an den bescheidenen Ansprüchen der Stadtherren, die sie an die Ausstattung ihrer ersten Stadtbefestigung in der Mitte des 13. Jahrhunderts gestellt hatten, war auch ein Vorgänger des heutigen Ochsenturmes ein eher unbedeutendes kleines Bauwerk an gleicher Stelle. Dagegen wurde der neue Eckturm an Oberwesels Nordostrand nun ein verbessertes Folgemodell der weniger anspruchsvollen Schalentürme, die die anfänglich turmlose Ummauerung der Kernstadt erhalten hatte. Der neue Rundturm wurde ein mächtiger und markanter Turm am Rheinufer der Stadt und überdauerte die Jahrhunderte. Er galt und gilt aufgrund seiner außerordentlichen Maße – mit einem Durchmesser von 11,28 m sowie einer Höhe von 40,15 m bei einer Mauerstärke von 2,75 m – als einer der widerstandsfähigsten Wehrtürme des mittelalterlichen Rheinlandes. Anton Ph. Schwarz und Winfried Monschauer: Bürger im Schutz ihrer Mauern. 800 Jahre Stadtbefestigung Oberwesel. S. 73 Das neue Bauwerk entstand eventuell als Widerpart der gegenüber der Insel Tauber Werth am rechtsrheinischen Ufer im Bau befindlichen kurpfälzischen Burg Herzogenstein, die auf Wunsch des Pfalzgrafen Ruprecht gebaut wurde. Das zylindrische Äußere des Bauwerks entsprach dem Baustil sogenannter Butterfasstürme und war eine Bauform, die im anbrechenden 14. Jahrhundert durch die Grafen von Katzenelnbogen – möglicherweise nach italienischem Vorbild – am Rhein eingeführt wurde. Die zuerst von der einschlägigen Wissenschaft nur geschätzte Entstehungszeit bestätigte sich durch moderne dendrochronologische Untersuchungsmethoden, die für einen Deckenbalkens des ursprünglichen Bauwerks eine Datierung um das Jahr 1356 ergab. Ob das Bauwerk während der Belagerung Oberwesels durch Beschuss der Truppen des Trierer Erzbischof Werner Schaden nahm – dieser beschoss im „Weseler Krieg“ (1390–1391) von der nördlich des Niederbachs gelegenen Niederburger Höhe Ferdinand Pauly: Germania Sacra, Stift St. Martin in Oberwesel, S. 416 die Stadt – ist nicht bekannt, jedoch dürfte sein starkes Mauerwerk dem Beschuss der damals neuartigen Geschütze widerstanden haben. Von einem vormals benachbarten Turm zur Bergseite im Nordwesten, dem als Schalenturm erbauten „Böckelheimer Turm“, ist nur noch ein Stumpf vorhanden. Der nahe an seiner Südseite stehende Katzenturm blieb in leicht veränderter Form erhalten und ist seit 1862 in Privatbesitz und bewohnt. Urkundliche Erwähnung fand der Ochsenturm in den Jahren 1400, 1741, 1753 und 1865.

Baubeschreibung und Beispiele Der mächtige Turm wurde über einem als Tonnengewölbe ausgebildeten Sockelgeschoss errichtet und hatte seinen Eingang vom stadtseitigen Wehrgang. Das Betreten des türlosen Erdgeschossraumes war damals nur vom Obergeschoss aus, durch eine im Gewölbescheitel geschaffenen enge Öffnung, mittels Seil oder Leiter möglich. Hierdurch schuf man zwei praktische Gegebenheiten. Einerseits konnten nun ohne große Aufwendungen im Erdgeschoss Häftlinge sicher verwahrt werden und zum anderen konnte ein Angreifer nicht unmittelbar eindringen. Über den Wehrgang der Stadtmauer, der den Turm stadtseitig umlief, gelangte man durch die dortigen Pforten in das erste der vier steil aufsteigenden Obergeschosse des Turms, deren Mauerstärken sich beginnend mit 2,75 m auf 2,60 m verjüngten. Die Außenwände blieben – abgesehen von dem polygonal gestalteten Treppenerker sowie wenigen Scharten und Lichtschlitzen – ungegliedert. Das Äußere war verputzt worden, wobei heute größere Flächen dieses Putzes nur noch im Schutzbereich des Bogenfrieses vorhanden sind, der Rest wurde im Lauf der Zeit von Wind und Wetter ausgespült. Eine Bemalung ist heute nicht mehr feststellbar, soll aber wie am Steingassentorturm (ebenfalls ein Turm der Rheinbefestigung) existiert haben.

Stockwerke bis zur Verteidigungsplattform Der hohe Rundturm hatte im Inneren (ab dem Sockelgeschoss) die Form eines Oktagons erhalten und wurde durch eingezogene Balkendecken in die weiteren Geschosse unterteilt. Die je drei kräftigen Eichenholzbalken einer Geschossdecke verbanden die sich gegenüberliegenden Wandaussparungen, wobei das ursprünglich verwendete Balkenmaterial wesentlich stärker gewesen sein soll als das heutige nach einem Ausbau im Jahr 1981/82 eingebrachte Gebälk.

Die Geschosse waren – im Gegensatz zu den verwendeten Holzleitern in den Schalentürmen – durch eingearbeitete Steintreppen zu erreichen. Abgesehen von einer einläufigen Steintreppe in das zweite Obergeschoss, erhielten die weiteren Geschosse einen mit Lichtschlitzen versehenen Treppenaufgang durch eine Wendeltreppe. Deren Ausbuchtung als langgezogener Erker mit Lichtschlitzen an der Südwestseite des Turms – in der Achse der Wehrgangspforte – ist deutlich zu sehen. So bestimmte der Zweck baulicher Einrichtungen die Wahl einer bestimmten Turmseite, indem man für die schmalen Lichtschlitze die Seite wählte, die das Tageslicht optimal nutzte. In diesem zweiten Obergeschoss befand sich auch die Wachstube (die später beheizt werden konnte) und der für die Besatzung des Turmes wichtige Aborterker wurde an der Nordseite über dem Stadtgraben angebracht. Seine Kragsteine, Konsolen aus Kalksandstein, die ihm ehemals Halt gaben, sind dort (unmittelbar über dem Efeubewuchs) noch erhalten. Die für den Erker notwendige Maueröffnung wurde später zu einem Fenster umgewandelt. Drittes und viertes Obergeschoss wiederholten sich in der Raumaufteilung, jedoch im Vergleich zum zweiten Geschoss hatte nur das vierte Besonderheiten zu bieten. So hatte die Nische zur Ostseite ein schmales Fenster erhalten, und der Raum schloss statt mit den üblichen Deckenbalken mit einem „Klostergewölbe“ ab.

Bekrönung des Turmes mini|Zinnen, Friese und Putzreste Das letzte Turmgeschoss endete außen mit einem umlaufend vorkragenden Bogenfries und einem Zinnenkranz. Diese schmückende Hervorhebung erhielt später auch der heute sichtbare, ebenfalls achteckige Turmfortsatz, der mit seinem geringeren Durchmesser inmitten der Verteidigungsplattform einen rundum geschützten Wehrgang schuf. Alle Zinnen waren, dem Beispiel der Schalentürme folgend, mit schrägen dachähnlichen Abdeckungen aus Schieferplatten versehen, die durch einen kleinen Überstand als Tropfnasen wirkten und so zum Schutz vor Witterungseinflüssen beitrugen. Der Aufsatz soll dreigeschossig sein (was jedoch ohne Begehung kaum zu erkennen ist), wobei die Geschosshöhen niedriger als die des Hauptturmes ausgeführt wurden und Balkendecken erhalten hatten. Er erhielt innen wie außen eine achteckige Form, allerdings war die Mauerstärke sehr viel geringer angelegt worden, sodass neben der Einmündung des Treppenaufgangs dem Umgang nur noch die Hälfte seiner Breite verblieb. Die Fenster des Turmaufsatzes, der insgesamt aufwendiger gestaltet wurde, sind rechteckig und erhielten Gewände aus rotem Sandstein. Aus gleichem Material gerahmt wurde auch der Eingang des „Türmchens“, über dem sich, aus einem Rotsandsteinblock fein ausgearbeitet, eine Teufelsfratze zeigt. In der oben gezeigten Sicht vom Martinsberg ist (in der Vergrößerung) die rote Sandsteinkonsole zu sehen, die als ein Apotropaion gestaltet wurde.

Dacharchitektur Der Turm war ehemals wie das Gros der Oberweseler Wehr- und Tortürme überdacht. Eine Spitzdachform kann für den Ochsenturm spätestens zum Ende des 15. Jahrhunderts als belegt gelten, da sein Spitzdach auf einem Fresko der Liebfrauenkirche des Ortes nachgewiesen ist. Im städtischen Museum Oberwesel sind auf frühen Darstellungen die alten Dachformen zu sehen, so auf einem kolorierten Stich des Kupferstechers Hogenberg, der zwischen 1581 und 1590 Stadtansichten „Ober - Wesells“ schuf. 50 Jahre später sind es die Arbeiten Merians, die solcher Art Architektur aufzeigen und dies nicht nur in Oberwesel, sondern auch, um nur einige Beispiele anzuführen, in den unmittelbar benachbarten Städten Bacharach und Sankt Goar. Ein weiterer Stich mit dem Stadtpanorama entstand durch den Künstler Christoph Riegel im Jahr 1686. Er zeigt ebenfalls die traditionellen Dachformen der Stadttürme. Es war eine der letzten Ansichten vor den Veränderungen der städtischen Bausubstanz, die die Zerstörungen von 1688–1697 hervorriefen. Die hohen, spitz zulaufenden Dachhelme sind noch einmal auf einem Gemälde des Künstlers Christian Georg Schütz der Ältere (1716–1791) zu sehen, auf den zahlreichen Stadtansichten späterer Zeit, in den Werken der Rheinromantik, sind Oberweseler Stadtansichten nicht mehr präsent.

Es war eine material- und somit auch kostensparende Dachform, mit der offenbar eine große Anzahl der frühen Turmbauten der ganzen Region ausgestattet wurden.

Zu einer dieser frühen Dachform entsprechenden Rekonstruktion hat man sich später nicht entscheiden können, denn zwei in neuerer Zeit sanierte Türme am bergseitigen Michelfeld, Turm I und Kuhhirtenturm, erhielten neue Dächer, die nun in Pyramidenform gestaltet wurden. Der am Rheinufer die Grenze Kirchhausen/Altstadt markierende Rote Turm (Ersterwähnung 1386) soll ursprünglich dem Katzenturm vergleichbar gewesen sein. Seine heutige Dachform ist dem eigenwilligen Umbau des aus dem fränkischen Erlangen stammenden Malers Carl Haag geschuldet, der den Turm nach seinem Erwerb im Jahr 1864/66 umbauen und das Dach nach dem Vorbild des Bergfriedes der Burg Nürnberg gestalten ließ.

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