In der Bökenförder St. Dionysiuskirche wird das Gnadenbild „Mutter der göttlichen Gnade“ besonders verehrt. Die aus Lindenholz gefertigte romanische Sitzmadonna stammt aus dem 12. Jahrhundert. Daher entwickelte sich seit dem Mittelalter ein ausgeprägtes Prozessions- und Wallfahrtswesen.
Prozessions- und Wallfahrtswesen im 17. und 18. Jahrhundert Das Prozessionswesen ging in Bökenförde während des Dreißigjährigen Krieges fast vollkommen ein, so ist um 1692 lediglich eine jährliche Prozession vor dem Fronleichnamsfest nachgewiesen. Erst unter Pastor Johann Heinrich Hesse wurde das Prozessionswesen neu belebt, nachdem er 1712 infolge einer verheerenden Viehseuche in Bökenförde unter Zustimmung der Gemeinde eine Lobeprozession zum Fest des Hl. Laurentius einführte. Auch die Marienverehrung belebte Pastor Hesse neu, als er 1719 das alte, bis dahin versteckte und dadurch in Vergessenheit geratene Gnadenbild wiederentdeckte. Zunächst glaubte er das versteckte Gnadenbild aus Verne wiederentdeckt zu haben und behauptete daher, dass das Gnadenbild zu Verne eine Fälschung sei und dass sich das echte sich in Bökenförde befinde. Mit dieser Behauptung nahm Pastor Hesse Bezug auf die Verner Wallfahrtstradition, in der berichtet wird, dass das Verner Gnadenbild in einem größeren eingeschlossen sei und seither von keinem Menschen gesehen wurde. Hesse nahm daher an, dass er das originale Gnadenbild in seiner Gemeinde gefunden hätte und war der Ansicht, dass fortan in Bökenförde das Gnadenbild verehrt werden müsse. Aus diesem Grund terminierte er die Wallfahrtsprozession für Bökenförde auf das Hochfest der Großen Liebfrauentracht in Verne.
Die Große Liebfrauentracht zu Verne hatte regional große Bedeutung, so dass das Verner Gnadenbild auch in das benachbarte kölnische Geseke getragen wurde. Es ist anzunehmen, dass Gläubige aus der hiesigen Umgebung an diesem Tag zu der Wallfahrt nach Verne zogen, um an der riesigen Prozession und Verehrung teilzunehmen. Pastor Hesse ließ indes Erzählungen zu Wunderberichten zusammentragen, die der Paderborner Dompropst wiederum als „wertlosen Tratsch“ abwertete, weil er annahm, dass Pastor Hesse die Prozession als Gegenveranstaltung zu Verne nur aus Eigennutz eingeführt habe. Der Dompropst war so erbost über das Vorgehen des Bökenförder Pastors, weil dieser auch behauptet hatte, dass eine Pestepidemie durch Umtragen des Gnadenbildes erloschen sei, dass er den Kölner Erzbischof und Kurfürsten um eine Untersuchung der Vorgänge in Bökenförde bat. Ziel sollte sein, dass die Bökenförder Prozession am Wochenende von dem Johannesfest verboten werde. Dieser zähe Rechtsstreit wurde 1722 dahingehend gelöst, dass der Bökenförder Termin auf den Dreifaltigkeitssonntag verlegt wurde. Bestehen blieb allerdings das Fest des Gnadenbildes, das Pastor Hesse 1719 eingeführt hatte und das am Sonntag vor Johannes (24. Juni) zeitgleich mit dem Hochfest in Verne gefeiert wurde. Die Pilgerzahlen stiegen in Bökenförde in den folgenden Jahren stark an. Das belegen zahlreiche Messstiftungen, Votivgaben und Zuwendungen, welche die Bökenförder Pfarrei erhielt. Im Jahr 1747 stiftete Pastor Reiser eine Vikarie, um dauerhafte Unterstützung in der Seelsorge zu sichern. Ebenso stiftete er einen Marienaltar (B.M.V. = Beata Maria Virginis), vor dem er in der Marienkapelle auch seine letzte Ruhestätte fand.
Betgemeinschaft der Marianische Lieb(e)sversammlung miniatur|Die Jungfrauenkongregation Bökenförde, um 1925 Am 8. September 1770 ist in Bökenförde die sog. Marianische Liebsversammlung (mater divini amoris) gegründet worden. Papst Pius VI. gewährte 1780 den Mitgliedern, dass für die verstorbenen Mitglieder am Marienaltar eine hl. Messe gefeiert werden kann. An allen Muttergottesfesten kamen die Mitglieder dieser Betgemeinschaft in der Kirche zusammen, um einen Rosenkranz von fünf Gesetzen, für sich und alle Brüder und Schwestern, dann ein Vater unser und ein Ave Maria für alle verstorbenen Mitglieder zu beten. Nachdem bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts mehr von der Vereinigung der Marianischen Liebesversammlung zu finden ist, wurde sie am 2. Januar 1872 wieder aktiviert, die Mitglieder wurden in einem Mitgliederbuch geführt.
Ihr schlossen sich zuerst zehn Ordensschwestern aus Erwitte an. Am selben Tag traten überwiegend Einwohner aus Bökenförde, aber auch aus Ermsinghausen bei. Die Vereinigung wuchs bis 1894 stetig an und hatte dann einen stolzen Mitgliederstamm von 377. Neben den vielen Bökenfördern kamen Mitglieder aus: Geseke, Esbeck, Millinghausen, Störmede, Westernkotten, Hoinkhausen, Klieve, Erwitte, Rixbeck, Lippstadt, Wiggeringhausen, Eickelborn, Langeneicke, Altenrüthen, Ehringhausen, Eikeloh, Weckinghausen, Nettelstädt, Steinhausen, Schwarzenraben, Öchtinghausen und Dedinghausen. Einige Personen kamen sogar von weiter her: Neustadt, Borken, Hegensdorf, Werl und Verne. Das ist ein Beleg dafür wie bekannt der Wallfahrtsort Bökenförde war und dass die Marienverehrung blühte. Die Daten des Eintritts der Mitglieder bzw. der Zeitraum 1872–1894 legen dar, dass diese Vereinigung während der Gründung des Deutschen Reiches und dem Kulturkampf, also während der gesamten Ära Bismarcks hindurch, besonders aktiv gewesen ist – zumindest in der Mitgliederwerbung. Wann sich der Verein auflöste bzw. seine Aktivitäten vollkommen zum Erliegen kamen, ist nicht bekannt. Die Marianische Liebsversammlung wird jedenfalls im ersten Realschematismus von 1913, in welchem alle kirchlichen Vereine aufgeführt sind, nicht mehr erwähnt. Letztmals findet sich die Betgemeinschaft in einem Proklamationsbuch aus dem Jahr 1922 wieder.
Marienverehrung und Marienwallfahrt seit dem 19. Jahrhundert Noch im Jahr 1800 feierte die Kirchengemeinde das Fest des Gnadenbildes groß, doch litt das kirchliche Leben unter der neuen französischen Herrschaft in den folgenden Jahren sehr und wurde stark eingeschränkt. Die Prozessionen und Wallfahrten konnten nicht mehr stattfinden und wurden nach dem Wiener Kongress 1815 und der dann folgenden preußischen Herrschaft zunächst nicht wieder belebt. Die private, auf das Dorf Bökenförde beschränkte Verehrung des Gnadenbildes blieb jedoch bestehen. Zunehmend kamen dann wieder besonders an den Samstagen Einzelpilger aus der Umgebung, um dem feierlichen Hochamt mit Aussetzung des Allerheiligsten am Marienaltar beizuwohnen. Gegen Mitte des 19. Jhs. erfuhr die Marienverehrung weiteren Auftrieb, zahlreiche Heiligenhäuschen wurden 1860 im Dorf und in der Feldflur erbaut. Um 1864 entstand die als Brünneken genannte Parzelle, in der sich heute Brunnen und Kapelle befinden. In diesen Zeitraum dürfte auch die Errichtung der Kapelle fallen.
Marienverehrung und Marienwallfahrt seit dem 20. Jahrhundert miniatur|Himmelfahrtsprozession zum Brünneken 1947 Beschränkte sich die Marienverehrung im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert abgesehen von Einzelpilgern überwiegend auf die Bökenförder Bevölkerung, so wurde das Wallfahrtswesen erst wieder durch Pastor Joseph Sondermann, der zwischen 1922 und 1932 in Bökenförde wirkte, neu belebt. Er untersuchte die Geschichte des Gnadenbildes und gab 1925 ein Andachtsbuch heraus, das mit der Jahrhunderte alten Geschichte des Gnadenbildes, seinen Wunderberichten und mit Gebeten für den Marienwallfahrtsort Bökenförde warb. Zudem warb er erfolgreich in der Umgebung für das einst wundertätige Gnadenbild. Die erste Wallfahrtsprozession kam aus dem benachbarten Bad Westernkotten mit 300 Gläubigen am 28. Juni 1924. Es folgten noch im gleichen Jahr Wallfahrten aus Lippstadt, Esbeck, Hoinkhausen, Berge und Salzkotten.
Von Pastor Otto Schelle von der St.-Elisabeth-Kirche in Lippstadt wurde 1934 die Dekanatsmännerwallfahrt eingeführt, die bis heute zahlreiche Männer aus dem Dekanat Lippstadt am Pfingstmontag mit der Prozession, mit dem Fahrrad oder Auto zum Brünneken führt. Die große Anzahl an Pilgern führte in den 1930er Jahren zu Überlegungen, anstelle der bisherigen Kapelle ein viel größeres Gebäude zu errichten. Die Pläne wurden allerdings nicht realisiert. Das Brünneken ist bis heute eine Station für Gläubige, Einzelpilger oder auch Gruppen, die sich aus ihren Gemeinden auf den Weg machen, um an den Erscheinungsort der Mutter der göttlichen Gnaden zu pilgern. Neben der Dekanatsmännerwallfahrt am Pfingstmontag, an der sich traditionell auch zahlreiche Männer aus Bökenförde beteiligen, zieht die Kirchengemeinde heute traditionell noch am Dreifaltigkeitssonntag und um das Fest Maria Himmelfahrt (Krautweihe)in feierlicher Prozession durch die Feldflur zum Brünneken und zurück in die Kirche.
Die Prozessionen im Überblick Bis 1755 war die Anzahl der Prozessionen in der Pfarrei Bökenförde auf fünf gestiegen: zum Markusfest (25.04.), an Dreifaltigkeit (seit 1723), zu Fronleichnam, einen Tag nach Fronleichnam als große Feldprozession sowie die Lobetagsprozession am Fest des hl. Laurentius.
Bittprozessionen Im 19. Jahrhundert fanden Bittprozessionen am Montag, Dienstag und Mittwoch vor dem Fest Christi Himmelfahrt jeweils morgens statt. Eine weitere dieser Bittprozessionen war die Markusprozession, die am Gedenktag des hl. Markus (25.04.) nachweislich schon im 17. Jahrhundert in Bökenförde durchgeführt wurde, um „Segen für Feld und Flur, Volk und Vaterland“ zu erbitten. In früheren Zeiten zogen die Bittprozessionen durch die Feldflur, wie aus den Proklamationsbüchern des 20. Jhs. hervorgeht, ging man zu dieser Zeit lediglich dreimal um die Kirche. Alle Bittprozessionen wurden im Zuge der Liturgiereform 1965 abgeschafft.
Christi Himmelfahrt Auch zum Fest Christi Himmelfahrt gab es bis 1965 eine Prozession. Ihre Anfänge liegen im 18. Jahrhundert, wobei sie damals noch nicht regelmäßig stattfand. Pastor Reiser vermerkte um 1755:
Demzufolge hat Pastor Reiser die Prozession mit der Marcus-Prozession zusammengefasst. Erst im 19. Jahrhundert wurde zu Christi Himmelfahrt regelmäßig eine Prozession durchgeführt. An dem Feiertag war um 6.30 Uhr zunächst wie gewöhnlich die Frühmesse und gegen 9 Uhr das Hochamt, woran sich die Prozession anschloss. Entlang des Prozessionsweges wurden Ehrenbögen über die Straße gespannt, Fähnchen an Holzstangen aufgestellt, Hausaltäre aufgebaut und prächtige Blumenteppiche ausgelegt. Zusätzlich wurde der Straßenrand zwischen den Fahnen mit Birken- oder Lindenbüschen verschönert. Der Kirchenvorstand trug einen Baldachin, unter dem der Pastor das Allerheiligste bei allen Prozessionen trug. Der Abschluss der Prozession war traditionell in der Kirche, wo das Te Deum gesungen und der Segen erteilt wurde. Am Nachmittag fand um 14.30 Uhr noch eine Andacht in der Kirche statt. Die Prozession zu Christi Himmelfahrt wurde im Zuge der Liturgiereform 1965 abgeschafft. In Bökenförde feierte man stattdessen an diesem Tag das Fest der Erstkommunion.
Dreifaltigkeit Die Marienprozession an Dreifaltigkeit wurde laut Lagerbuch (1755) von rund 1200 Gläubigen besucht, so dass der Bökenförder Geistliche Unterstützung aus dem Kloster in Geseke hinzu holen musste.
Dem Bericht zufolge herrschte um 1755 an diesem Festtag ein großer Andrang von Pilgern, die an der Prozession zum Brunnen bzw. zum Erscheinungsort Mariens teilnahmen. Die Vielzahl der Gläubigen zog auch Kaufleute an, die im Schatten der Kirche Geschäfte machen wollten, was der Bauernrichter und die Schöffen unterbinden sollten.
Fest des Gnadenbildes Pastor Johann Heinrich Hesse führte, nachdem er das im Dreißigjährigen Krieg versteckte und in Vergessenheit geratene Gnadenbild wiederentdeckt hatte, das Fest des Gnadenbildes ein, das mit einer Prozession am Sonntag vor dem Johannesfest (24. Juni) begangen wurde. Obwohl die Prozession nach einem Rechtsstreit 1722 auf den Dreifaltigkeitssonntag verlegt wurde, feierte man am Sonntag vor dem Johannesfest das fest des Gnadenbildes. Das belegt der Ablassbrief von Papst Leo XIII. vom 30. Januar 1902:
miniatur|Dreifaltigkeitsprozession mit Predigt am Brunnen 1997